00:00:07
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Mordlust.
00:00:15
Mein Name ist Laura Wohlers.
00:00:17
Und ich bin Paulina Kraser.
00:00:19
Vor ziemlich genau zwei Jahren hakte sich ein blondes MĂ€dchen, das ich damals gar nicht kannte, einfach in meinen Arm ein.
00:00:27
Es war ein kĂŒhler, feuchter Abend unter der Woche und ein paar Arbeitskollegen von unserer Firma hatten ein Pizzaessen organisiert, damit wir die neuen VolontĂ€re kennenlernen konnten.
00:00:36
Und weil es so fies nieselte, bot ich an, jemanden in meine Richtung mit nach Hause zu nehmen.
00:00:42
Ach, da wohne ich ja ganz in der NĂ€he, sagte das blonde MĂ€dchen glĂŒcklich und hackte sich eben wie schon gesagt ein.
00:00:49
Eine komische Geste fand ich, einhaken, weil das ist ja zu viel Körperkontakt.
00:00:55
Ich kenne die ja gar nicht.
00:00:57
Dann können wir ja auch mal zusammen zur Arbeit fahren, schlug das blonde MÀdchen vor.
00:01:02
Der Anfang vom Ende, dachte ich, und presste ein Ja heraus.
00:01:07
Jetzt nicht unhöflich sein, das sagt man ja auch oft einfach mal so wie, lass uns mal einen Kaffee zusammen trinken gehen.
00:01:14
Aber diese Verabredung sollte keine von denen werden.
00:01:19
Fast jeden Morgen wartete das blonde MĂ€dchen an einer Kreuzung auf mich.
00:01:23
Und zumindest wĂ€hrend des ersten Jahres ĂŒberlegte ich mir dann Strategien, wie ich das jetzt wieder rĂŒckgĂ€ngig machen kann.
00:01:31
Wie schaffe ich es, dass ich wieder alleine in meinem Auto sitze, abgeschottet von all dem, was da drauĂen ist, laut die Musik aufdrehen kann und vor allem eins nicht mehr höre?
00:01:42
Ich habe auch zu den MĂ€dchen gesagt, wenn dein Volo vorbei ist, dann hole ich dich nicht mehr ab.
00:01:48
Nee, hat das MĂ€dchen dann gesagt.
00:01:52
Doch, habe ich dann gesagt und mir gedacht, die glaubt das jetzt nicht, aber ich mache das.
00:01:56
Ich mache das echt.
00:01:58
Und jetzt sind zwei Jahre Volo um und an der Kreuzung wartet niemand mehr.
00:02:04
Ich habe das ganze Auto fĂŒr mich alleine.
00:02:08
Kein Geschnattere.
00:02:09
Das blonde MÀdchen steht nÀmlich nicht mehr an der Kreuzung.
00:02:14
Das blonde MÀdchen hat mich nÀmlich allein gelassen und ist einfach umgezogen.
00:02:21
Genau, ich stehe jetzt nicht mehr an der Kreuzung, weil ich nach London gezogen bin, um hier jetzt weiter zu arbeiten.
00:02:31
Ja, und jetzt hat Paulina ihr Auto wieder fĂŒr sich alleine.
00:02:35
Ja, und ich muss jetzt immer mit der Tube fahren.
00:02:37
Das gefÀllt dir nicht so gut, was?
00:02:40
Das war das, was wir euch schon letzte Woche angekĂŒndigt haben, was wir euch halt verraten wollten oder auch mussten jetzt,
00:02:51
dass wir eben nicht mehr in einer Stadt wohnen.
00:02:54
Aber das bedeutet nÀmlich nicht, wie jetzt vielleicht einige denken, dass der Podcast jetzt nicht mehr produziert wird.
00:03:01
Denn wir sitzen gerade zusammen in London.
00:03:03
Paulina hat mich schon so doll vermisst, dass sie gleich rĂŒber gejettet ist.
00:03:07
Wir wollen es mal nicht ĂŒbertreiben.
00:03:08
Weil wir uns natĂŒrlich auch weiterhin sehen.
00:03:12
Und deswegen gibt es in dieser Folge ein Special.
00:03:16
Und zwar ein England-Special.
00:03:18
Und wie es in England ĂŒblich ist, regnet es natĂŒrlich gerade.
00:03:21
Also lasst euch von dem Rauschen im Hintergrund nicht stören.
00:03:24
Das gehört eben alles zu einer authentisch-britischen Folge dazu.
00:03:28
Und ich freue mich diesmal schon ganz besonders auf Lauras Fall.
00:03:31
Denn die hat den angekĂŒndigt mit, mein Fall ist das Schlimmste, was du dir vorstellen kannst.
00:03:37
Ich freue mich schon so darauf, dir davon zu erzÀhlen.
00:03:43
Und zwar geht es um den Fall von James Bolger.
00:03:46
Eine Hörerin hatte uns auch schon den Fall vorgeschlagen.
00:03:50
Und als ich die Nachricht gesehen habe, habe ich sie sofort gelöscht, weil ich ja nicht wollte, dass du sie siehst.
00:03:55
Weil ich den Fall halt unbedingt machen wollte und auch eben wollte, dass du ihn nicht kennst.
00:03:59
Denn der Fall ist einer, der mich sehr, sehr lange beschÀftigt hat.
00:04:03
Und das Kuriose ist, dass ich ihn aus der Uni kenne.
00:04:06
Und wir den da durchgenommen haben.
00:04:08
In einem der wenigen Kurse, die ich interessant fand.
00:04:13
Und der hieĂ ĂŒbrigens ĂberwachungsrĂ€ume.
00:04:15
Und in dem Fall bekommt ein Ăberwachungsvideo nĂ€mlich eine entscheidende Bedeutung.
00:04:20
Und ich glaube, dass ich keine einzige Vorlesung so grĂŒndlich nachbereitet habe wie diese.
00:04:24
Also, viel SpaĂ damit.
00:04:26
James Patrick Bolger wird am 16. MĂ€rz 1990 in Kirkby, einer kleinen Stadt nahe Liverpool, geboren.
00:04:34
Heute wÀre er also drei Wochen Àlter als du.
00:04:37
James ist das erste Kind von Denise und Ralph Bolger und ihr gröĂter Stolz.
00:04:43
1993 ist er zwei Jahre alt und ein fröhliches, aktives und neugieriges Kind.
00:04:50
Ich möchte, dass du weiĂt, wie er aussieht.
00:04:51
Und deshalb zeige ich dir jetzt ein Foto und das stellen wir natĂŒrlich auch auf Instagram.
00:04:56
Magst du ihn einmal beschreiben?
00:04:57
Er sieht aus wie ein glĂŒckliches Kind und blonde, fast rötliche Haare so ein bisschen, grinst ĂŒber beide Backen in die Kamera, hat sĂŒĂe Hauerchen und sieht aus wie Kinder 1993 immer aussahen.
00:05:16
Also, er sieht ungefÀhr aus wie ich damals.
00:05:17
Und der ist schon ziemlich sĂŒĂ, oder?
00:05:21
Oft nimmt Denise ihren Sohn mit zum Einkaufen.
00:05:27
So auch am 12. Februar 1993.
00:05:29
Ein paar Wochen vor James' drittem Geburtstag.
00:05:33
Denise und James gehen gegen Nachmittag in ein nahegelegenes Einkaufszentrum, das New Strand Shopping Center in Butel.
00:05:40
Denise hat einiges zu erledigen, geht von einem ins andere GeschÀft, James ist dabei immer direkt hinter ihr.
00:05:46
Dann muss Denise noch zum Schlachter.
00:05:48
Zu dem Zeitpunkt ist es circa Viertel nach drei.
00:05:51
Als die junge Mutter ihre Bestellung aufgibt, wendet sie sich der VerkÀuferin zu.
00:05:56
Dieser Moment dauert circa 30 Sekunden.
00:05:58
Als sie sich danach zu ihrem Sohn umdreht, ist James verschwunden.
00:06:02
Denise bekommt Panik.
00:06:04
Sie rennt aus dem Schlachterladen, aber kann James nirgendwo entdecken.
00:06:07
Sie lÀuft die ganze Mall ab, aber keine Spur von ihrem zweijÀhrigen Sohn.
00:06:11
Aufgelöst meldet sie sich bei der Security und die helfen bei der Suche nach dem Jungen.
00:06:16
Er hat sich bestimmt irgendwo versteckt, glauben die Sicherheitsbeamten.
00:06:20
Vielleicht unter einem Tisch oder in einem Schrank und da kommt er jetzt alleine nicht mehr raus.
00:06:24
Doch James bleibt verschwunden.
00:06:26
Dann wird die Polizei benachrichtigt, die ins Einkaufszentrum kommt und ebenfalls sucht.
00:06:32
Als die Mall an diesem Freitag um 5 Uhr schlieĂt, wird die Suche auf das umliegende Gebiet ausgeweitet.
00:06:37
Aber keine Spur.
00:06:40
Am Abend wendet sich die Polizei noch einmal an das Einkaufszentrum.
00:06:43
Die Bilder der Ăberwachungskameras sollen ausgewertet werden.
00:06:46
Vielleicht zeigen die BĂ€nder, wo James abgeblieben ist.
00:06:49
Noch bis in die Nacht hinein schauen sich die Polizisten die Bilder an,
00:06:53
bis sie James plötzlich auf einem der Videos entdecken.
00:06:56
Darauf sehen sie, wie der kleine Junge aus dem Schlachterladen heraus und aus dem Bild lÀuft.
00:07:01
Auf einem anderen Band, aufgezeichnet von einer anderen Kamera, sieht man ihn dann plötzlich in Begleitung zweier Teenager.
00:07:06
Die Beamten schÀtzen die zwei Jungs auf ca. 14 Jahre.
00:07:10
Der eine nimmt James an die Hand und sie spazieren gemeinsam aus dem Einkaufszentrum.
00:07:14
Aufatmen bei den Ermittlern.
00:07:17
Kein verdÀchtiger Mann hat James mitgenommen oder so.
00:07:21
Als Denise und Ralph am nÀchsten Tag hören, dass James möglicherweise noch mit den zwei Jungs unterwegs ist, sind sie erleichtert.
00:07:26
Jetzt geht es fĂŒr die Polizei darum, die zwei zu finden, sie zu identifizieren.
00:07:31
DafĂŒr schicken sie die Bilder der Ăberwachungskameras an verschiedene Fernsehsender.
00:07:35
Sogar die US-amerikanische Ausgabe von Aktenzeichen XY greift den Fall direkt auf.
00:07:41
Am nÀchsten Tag kriegen die Beamten einen Anruf.
00:07:43
Eine Gruppe Jugendlicher hat beim Spielen auf den Bahngleisen ein totes Kind gefunden.
00:07:49
ZunÀchst sieht es nach einem tragischen Unfall aus.
00:07:52
Der ZweijÀhrige wurde von einem Zug durchtrennt.
00:07:55
Doch als die Polizisten genauer hinsehen, gibt es erste Zweifel.
00:07:59
Der Junge ist halb ausgezogen.
00:08:01
Seine Schuhe, Socken und die Hose liegen neben den Schienen.
00:08:04
AuĂerdem finden die Beamten neben der Fundstelle eine 20 Kilo schwere Eisenstange und blaue Farbe.
00:08:10
James kommt in die Rechtsmedizin.
00:08:12
Als der Gerichtsmediziner den kleinen Körper auf seinen Obduktionstisch legt, muss er weinen.
00:08:17
Ihm wird das ganze AusmaĂ von James' Martyrium deutlich.
00:08:21
Das Kleinkind hat 42 Verletzungen, die HĂ€lfte davon am Kopf, darunter mehrere SchĂ€delbrĂŒche.
00:08:26
Denise und Ralph sind am Boden zerstört, als sie vom Tod ihres kleinen Sohnes hören.
00:08:31
Und eine ganze Stadt schockiert.
00:08:33
An der Fundstelle der Leiche entsteht nach kurzer Zeit ein riesiges Blumenmeer.
00:08:37
FĂŒr die Beamten geht es jetzt darum, herauszufinden, was genau mit James passiert ist und wer dafĂŒr verantwortlich war.
00:08:43
Die Polizisten bekommen in den nÀchsten Tagen immer wieder Hinweise auf Jungs, die denen auf den CCTV-Bildern Àhneln.
00:08:49
Sie verhören Dutzende Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren.
00:08:53
Am 18. Februar, also sechs Tage nach dem Verschwinden von James, bekommen sie frĂŒhmorgens wieder einen anonymen Tipp.
00:08:59
Die zwei Freunde John Venables und Robert Thompson sollen am Tattag nicht in der Schule gewesen sein
00:09:05
und den Jungs auf den Bildern der Ăberwachungskamera sehr Ă€hneln.
00:09:08
Als die Ermittler hören, dass es sich um zwei ZehnjÀhrige handelt,
00:09:11
schwindet ihre Hoffnung, dass dieser Besuch irgendetwas Neues bringen könnte.
00:09:16
Aber sie sollen ja jedem Hinweis nachgehen.
00:09:18
Also teilen sie sich auf.
00:09:19
Ein Polizist fÀhrt zu dem Haus der Familie Thompson, ein anderer zur Familie Venables.
00:09:24
ZunÀchst soll Robert Thompson befragt werden.
00:09:26
Als der Polizist im Flur steht, kommt der Junge gerade die Treppe runter, fertig gemacht, um in die Schule zu gehen.
00:09:32
Der Polizist sagt zu ihm, er soll sich aufs Sofa setzen und kniet sich auf den Boden,
00:09:36
damit er auf Augenhöhe mit Robert sprechen kann.
00:09:39
Als der Beamte sagt, dass er wegen dem Mord an James hier ist, fÀngt Robert direkt an zu schreien.
