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Laura, gerade erst hat uns jemand auf Instagram einen TikTok weitergeleitet.
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Ich finde das leider jetzt nicht mehr, aber es war so ein Aufreger-Video.
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Was ist ein Aufreger-Video?
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Also nach dem Motto, fĂŒr Steuerhinterziehung bekommt man so und so viele Jahre Haftstrafe,
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aber da hat jemand eine Oma umgenietet und der kommt nicht ins GefÀngnis und muss nur eine Geldstrafe zahlen oder so.
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Ich habe mir das nicht richtig angesehen, weil meist fehlt eh alles an Informationen und das ist ja auch einfach so populistisch.
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Und jetzt bin ich aber schon wieder ĂŒber sowas gestoĂen und zwar ĂŒber einen Artikel von einem Juristen,
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wo auch verglichen wird und zwar wie folgt.
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Also der eine Fall wird da so beschrieben.
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Knapp drei Jahre Haft bekam ein Musikprofessor dafĂŒr, dass er eine Bewerberin an drei verschiedenen Bewerbungsterminen an den Busen gefasst hatte.
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Und das stellt der Mann gegenĂŒber zu Johnny Carr, der ja 2012 am Alexanderplatz getötet wurde und sagt, Zitat,
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FĂŒr die tödlichen FuĂtritte gegen das am Boden liegende wehrlose Opfer bekam der TĂ€ter viereinhalb Jahre Haft.
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Und in MĂŒnchen hatte vor einigen Wochen ein angetrunkener Mann eine junge Frau mit einem so heftigen Faustschlag vor der Disco niedergestreckt,
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dass er ihr die Nase brach, wobei er dem blutenden Opfer zu allem Ăberfluss auch noch ins Gesicht spuckte.
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100 TagessÀtze Geldstrafe lautete das Urteil.
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Und dieser Jurist bemĂ€ngelt da also die VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit mit derselben Empörung wie ein ZwölfjĂ€hriger auf TikTok.
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Ganz kurz, ich möchte das nochmal rekapitulieren.
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Also fĂŒr das erste mit dem Busen gab es wie viel?
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Busen drei Jahre.
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Viereinhalb Jahre.
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Viereinhalb Jahre und ins Gesicht schlagen und spucken waren?
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100 TagessÀtze Geldstrafe.
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Ja, okay. Und der Jurist, hat der denn VorschlÀge, wie man die einzelnen Straftaten denn dann bestrafen sollte?
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Also ihm geht es quasi darum, dass FÀlle wegen sexueller BelÀstigung zu hoch bestraft werden, wenn man sie ins VerhÀltnis setzt zu diesen anderen Straftaten.
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Ich habe jetzt mit unseren Juristen gesprochen, die sich die Folgen hier auch immer anhören und sagen wir mal so, da sind viele Fragezeichen entstanden zu diesem Artikel.
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Und das fĂ€ngt natĂŒrlich damit an, dass wir nicht alle Informationen kennen bei den unterschiedlichen FĂ€llen.
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Also beispielsweise, wer war dieser TĂ€ter von Johnny Carr?
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War der TÀter bei Johnny Carr vielleicht minderjÀhrig oder betrunken?
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Hat er durch die Tritte wirklich töten wollen?
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In welchem Geisteszustand befand er sich bei der Tat?
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War er vorbestraft?
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Und all solche Sachen und auch die persönlichen VerhÀltnisse und so.
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Diese Informationen, die lassen sich alle in diesem Artikel nicht finden.
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Und deswegen, weil es eh auch unterschiedliche Straftaten sind, ist es halt so ein bisschen Ăpfel mit Birnen vergleichen.
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Ja, was mich zum Beispiel auch interessieren wĂŒrde, wenn ich jetzt nur höre, dreimal in verschiedenen BewerbungsgesprĂ€chen an die Brust gefasst.
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Ja, wie sah das denn genau aus?
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Weil drei Jahre dafĂŒr, das kommt mir jetzt sozusagen auf den ersten Blick ja auch hoch vor.
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Und deswegen wĂŒrde ich gerne dazu noch mehr wissen.
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Wie sah das aus?
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In welchem VerhÀltnis waren die?
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Was gab es da fĂŒr eine Vorgeschichte?
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Wie sah das aus?
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Ja, wie das genau aussah, kann ich dir nicht sagen.
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Aber im Zweifel bringt uns das hier ja auch nicht weiter.
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Aber genau, also es fehlt einfach ganz, ganz viel, um sich hier eine Meinung zu bilden.
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Und das war auch in diesem TikTok-Video so.
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Weil diese Strafzumessungen durch Gerichte, das sind ja immer Einzelfallentscheidungen.
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Und es ist eben nicht deren Aufgabe, ein Urteil zu fĂ€llen, was im Vergleich zu anderen Urteilen auf irgendeine Art gerecht fĂŒr die Bevölkerung wirkt.
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Ja, weil erstens mal, wie soll das auch funktionieren?
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Soll man sich dann alle Urteile zu jeder Straftat dann immer nochmal anschauen oder welche, die vielleicht Àhnlich sind?
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Wobei die, die du ja oder dieser Mensch in seinem Artikel hat, sind ja total unterschiedlich.
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Und wenn man jetzt auf die Bevölkerung guckt, ist es ja auch schwierig, weil subjektiv Menschen ja verschiedene Meinungen dazu haben, was wie hart bestraft werden sollte.
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Ja, davon abgesehen, genau.
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Und deswegen ist es, glaube ich, auch so ein Aufreger im Internet.
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Und diese Vergleiche, ich bin die wirklich so ein bisschen leid.