00:09:44
Er weint nicht, aber er gerÀt in Panik.
00:09:46
Der Polizist sagt spÀter, dass er gemerkt hat, dass Robert unfassbare Angst hatte.
00:09:51
Als er nach der Kleidung des Jungen fragt, findet er blaue Farbe an Roberts Jacke.
00:09:55
Der Junge muss mit auf die Wache.
00:09:57
Ein paar Kilometer entfernt verhaftet ein anderer Polizist zur selben Zeit John Venables.
00:10:02
FĂŒr die Polizisten ist die Festnahme eines ZehnjĂ€hrigen etwas komplett Neues und sehr verstörend.
00:10:07
Lawrence Lee, der Anwalt von John, erzĂ€hlt spĂ€ter, wie ungewöhnlich es fĂŒr ihn war,
00:10:12
diesen kleinen Jungen in einem solchen Umfeld zu sehen.
00:10:14
In einer Polizeistation, wo sonst ja nur Erwachsene sind.
00:10:18
Er war so klein, sah viel jĂŒnger aus als ein ZehnjĂ€hriger, mehr wie ein AchtjĂ€hriger und er hatte so ein Engelsgesicht.
00:10:24
Auch Lee konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Junge etwas mit der Tat zu tun haben könnte.
00:10:29
Also geht es darum, was wissen die Jungs?
00:10:32
In der Polizeistation werden zunĂ€chst die FingerabdrĂŒcke genommen.
00:10:35
John ist total neugierig.
00:10:37
Er fragt unter anderem, ob man FingerabdrĂŒcke auf der Haut eines anderen Menschen nachweisen könnte.
00:10:41
Dann werden John und Robert in Anwesenheit ihrer AnwÀlte verhört.
00:10:46
Robert gibt im zweiten Verhör zu, dass er dabei war, als das Baby, wie sie James nennen, aus der Mall gefĂŒhrt wurde.
00:10:53
Aber er schiebt alles auf seinen Freund.
00:10:55
John hingegen lĂŒgt die ersten vier Verhöre, sagt, er wĂ€re nie in dem Einkaufszentrum gewesen.
00:11:00
Als die Ermittler ihm dann sagen, dass Robert bereits gestanden hat, dass John dabei war, wird er nervös.
00:11:05
Er sagt, ja okay, wir waren in dem Einkaufszentrum, aber wir haben das Baby nicht mitgenommen.
00:11:10
John springt auf, umarmt seine Mutter und sogar die Ermittler.
00:11:14
Er schreit immer wieder, wir haben das Baby nicht mitgenommen.
00:11:17
Er behauptet, dass Robert lĂŒgt.
00:11:19
Es ist schwierig, die Informationen aus den Kindern herauszubekommen.
00:11:23
Die Polizisten glauben, dass John sich nicht traut, die Wahrheit zu sagen, weil er Angst vor seinen Eltern hat.
00:11:28
Deshalb soll seine Mutter ihm in einer Verhörpause sagen, dass sie ihn lieben wird, egal was er getan hat.
00:11:33
Und es funktioniert.
00:11:35
John gibt zu, ja, ich habe das Baby getötet.
00:11:39
Es tut mir sehr leid.
00:11:40
Können Sie meiner Mama sagen, dass es mir sehr leid tut?
00:11:43
Und mit diesem GestÀndnis kommen immer mehr Details zur Tat ans Licht.
00:11:47
Und die Polizei kann den Tag rekonstruieren.
00:11:50
John ist an dem Morgen auf dem Weg zur Schule, als er Robert begegnet.
00:11:54
Robert sagt zu ihm, komm, wir gehen klauen.
00:11:58
Dann gehen die beiden los in das Einkaufszentrum.
00:12:00
ZunÀchst lassen sie ein paar Kleinigkeiten aus GeschÀften mitgehen.
00:12:03
Dann kommen sie auf die Idee, ein Kleinkind zu entfĂŒhren, um es vor der Mall in den Verkehr zu stoĂen und es wie ein Unfall aussehen zu lassen.
00:12:11
Gegen zwölf Uhr sehen sie dann eine Mutter mit drei Kindern.
00:12:14
Sie suchen sich den Kleinsten aus, um ihn mitzunehmen.
00:12:16
Sie haben es schon bis drauĂen geschafft, als die Mutter es bemerkt und den Kindern hinterherlĂ€uft.
00:12:21
Ohne es zu wissen, rettet sie damit das Leben ihres kleinen Sohnes und ebnet das Schicksal fĂŒr James.
00:12:26
Ach, die haben sich ersten anderen ausgesucht.
00:12:32
Ein paar Stunden spÀter entdecken John und Robert dann James, der alleine vor dem Schlachterladen steht.
00:12:36
John nimmt ihn an die Hand und gemeinsam spazieren sie nach drauĂen.
00:12:40
Der Plan hat sich aber jetzt geÀndert.
00:12:42
Sie wollen James nicht in den Verkehr schubsen, sondern ihn zum naheliegenden Kanal bringen, um ihn ertrinken zu lassen.
00:12:49
Es ist ein ganzes StĂŒck von der Mall bis zum Kanal.
00:12:52
Auf dem Weg werden sie von einigen GebÀudekameras aufgezeichnet.
00:12:55
Auf den Bildern sieht man, wie die Jungs James mit sich zerren.
00:12:59
James hat mittlerweile eine Platzwunde am Kopf, die stark blutet.
00:13:02
Die Jungs setzen ihm die Kapuze seiner Jacke auf, damit man die Wunde nicht so sehr sieht.
00:13:07
Als sie irgendwann am Kanal ankommen, sagen sie zu James, er soll runter zum Wasser gehen und sich sein Spiegelbild anschauen.
00:13:12
Aber James hat Angst.
00:13:14
Er möchte nicht so nah ans Wasser.
00:13:15
Dann setzen sie ihren Weg fort.
00:13:17
Insgesamt werden die drei Jungs auf ihrem Weg zu den Bahngleisen von 38 Menschen gesehen.
00:13:23
Manchen von ihnen fÀllt die Wunde am Kopf des kleinen Kindes auf.
00:13:27
Eine Frau erkundigt sich, ob alles in Ordnung sei.
00:13:29
Die Jungs antworten, dass James nur gefallen sei und sie ihn jetzt nach Hause bringen.
00:13:33
Zu einer anderen Frau sagen sie, dass sie das Kind gefunden haben und jetzt zur Polizei bringen wollen.
00:13:37
Die Frau zeigt ihnen dann sogar noch den Weg zur naheliegenden Polizeistation.
00:13:41
Doch ihr Weg fĂŒhrt sie nicht dorthin.
00:13:44
Insgesamt gehen sie mit dem Jungen fast fĂŒnf Kilometer.
00:13:46
Das dauert circa drei Stunden.
00:13:48
Nicht mal hundert Meter von der nÀchsten Polizeistation entfernt machen sie Halt an den Gleisen.
00:13:54
Hier fangen John und Robert an, James mit herumliegenden Ziegelsteinen zu bewerfen.
00:13:59
James wird durch die Wucht des Aufpralls umgeworfen, steht aber immer wieder auf.
00:14:05
Die Jungs werden sauer und rufen, du blödes Baby, bleib liegen.
00:14:09
Oh, nennt ihn nicht Baby. Das finde ich das Schlimmste, dass sie ihn Baby nennen.
00:14:14
Sie treten ihm immer wieder gegen den Kopf.
00:14:17
Dann werfen sie ihm blaue Farbe ins Gesicht, die sie ein paar Tage zuvor gekauft hatten.
00:14:23
James sagt immer wieder, dass er zu seiner Mama möchte.
00:14:25
James soll Batterien in den Mund nehmen.
00:14:28
Sie treten und schlagen das Kind immer wieder.
00:14:31
Im Prozess spricht die Staatsanwaltschaft auĂerdem davon,
00:14:34
dass James' Vorhaut nach hinten geschoben wurde, nachdem sie ihn ausgezogen hatten.
00:14:38
Die Verletzungen, die wohl am Ende zum Tode fĂŒhrten,
00:14:41
wurden mit der 20 Kilo schweren Eisenstange herbeigefĂŒhrt.
00:14:44
Um das Ganze dann wie einen Unfall aussehen zu lassen,
00:14:47
schleifen John und Robert den noch lebenden James auf die Gleise.
00:14:51
1-JĂ€hrige eine 20 Kilo Eisenstange.
00:14:54
Da mĂŒssen wir aber ganz schön kraftmobilisiert haben.
00:14:57
Bevor der Zug das Kind in zwei HĂ€lften schneidet,
00:15:00
stirbt James an den schweren Kopfverletzungen.
00:15:02
Von einigen Verhören gibt es die Originalaufnahmen.
00:15:06
Und ich wĂŒrde dir gerne eine kurze Stelle zeigen,
00:15:08
damit du dir die Situation besser vorstellen kannst.
00:15:11
Es ist ein Verhör von John Venables,
00:15:13
der mittlerweile zwar zugibt, dabei gewesen zu sein,
00:15:16
aber noch nicht sagen will, dass auch er James getötet hat.
00:15:19
Da es natĂŒrlich auf Englisch ist
00:15:21
und wegen der QualitÀt auch nicht so gut zu verstehen,
00:15:23
sage ich jetzt kurz, worum es da geht.
00:15:25
Also am Anfang erzÀhlt John,
00:15:27
dass sie James vor dem Schlachter gefunden haben
00:15:30
und mit ihm herumspaziert sind.
00:15:31
Das sei seine Idee gewesen.
00:15:33
Die Idee, James zu töten, sei aber von Robert gekommen.
00:15:36
Dann gibt der Ermittler vor, zu wissen, was passiert sei,
00:15:39
um ihn zu einem GestÀndnis zu bringen
00:15:40
und John fÀngt an zu weinen.
00:15:42
Er ist ein Verhör von James.
00:15:43
Woher did you find James?
00:15:46
Aufsit der Butchers.
00:15:47
So we walked up to him
00:15:49
und wir waren walking around
00:15:50
with him und I took his hand.
00:15:52
Whose idea was it to walk towards him?
00:15:59
Then it was Robert's idea to kill him.
00:16:01
Oh Gott, wie klein!
00:16:02
Wie tragisch, ja.
00:16:26
War halt selber ein Kind, ne?
00:16:28
Man hört es da so krass raus.
00:16:29
Deswegen wollte ich dir das zeigen.
00:16:32
Neben dem GestÀndnis finden die Ermittler
00:16:34
auch Blut von James an den Schuhen von John und Robert
00:16:36
und blaue Farbe an der Kleidung,
00:16:38
was die beiden ĂŒberfĂŒhrt.
00:16:39
Als bekannt wird,
00:16:41
wer fĂŒr den Tod des kleinen James verantwortlich ist
00:16:43
und in welcher Weise er getötet wurde,
00:16:45
können die Bewohner der Stadt es nicht fassen.
00:16:47
Als Reaktion bekommen die Bulgers tausende Briefe.
00:16:50
Um ihr MitgefĂŒhl auszudrĂŒcken oder BuĂe zu zeigen,
00:16:53
geben Menschen Teddys in den Polizeistationen ab.
00:16:56
In der ersten Woche sind es tausende.
00:16:58
AuĂerdem kommt eine ganze Menge Geld zusammen.
00:17:02
In einer Gegend, die damals zu den Àrmsten Westeuropas zÀhlt
00:17:04
und in der jeder dritte Mann arbeitslos ist,
00:17:07
wird versucht, der Familie von James irgendwie zu helfen.
00:17:09
Als James in dem kleinen weiĂen Sarg beerdigt wird,
00:17:13
ist die ganze Stadt anwesend.
00:17:15
Die Briten sind verzweifelt und werden sauer.
00:17:17
Als jemand herausbekommt, wo einer der Jungs wohnt,
00:17:20
wird das Haus attackiert.
00:17:21
Steine werden geworfen,
00:17:22
die MĂŒtter der Jungs werden angegriffen
00:17:24
und letztendlich mĂŒssen beide Familien die Stadt verlassen.
00:17:28
Als die Jungs zehn Tage nach dem Mord ihren ersten Gerichtstermin haben,
00:17:31
versammeln sich vor dem GerichtsgebÀude mehrere hundert Menschen.
00:17:34
Ein aggressiver Mob verdankt die Auslieferung der beiden.
00:17:37
Bringt sie raus zu uns, rufen sie.
00:17:39
Als dann die Wagen mit den Kindern das GebÀude verlassen,
00:17:42
gibt es kein Halten mehr.
00:17:44
Die Menschen versuchen, die Autos zu stĂŒrmen,
00:17:46
schmeiĂen Steine.
00:17:47
Am Ende gibt es mehrere Festnahmen.
00:17:50
Von den TÀtern werden zunÀchst keine Namen veröffentlicht.
00:17:53
FĂŒr die Ăffentlichkeit heiĂen sie Child A und Child B.
00:17:56
Aber wer sind diese Kinder,
00:17:58
die von der Ăffentlichkeit als geborene Monster bezeichnet werden?
00:18:01
John und Robert kommen beide aus einer der heruntergekommensten Gegenden Englands.
00:18:06
Robert kommt aus einem zerrĂŒtteten Familienhaus.
00:18:08
Er ist das fĂŒnfte von sechs Kindern.
00:18:10
Sein Vater hat die Familie verlassen, als er sechs Jahre alt war.
00:18:13
Seine Mutter ist starke Alkoholikerin.
00:18:17
Einige seiner Geschwister sind bereits in der Obhut des Staates.
00:18:20
Mitschriften des Jugendamts beschreiben die Familiensituation als entsetzlich.
00:18:24
Die Kinder bissen, schlugen und quÀlten sich gegenseitig.
00:18:27
In dem Bericht wurde auch aufgefĂŒhrt,
00:18:29
dass Philipp, ein Bruder von Robert,
00:18:31
seinen Àlteren Bruder Ian mit einem Messer bedroht hatte.
00:18:34
Ian wollte daraufhin in ein Kinderheim aufgenommen werden.
00:18:37
Als er wieder zu seiner Familie zurĂŒckkehren musste,
00:18:40
versuchte er sich mit Schmerzmitteln das Leben zu nehmen.
00:18:43
Auch Roberts Mutter und Robert selbst
00:18:45
hatten schon Selbstmordversuche hinter sich.
00:18:48
Robert wird in der Schule von den meisten Kindern gemobbt.
00:18:50
Nicht von John, der vor kurzem auf dieselbe Schule gekommen ist.
00:18:53
Johns Eltern sind auch getrennt.
00:18:55
Seine Mutter hat schwere Depressionen und auch Selbsttötungstendenzen.
00:18:59
Er hat zwei Geschwister,
00:19:01
beide sind lernbehindert und deshalb auf einer Sonderschule.
00:19:04
John ist ein aggressiver Junge,
00:19:06
der immer im Mittelpunkt stehen will.
00:19:07
Von seiner letzten Schule wurde er geschmissen,
00:19:10
weil er einen MitschĂŒler fast erwĂŒrgt hatte.
00:19:12
Beides demnach Kinder, die es, wie so viele Mörder in ihrer Kindheit, nicht einfach haben.
00:19:17
Am 1. November 1993, neun Monate nach dem Tod von James,
00:19:22
beginnt die Gerichtsverhandlung.
00:19:23
Die zwei Jungs, die da auf der Anklagebank sitzen, sind so klein,
00:19:26
dass ihre StĂŒhle erhöht werden mussten,
00:19:28
damit sie ĂŒberhaupt ĂŒber die kleine Balustrade vor ihnen gucken können.
00:19:33
Ansonsten wird die Verhandlung aber wie eine Gerichtsverhandlung fĂŒr Erwachsene gefĂŒhrt.
00:19:36
Immer wieder wird ĂŒber das Benehmen der Jungs in den Medien berichtet.
00:19:39
Es wird geschrieben, dass es scheint, als wĂŒrde Robert die Tat nicht bereuen.
00:19:43
John fÀngt wÀhrend der dreiwöchigen Verhandlung immer wieder an zu weinen und zu schreien.
00:19:47
Denise Bulger kommt nicht zum Prozess.
00:19:50
Nur am letzten Tag betritt sie den Gerichtssaal.
00:19:53
Als das Urteil verkĂŒndet wird, fĂ€ngt John an zu weinen.
00:19:56
Robert bleibt zunĂ€chst ungerĂŒhrt.
00:19:58
Als er sieht, dass sein Freund weint, fÀngt er auch an.
00:20:01
Eine Entschuldigung fĂŒr Denise und Ralph gibt es nicht.
00:20:03
Am Ende steht das Urteil.
00:20:05
Zehn Jahre Freiheitsentzug.
00:20:07
Bei guter FĂŒhrung bedeutet das,
00:20:09
dass John und Robert nach acht Jahren wieder auf freiem Fuà wÀren.
00:20:12
Das sorgt fĂŒr einen Aufschrei.
00:20:14
Das heiĂt, sie wurden wegen Totschlags verurteilt?
00:20:17
Nee, wegen Mordes.
00:20:18
Insgesamt unterschreiben mehr als 300.000 Menschen eine Petition,
00:20:23
die vom damaligen Innenminister Michael Howard fordert, die Strafe zu erhöhen.
00:20:26
Und tatsÀchlich wird die Strafe auf 15 Jahre erhöht.
00:20:30
1997 wird diese Entscheidung allerdings revidiert und als rechtswidrig aufgehoben.
00:20:34
1999 beantragen die AnwĂ€lte von John und Robert vor dem EuropĂ€ischen Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte Revision.
00:20:40
Sie kritisieren, dass die Verhandlung nicht objektiv gewesen sei,
00:20:43
da die beiden Jungs zu jung gewesen wÀren, um die VorgÀnge zu verstehen.
00:20:47
NatĂŒrlich, also wie, weil die saĂen da und wussten gar nicht, was da jetzt gerade passiert.
00:20:53
Das Gericht entscheidet zugunsten von John und Robert.
00:20:58
Dies fĂŒhrt am Ende dazu, dass die Strafe auf das MindestmaĂ festgesetzt wird, also von zehn auf acht Jahre,
00:21:04
bei denen es auch am Anfang wahrscheinlich eh geblieben wÀre.
00:21:07
Die acht Jahre Freiheitsstrafe bedeuten fĂŒr John und Robert aber nicht wirklich GefĂ€ngnis.
00:21:12
Sie kommen in sogenannte Secure Units, Einrichtungen fĂŒr Kinder und Jugendliche, jeder in eine andere.
00:21:18
Die kann man sich ungefÀhr wie ein Internat vorstellen, aus dem die Bewohner in der Regel nicht ohne Aufsicht raus können.
00:21:24
Dort haben John und Robert die nÀchsten acht Jahre alles, was sie brauchen.
00:21:27
Jeder hat ein eigenes Zimmer.
00:21:29
Sie dĂŒrfen Fernsehen gucken, Videospiele spielen und Mitglied in Sportvereinen sein.
00:21:33
Klingt erstmal nicht so schlecht.
00:21:35
Sie gehen in die Schule und bekommen Therapie.
00:21:38
Klingt sogar besser als das, was sie zu Hause hatten.
00:21:42
Ich wollte dich nÀmlich eh fragen jetzt, findest du diese Strafe angemessen?
00:21:46
Nee, das klingt eher nach geregeltem Familienleben und als wĂŒrde es denen jetzt besser ergehen als vorher zu Hause.
00:21:54
Ja, und das hat auch eben fĂŒr viel Aufsehen gesorgt, weil viele Leute gesagt haben, die haben da ein besseres Leben als viele arme Kinder.
00:22:04
In den acht Jahren dort entwickeln sich die zwei, berichten zufolge gut.
00:22:08
Sie haben gute Schulleistungen und dĂŒrfen immer wieder unter Aufsicht die Units verlassen.
00:22:12
Im Juni 2000 wird dann vom BewĂ€hrungsausschuss entschieden, dass sie keine Gefahr mehr fĂŒr die Gesellschaft darstellen.
00:22:18
Ein wichtiger Punkt ist fĂŒr den Ausschuss auch, dass sie nicht wollen, dass die Jungs in eine Jugendstrafanstalt kommen.
00:22:23
Das mĂŒssten sie nĂ€mlich, wenn sie noch lĂ€nger unter Freiheitsentzug stehen wĂŒrden.
00:22:27
Dies hĂ€tte einen schlechten Einfluss auf die Jugendlichen, heiĂt es.
00:22:30
Sie kommen also mit 18 Jahren frei und bekommen neue IdentitÀten.
00:22:34
Sie stehen aber weiterhin unter der sogenannten Life License, eine lebenslange BewÀhrung,
00:22:39
die eine sofortige Einweisung ins GefĂ€ngnis ermöglicht, sobald sie eben als Gefahr fĂŒr die Ăffentlichkeit gelten.
00:22:44
Der Richter verfĂŒgt, dass ĂŒber die neuen IdentitĂ€ten nichts an die Ăffentlichkeit geraten darf.
00:22:49
Allerdings gilt diese Regel nur fĂŒr England und Wales.
00:22:52
Nach der Freilassung von Venables & Thompson wird erwartet,
00:22:56
dass die IdentitÀten und der Aufenthaltsort schnell durch das Internet bekannt werden.
00:23:02
Die IdentitĂ€tssperre geht nur fĂŒr England und Wales?
00:23:06
Also wenn zum Beispiel eine deutsche Zeitung rausfinden wĂŒrde, wie die heiĂen,
00:23:10
dann dĂŒrften sie das schon veröffentlichen.
00:23:13
Und James' Vater Ralph hatte vor der Freilassung öffentlich gesagt, dass er die beiden jagen wird.
00:23:18
Es werden tatsÀchlich in der Folgezeit einige Menschen verdÀchtig, Venables oder Thompson zu sein.
00:23:24
Ein 36er Brite erhĂ€ngt sich sogar, nachdem GerĂŒchte in Umlauf gelangt waren, er sei Robert Thompson.
00:23:29
Und Thompson und Venables selber?
00:23:32
Sie wurden, soweit bekannt ist, nie angegriffen.
00:23:35
James' Mutter Denise schafft es einmal, Robert Thompson aufzuspĂŒren.
00:23:39
Sie will ihn anschreien,
00:23:41
2006 wird bekannt, dass Thompson eine schwangere Freundin hat und dass sie nichts von seiner Geschichte weiĂ.
00:23:54
Dies löst einen Skandal aus, da viele die Meinung vertreten, die junge Frau habe ja wohl das Recht,
00:23:58
ĂŒber die Vergangenheit ihres Freundes informiert zu werden.
00:24:01
Stell dir mal vor, du bist mit einem Mörder zusammen und weiĂt nichts davon.
00:24:05
Findest du es eigentlich gerecht, dass sie neue IdentitÀten bekommen haben?
00:24:09
Erstmal kurz so eine Sache zur Freundin.
00:24:11
Ich finde, an sich mĂŒsste man ja sagen,
00:24:15
ich weiĂ ja vielleicht auch nicht alles von der Vergangenheit meines Freundes oder meiner Ex-Freunde
00:24:21
und du weiĂt vielleicht auch nicht alles.
00:24:23
Bei solchen Sachen allerdings finde ich, also ich wĂŒrde es natĂŒrlich wissen wollen.
00:24:30
Und was war deine Frage?
00:24:31
Ob du es eigentlich gerecht findest, dass die neue IdentitÀten bekommen haben?
00:24:35
Ich finde, wenn man seine Strafe abgesessen hat und das eine Strafe ist, die nicht nur dafĂŒr sorgt,
00:24:46
dass du keine Gefahr mehr fĂŒr die Ăffentlichkeit darstellst, sondern auch wirklich eine Strafe abgesessen hast,
00:24:51
deine Schuld, ich will nicht sagen beglichen hast, weil das hast du am Ende nie,
00:24:54
aber dass du gebĂŒĂt hast dafĂŒr.
00:24:57
NatĂŒrlich, sie mĂŒssen auch neue IdentitĂ€ten bekommen, weil sie sonst nie in diese Gesellschaft wieder hĂ€tten eingefĂŒhrt werden können.
00:25:04
Ja, da bin ich auch voll deiner Meinung.
00:25:05
Ich sehe das genauso.
00:25:07
Vor allen Dingen, wenn man bedenkt, wie sauer da alle waren.
00:25:10
Also das war wie so ein Mob.
00:25:11
Ich habe da ja auch eine Doku zu gesehen.
00:25:13
Ja, die waren verrĂŒckt da.
00:25:15
Und es war, finde ich, schon fahrlĂ€ssig, ĂŒberhaupt die Namen zu veröffentlichen damals.
00:25:22
Und du möchtest bestimmt wissen, ob sich die zwei nochmal was zu Schulden haben kommen lassen.
00:25:29
Was tippst du denn?
00:25:30
Ich wĂŒrde sagen, das kommt darauf an, in welchem Umfeld die nachher gelandet sind.
00:25:34
Ja, ich hoffe mal nein.
00:25:38
Ja, da muss ich dich leider enttÀuschen.
00:25:40
Ich hÀtte gedacht, wenn einer vielleicht irgendwie eine Freundin gefunden hat und sich mit der jetzt ein Leben aufbaut,
00:25:47
dass der dann vielleicht Stabilisierung findet.
00:25:51
Ich kann dir ja verraten, einer wird nicht rĂŒckfĂ€llig oder bleibt quasi straffrei.
00:25:57
Anfang MÀrz 2010 wird der mittlerweile 27-jÀhrige John Venevers wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material verhaftet.
00:26:05
57 einschlÀgige Bilder soll er im Internet runtergeladen und weiterverbreitet haben.
00:26:11
Er wird zu zwei Jahren Haft verurteilt.
00:26:13
HĂ€, wieso zwei Jahre?
00:26:14
Ăh, er ist doch jetzt auf BewĂ€hrung.
00:26:18
Und kriegt jetzt nur zwei Jahre, muss dann aber halt jetzt sofort hinter Gittern, weil er ja...
00:26:24
Ich finde es auch nicht so viel.
00:26:25
Zwei Jahre ist nichts, ja.
00:26:27
Nee, es hat auch gar nichts gebracht, denn im Februar 2018 wird John Venevers nochmal verurteilt.
00:26:32
Und zwar wieder fĂŒr den Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie fĂŒr drei Jahre und vier Monate.
00:26:38
Dieses Mal, weil er tausende kinderpornografische Bilder und sogar eine Anleitung zum Kindesmissbrauch besitzt.
00:26:45
Also weg mit ihm fĂŒr immer, ja.
00:26:49
In dem Prozess bezeichnet der Richter die Bilder, die den Missbrauch kleiner Jungen zeigen, als herzzerreiĂend fĂŒr jeden normalen Menschen.
00:26:57
Kommen wir zu meinem Aha.
00:26:58
Wie kann es zu so einer Tat kommen?
00:27:00
Warum töten zwei Kinder ein anderes Kind?
00:27:03
Bei der Suche nach dem Motiv haben sich die Psychologen damals die ZĂ€hne ausgebissen.
00:27:07
Es wurde viel spekuliert.
00:27:08
Haben vielleicht Gewaltfilme John und Robert darauf gebracht, ein anderes Kind zu töten?
00:27:13
Oder war es doch die soziale Umgebung, in der sie aufgewachsen sind?
00:27:16
Kinder, die zu Mördern werden, sind zwar selten, aber es gibt sie immer wieder.