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Ja, weil wir können ja so froh sein, dass wir in einem Land leben mit Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit und Schuldprinzip und dass unsere Gerichte unabhÀngig sind.
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Und dass ein Gericht nicht gezwungen ist, sich an anderen Entscheidungen zu orientieren, sondern sich halt immer die individuelle Person anguckt und die Vorgeschichte und was vor der Tat passiert ist und die Motive und was die Person als Mensch ausmacht.
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Und dass man nicht ein StrafmaĂ nur im Sinne der VerhĂ€ltnismĂ€Ăigkeit auf gewisse Taten anwendet.
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Das wĂŒrde am Ende noch mehr Ungerechtigkeit mit sich ziehen.
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Ja, also wollte ich an dieser Stelle mal gesagt haben, weil diese Videos und Artikel darĂŒber, die gibt es zuhauf, vor allem immer dann, wenn irgendwas passiert ist.
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Und dass Leute, die unseren Podcast vielleicht auch schon lÀnger verfolgen und die solche Sachen sehen, dass die nicht auf diese populistische Rhetorik dann reinfallen.
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Wobei es ja auch echt schade ist, dass sowas offenbar sogar von Menschen kommen, die Ahnung haben, also von Juristen.
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Wo man dann als Laie oder Laien natĂŒrlich denkt, ja, diese Person hat Ahnung.
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Ja, auch Menschen mit Ahnung haben manchmal seltsame Ansichten.
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Und damit herzlich willkommen zu Mordlust, einem Podcast der Partner in Crime.
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Wir reden hier ĂŒber wahre Verbrechen und ihre HintergrĂŒnde.
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Mein Name ist Paulina Kraser und ich bin Laura Wohlers.
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In jeder Folge gibt es ein bestimmtes Oberthema, zu dem wir zwei wahre KriminalfĂ€lle erzĂ€hlen, darĂŒber diskutieren und auch mit Menschen mit Expertise sprechen.
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Hier geht es um True Crime, also auch um die Schicksale von Menschen.
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Bitte bealtet das immer im Hinterkopf, wenn ihr die Folgen hört.
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Das machen wir auch, selbst dann, wenn wir zwischendurch mal ein bisschen lockerer miteinander reden.
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Das ist fĂŒr uns einfach immer nur so eine Art Comic Relief, aber natĂŒrlich nicht despektierlich gemeint.
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Wenn ihr in den letzten fĂŒnf Jahren hier aufmerksam zugehört habt, dann wisst ihr, dass die Tötung eines Menschen juristisch ganz unterschiedlich bewertet werden kann.
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Und dass es dann neben Mord und Totschlag zum Beispiel auch noch sowas gibt wie Körperverletzung mit Todesfolge oder fahrlÀssige Tötung und noch ein paar mehr.
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Alles Straftaten, die durch die unterschiedliche Bewertung eben auch unterschiedliche Strafen nach sich ziehen.
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Und jetzt gibt es aber eine Form der Tötung, die im Strafgesetzbuch nicht verankert ist.
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Und damit bleibt sie auch straffrei, nÀmlich der Suizid, also wenn man sich selbst tötet.
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Dass man jetzt dafĂŒr nicht bestraft wird, ist ja erstmal logisch, weil man ist ja dann auch tot.
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Man wird hier aber auch nicht fĂŒr den Versuch bestraft.
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Das ist in einigen LĂ€ndern wie Kenia, aber anders.
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Und Grund dafĂŒr ist, dass wir in Deutschland das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben.
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Das ist in Artikel 2 des Grundgesetzes verankert.
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Und dieses Recht schlieĂt laut einem Leitsatz des Bundesgerichtshofs auch das Recht, mit einem seinem Leben ein Ende zu setzen.
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In Karlsruhe ist man nÀmlich der Ansicht, dass die Entscheidung zu sterben ein Akt autonomer Selbstbestimmung ist.
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Und deswegen sowohl vom Staat als auch von der Gesellschaft zu respektieren sein muss.
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Suizide sind also keine Verbrechen.
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Und trotzdem sprechen wir jetzt in dieser Folge darĂŒber, weil es gibt Menschen, die auf dem Weg zu ihrem Suizid Straftaten begehen.
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Und von solchen FÀllen erzÀhlen wir euch jetzt.
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Und damit kennt ihr die entsprechende Triggerwarnung, die diesmal fĂŒr die ganze Folge gilt.
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Mein Fall zeigt, dass ein schöner Schein dunkle Schatten mit sich ziehen kann.
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Alle Namen habe ich geĂ€ndert und die explizite Triggerwarnung fĂŒr diesen Fall findet ihr in der Folgenbeschreibung.
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Fabrice kann es nicht glauben.
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Fassungslos sitzt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern zu Hause am Tisch.
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Obwohl es noch frĂŒh am Morgen ist, trĂ€gt der eiskalte Januartag 1993 bereits jetzt eine kaum auszuhaltende Schwere mit sich.
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Immer wieder hat Fabrice die schrecklichen Bilder vor Augen, deren Zeuge er vor nur wenigen Stunden wurde.
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In Gedanken daran faltet er seine HĂ€nde zum Gebet.
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Seine Familie tut es ihm gleich.
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Sie denken an Fabrizes besten Freund, der gerade im Krankenhaus um sein Leben kÀmpft.
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Der stille Wunsch von Fabrice, seiner Frau und seinen Kindern ist eindeutig.
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Sie beten, dass er nie wieder aufwacht.
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Die Lage am Genfer See, das Jura-Gebirge fast vor der HaustĂŒr.
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Das Dorf Prövesar im Osten von Frankreich ist ein idyllisches Fleckchen Erde.
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Hier, nur zwölf Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, hat sich Familie Bernard in einem der unscheinbaren, aber grÀumigen LandhÀuser niedergelassen.
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Vater Adam, Mutter Amelie, die siemjĂ€hrige Anouk und der fĂŒnf Jahre alte Noah.
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In der Nachbarschaft sind die Bernars beliebt, vor allem Adam, besser bekannt als Dr. Bernard.
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Der 38-JĂ€hrige genieĂt groĂes Ansehen, seitdem er sich bei den AnwohnerInnen als Arzt vorgestellt hat,
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der, wenn er nicht gerade bei der Weltgesundheitsorganisation an einem Mittel gegen eine GefĂ€Ăerkrankung forscht,
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an internationalen Medizinkongressen in New York, Tokio oder anderen Metropolen teilnimmt.
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FĂŒr den stĂ€mmigen Mann mit dem dunklen, schĂŒtteren Haar war der Weg zum erfolgreichen Mediziner aber keinesfalls vorbestimmt.
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Der 38-JÀhrige kommt nÀmlich aus einer Försterfamilie.
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Bereits seit vielen Generationen kĂŒmmern sich die BernarmĂ€nner um Forst und Boden.
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Die Naturverbundenheit wurde Adam sozusagen in die Wiege gelegt.
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Schon als kleiner Junge liebte er es, mit seinem Vater Robert durch die sattgrĂŒnen WĂ€lder zu streifen, umgeben vom erdigen Duft der Natur.
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So liegt es nahe, dass sich Adam nach seinem Abitur fĂŒr ein Forstwirtschaftsstudium entscheidet.
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Um die AufnahmeprĂŒfung zu bestehen, schreibt er sich 1971 in eine sogenannte Vorbereitungsklasse in Lyon ein.
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Dort trifft er aber nicht nur auf Gleichgesinnte, die sich wie er fĂŒr Forstwirtschaft interessieren,
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sondern auch auf Kinder aus wohlhabenden MedizinerInnenfamilien und Sprösslinge erfolgreicher AnwÀltInnen.
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Da keimen Zweifel in Adam auf, die schon bald zu einem eindeutigen Wunsch heranwachsen.
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Er will nicht mehr in den Forst, sondern in die Medizin.
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Denn er will den sozialen Aufstieg schaffen und das Leben leben, das die anderen jungen Menschen um ihn herum haben.
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AuĂerdem ist da noch Amelie.
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Eine groĂe, schlanke junge Frau mit ausgeprĂ€gten Wangenknochen.
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Adam himmelt Amelie schon an, seit er ein Teenager ist.
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Und Amelie hat sich fĂŒr das Medizinstudium in Lyon eingeschrieben.
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Und so tut er es ihr gleich.
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Dass Adam nicht in die beruflichen FuĂstapfen seines Vaters treten will, ist eine EnttĂ€uschung fĂŒr seine Eltern Robert und Simon.
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Allerdings wĂ€hrt dieses GefĂŒhl nicht lange.
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Denn mit der Vorstellung, ihr einziges Kind könnte ein angesehener Arzt werden, können sie sich immer mehr anfreunden.
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Als Adam also ins Medizinstudium startet, verfolgen Robert und Simon seine akademischen Schritte mit Begeisterung
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und gratulieren zu jeder bestandenen PrĂŒfung.
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Und sie freuen sich auch, als aus Adam und Amelie erst ein Paar wird und ihr Sohn die Tochter aus gutem Hause 1984 dann schlieĂlich heiratet.
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Nachdem Adam Robert und Simon dann auch noch zu GroĂeltern macht und sie erfahren, dass er einen Job bei der WHO ergattert hat,
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platzen sie beinahe vor Stolz.
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Um sich und andere an die Erfolge ihres Sohnes zu erinnern, hÀngt bei ihnen zu Hause ein schwarz gerahmtes Foto an der Wand.
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Es zeigt das imposante glÀserne WHO-GebÀude, an dem Adam eines der Fenster mit einem kleinen Kreuz markiert hat.
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Hier hat ihr Sohn sein BĂŒro.
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Wenn Robert und Simon auf das Bild schauen, dann wissen sie, ihr Sohn hat's geschafft.
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Dabei ist die Lage seines BĂŒros nahezu das Einzige, was sie ĂŒber Adams Arbeit wissen.
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Details kennen sie nicht, denn Adam legt groĂen Wert darauf, Berufliches und Privates zu trennen.
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Weil er am Arbeitsplatz nicht gestört werden will, hat niemand seine Telefondurchwahl.
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Und zu Hause verliert er auch nur wenige Worte ĂŒber seinen Alltag in der Medizin.
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Seine Eltern akzeptieren das, genau wie seine Frau Amelie und sein bester Freund Fabrice.
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Fabrice kennt Adam seit seiner Schulzeit.
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Die beiden passen wie die Faust aufs Auge, denn mit seiner selbstbewussten, extrovertierten Art ergĂ€nzt Fabrice den eher ruhigen, manchmal sogar schĂŒchtern wirkenden Adam perfekt.
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So haben sie zusammen nicht nur die Schule, sondern auch das Medizinstudium gemeinsam hinter sich gebracht.
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Auch heute, als erwachsene MĂ€nner, verbringen die beiden noch immer viel Zeit miteinander.
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Es stehen immer wieder Filmabende mit der ganzen Familie auf dem Programm und im Sommer der Urlaub in Italien.
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Wie eng die Freundschaft zwischen Adam und Fabrice ist, zeigt sich auch an den Patenschaften, die sie gegenseitig fĂŒr ihre Kinder ĂŒbernommen haben.