00:27:21
Auch in Deutschland.
00:27:22
In den vergangenen Jahrzehnten lag der prozentuelle Anteil von kindlichen TatverdÀchtigen im Bereich von Mord und Totschlag in Deutschland bei durchschnittlich 0,16%.
00:27:31
Im Jahr 2016 waren es zum Beispiel zehn Jungen und ein MĂ€dchen.
00:27:35
Wahrscheinlich sind diese geringen Zahlen der Grund dafĂŒr, warum Tötungen durch Kinder wissenschaftlich fast keine Beachtung finden.
00:27:41
Aber ein Buch, das ich gefunden habe, beschÀftigt sich wissenschaftlich mit kindlichen Mördern.
00:27:46
Und zwar »Wenn Kinder töten« von unserem Altbekannten Stefan Harbord.
00:27:51
Wenn Kinder töten, dann passiert es in zwei Drittel der FĂ€lle folgendermaĂen.
00:27:54
Ein Junge im Alter von 10 bis 13 Jahren trifft auf ein ihm persönlich bekanntes, etwa gleichaltriges oder jĂŒngeres Opfer und erschieĂt, erschlĂ€gt oder erdrosselt es.
00:28:03
Die Tat passiert zwischen 12 Uhr mittags und 20 Uhr in einer dem TĂ€ter wie dem Opfer vertrauten Umgebung und dauert nicht lĂ€nger als fĂŒnf Minuten.
00:28:11
Es handelt sich in der Regel nicht um Affekthandlungen, sondern um geplante Tötungen.
00:28:17
Oft werden diese gemeinschaftlich durchgefĂŒhrt, also von mehreren Kindern.
00:28:21
Diese Taten dauern dann mitunter wesentlich lÀnger und sind durch extreme Gewaltanwendungen gekennzeichnet, wie im Fall von John und Robert.
00:28:28
Kinder, die töten, sind in der Schule eher durchschnittlich oder unterdurchschnittlich und verhaltensauffÀllig.
00:28:34
Sie haben vor den Tötungen oft schon mal was geklaut oder willentlich zerstört und sind unfĂ€hig, sich in ihr GegenĂŒber hineinzuversetzen.
00:28:42
Weshalb es auch oft vorkommt, dass Kinder nach der Tat eben keine Reue empfinden, wie das eben auch bei Robert der Fall war.
00:28:47
Harbert hat zwei unterschiedliche Persönlichkeitsprofile herausgearbeitet, die mit bestimmten Motivationen verknĂŒpft sind.
00:28:54
Die eine Gruppe sind Kinder, die willens- und durchsetzungsschwach, unsicher, konfliktscheu gehemmt und introvertiert sind.
00:29:00
Diese TĂ€ter treten ĂŒberwiegend bei Beziehungstaten im familiĂ€ren oder persönlichen Umfeld auf.
00:29:05
In der anderen Gruppe sind Kinder, die gefĂŒhlskalt, aggressiv, verantwortungslos, egoistisch oder sogar egozentrisch sind.
00:29:13
Sie haben eine geringe Frustrationstoleranz und töten aus Habgier, sexualisierter Gewalt oder Rache.
00:29:18
Was vielen Kindern, also aus beiden Gruppen gemein ist, ist eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung.
00:29:25
Das tritt bei etwa 60 Prozent auf.
00:29:27
Kinder, die von ihren Eltern beispielsweise emotional vernachlÀssigt werden und einer gestörten Beziehung zur Mutter leiden,
00:29:33
elterliche Gewalt ausgesetzt sind und Probleme mit ihren Geschwistern haben, neigen viel eher und viel hÀufiger zur Gewalt
00:29:39
und akzeptieren diese dann auch als Problemlösung.
00:29:42
So erlernen sie die spÀtere TÀterrolle quasi im eigenen Familienhaus.
00:29:45
Wenn man die fĂŒr Erwachsenen anzuwendenden Mordmerkmale auf die Taten der Kinder ĂŒbertragen wĂŒrde,
00:29:50
werden sie in zwei Drittel der FĂ€lle ĂŒbrigens als sonstige niedrige BeweggrĂŒnde zu qualifizieren, meint Harbert.
00:29:56
Wie gesagt, wurde bei John und Robert kein Motiv festgestellt.
00:30:00
Sie haben auch selbst nie, auch nur annÀhernd erklÀren können oder wollen, warum sie James getötet haben.
00:30:05
Ja, aber als Kind kannst du das vielleicht auch nicht wirklich erklÀren, ja?
00:30:08
Du weiĂt ja, woher es kommt, wenn du in die Kindheit guckst.
00:30:12
Aber erklÀren können sie es vielleicht nicht mal spÀter, weil sie es schon zu dem Zeitpunkt nicht verstanden haben.
00:30:20
Und dieses Mordmerkmal aus niedrigen BeweggrĂŒnden, finde ich, macht einen auch besonders verrĂŒckt.
00:30:24
Bei deinem letzten Fall kann man, wenn auch schwierig, die Tat nachvollziehen.
00:30:28
Mutter und Sohn waren eben so von Habgier zerfressen, dass sie Christine aus dem Weg rÀumen wollten, um das Geld einzutreiben.
00:30:35
Oder bei meinem Fall der Vergewaltigung von Susanne Preusker, ganz klares Motiv.
00:30:40
Aber bei den beiden, bei den zwei Kindern ist es halt einfach so unglaublich und unverstÀndlich, weshalb dieser Fall auch so lange bei mir nachgehalten hat.
00:30:51
Ich glaube, das Schlimme an diesen FĂ€llen ist, dass man und vor allem die Eltern nie so eine richtige Antwort auf das Warum bekommen werden, was es schwieriger macht, das zu verarbeiten.
00:31:02
Und es ist so seltsam, dass du dir diesen Fall ausgesucht hast.
00:31:06
Ich kenne den nÀmlich deswegen, weil er oft in Zusammenhang mit meinem Fall erzÀhlt wird.
00:31:10
Und freiwilligerweise haben wir nÀmlich heute offenbar nicht nur ein England-Special.
00:31:14
Mein Fall spielt in Newcastle, einer Kleinstadt im Norden Englands.
00:31:20
Heute ist es eine schöne UniversitĂ€tsstadt mit SehenswĂŒrdigkeiten.
00:31:23
Aber in dem Jahr, in dem diese Geschichte spielt, also 1968, leben dort gerade einmal 17.000 Menschen und die Arbeitslosenquote betrĂ€gt ĂŒber 50 Prozent.
00:31:33
GefĂŒhlt Ă€hnlich in dem Milieu, in dem deine TĂ€ter aufgewachsen sind.
00:31:38
Die Nachbarn kennen sich da untereinander und helfen sich gegenseitig.
00:31:42
Fremde werden hier sofort erkannt und deswegen spielen die Kinder auch unbedacht auf der StraĂe.
00:31:48
An einem Samstagmittag lĂ€uft der kleine Martin Brown durch die StraĂen der Stadt.
00:31:52
Er ist vier Jahre alt, hat blonde Haare und blaue Augen.
00:31:55
Er lĂ€uft rĂŒber zu einem kleinen Laden, um sich einen Lutscher zu kaufen.
00:31:58
20 Minuten spÀter finden drei Schuljungen seine Leiche beim Spielen in einem leerstehenden Haus in einem heruntergekommenen Sozialwohnungsviertel.
00:32:06
Martin liegt auf dem Boden, die Wangen und das Kinn mit Blut und Speichel verschmiert.
00:32:11
Die Nachricht von Martins Tod verbreitet sich schnell durch die kleine Stadt.
00:32:15
Als Martins Mutter June und seine Tante Richard zum Fundort kommen, wissen sie sofort, dass er tot ist, obwohl die RettungskrÀfte noch versuchen, ihn wieder zu beleben.
00:32:23
Alles, was ich wollte, ist, mich zu ihm zu legen und zu sterben, sagt Martins Mutter spÀter.
00:32:30
Die Polizei findet keine Anzeichen von Gewalt und im Schutt neben Martin finden sie leere Medikamentendosen.
00:32:35
Die Polizei geht also von einem Unfall aus.
00:32:37
Ein paar Tage spÀter wird etwas Seltsames in einer KindertagesstÀtte in der Umgebung gefunden.
00:32:42
Es wurde eingebrochen.
00:32:43
Putzmaterial ist ĂŒberall verschĂŒttet, Schulinventar ist zerstört und jemand hat Zettel verteilt.
00:32:49
Auf ihnen steht, wir haben Martin Brown ermordet.
00:32:52
Verpisst euch, ihr Bastarde.
00:32:53
Die Polizei wettet das als bösen Scherz und kĂŒmmert sich nicht weiter drum.
00:32:58
Neun Wochen spĂ€ter, am 31. Juli an einem heiĂen Sommerabend, ist die Stadt wieder in Aufruhr.
00:33:03
Der kleine Brian wird vermisst.
00:33:06
Er ist drei Jahre und vier Monate alt.
00:33:08
Seit Stunden suchen ihn die Einwohner der Stadt.
00:33:10
Und ĂŒberall hört man Polizeisirenen.
00:33:12
Die Nachricht von seinem Tod verbreitet sich wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus, von StraĂe zu StraĂe.
00:33:17
Die Polizei findet ihn zwischen Betonklötzen, den linken Arm von sich gestreckt und auf seinem Hals sind Druckspuren und Kratzer zu sehen.
00:33:25
Seltsam dabei ist, dass die Spuren nur leicht und recht klein sind.
00:33:30
Seine Genitalien sind teilweise gehÀutet und auf seinem Bauch ist ein M und ein N eingekratzt.
00:33:37
Sein Körper ist mit Gras und Blumen bedeckt.
00:33:41
Unter keinen UmstÀnden kann das ein Unfall gewesen sein.
00:33:43
Da sind sich die Polizisten sicher.
00:33:45
Neben seinem Körper finden sie auĂerdem eine kaputte Schere.
00:33:49
Der Kriminalinspektor des Falls, Dobson, notiert in seinem Notizheft, man konnte eine schreckliche Verspieltheit, fast eine Sanftheit spĂŒren.
00:33:58
Die Verspieltheit machte den Anblick nicht beruhigender, sondern erschreckender.
00:34:02
Es war so unverstÀndlich.
00:34:05
Wie konnte so etwas passieren und warum?
00:34:09
Bei den Ermittlern hegt sich schon der Verdacht, dass es sich bei dem Mörder um ein Kind handeln muss.
00:34:13
Den Hinweis, dass sie zwischen Betonklötzen suchen sollen, bekam sie von Bryans Schwester.
00:34:18
Ein kleines MĂ€dchen hatte ihnen gesagt, dass sie Brian genau dort hat spielen sehen.
00:34:23
Und der Name dieses MĂ€dchens ist Mary Bell.
00:34:26
Mary Bell ist kurz nach Martins Tod elf Jahre alt geworden.
00:34:30
Sie hat groĂe, intensiv blaue Augen und eine Stupsnase und kurzes, dunkelbraunes Haar.
00:34:35
Sie spielt oft mit ihrer Freundin Norma Bell, die ĂŒbrigens nur zufĂ€llig den gleichen Nachnamen haben.
00:34:41
Die wohnt zwei HĂ€user weiter.
00:34:42
Norma ist 13 und einen Kopf gröĂer als Mary.
00:34:46
Trotz des Altersunterschiedes verstehen sich die beiden aber gut.
00:34:49
Und Mary ist fĂŒr elf nĂ€mlich ziemlich pfiffig.
00:34:52
Und sie ist von den beiden die dominantere.
00:34:54
Sie gelten als untrennbar und sehen sich sogar etwas Àhnlich, weshalb sie manchmal als Schwestern bezeichnet werden.
00:35:01
Weil die Ermittler sicher sind, dass die Spuren auf Bryans Körper von Kinderhand stammen mĂŒssen,
00:35:06
geraten Mary und Norma unter Verdacht.
00:35:08
Am 6. August vernehmen die Ermittler Mary Bell, kommen aber mit dem Verhör nicht weiter.
00:35:14
Auch Norma wird befragt.
00:35:15
Seltsamerweise lÀchelt sie dabei stÀndig.
00:35:18
Einen Tag spÀter ist Bryans Beerdigung.
00:35:21
Kriminalinspektor Dobson will dabei sein, um zu sehen, ob sich jemand auffÀllig verhÀlt.
00:35:26
Als sie Brian gerade aus dem Elternhaus tragen, fÀllt sein Blick auf Mary Bell.
00:35:31
Die beobachtet, wie der kleine Sarg rausgetragen wird und lacht dabei und reibt sich die HĂ€nde.
00:35:37
So ein verrĂŒckter Anblick muss das gewesen sein, oder?
00:35:41
Das ist schlimmer als in jedem Film.
00:35:42
Das ist ein Horrorfilm.
00:35:43
Das wĂŒrde dir jeder aus einem Drehbuch rausstreichen, weil es zu grotesk war.
00:35:50
In dem Moment denkt sich Dobson, nicht eine Sekunde lasse ich sie nochmal aus den Augen.
00:35:56
Ich muss dem jetzt ein Ende bereiten, sonst stirbt bald ein weiteres Kind.
00:36:00
Mary wird erneut befragt.
00:36:02
Sie erkennt jetzt, dass sie unter Verdacht steht.
00:36:05
Diesmal erinnert sie sich nÀmlich plötzlich, am Todestag von Brian ihn mit einem achtjÀhrigen Jungen aus der Stadt gesehen zu haben,
00:36:13
angeblich geschlagen haben soll.
00:36:14
Schnell finden die Ermittler heraus, dass sich aber genau dieser Junge zu dem Zeitpunkt am Flughafen aufgehalten hat.
00:36:21
Mary Bell berichtet auĂerdem, dass sie den Jungen mit einer kaputten Schere gesehen hat.