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Doch das innige Band der beiden MĂ€nner soll schon bald erste Risse bekommen.
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Montag, 11. Januar 1993
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Das Klingeln des Telefons reiĂt Fabrice um vier Uhr morgens aus dem Schlaf.
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MĂŒde greift er zum Hörer.
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Die Worte, die er vernimmt, sorgen aber dafĂŒr, dass er schlagartig wach wird.
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Adams Haus stehe in Flammen.
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Ohne lang zu fackeln, stĂŒrmt Fabrice zum Auto und fĂ€hrt zu seinem besten Freund ins Nachbardorf.
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Dort angekommen, bahnt er sich den Weg vorbei an den roten Feuerwehrfahrzeugen.
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Die eiskalte Winterluft riecht nach Rauch, aber Fabrice sieht in Adams Einfamilienhaus keine lodernden Flammen.
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Die Löscharbeiten mĂŒssen bereits abgeschlossen sein.
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ZurĂŒckgeblieben ist er nahezu komplett ausgebrannter Dachstuhl.
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Und es kommt noch schlimmer.
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Fabrice muss mit Ansehen, wie RettungskrÀfte aus dem Inneren des Hauses drei Bahren tragen.
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Auf jeder davon liegt ein lebloser Körper.
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Zwei von ihnen sind nicht nur stark verkohlt, sondern auch auffÀllig klein.
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Die Leichen seiner Patenkinder Anouk und Noah, die in viel zu groĂen grauen SĂ€cken verschwinden.
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Keiner der RettungskrÀfte hÀlt Fabrice auf, als er an die dritte Bahre herantritt.
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Auch auf ihr liegt ein Mensch, dessen Herz nicht mehr schnÀgt.
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Fabrice erkennt sie sofort.
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Adams Frau Amelie.
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Anders als die Leichen ihrer Kinder ist sie nicht verkohlt.
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Ihr Gesicht ist nur etwas geschwĂ€rzt vom RuĂ.
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Als Fabrice es genauer betrachtet, fÀllt ihm etwas auf.
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An ihrem Kopf klafft eine Wunde.
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Er macht einen der Feuerwehrleute darauf aufmerksam.
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Der erklÀrt ihm, dass Amelie vermutlich von einem Balken getroffen wurde.
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SchlieĂlich ist durch das Feuer der halbe Dachstuhl eingestĂŒrzt.
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WĂ€hrend fĂŒr Mutter Amelie und die Kinder jede Hilfe zu spĂ€t kommt, gibt es ein Mitglied der
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Familie Benner, das in dieser Nacht nicht in einem Leichenwagen abtransportiert wird.
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Der 38-JĂ€hrige liegt regungslos in seinem halb verkohlten Schlafanzug auf der Liege eines Rettungswagens.
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Als die TĂŒren sich schlieĂen und das Auto mit heulenden Sirenen ins Krankenhaus fĂ€hrt, macht sich Fabrice auf den Weg zurĂŒck nach Hause.
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Dort ĂŒberbringt er seiner Frau und den beiden Kindern die schreckliche Nachricht, dass Amelie, Anouk und Noah tot sind und Adam im Krankenhaus um sein Leben kĂ€mpft.
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Alle sind geschockt und fĂŒhlen sich hilflos.
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Das Einzige, was sie jetzt tun können, ist beten.
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Und so senden alle vier in diesen frĂŒhen Morgenstunden den gleichen religiösen Appell gen Himmel.
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Sie bitten darum, dass Adam seinen Kampf ums Ăberleben nicht gewinnt.
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Denn Fabrice ist sich sicher, ohne seine Familie möchte sein bester Freund nicht weiterleben.
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Als Fabrice wenige Stunden spĂ€ter seine Arztpraxis ausschlieĂen will, wird er bereits erwartet.
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Nicht von PatientInnen, sondern von zwei PolizistInnen, die mit ihm ĂŒber Adam und seine Familie sprechen wollen.
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Sie fragen, ob die Benners Feinde haben.
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Ob er sich vorstellen könne, dass sie in irgendetwas verwickelt gewesen sein könnten.
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Fabrice findet diese Fragen absurd.
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Amelie und Adam seien anstÀndige Menschen, die man nur mögen könne, sagt er bestimmt.
00:14:46
Die BeamtInnen erklÀren ihm, dass bei der Obduktion festgestellt wurde,
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dass Amelie und die Kinder nicht durch das Feuer im Haus ums Leben kamen,
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sondern dass Anouk und Noah zuvor erschossen wurden
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und Amelie durch stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Kopf getötet wurde.
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Die Wunde, die Fabrice aufgefallen war, stammte also doch nicht von einem abgestĂŒrzten Balken.
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Fabrice ist verwirrt.
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Bis eben war er noch davon ĂŒberzeugt, dass die Benners durch ein tragisches BrandunglĂŒck gestorben sind.
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Doch das ist nicht alles.
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Von der Polizei erfÀhrt er weiter, dass die drei nicht die einzigen Opfer sind.
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Es gibt noch weitere Tote mit dem Namen Benner.
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Auch Adams Eltern Robert und Simon wurden erschossen in ihrem Haus aufgefunden, genauso wie ihr Labrador.
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Und zwar mit derselben Waffe, mit der auch Adams Kinder getötet wurden.
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Welche das ist und wem sie gehört, wissen die Ermittlungen zu dem Zeitpunkt noch nicht.
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Doch in Anbetracht aller UmstÀnde deute vieles auf eine ganz bestimmte Person hin,
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die jetzt in den Fokus der Ermittlungen rĂŒckt.
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Der Einzige, der von der Familie ĂŒberlebt hat.
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Doch dass sein bester Freund seine ganze Familie ausgelöscht haben soll,
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kann sich Fabrice nicht vorstellen.
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Warum hÀtte er das tun sollen?
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Was die Beamtinnen Fabrice in diesem Moment vorenthalten ist,
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dass sie die Antwort auf die Frage nach dem Warum schon haben.
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Es waren nur ein paar Anrufe bei der WHO und der Ărztekammer nötig,
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um sein mögliches Motiv offen zu legen.
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Adam lebt eine LĂŒge.
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Und das schon seit 18 Jahren.
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Seitdem er Arzt werden wollte.
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Dabei beginnt Adams Medizinstudium Anfang der 70er Jahre vielversprechend.
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Der Erstsemester ist fleiĂig und wissbegierig.
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Der Vorstellung, kranke Menschen zu behandeln, kann er zwar nichts abgewinnen,
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dafĂŒr macht es ihm aber groĂen SpaĂ, sich medizinisches Know-how anzueignen.
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In den Vorlesungen schreibt er so akribisch mit,
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dass KommilitonenInnen ihn um seine Notizen bitten.
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Am liebsten lernt er in dieser Zeit mit seinem besten Freund Fabrice und Amelie,
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mit der er kurz nach Beginn des Studiums zusammengekommen ist.
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Doch als Amelie sich kurz vor Ende des vierten Semesters von Adam trennt,
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um sich voll und ganz auf die Uni zu konzentrieren,
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bricht das nicht nur sein Herz, sondern auch sein Interesse am Medizinstudium.
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Ăber Wochen hĂ€ngt der 21-JĂ€hrige daraufhin deprimiert in seiner Studentenbude herum
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und verlĂ€sst sie auch nicht, als im FrĂŒhjahr 1975 die JahresabschlussprĂŒfung ansteht.
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Der einzige Musterstudent schreibt die Klausur nicht mit
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und verbaut sich dadurch den Start ins dritte Studienjahr.
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Das bleibt allerdings sein Geheimnis.
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Als ihn seine Eltern fragen, wie die PrĂŒfung gelaufen sei, sagt er gut.
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Es ist die erste LĂŒge, auf die im Laufe der nĂ€chsten Jahre unzĂ€hlige weitere folgen sollen.
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Obwohl Adam die Klausur hat sausen lassen, ignoriert er auch die NachprĂŒfung.
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Trotzdem geht er bald wieder zur Uni.
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Zusammen mit Fabrice und auch mit Amelie.
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Denn als die zu ihm zurĂŒckkehrt, sieht Adam keinen Grund mehr,
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weiter in seinem Zimmer zu hocken und trĂŒb sein zu blasen.
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In den folgenden Jahren besucht Adam mit ihnen Kurse und Vorlesungen
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und klettert wie sie die akademische Karriereleiter nach oben.
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Zumindest lÀsst er sie das glauben.
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In Wahrheit kommt er aber keinen Schritt voran.
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Bei dem die eine entscheidende PrĂŒfung fehlt,
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schreibt er sich jedes Jahr heimlich aufs Neue fĂŒr das zweite Studienjahr ein
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und tut einfach nur so, als wĂŒrde er studieren.
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Die Univerwaltung scheint das nicht zu stören.
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Doch das Àndert nichts daran, dass Adam nicht berechtigt ist,
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an den PrĂŒfungen der höheren Semester teilzunehmen.
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Es ist zu spÀt.
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Er hat den Fortgang seines Studiums verspielt.
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Doch statt sich seinen Scheitern einzugestehen, entwickelt er eine Taktik.
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Wenn Fabrice und Amelie Klausuren schreiben, hÀlt er sich kurz davor und danach im jeweiligen
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Flur der PrĂŒfungsrĂ€ume auf, damit alle denken, er nimmt ebenfalls teil.
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Es ist ein strategisches Vorgehen, das Adam bis zum vermeintlichen Ende seines Studiums durchzieht.
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Insgesamt zehn Jahre lang.
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Das ist ja gerissen.
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Ja, vor allen Dingen, das zehn Jahre lang so zu machen.
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Also ich habe immer das GefĂŒhl, da gehört so eine besondere Art der AbgebrĂŒhtheit zu.
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Dass man das auch so durchzieht.
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Und ich meine, wahrscheinlich, wenn es öfter klappt, dann hat man natĂŒrlich auch die BestĂ€tigung.
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Aber das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass das so lange Zeit nicht auffÀllt.
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Aber was ich mir auch denke, wenn jemand das halt zehn Jahre lang macht, dass das irgendwann
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quasi ganz normal fĂŒr diese Person wird und die Person vielleicht sich auch selber einredet
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oder am Ende wirklich glaubt, ja, ich schreibe hier ja die Klausuren.
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Obwohl die anderen dann reingehen und die geht dann nach Hause, die Person.
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Du meinst, die Person glaubt dann selber auch irgendwann, ich habe die Klausur ja geschrieben.
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Und ist dann aufgeregt, was sie zu sagen.
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Ja, das kann natĂŒrlich sein.
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1985, ein Jahr nach seiner Hochzeit mit Amelie, erzÀhlt der 31-JÀhrige seinen Eltern dann
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Stolz, er habe sein Examen bestanden.
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Reinen Tisch zu machen, ist fĂŒr Adam jetzt keine Option mehr, dafĂŒr hat er schon zu lange
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Stattdessen erfindet er einen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem medizinischen Institut in
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Seine Eltern und Amelie glauben ihm auch das.