00:36:26
Was Mary nicht weiĂ ist, dass die Schere ein Beweismittel war, was sie bisher unter Verschluss gehalten hatten.
00:36:32
Sie spricht hier also von einer Information, von der nur die Polizei weiĂ und natĂŒrlich jemand, der am Tatort war.
00:36:39
SpĂ€ter wird bekannt, dass an dem Tag, an dem in den Kindergarten eingebrochen wurde, Mary Bell versucht hatte, die kleine Schwester von Norma zu erwĂŒrgen.
00:36:47
Normas Vater erwischte Mary dabei, schlug ihr fest ins Gesicht und schickte sie heim.
00:36:52
AuĂerdem erzĂ€hlt June Brown, also die Mutter des ersten Opfers, dass vier Tage nach Martins Tod Mary und Norma bei ihr vor der TĂŒr standen und fragten, ob sie Martin sehen könnten.
00:37:02
Martin ist tot, Mary, hatte sie geantwortet.
00:37:06
Darauf erwiderte Mary, ja, das weiĂ ich doch, dass er tot ist, und grinst dabei.
00:37:10
Ich wollte ihn in seinem Sarg sehen.
00:37:13
In der Stadt gilt Mary Bell als notorische LĂŒgnerin.
00:37:17
Anderen Kindern gegenĂŒber hatte sie schon erzĂ€hlt, den kleinen Martin umgebracht zu haben und hatte dabei immer auf das Haus gedeutet, in dem er gefunden wurde.
00:37:25
Glaubt hatte ihr aber niemand.
00:37:27
Weder Mary noch Norma Bell will aber zugeben, dass sie es waren.
00:37:31
Und stattdessen schieben sie sich gegenseitig immer die Schuld hin und her.
00:37:35
Die beiden werden des Mordes an Martin Brown und Brian Howe angeklagt.
00:37:40
Der Gerichtspsychiater beschreibt Mary Bell als intelligent, aber manipulativ und gefÀhrlich.
00:37:45
Norma Bells Version von dem, was geschehen ist, klingt plausibler als Mary's.
00:37:50
Sie erzÀhlt, Mary habe Martin alleine umgebracht und dann vor ihr mit dem Mord geprahlt und ihr den toten Körper gezeigt.
00:37:57
Beim zweiten Mord soll Norma nur zugesehen haben.
00:38:01
Marys absurdes Verhalten nach der Tat wertet das Gericht ebenfalls als Beweismittel dafĂŒr, dass Mary die HaupttĂ€terin ist.
00:38:07
AuĂerdem hatte sie in NotizbĂŒchern Aufzeichnungen zu den Morden eingetragen.
00:38:14
Auch wÀhrend des Prozesses benimmt sich Mary seltsam.
00:38:18
Manchmal wird sie aggressiv.
00:38:20
Mary verfolgt den ganzen Prozess wachsam und wirkt interessiert an dem, was gesagt wird.
00:38:25
Norma hingegen kann sich nicht richtig konzentrieren und driftet oft mit den Gedanken ab.
00:38:30
Also sie benimmt sich halt einfach wie ein Kind.
00:38:32
Normas Eltern stehen ihr bei Gericht bei.
00:38:36
Sie umsorgen sie.
00:38:37
Als AuĂenstehender sieht man sofort, dass keiner in ihrer Familie sie fĂŒr eine Mörderin hĂ€lt.
00:38:42
Marys Mutter hingegen benimmt sich alles andere als angemessen.
00:38:46
Sie schimpft oft mit Mary, trĂ€gt eine lange blonde PerĂŒcke, die ihr stĂ€ndig vom Kopf rutscht und wendet sich Mary nur zu, wenn sie beobachtet wird.
00:38:54
FĂŒr Marys Mutter ist das Ganze ihre Tragödie.
00:38:57
Teilweise stĂŒrmt sie wĂ€hrend des Prozesses melodramatisch aus dem Gerichtssaal.
00:39:01
Einer Polizistin, die sie bewacht, erzÀhlt Mary,
00:39:04
Ich glaube, das ist alles ein Traum.
00:39:06
Es ist nie passiert.
00:39:08
Ich wĂŒnschte, ich könnte in meinem eigenen Bett schlafen.
00:39:11
Glauben Sie, ich bekomme 30 Jahre?
00:39:13
Wenn ich ein Richter wĂ€re und ich hĂ€tte ein elfjĂ€hriges MĂ€dchen vor mir, das so etwas getan hat, ich wĂŒrde ihr 18 Monate geben.
00:39:21
Mord ist gar nicht so schlimm.
00:39:24
Wir sterben alle irgendwann.
00:39:25
Mary Bell wird am 13. Dezember 1968 des zweifachen Totschlags von einem Schwurgericht fĂŒr schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt.
00:39:35
Sie wird nicht wegen Mordes zur Rechenschaft gezogen, weil das Gericht sie fĂŒr eine Psychopathin und deswegen fĂŒr vermindert schuldfĂ€hig hĂ€lt.
00:39:42
Norma wird freigesprochen, aber wegen des Einbruchs in den Kindergarten zu drei Jahren Haft auf BewÀhrung verurteilt und unter psychiatrische Aufsicht gestellt.
00:39:51
Eines kann das Gericht aber nicht klÀren.
00:39:54
Wie werden zwei kleine MÀdchen zur eiskalten Mörderin?
00:39:58
Diese Frage beantwortet Mary Bell selbst, 30 Jahre nach den Morden an Martin Brown und Brian Howe.
00:40:04
Mary Bell ist die Àlteste von vier Geschwistern.
00:40:08
Als sie geboren wird, ist ihre Mutter Betty 17 Jahre alt.
00:40:11
Acht Monate spÀter wird die schon wieder schwanger, allerdings von einem anderen Mann, der Mary spÀter erzieht.
00:40:16
Sein Geld verdient er mit Klauen.
00:40:19
Als sie Geburtshelfer Mary nach der Geburt in Bettys Arm legen wollen, schreit die, haltet das Ding von mir fern.
00:40:26
In den ersten Jahren wird Mary Bell zweimal wegen einer Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert.
00:40:30
Offenbar hatte ihre Mutter versucht, sie mit Tabletten zu vergiften, von denen sie Mary erzĂ€hlte, es seien SĂŒĂigkeiten.
00:40:36
Als Mary drei Jahre alt ist, rettet ihr ihr Onkel in letzter Sekunde das Leben.
00:40:42
Ihre Mutter war gerade dabei, sie aus dem Fenster zu werfen.
00:40:46
Es ist ja noch schlimmer, als Robert und John behandelt wurden.
00:40:52
Mindestens zweimal hatte Betty Mary einfach an wildfremde Frauen auf der StraĂe verschenkt.
00:40:57
Ihre kleine Schwester hatte Mary dann zurĂŒckgeholt.
00:41:00
Ihrer Familie erzÀhlte Betty in der Zwischenzeit, dass ihre Àlteste Tochter verstorben sei.
00:41:05
Mary wird fast jeden Tag von ihrer Mutter verprĂŒgelt.
00:41:09
Die Verwandten haben spĂ€ter ĂŒbrigens behauptet, die Mutter hĂ€tte dieses MĂŒnchhausen-Stellvertreter-Syndrom.
00:41:16
Dass sie immer Aufmerksamkeit will.
00:41:17
Deswegen hatte sie auch schon gesagt, Mary ist verstorben.
00:41:20
Musste das dann aber nachher natĂŒrlich wieder dann erklĂ€ren, warum sie doch wieder da ist.
00:41:25
Mary wird fast jeden Tag von ihrer Mutter verprĂŒgelt.
00:41:28
Ihre Familie ist stÀndig im Streit mit der Polizei.
00:41:31
Mary schlÀft nur auf einer durchgelegenen Matratze ohne Laken.
00:41:35
Sie nest fast jede Nacht ein und wenn ihre Mutter sie dabei erwischt, reibt sie Marys Gesicht in ihren Urin
00:41:41
und stellt die nasse Matratze so vor die HaustĂŒr,
00:41:44
dass jeder in der Nachbarschaft sehen kann, was sie gemacht hat.
00:41:47
Im Alter von zwei Jahren ist Mary Bell bereits auffÀllig aggressiv und emotionslos.
00:41:52
Kannst du mit zwei Jahren emotionslos sein, weil du schon so viel erlebt hast? Wahnsinn.
00:41:58
Betty verdient ihr Geld irgendwann mit Prostitution.
00:42:01
Die Freier kommen zu ihr nach Hause.
00:42:03
Betty zwingt Mary unter anderem zum Oralsex mit ihnen.
00:42:08
Laut Mary selbst wird sie im Alter von fĂŒnf bis acht Jahren von den Freiern sexuell missbraucht.
00:42:13
Ebenfalls mit fĂŒnf Jahren sieht Mary, wie ihre Freundin von einem Bus ĂŒberfahren wird.
00:42:18
Danach knĂŒpft sie keine Freundschaften mehr eigentlich, also zumindest nicht im Kindergarten.
00:42:24
Und genau da wird sie das erste Mal dabei erwischt, wie sie ein anderes Kind wirkt.
00:42:28
Bei dem, was sie da vorher erlebt hat, kann man sich ja ungefÀhr vorstellen, woher sie diese Art von Gewalt hat.
00:42:35
Als Mary dann ihre Haftstrafe spÀter im GefÀngnis absitzt, besucht ihre Mutter sie.
00:42:41
Aber jedes Mal danach wirkt Mary verstört und aggressiv.
00:42:44
Marys betreuender Arzt möchte eigentlich nicht, dass diese Besuche weiter stattfinden.
00:42:49
Aber eine Mutter von ihrem Kind fernzuhalten war in der Zeit nicht denkbar.
00:42:52
Unsere Zuhörer wollen ja immer wissen, was passiert in einem Leben, dass man zum Mörder wird.
00:42:58
Marys Vergangenheit ist jetzt sicherlich keine Entschuldigung fĂŒr das, was passiert ist.
00:43:03
Aber es ist ja vorhersehbar, dass dieses MĂ€dchen keinen normalen Platz in der Gesellschaft finden wird.
00:43:09
Ja, oder zumindest vermindert schuldfĂ€hig ist, weil sie nie irgendwie gelernt hat, wie man sich ĂŒberhaupt verhĂ€lt.
00:43:15
Woher sollte sie wissen, was Recht und was Unrecht ist, wenn ihr die Mutter schon von Anfang an nur Gewalt gegen sie ausĂŒbt und sogar an Freier verkauft sozusagen.
00:43:26
Mary Bell wird mit 23 Jahren aus der Haft entlassen.
00:43:29
Zwölf Jahre hat sie also sitzen mĂŒssen und sie lebt unter anderem nahm.
00:43:33
1984 heiratet sie und bekommt eine Tochter.
00:43:37
Ihr BewĂ€hrungshelfer beschreibt sie als sehr, sehr liebende Mutter, die immer fĂŒr ihr Kind da ist.
00:43:42
1988 lĂ€sst sich Mary scheiden, findet aber schon bald einen anderen Mann, mit dem sie glĂŒcklich ist.
00:43:48
Mary, der neue Mann und ihre Tochter leben in einem kleinen Dorf im Nordosten Englands.
00:43:53
Als die Nachbarn aber erfahren, mit wem sie da TĂŒr an TĂŒr wohnen, sammeln sie Unterschriften und marschieren mit Plakaten durch das Dorf, auf denen Mörder raussteht.
00:44:02
Also auch so eine Hetzjagd.
00:44:06
Marys Zuhause wird von Reportern belagert.
00:44:08
Sie und ihre Tochter mĂŒssen unter Schutz der Polizei mit Laken ĂŒber dem Kopf um vier Uhr nachts das Haus verlassen.
00:44:14
Ihre Tochter wusste bis zu diesem Zeitpunkt nichts von der Vergangenheit ihrer Mutter.
00:44:19
Wie krass ist das?
00:44:20
Bitte stell dir mal vor, du wĂŒrdest das herausfinden.
00:44:23
Und wenn die Mutter wirklich so liebend war, wie der BewĂ€hrungshelfer gesagt hat, dann fĂ€llt ja fĂŒr dich auch alles auĂereinander.
00:44:30
Du glaubst das ja im ersten Moment auch gar nicht.
00:44:32
Stell dir mal vor, man sagt dir, du Mama hat mal zwei Kinder getötet.
00:44:38
Also eigentlich war die AnonymitĂ€t ihrer Tochter bis zum Erreichen des 18. Lebensjahres geschĂŒtzt.
00:44:46
2003 aber gewinnt Maribel einen Gerichtsprozess, in dem es um die Zusicherung ihrer eigenen und der AnonymitÀt der Tochter auf Lebenszeit geht.
00:44:55
Was ich völlig okay finde, was hat die Tochter damit zu tun?
00:44:59
Und seitdem gibt es in England nĂ€mlich die Mary-Bell-Order, einen Gerichtsbeschluss zum dauerhaften Schutz der IdentitĂ€ten von Kindern und deren VormĂŒndern, die an Gerichtsverfahren beteiligt sind.
00:45:11
Deswegen war das bei mir auch so am Anfang, dass sie nur Child A und Child B genannt wurden.
00:45:17
Aber es war dann so und wÀhrend des ganzen Prozesses wurde nie der Name, also die Namen wurden nie rausgegeben und die Newspaper und so weiter haben auch immer nur das A und B geschrieben.
00:45:25
Aber bei der UrteilsverkĂŒndung hat der Richter das entschieden, diese Namen zu nennen.
00:45:31
Das wurde danach dann auch kritisiert und so weiter.
00:45:34
Aber dann hat er sozusagen im selben Atemzug eben gesagt, ab jetzt darf nichts ĂŒber die Kinder und deren weiteren Verbleib an die Ăffentlichkeit auf keinen Fall.