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Warum auch nicht?
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SchlieĂlich verlĂ€sst Adam jeden Morgen das Haus.
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SpĂ€ter verkĂŒndet er dann auch schon die nĂ€chste LĂŒge, er habe ein Angebot bei der WHO in Genf
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DafĂŒr zieht er sogar mit Amelie an die Schweizer Grenze.
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Im Ende der 80er kommen Anouk und Noah zur Welt.
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Und wenn ihn seine Familie in seinem BĂŒro bei der WHO vermutet, streift Adam durch die WĂ€lder
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des Juras, sitzt in Cafes oder an RaststÀtten in seinem Auto und liest medizinische Fachzeitschriften.
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NatĂŒrlich weit genug entfernt, um zu vermeiden, von Bekannten gesehen zu werden.
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Dass Adam tatsĂ€chlich regelmĂ€Ăig das glĂ€serne WHO-GebĂ€ude in Genf betritt, ist nur ein Mittel,
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um die Fassade nach auĂen aufrecht zu erhalten.
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Statt in den Laboren bahnbrechende medizinische Forschung zu betreiben, lungert er in der Besucherhalle
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herum und fĂŒllt dort seine Aktentaschen mit kostenlosem Briefpapier, mit WHO-Logo, Kugelschreibern
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und Flyern, um seine ScheinexistenzglaubwĂŒrdigkeit zu verleihen.
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Auch die öffentlich zugÀnglichen Dienstleistungen nutzt Adam.
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Briefe verschickt er ĂŒber die WHO-Poststelle, Familienurlaube bucht er ĂŒber das WHO-ReisebĂŒro.
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Und wenn er sich von Amelie auf eine GeschÀftsreise verabschiedet,
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checkt er in einem Hotel am Genfer Flughafen ein und liest ReisefĂŒhrer der LĂ€nder, in denen er vorgibt, zu sein.
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Oft hat er bei seiner RĂŒckkehr sogar Mitbringsel fĂŒr Anouk und Noah im GepĂ€ck.
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Die kauft er jedoch nicht im Ausland, sondern in den Souvenirshops am Genfer Flughafen.
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Also das ist so abgewichst, ne?
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Ja, Fass ist nicht.
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Da muss man auch erstmal drauf kommen.
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Und wie fĂŒhlt man sich, wenn man in einem Hotel am Flughafen sitzt,
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ein ReisefĂŒhrer ĂŒber New York liest, damit man danach sagen kann, ich war in New York.
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Da gab's den Big Apple.
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Ganz groà und schön.
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Also ich frag mich tatsĂ€chlich, wie man sich Erlebnisse und EindrĂŒcke anlesen kann.
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Und bei ihm war das ja nicht nur das, also es ging ja auch noch um das Studium.
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Ich meine, der hÀngt da irgendwie mit seinen Freunden ab, die selber Medizin studiert haben und das fÀllt nicht auf oder was?
00:21:27
Ich find das ganz absurd.
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Naja, Gerd Postel war Leiter einer psychiatrischen Klinik, ne?
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Mehr muss man dazu nicht sagen als Postbote.
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Der bekannte Hochstapler, ĂŒber den wir ja auch schon mal gesprochen haben.
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Ja, und dieses Wissen, das sich Adam mit diesen Fachzeitschriften, BĂŒchern und eben auch Reisehörern aneignet,
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das ist fĂŒr ihn so eine Art intellektuelle Absicherung, weil es sind Fakten, mit denen er nicht nur glĂ€nzen,
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sondern auch neugierige Nachfragen bedienen kann.
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Aber er muss nicht oft auf das Gelernte zurĂŒckgreifen.
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Adam versteht es nÀmlich ausgezeichnet, das GesprÀch geschickt von sich zu lenken
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und betont, niemanden mit Arbeitsdetails langweilen zu wollen.
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Familie und Freundinnen rechnen ihm das hoch an.
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In ihren Augen ist Adam einfach bescheiden.
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Ab 1990 integriert er dann noch eine weitere LĂŒge in seinen Alltag.
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In letzter Zeit kommt dem 36-JÀhrigen nÀmlich seine ehemalige Nachbarin Danielle immer wieder in den Sinn.
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Die Kinderpsychologin hat sich gerade von ihrem Mann scheiden lassen und lebt inzwischen in Paris,
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wo sie nun regelmĂ€Ăig Besuch von einem anderen Mann bekommt, von Adam.
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Nach einigen Treffen verliebt er sich in Danielle und ĂŒberlegt sogar, Amelie fĂŒr sie zu verlassen.
00:22:33
Um sie zu bezirzen, bietet Adam Danielle ein Luxusleben mit Schmuck, gutem Essen und Ăbernachtung in teuren Hotels.
00:22:39
Nur zahlt Danielle diese kostspieligen Gesten eigentlich selbst, ohne es zu wissen.
00:22:44
Denn um sein Leben zu finanzieren, hat Adam eine Masche entwickelt.
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Als WHO-Beamter, so erklÀrt er seinem Umfeld, habe er die Möglichkeit Geld zu einem Zinssatz von 18% gewinnbringend auf einem Schweizer Konto anzulegen.
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Dieses Angebot sagt seinen Eltern, seinem Schwiegervater und einigen Bekannten zu und so vertrauen sie Adam ihre Ersparnisse an.
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Auch Danielle ĂŒberreicht ihm einen Koffer mit 900.000 Francs in bar.
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Das sind heute ĂŒbrigens umgerechnet ungefĂ€hr 137.000 Euro.
00:23:16
Das ist alles Geld, das Adam in erster Linie nicht auf das Schweizer Konto, sondern in seine eigene Tasche steckt, um seine Familie zu unterhalten.
00:23:23
Der Aushilfsjob von Amelie in einer Apotheke genĂŒgt nĂ€mlich bei weitem nicht, um den Lebensstandard zu finanzieren, den die Bernars pflegen.
00:23:30
Doch so raffiniert und ausgeklĂŒgelt Adam lĂŒgt und betrĂŒgt, ab und zu macht er Fehler.
00:23:35
Als Amelie gegenĂŒber Fabrice einige Monate vor dem Feuer beilĂ€ufig erwĂ€hnt, dass Adam in seiner Zeit als Assistenzarzt als einer der Besten abgeschnitten habe, ist Fabrice verwundert.
00:23:45
Davon weiĂ er gar nichts.
00:23:46
Warum hat Adam das nie erwÀhnt?
00:23:48
Und nicht nur Fabrice, auch Amelie erlebt Situationen, die sie stutzig machen.
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Als Anouk und Noah drĂ€ngen endlich mal das BĂŒro ihres Papas zu sehen, fĂ€hrt Adam mit ihnen und Amelie zum WHO-GebĂ€ude.
00:23:58
Doch anstatt mit seiner Familie hineinzugehen, zeigt er bloĂ auf ein Fenster in den oberen Stockwerken.
00:24:03
Dort arbeitet Papa.
00:24:05
Dann machen sie sich wieder auf den Heimweg.
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Und da gibt es noch diesen Vorfall mit dem PrÀsidenten der Schulbehörde im Dezember 1992, den Amelie zufÀllig trifft, als sie WeihnachtseinkÀufe macht.
00:24:16
Die beiden kennen sich, weil Adam sich im Vorstand der Schule seiner Kinder engagiert.
00:24:20
Der PrÀsident erzÀhlt ihr, dass er versucht habe, Adam zu erreichen.
00:24:24
Doch die SekretÀrin bei der WHO habe im Mitarbeitendenverzeichnis gar keinen Adam-Benner gefunden.
00:24:30
Amelie ist irritiert.
00:24:32
Sicher ein MissverstÀndnis.
00:24:33
Sie verspricht ihren Mann zu fragen.
00:24:35
Ob sie das am Ende macht, ist unklar.
00:24:38
Denn wenige Wochen nach dieser Begegnung sind Amelie, Anouk, Noah und Adams Eltern tot.
00:24:43
Adam selbst ĂŒberlebt den Brand in seinem Haus, liegt danach einige Zeit im Koma, kann sich davon aber erholen.
00:24:50
So muss er sich dreieinhalb Jahre spĂ€ter, am 25. Juni 1996, wegen fĂŒnffachen Mordes vor Gericht verantworten.
00:24:58
Als der mittlerweile 41-JĂ€hrige an diesem Sommertag in Handschellen den Saal betritt, wird er vom Blitzlichtgewitter der Journalist*innen begleitet.
00:25:06
Im schwarzen Jackett ĂŒber einem dunklen Poloshirt mit offenem Kragen nimmt er auf der Anklagebank Platz.
00:25:11
In einer Vitrine vor ihm sind Fotos ausgestellt, die im Haus der Bernars sichergestellt wurden.
00:25:16
Auf einem pustet Noah Geburtstagskerzen aus, das andere ist ein Urlaubsschnappschuss, fĂŒr den die vierköpfige Familie eng aneinandergereiht posiert.
00:25:24
Momente aus der Vergangenheit, die es nie wieder geben wird.
00:25:28
Weil sich Adam dazu entschieden hat, seinen Liebsten das Leben zu nehmen, damit sein Kartenhaus nicht zusammenfÀllt.
00:25:33
Da ist sich die Staatsanwaltschaft sicher.
00:25:36
Denn Ende 1992 befindet sich Adam in einer Sackkasse.
00:25:40
Seine geliebte Danielle verlangt das Geld, das sie ihm vor einiger Zeit ĂŒberreicht hat, um es fĂŒr sie anzulegen, zurĂŒck.
00:25:46
Doch die 900.000 Francs hat Adam lÀngst ausgegeben.
00:25:49
Obwohl er normalerweise ein Meister im Hinhalten ist, kann er Danielle nicht so leicht besÀnftigen wie andere, die ihm in den vergangenen Jahren horrende Summen anvertraut haben.
00:25:58
Sie verlangt einen Termin fĂŒr die GeldĂŒbergabe.
00:26:00
Adam schlÀgt den 9.
00:26:01
Januar 1993 vor.
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Daniel willigt ein, unwissend, dass Adam soeben das Datum festgelegt hat, an dem er seine Familie töten wird.
00:26:10
Denn statt nun alle Hebel in Bewegung zu setzen, um das Geld irgendwie aufzutreiben, entscheidet er sich fĂŒr einen anderen Weg.
00:26:17
Januar, vier Tage vor den Taten, recherchiert er in einem pharmakologischen Wörterbuch die Wirkungsweisen von Arzneimitteln.
00:26:23
Dann besorgt er sich ĂŒber einen Apotheker Barbiturate â starke Mittel gegen Schlaflosigkeit.
00:26:28
In einem WaffengeschĂ€ft in Lyon kauft er auĂerdem einen Elektroschocker, zwei TrĂ€nengaskanister, eine Schachtel Patronen und einen SchalldĂ€mpfer.
00:26:36
An der Kasse bittet er, ihm diese GegenstÀnde als Geschenk zu verpacken.
00:26:40
Doch wenige Tage spÀter benutzt er sie selbst.