00:45:43
Und dann, als sie herausgekommen sind, haben sie ja neue IdentitÀten bekommen.
00:45:47
Bei Mary-Bell ging es ja hauptsÀchlich um ihre Tochter, weil die ja gar nichts damit zu tun hatte.
00:45:52
Aber es ging ja nicht hier darum, die IdentitĂ€t der TĂ€terin zu schĂŒtzen, sondern der Tochter der TĂ€terin, die ja ein eigenes Leben verdient hat und nichts dafĂŒr kann, was ihre Mutter irgendwann mal gemacht hat.
00:46:04
Total. Und ich muss ja auch sagen, dass es ja, wenn jetzt nicht noch irgendwas Schlimmes kommt, was du mir jetzt erzÀhlen willst, dann total schön ist, dass sie es geschafft hat, ein Kind zu bekommen und auch eine gute Mutter zu sein, ihrem Kind.
00:46:18
Und das halt schĂŒtzen wollte und so weiter. Und das wundert mich halt total, weil ich eher davon ausgehen wĂŒrde, dass man nicht geheilt in AnfĂŒhrungszeichen werden kann von dem, was Mary-Bell zugestoĂen ist als Kind.
00:46:31
Und dass sie nie Emotionen hatte und so weiter, dass sie sich davon erholt hat, vielleicht, weil sie noch so jung war und dass es halt total schön ist und dass das ein Beispiel dafĂŒr ist, dass sich Menschen doch Ă€ndern können, dass sich TĂ€ter Ă€ndern können.
00:46:43
Und in meinem Fall, Robert Thompson hat sich nie wieder was zu Schulden kommen lassen.
00:46:47
Bei Mary-Bell hatte das viel mit der Mutter zu tun, mit der sie dann ja nicht mehr so richtig Kontakt hatte. Da komme ich aber gleich nochmal zu.
00:46:53
Ja, und dann war es ja auch quasi jetzt bei dir so, wie in dem Fall, in dem Buch, wenn Kinder töten, dass es halt so ist, Kinder, die eine gestörte Beziehung zur Mutter haben.
00:47:04
Und das hatten jetzt alle drei.
00:47:05
Woher sollen die Kinder das auch sonst haben? Also entweder ist irgendetwas im Kopf dann nicht in Ordnung, irgendein gesundheitlicher Defekt oder es muss halt in der Erziehung sein.
00:47:16
Also ich glaube ja eh daran, dass niemand von Grund auf böse geboren wird. Also dann stimmt halt einfach mit dir irgendetwas nicht, ja?
00:47:23
Okay, der damalige Innenminister Jack Storr ist der Meinung, dass Mary-Bell selbst schuld an der Veröffentlichung ihrer IdentitÀt sei.
00:47:31
Denn in dem Jahr, in dem ihre IdentitĂ€t bekannt wird, 30 Jahre nach den Morden, spricht sie das erste Mal ĂŒber die UmstĂ€nde, die sie geprĂ€gt haben.
00:47:40
Ihre Geschichte erzÀhlt sie der Autorin Gitta Sereny, die sich mit der moralischen Frage auseinandersetzt, wie man das Böse erklÀren kann.
00:47:48
In Zusammenarbeit mit Mary schreibt sie das Buch Cries on Hurt, was ich auch zur Vorbereitung gelesen habe.
00:47:54
Und öffnen kann sich Mary erst, nachdem ihre Mutter verstorben ist.
00:47:59
Das sagt ja einiges dann.
00:48:01
Sereny hatte bereits 1972 ein Buch ĂŒber Marys Fall geschrieben, das Betty Bell gehasst hat.
00:48:07
Denn schon da hatte sich Sereny mit Marys Kindheit auseinandergesetzt.
00:48:11
Die Autorin war auch in den Gerichtsprozessen mit dabei.
00:48:14
Und hatte halt eben sehr viel davon beobachtet, deswegen hat sie sich so damit beschÀftigt.
00:48:20
Betty sagte damals, die Autorin wĂŒrde LĂŒgen ĂŒber die Familie verbreiten und drehte in jedem Buchladen der Stadt die BĂŒcher so um,
00:48:27
dass man den Namen ihrer Tochter nicht so groĂ auf dem Cover sehen konnte.
00:48:32
Das Buch gefiel Betty nicht.
00:48:34
Aber Betty hatte natĂŒrlich kein Problem damit, Marys Geschichte, als die im GefĂ€ngnis saĂ, an verschiedene Boulevardzeitungen zu verkaufen.
00:48:42
AuĂerdem wollte sie, dass ihre Tochter Briefe und Gedichte schreibt, die sie ebenfalls verkaufen wollte.
00:48:48
Betty war der Meinung, dass die ganze Welt sehen sollte, wie sehr sie darunter leidet, dass ihre Tochter eine Mörderin ist.
00:48:54
So klagte sie, Jesus wurde nur ans Kreuz genagelt.
00:48:59
Ich wurde dran gehÀmmert.
00:49:04
In Christ Unheard erzĂ€hlt Mary auch das erste Mal ĂŒber den sexuellen Missbrauch.
00:49:08
Das ist aber ĂŒbrigens das Einzige, was Familienangehörige von Mary Bell nicht bestĂ€tigen.
00:49:14
Aber zugesehen hat dabei ja auch keiner.
00:49:17
Ich will nur sagen, wie die Mutter war und diese ganzen Sachen mit weggeschenkt und so.
00:49:21
Das wurde alles spÀter bestÀtigt von Familienangehörigen, die das halt mitbekommen haben.
00:49:26
Mary erklÀrt in dem Buch, dass sie als Kind die Vorstellung vom Tod irgendwie unwirklich und unverstÀndlich fand.
00:49:34
Das Buch sorgt aber nicht nur wegen seiner kontroversen Inhalte fĂŒr Diskussionen.
00:49:47
Mary Bell bekommt fĂŒr ihr Mitwirken an dem Buch nĂ€mlich anteilig ein Honorar.
00:49:51
Das wird von der Boulevardpresse auf das SchÀrfste kritisiert.
00:49:55
Von genau denen, die Mary Bell selbst ein hohes Honorar fĂŒr Exklusivinterviews angeboten haben, so Serenny.
00:50:03
Die Regierung versuchte damals, die Veröffentlichung zu verhindern, mit der BegrĂŒndung, dass Verbrecher nicht von ihren schlimmen Taten profitieren sollen.
00:50:10
Und in Folge 8 hatten wir ja schon mal von TÀtern berichtet, die ihre Straftaten dann spÀter vermarktet haben.
00:50:15
Und damit sowas in Deutschland nicht mehr passiert, wurde, darauf hat uns unser Zuhörer Nick aufmerksam gemacht,
00:50:21
1999 ein Gesetz erlassen, das dafĂŒr sorgen soll, dass TĂ€ter keinen Profit aus ihren Taten schlagen dĂŒrfen.
00:50:27
Durch das Opferanspruchssicherungsgesetz haben die Opfer von Straftaten einen Zuspruch auf die Zahlung der Presse oder Dritter an den TĂ€ter,
00:50:37
wenn der durch die Vermarktung seiner Story Geld bekommt.
00:50:41
Das klingt erstmal fair, das Gesetz gilt aber nicht, wenn zwischen der Tat und der Veröffentlichung mehr als fĂŒnf Jahre liegen.
00:50:49
Trotz der Kritik an dem Buch dient es heute vielen Spezialisten, die mit traumatisierten Kindern arbeiten, als Standardwerk.
00:50:56
Weil Mary Bell ein anderer Mensch geworden zu sein scheint, ist Gitta Sereny der Ansicht, dass sie so eine Art moralisches Erwachen gehabt haben muss.
00:51:04
Und auch June Brown, also die Mutter des ersten Opfers, war bis zur Veröffentlichung des Buches der Meinung, dass es die Mary Bell von damals nicht mehr gibt.
00:51:13
FĂŒr mich ist Mary Bell gestorben, als sie aus dem GefĂ€ngnis kam und eine neue IdentitĂ€t annahm.
00:51:19
Ich habe gelernt, sie nicht mehr zu hassen, weil sie gestorben und jemand anderes geworden ist.
00:51:24
Jetzt aber hat Gitta Sereny sie ausgegraben.
00:51:28
Als im Jahr 2009 bekannt wird, dass Mary Bell Oma geworden ist, sagt June,
00:51:33
Ja, man kann die eben auch sehr gut verstehen, die Opfer.
00:51:49
Jetzt geht es nur noch um Mary und Mary kriegt ein 400 Seiten langes Buch gewidmet.
00:51:53
Und ich glaube auch, dass es tatsĂ€chlich fĂŒr die Opferfamilien schwierig ist, wenn so lange Zeit vergeht, 30 Jahre, und du hast vielleicht irgendwie gelernt, mit diesem Schmerz zu leben.
00:52:04
Und dann wird es halt tatsÀchlich alles wieder ausgebildet.
00:52:06
Ich finde, es ist schwierig.
00:52:07
Ich verstehe die Opferseite.
00:52:08
Ich finde es aber auch gleichzeitig wichtig, dass solche BĂŒcher geschrieben werden, weil man auch daraus lernt.
00:52:15
Deswegen dient das ja auch heute als Standardwerk.
00:52:17
Ja, was sind Anzeichen dafĂŒr?
00:52:19
Die TÀter können ja am besten selbst beschreiben, warum sie zu dem geworden sind, was sie sind.
00:52:26
Genau, und dass der Fall ĂŒberhaupt als Beispiel dargestellt wird, dass man sich eben verbessern kann.
00:52:31
Dass Kinder, dass man darĂŒber nachdenken sollte, wie lange man Kinder wirklich hinter Gittern steckt, weil sie sich noch Ă€ndern können.
00:52:39
Und deswegen sind ja auch die Jugendstrafanstalten in Deutschland so wichtig, dass man sich da um die Jugendlichen kĂŒmmert.
00:52:45
DarĂŒber haben wir ja schon geredet, weil die kann man noch Ă€ndern, die können sich noch Ă€ndern.
00:52:50
Mary Bell war ĂŒbrigens zeitweise auch in so einer Art Internat, wo sie dann das erste Mal so eine richtige Vaterfigur hatte, dieser Internatsleiter.
00:52:58
Und da ist die total aufgeblĂŒht.
00:53:00
Und da musste sie aber nachher weg und in so ein FrauengefÀngnis.
00:53:02
Und dann wurde sie wieder so ein bisschen verhaltensauffÀllig.
00:53:05
Hm, daran sieht man das ja.
00:53:09
Was mich so ein bisschen umgetrieben hat, ist die Rolle, die Mary Bells Auftreten vor Gericht gespielt hat.
00:53:14
Mary Bell hatte sich ja im Gegensatz zu Norma fĂŒr ein Kind recht seltsam verhalten.
00:53:19
Wie Mary selbst gesagt hatte, hatte sie eigentlich nur versucht, den Anweisungen von Betreuern und AnwÀlten zu folgen.
00:53:25
Ich habe mich gefragt, wie wichtig ist das Auftreten eines Angeklagten vor Gericht.
00:53:31
Und das ist umso wichtiger, wenn eine Jury anwesend ist.
00:53:34
Denn eine Jury ist eher als ein Richter dazu geneigt, sich vom ersten Eindruck emotional leiten zu lassen.
00:53:40
Und der wird natĂŒrlich von dem beeinflusst, was man sehen kann.
00:53:43
Was ich paradox finde, denn die Justitia, also die Göttin der Gerechtigkeit, die man auch in vielen Gerichten sehen kann, trÀgt in der linken Hand eine Waage, in der rechten das Richtschwert.
00:53:55
Und sie trĂ€gt meistens eine Augenbinde, was eigentlich ein Symbol fĂŒr die Unparteilichkeit, also fĂŒr das Richten ohne Ansehen einer Person sein sollte.
00:54:05
Trotzdem hat die Jury Augen und die wird sie auch benutzen, um den Angeklagten zu bewerten.
00:54:10
Die Geschworenen werden von den kleinsten Dingen beeinflusst.
00:54:14
Und wie wir auch im Fall von Mary Bell gesehen haben, nicht nur das Auftreten des Angeklagten wirkt auf sie, sondern auch das des Anwalts oder der Zeugen.
00:54:23
Ein schlampig gekleideter, fluchender und desinteressierter Angeklagter kann nicht auf Sympathien hoffen.
00:54:29
Und so gibt es Gerichtsberater, die sich auf das Auftreten vor Gericht spezialisiert haben.
00:54:34
1993 beschÀftigte sich ein Artikel in der LA Times mit dem Auftreten vor Gericht von Amy Fischer.
00:54:42
Die wurde als Long Island Lolita bekannt, als sie im Alter von 17 Jahren der Frau ihres Geliebten in den Kopf schoss.
00:54:49
Vor Gericht, achso, die hat aber ĂŒberlebt, die Frau.
00:54:53
Ja, total, total absurd.
00:54:55
Vor Gericht trug sie einen grĂŒnen Oversize-Pulli und ihre langen, fizzeligen Haare hingen ihr ins Gesicht.
00:55:01
Falsch, falsch, falsch, sagen Experten zu diesem Erscheinungsbild.
00:55:06
Man hÀtte sie lieber in ein SchulmÀdchenkleid stecken, ihr das Haar mit einer Schleife zusammenbinden und sie ungeschminkt auf die Anklagebank setzen sollen, sagt ein Prozessberater.
00:55:14
Lass sie so jung und unschuldig wie möglich aussehen.
00:55:18
Eine Studie der Cornell University hat auĂerdem ergeben, dass Menschen, die allgemein als attraktiver gelten als andere, im Durchschnitt ein weniger hohes StrafmaĂ bekommen.
00:55:27
Das kann ich mir vorstellen.
00:55:29
Also was das ĂuĂere angeht, wird Mary Bell sicherlich nicht im Nachteil gewesen sein, weil wer sieht unschuldiger aus als ein elfjĂ€hriges MĂ€dchen?
00:55:36
Und die sah wirklich sĂŒĂ aus.
00:55:38
Ja, wirklich sĂŒĂ.
00:55:39
Aber wenn ein Kind eben halt völlig empathielos und kalt wirkt, dann hilft das ihr eben auch nicht weiter.
00:55:45
Und ich denke auch, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben, Mary Bell damals so lange Zeit wegzusperren.
00:55:53
Seltsam, dass wir uns beide jetzt so Kindermörder rausgesucht haben.
00:55:56
Finde ich aber echt spannend, die Thematik.
00:55:59
Weil es ist so unschuldig, ja.
00:56:02
Auf einmal werden unschuldige Kinder zu solchen Monstern.
00:56:06
Ich gucke ja keine Horrorfilme.
00:56:08
Aber wenn man welche sieht, dann finde ich immer am schlimmsten, wenn Kinder so als Stilmittel gebraucht werden,
00:56:15
Weil sie eben eigentlich ja das komplette Gegenteil vom Böse sind.
00:56:19
Sie sind unschuldig.
00:56:21
Sie sind die pure Reinheit.
00:56:23
Und die dann immer mit diesen Bösen zusammenzubringen, das finde ich halt richtig fies.
00:56:28
Und umso fieser ist es halt eben auch in der RealitÀt.
00:56:32
Da die Folge heute ja ein Englandsspezial ist, mĂŒssen wir uns natĂŒrlich auch mit dem britischen Rechtssystem befassen
00:56:38
und wollen euch das kurz vorstellen.
00:56:39
Denn das regelt sich anders als das Deutsche.
00:56:42
Denn es stĂŒtzt sich nicht nur auf Gesetze, wie das Civil Law,
00:56:45
sondern auch auf maĂgebliche richterliche Urteile der Vergangenheit.
00:56:48
Das Ganze nennt sich dann Common Law und bezeichnet das Gewohnheitsrecht.
00:56:52
Gewohnheitsrecht entsteht also durch die wiederholte Anwendung von Rechtsvorstellungen oder Regeln,
00:56:57
die als verbindlich akzeptiert wurden.
00:57:00
Sogenannte PrÀzedenzfÀlle.
00:57:01
Ein PrĂ€zedenzfall ist ein Fall, dessen Entscheidung sich zum MaĂstab anderer FĂ€lle entwickelt hat,
00:57:06
die so Àhnlich sind.
00:57:07
Um euch ein Beispiel zu geben, stelle ich euch den Fall Schnecke in der Flasche vor,
00:57:11
den alle britischen Jurastudenten kennen mĂŒssen.
00:57:14
Am Abend des 26. August 1928 wird May Donahue von einem Bekannten in einem Lokal in Schottland
00:57:22
zu einer Flasche Ginger Beer eingeladen.
00:57:24
Da die Flasche selbst undurchsichtig ist, bemerkt sie erst, nachdem sie die HĂ€lfte getrunken hat,
00:57:30
dass sich darin eine bereits verwesende Schnecke befindet.
00:57:32
Nach diesem Pappbesuch erkrankt May an einer Magen-Darm-EntzĂŒndung.
00:57:37
Sie ist sich zumindest sicher, dass ihre Krankheit mit der Schnecke zusammenhÀngt
00:57:41
und wendet sich an einen Anwalt.
00:57:43
Mithilfe des Anwalts verklagt sie den Gingerbier-Fabrikanten.
00:57:47
Bis dato konnten Schadensersatzklagen nur bei Vertragspartnern auftreten.
00:57:51
May hatte aber ja erstens keinen Kaufvertrag mit dem Pappbesitzer gemacht,
00:57:55
da er ihr Freund die Flasche gezahlt hatte.
00:57:57
Und einen Vertrag mit dem Gingerbier-Produzenten hatte sie ja erst recht nicht.
00:58:01
Der Anwalt von May sprach von einer Verletzung der Sorgfaltspflicht des Gingerbier-Herstellers,
00:58:06
der sich ja darum hĂ€tte kĂŒmmern mĂŒssen, dass keine Schnecke in die Flasche geraten.
00:58:12
Der Richter, ein Herr Lord Atkins, gab der KlÀgerin recht
00:58:15
und setzte mit diesem Urteilsspruch neue MaĂstĂ€be.
00:58:18
Seitdem besteht nĂ€mlich in England eine Sorgfaltspflicht gegenĂŒber jedem,
00:58:22
dessen SchÀdigung durch das eigene Verhalten vorhersehbar ist.
00:58:25
Dadurch, dass es seit dem Fall nicht mehr auf den Vertrag,
00:58:28
sondern auf die Vorhersehbarkeit des Schadens ankommt,
00:58:31
wurde der kreis der haftenden Personen natĂŒrlich extrem ausgeweitet.
00:58:35
Ăhnliche FĂ€lle wurden danach also immer im Hinblick auf den Schnecke-in-der-Flasche-Fall entschieden.
00:58:40
Dass manch ein KlÀger und dessen Anwalt dies ausnutzen, ist allen klar,
00:58:44
nachdem eine Frau, die sich an einem McDonalds-Kaffee verbrannt hat,
00:58:47
mehr als eine halbe Million Dollar bekommen hat.
00:58:49
Und jetzt mĂŒssen sie immer raufschreiben, Vorsicht heiĂ.
00:58:54
Aber ich habe ja noch was Kleines fĂŒr dich.
00:58:58
Ich möchte jetzt bitte keine Flasche mit einer Schnecke bekommen.
00:59:03
Ich habe mich vorhin schon gewundert, warum du den KĂŒhlschrank nur so halb aufgemacht hast.
00:59:08
Eine Flasche Gingerbier.
00:59:12
WeiĂ nicht, sie ist ja undurchsichtig.
00:59:15
Ihhh, das will ich nicht trinken.
00:59:20
Das war so eine Art Gingerbier.
00:59:24
Apropos Schnecken und gar nicht so witzig.
00:59:27
Ich habe in der englischen Presse gelesen, dass ein Australier gestorben ist, nachdem er eine Nacktschnecke gegessen hatte.
00:59:33
Und zwar war er als 19-JĂ€hriger auf einer Geburtstagsparty gewesen, auf der er mit seinen Freunden Wahrheit oder Pflicht gespielt hatte.
00:59:40
Und zwar Pflicht war dann eben fĂŒr ihn eine Nacktschnecke aus dem Garten zu essen.
00:59:45
Daraufhin hat er eine HirnhautentzĂŒndung bekommen, lag im Koma und war danach auf Pflege angewiesen.
00:59:50
Und jetzt, also irgendwie vor zwei Wochen, ist er nach acht Jahren gestorben.
00:59:55
Nur wegen so einer blöden Idee.
00:59:57
Stell dir das mal vor, du hast deinem Freund gesagt, hier, haha, lustig, einmal die Schnecke bitte essen.
01:00:03
Und dann war er ab da behindert.
01:00:05
Und davor war er wirklich so ein super Typ, der ein super Sportler war und total beliebt auf der Uni und alles.
01:00:13
Was ist mit den Schnecken? Die Franzosen mĂŒssen ja stĂ€ndig in Lebensgefahr schweben.
01:00:19
Die Nacktschnecken essen den Kot von Ratten und dadurch sind da dann irgendwie Parasiten drin.
01:00:28
Also, liebe Hörer, bitte nicht auf die Idee kommen, Schnecken zu essen und auch euren Kindern bitte sagen, auf keinen Fall Nacktschnecken essen.
01:00:36
Ich glaube, unsere Hörer mampfen lieber was an.
01:00:41
Was ich aber noch sagen muss, damit das hier nicht falsch verstanden wird, auch in England gibt es natĂŒrlich geschriebene Gesetze und es werden auch immer mehr.
01:00:48
Und es ist heute auch möglich, von einer bisher etablierten Bewertung, also einem PrÀzedenzfall, abzuweichen.
01:00:53
Aber das Heranziehen bisheriger Urteile in Ă€hnlichen FĂ€llen ist maĂgeblich fĂŒr die Arbeit eines Gerichts.
01:00:58
Bei den beiden Rechtssystemen, also beim Common Law und beim Civil Law, gibt es ĂŒbrigens ganz unterschiedliche Auffassungen davon, wie viel Einfluss ein Staat auf die Rechtsordnung haben sollte.
01:01:08
Im Civil Law, also dem System, was wir auch in Deutschland haben, soll der Staat einen aktiven Part einnehmen.
01:01:13
In England hingegen soll er nicht unbedingt ĂŒbergeordnet sein bei der Rechtsprechung.
01:01:18
Menschen sollen ĂŒber Menschen richten und nicht der Staat ĂŒber Menschen.
01:01:22
Und wĂ€hrend in Deutschland vom Allgemeinen auf die FĂ€lle geschlossen wird, schlieĂt man in England halt eben von Fall auf Fall.
01:01:29
Ja, und nicht nur das System unterscheidet sich von dem in Deutschland, auch die einzelnen Gesetze und richterlichen Entscheidungen sind oft anders.
01:01:35
In Bezug auf meinen Fall wÀren John und Robert, wÀren sie Deutsche gewesen, auf jeden Fall ganz anders behandelt worden.
01:01:41
Zwar sind Menschen sowohl in Deutschland als auch in GroĂbritannien erst juristisch gesehen schuldfĂ€hig,
01:01:46
wenn sie die FĂ€higkeit haben, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.
01:01:52
Das können Menschen in Deutschland aber erst ab 14 Jahren, somit hÀtten John und Robert nicht verurteilt werden können.
01:01:58
Vermutlich wÀren sie trotzdem in eine psychiatrische Anstalt gekommen, sie wÀren aber nicht rechtlich belangt worden.
01:02:03
In England eben schon, denn da beginnt die StrafmĂŒndigkeit mit der Vollendung des 10. Lebensjahres.
01:02:09
Das Einsetzen der StrafmĂŒndigkeit ist international ĂŒbrigens sehr unterschiedlich festgelegt.
01:02:13
In vielen mittel- und westeuropÀischen Staaten kann ein Kind erst mit 14 bestraft werden.
01:02:17
In Israel ĂŒbrigens ist erst vor ein paar Jahren das Alter auf 12 gesenkt worden.
01:02:22
Und in den USA kann ein Kind in einem Bundesstaat erst ab 12 belangt, in dem daneben aber schon mit 6 Jahren verurteilt werden.
01:02:30
Die Staatsanwaltschaft muss in jedem Fall und in jedem Land herausfinden, ob die Kinder fÀhig sind, Recht und Unrecht voneinander zu unterscheiden.
01:02:36
Und was wĂŒrdest du sagen, ab wann können Kinder Recht von Unrecht unterscheiden?
01:02:41
Ich habe absolut keine Ahnung.
01:02:43
Also ich wĂŒrde sagen, ich konnte Recht von Unrecht erst mit 25 Jahren unterscheiden.
01:02:50
Also nein, natĂŒrlich nicht, aber ich finde es aber auch echt unrichtig, wenn ein 13-JĂ€hriger was richtig Fieses macht, anderen Menschen wehtut und du kannst den nachher nicht dafĂŒr belangen.
01:03:04
Also 12 finde ich schon okay, glaube ich.
01:03:10
Im Fall von Robert und John waren sich die Ermittler relativ schnell sicher, dass die beiden wussten, dass es Unrecht war, den Jungen zu entfĂŒhren und zu töten.
01:03:16
Denn beide hatten ja anfangs gelogen, die Schuld dem anderen in die Schuhe schieben wollen und ja ganz klar vorsÀtzlich gehandelt.
01:03:23
Sie hatten ja eine Absicht, als sie die Maul nach den Kindern absuchten.
01:03:27
Auch der Fakt, dass sie James noch auf die Gleise geschliffen hatten, zeigte den Ermittlern ja, dass die beiden ihre Tat verheimlichen wollten.
01:03:33
So was tut man ja nur, wenn man weiĂ, dass etwas falsch war.
01:03:37
Deshalb wĂŒrde ich, da ich jetzt auch keine anderen vergleichbaren FĂ€lle kenne, auch sagen, dass Kinder mit zehn Jahren schon entscheiden können, was Recht und was Unrecht ist.
01:03:47
Aber das muss halt in einem Verfahren, das gerecht ist, das objektiv ist und das nicht ist wie bei John und Robert, wo die Kinder gar keine Ahnung hatten, entschieden werden.
01:04:00
Du kannst ja die Person dann auch immer noch als vermindert schuldfĂ€hig einstufen, das geht ja schon, aber du sollst sie schon rechtlich dafĂŒr belangen können, ja.
01:04:09
Und deswegen finde ich, dass, wenn in Deutschland ein Kind erst mit 14 belangt werden kann, das ein bisschen lasch irgendwie.
01:04:15
Ich meine, wenn ich ĂŒberlege, was ich mit 14 schon alles gemacht habe, da ist man ja schon halb erwachsen irgendwie.
01:04:23
Du bist kein Kind mehr, solltest du zumindest nicht sein.
01:04:28
Bei Strafverfahren entscheidet in England ĂŒbrigens meist eine Jury ĂŒber die Schuldfrage.
01:04:32
Also ob der Angeklagte schuldig, unschuldig oder unschuldig der Anklage, aber schuldig eines weniger schwerwiegenden Verbrechens ist.
01:04:41
Also beispielsweise können sie sagen, wir, die Jury, sprechen den Angeklagten des Mordes unschuldig, aber des Totschlags schuldig.
01:04:49
In England mĂŒssen sich ĂŒbrigens nur 10 von 12 Geschworene ĂŒber das Urteil einig sein.
01:04:54
Das ist ja in den USA anders, da muss es einstimmig sein.
01:04:57
Ăber das StrafmaĂ entscheidet die Jury hier aber nicht.
01:05:01
Sie kann höchstens eine Empfehlung aussprechen, den Angeklagten wegen spezieller UmstÀnde entsprechend nachsichtig zu behandeln.
01:05:07
Der Richter muss das aber nicht berĂŒcksichtigen, wird es aber in den meisten FĂ€llen tun.
01:05:11
Wie finden wir das eigentlich, Jury-System?
01:05:15
Ich wusste nicht, dass das so ist, dass da nicht einstimmig entschieden werden muss.
01:05:21
Das finde ich ja schon mal sehr gut, weil in Amerika, das funktioniert einfach nicht.
01:05:28
Weil so ganz oft, das sind ja ganz normale Menschen, die das sind und die haben auch keinen Bock, so viel Zeit da rein zu investieren
01:05:35
und sich dann die ganze Zeit zu streiten, weil der eine der Meinung ist, die Person ist unschuldig
01:05:39
und der andere eben, die ist schuldig und dann haben die einfach keinen Bock darĂŒber, so lange zu diskutieren.
01:05:43
Ja, nur ganz kurz dazu.
01:05:44
Das ist ĂŒbrigens ja auch ein ganz groĂer Kritikpunkt, weil sich somit meistens die Zeit bis zur Verurteilung ewig streckt
01:05:52
und das ganze Verfahren damit natĂŒrlich auch viel teurer wird.
01:05:55
Ja, das stimmt. Und ich finde den Ansatz eigentlich gut, dass Menschen ĂŒber Menschen entscheiden sollten und nicht der Staat ĂŒber Menschen.
01:06:01
Aber wir wissen alle, wie Menschen sind und sie sind sehr emotional und lassen sich schnell beeinflussen, wie du auch schon gesagt hast, mit der AttraktivitÀt zum Beispiel.
01:06:12
Und deswegen finde ich es eigentlich besser, wenn es jemand macht, der sich wirklich damit auskennt.
01:06:18
Und der eben auch nicht so empfĂ€nglich ist fĂŒr EindrĂŒcke, so wie es ganz normale Menschen sind.
01:06:23
Ich finde es zu unberechenbar und ich glaube, dass fĂŒr diese Leute der emotionale Druck viel zu groĂ ist.
01:06:30
Die mĂŒssen auf einmal ĂŒber ein Menschenleben entscheiden. Ich finde es nicht so gut.
01:06:35
Und ich finde auch, dadurch, durch dieses Jury-System ist es halt viel krasser, auch zum Beispiel in Amerika, dass die Verteidigung und dass die Staatsanwaltschaft Geschichten erzÀhlen.
01:06:44
Um die zu beeinflussen.
01:06:46
Um die total zu beeinflussen. Und da stehen dann Strafverteidiger, so richtige Starverteidiger, ja, die wissen ganz genau, was sie machen sollen, um die Jury zu ĂŒberzeugen.
01:06:54
Die machen dann Kassballe-Theater draus.
01:06:56
Genau, das ist gefÀhrlich, ja.
01:06:58
Das Jury-System bietet eben, weil es auch so unvorhersehbar ist, viel Stoff fĂŒr Filme, in denen eben alles versucht wird, um die Geschworenen zu ĂŒberzeugen.
01:07:07
Wie zum Beispiel bei der Jury, das Urteil oder einer meiner Lieblingsfilme, Eine Frage der Ehre.
01:07:15
Da geht es um eine Strafaktion, ein Code Red, den zwei Marines bei einem Kollegen ausgefĂŒhrt haben.
01:07:21
Und dabei ist dann halt jemand gestorben.
01:07:24
Und das haben sie nur gemacht auf Anweisung eines oberen Befehlshabers.
01:07:28
Und um das Gericht zu beeindrucken, wĂ€hlt der AnklĂ€ger vor einem Zeugen, der ebenfalls bei der Marine ist, mit RegelbĂŒchern rum.
01:07:36
So nach dem Motto, nun zeigen Sie mir doch mal, wo das drinstehen soll mit dem Code Red.
01:07:41
Sie wollen mir doch nicht erzÀhlen, dass so eine wichtige Anweisung, die ich als Marine befolgen muss, nirgends festgehalten wird.
01:07:49
Da sie dann aber wirklich nicht in dem Buch stehen, beendet er sein Verhör und schon hat er Eindruck bei der Jury hinterlassen, die sich dann ja denkt, wenn das nirgendwo drinsteht, dann kann das unmöglich Vorschrift sein.
01:07:59
Aber dann kommt Tom Cruise.
01:08:06
Und reiĂt dem Gegenanwalt, als der gerade gehen will, das Buch aus der Hand und bittet genau den gleichen Zeugen, die Seite aufzuschlagen, wo geschrieben steht, wo sich die Mensa befindet.
01:08:17
Und das steht natĂŒrlich auch nicht im Buch geschrieben.
01:08:20
Sie wollen mir doch nicht erzÀhlen, dass Sie in der ganzen Zeit im Dienst keine einzige Mahlzeit hatten.
01:08:25
Doch, drei am Tag.
01:08:27
Ich verstehe nicht.
01:08:29
Also wenn das nicht im Buch drinsteht, woher wissen Sie dann, wo die Mensa ist?
01:08:33
Na, ich bin der Herde gefolgt.
01:08:35
Und weil die Geschworenen eben keine Juristen sind, ist es so wichtig, ihnen anschaulich und leicht verstÀndlich Dinge zu zeigen, die Eindruck hinterlassen.
01:08:45
Und so war es eben ein einfacher Handschuh-Trick, der damals dazu beigetragen hat, dass O.J. Simpson freigesprochen wurde.
01:08:52
Vor Gericht zieht er sich ja die Handschuhe ĂŒber, die nachweislich der Mörder getragen hatte und dreht sich zur Jury um und sagt, der Handschuh passt einfach nicht, er ist viel zu klein.
01:09:02
Was ja nicht, also man sieht einfach, dass es auch gespielt ist und er hatte halt noch diese Gummihandschuhe da drunter.
01:09:09
Naja, und beim SchlussplÀdoyer sagt O.J.'s Verteidiger dann ja auch noch, if it doesn't fit, you must acquit.
01:09:17
Und das bleibt dann bei der Jury hÀngen.
01:09:20
Du musst es so einfach wie möglich fĂŒr die machen und dann ist es aber manchmal nicht die ganze Wahrheit und dann wissen sie nicht alles.
01:09:27
Kommen wir zum Schackendorff-Fall.
01:09:30
Wir erinnern uns, Volker L. ist ja wegen Mordes an seiner Frau Nadine angeklagt.
01:09:35
Er beteuert seine Unschuld und jetzt wird eben im Indizienprozess entschieden, ob er der TĂ€ter ist oder nicht.
01:09:40
Am dritten Prozestag, der war ĂŒbrigens am 15. November, wurden insgesamt fĂŒnf Zeugen gehört, darunter auch die Mutter der Getöteten.
01:09:49
Sie erzÀhlt, dass Nadine Volker kennenlernte, als der noch verheiratet war und dass Nadine dann sogar bei dem Ehepaar einzog und mit ihnen in einer Dreiecksbeziehung lebte.
01:10:00
Die Ehefrau ist dann spÀter mit dem gemeinsamen Kind, also Volker hat auch ein Kind mit dieser Frau, ins Frauenhaus gezogen und Volker und Nadine haben dann geheiratet.
01:10:11
Was mich wundert, weil ein Frauenhaus ist ja eigentlich eine soziale Einrichtung, wo in der Regel Frauen und Kinder unterkommen, die physisch oder psychisch misshandelt wurden.
01:10:25
Naja, die Zeugin meint auf jeden Fall, dass sie Volker als, Zitat, eigentlich ganz netten Mann kennengelernt hat.
01:10:32
Zwei Monate vor Nadines Tod erzÀhlte Nadine ihrer Mutter aber dann, dass es nur noch Streit gÀbe.
01:10:38
Volker L. fand wohl, dass Nadine zu viel arbeitet, zu viel Sport macht und eben nie zu Hause ist.
01:10:44
Und damit sie zu Hause bleibt, habe er ihr sogar einmal ein Medikament ins GetrÀnk gemischt, damit sie einen Kreislaufkollups bekommt.
01:10:51
Also das hat Nadine ihrer Mutter so erzÀhlt.
01:10:53
In der Tatnacht hatte die Zeugin Volker L. um halb sechs in der FrĂŒh angerufen und gefragt, ob Nadine schon wieder aufgetaucht sei.
01:11:01
Und Volker L. meinte daraufhin dann, dass er noch auf der Suche ist.
01:11:04
Und dabei hat er wohl extrem geröchelt, Zitat, als hÀtte er irgendetwas Schweres gemacht, so die Schwiegermutter.
01:11:12
AuĂerdem sei Volker L. oft eifersĂŒchtig gewesen, vor allem auf Nadines Sporttrainer, das hatten wir ja schon mal gehört.
01:11:18
Das bestÀtigte dann auch die Schwester des Opfers, die auch an dem Tag als Zeugin auftrat.
01:11:24
Neben den beiden Familienmitgliedern wurden noch die Ex-Frau, ein Familienfreund und eine Frau verhört, die im selben Hotel Urlaub gemacht hatte wie das Paar.
01:11:32
Volker L.'s Verteidiger Jonas Hennig hatte alle Zeugen gefragt, ob es irgendwann einmal zur körperlichen Gewalt oder Anruhung von Gewalt gekommen sei.
01:11:40
Und das wurde von allen verneint.
01:11:42
Die Mutter von Nadine hatte aber erzÀhlt, dass Volker auf Anregung ihrer Tochter ein Anti-Aggressionstraining mitgemacht habe.
01:11:49
AuĂerdem ging es wieder um das Sexleben der beiden.
01:11:53
Nadine L. hat ihrer Mutter wohl erzÀhlt, dass ihr Mann bei SM-Spielen immer den devoten Part einnehme.
01:11:59
Ja, das ist auch was, was man gut mit seinen Eltern bereden kann.
01:12:03
Typisches Mama-Kind-GesprÀch.
01:12:08
Ja, und der Freund des Paares, der als letztes dran war, war die erste Person, die durchweg positiv ĂŒber den Angeklagten gesprochen hat.
01:12:15
Und der Meinung ist, dass Volker L. nicht der TĂ€ter ist.
01:12:18
Drei Zeugen mussten ĂŒbrigens wieder nach Hause geschickt werden.
01:12:22
Die werden dann wohl am nÀchsten Prozesstag vernommen.
01:12:26
Ich hoffe so sehr, dass beim nÀchsten Prozesstag jetzt endlich mal der Zeuge vernommen wird, der mit Volker L. zusammen diese Leiche gefunden hat.
01:12:33
Denn das finde ich ja besonders spannend.
01:12:35
Der war eigentlich ja schon fĂŒr den ersten Prozesstag angesetzt, aber wurde jetzt immer wieder verschoben.
01:12:40
Auf den war ich schon ganz aufgeregt.
01:12:43
Ja, weil der halt eben sagen kann, wie Volker da reagiert hat.
01:12:47
Naja, also der nÀchste Prozesstag ist am 27. November.
01:12:51
Ich wurde ĂŒbrigens neulich zu unserer ersten Folge zurĂŒckversetzt.
01:12:55
Da hatte ich dir doch von dieser Geburtstagsleiche erzÀhlt.
01:12:58
Und ich hatte den Mörder, der so blond-rothaarig war, mit einer bestimmten Person verglichen.
01:13:08
Alfie Hardcore, der immer Hyper-Hyper singt.
01:13:10
Und Alfie Hardcore stand neulich vor unserer Arbeit.
01:13:17
und wollte ein Foto mit mir machen.
01:13:19
Und das Ding ist, ich, also der war super nett und ich habe mich, weil er auch so nett war,
01:13:30
nicht getraut, ihn zu fragen, ob er unseren Podcast hört, weil dann hĂ€tte ich ja sagen mĂŒssen,
01:13:36
dass ich ihn mit einem Mörder verglichen habe.
01:13:38
Aber ich habe das Foto.
01:13:42
Ich zeige es dir.
01:13:45
Das packen wir ĂŒbrigens auch auf Instagram.
01:13:48
Da kriegt ihr von uns immer Hintergrundinformationen und wir freuen uns, euch da immer mit einbeziehen
01:13:55
Also schaut gerne da vorbei.
01:13:56
Da heiĂen wir ĂŒbrigens Mordlust, der Podcast.
01:13:59
Und worĂŒber wir uns noch freuen wĂŒrden, ist, wenn ihr uns bei Apple Podcast bewerten wĂŒrdet.
01:14:05
In Folge 11 sprechen wir ĂŒbrigens ĂŒber In the Dark.
01:14:09
Das ist ein True-Crime-Podcast aus Amerika.
01:14:12
Der ist der Hammer.
01:14:14
Und damit ihr uns dann folgen könnt, wĂŒrden wir vorschlagen, dass ihr euch den Podcast
01:14:17
bis dahin anhört.
01:14:18
Also ihr habt jetzt zwei Wochen Zeit, aber ich bin sicher, dass ihr das innerhalb von zwei
01:14:22
Tagen durch habt.
01:14:23
Der hat nÀmlich höchstes Suchtpotenzial.
01:14:25
Wenn ihr es aber nicht schafft oder weil ihr keinen Bock drauf habt, weil er halt auf Englisch
01:14:28
ist, werden wir den in der nĂ€chsten Folge aber natĂŒrlich auch nochmal erklĂ€ren.
01:14:33
Das war's dann schon mit unserem England-Spezial.
01:14:37
God save the cream.
01:14:41
And ginger beer.