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Es ist mitten in der Nacht, als Adam am Samstag den 9.
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Januar an die Bettseite seiner Frau tritt, in der einen Hand ein Nudelholz.
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Sechsmal holt er aus und trifft die schlafende Amelie mit voller Wucht am Kopf.
00:26:55
Oh, und das ist auch noch so brutal, ne?
00:26:58
Ach, es ist ganz schlimm.
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Also mit einem Nudelholz.
00:27:01
Ja, da wachst du ja erstmal auf und kriegst das total mit, dass dich gerade dein Mann, den
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du liebst, versucht umzubringen.
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Also, das ist ja ein Kampf dann auch.
00:27:13
Ja, und dann wachen seine Kinder auf und fragen nach der Mama.
00:27:18
Und Adam erklÀrt, Amelie sei krank und brauche Ruhe.
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Um die beiden abzulenken, legt Adam eine Videokassette ein und macht FrĂŒhstĂŒck.
00:27:25
WĂ€hrend Anouk und Noah dann Cornflakes-Count auf dem Sofa lĂŒmmeln und die drei kleinen
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Schweinchen schauen, findet sich der böse Wolf nicht nur auf dem Bildschirm wieder.
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Er sitzt auch zwischen ihnen auf der Couch.
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Adam weiĂ, dass dieser Moment vor dem Fernseher der letzte mit seinen Kindern sein wird.
00:27:41
Denn er wird auch Anouk und Noah töten.
00:27:43
Also sagt Adam zu seiner Tochter, dass sie sich heiĂ anfĂŒhle.
00:27:46
sie solle nach oben gehen und sich auf den RĂŒcken ins Bett legen, damit er Fieber messen könne.
00:27:50
Im Kinderzimmer greift er dann aber nicht zum Thermometer, sondern zum Jagdgewehr.
00:27:54
Und er schieĂt seine siebenjĂ€hrige Tochter.
00:27:58
AnschlieĂend ruft er Noah zu sich.
00:27:59
Auch bei ihm wolle er Fieber messen.
00:28:01
Als der FĂŒnfjĂ€hrige zu seinem Papa lĂ€uft, erschieĂt er auch ihn.
00:28:05
Gegen Mittag fÀhrt Adam zu seinen Eltern, die rund eine Stunde entfernt leben.
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Robert und Simone freuen sich ĂŒber den Besuch.
00:28:12
Unter dem Vorwand, sich eine defekte LĂŒftung anschauen zu wollen, lockt Adam seinen Vater
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in sein altes Kinderzimmer.
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Als dieser sich hinkniet, um das vermeintliche Problem zu betrachten, betÀtigt Adam zum dritten
00:28:22
Mal an diesem Tag den Abzug des Jagdgewehrs.
00:28:24
Dann geht er ins Wohnzimmer und erschieĂt seine Mutter und den Familienhund.
00:28:28
Am Abend steht Adam dann vor Daniels TĂŒr, seiner Geliebten.
00:28:32
Er erzÀhlt ihr, dass er es leider nicht geschafft hat, zur Bank zu gehen.
00:28:35
Sie wird daraufhin wĂŒtend.
00:28:37
Adam vertröstet sie und schlÀgt stattdessen vor, ihn auf eine Dinnerparty zu begleiten.
00:28:41
Daniel willigt ein und steigt ins Auto.
00:28:44
Auf einem Waldweg hÀlt Adam plötzlich an und gibt vor, ihr eine Kette schenken zu wollen.
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Doch anstatt ein SchmuckstĂŒck aus seiner Tasche zu ziehen, holt Adam ein TrĂ€nengasspray hervor.
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Er spurt ihr ins Gesicht und verpasst ihr danach mit dem Elektroschocker mehrere StöĂe
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in den Unterleib.
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Daniel schlÀgt panisch um sich, bis Adam plötzlich von ihr ablÀsst.
00:29:03
Er habe gedacht, sie habe ihn angreifen wollen, behauptet Adam kleinlaut und entschuldigt sich.
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Er sah gerade etwas durch den Wind.
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Daniel gibt vor, die Entschuldigung anzunehmen und lĂ€sst sich von Adam zurĂŒck zu ihrer Wohnung fahren.
00:29:15
Die Polizei ruft sie nicht.
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Vielleicht aus Angst vor einem erneuten Angriff oder davor, ihr Geld sonst nie zurĂŒckzubekommen.
00:29:23
Den darauf folgenden Sonntag verbringt Adam zu Hause, wo die Leichen von Amelie, Anouk und Noah noch immer liegen,
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ehe er in der Nacht zum Montag das Finale seines tödlichen Plans einlÀutet, das Haus in Brand zu setzen.
00:29:35
Adam selbst sagt, er habe in den Flammen sterben wollen.
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Er spricht also von einem erweiterten Suizidversuch.
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Der Staatsanwalt dagegen bezweifelt das und beruft sich dabei auf die Ermittlungsergebnisse.
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Es sei zwar richtig, dass Adam mehrere Schlaftabletten geschluckt habe,
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allerdings waren das nicht die starken Barbiturate und die Schlaftabletten waren abgelaufen.
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AuĂerdem habe er erstens das Schlafzimmer, in dem er sich aufhielt, als einziges Zimmer nicht in Brand gesetzt,
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zweitens das Fenster geöffnet, als er wegen der Rauchentwicklung im Haus keine Luft mehr bekam
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und drittens lautstark auf sich aufmerksam gemacht, als die Feuerwehr anrĂŒckte.
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Alles Hinweise darauf, dass Adam nicht wirklich habe sterben wollen, meint die Anklage.
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Adam log fast ein halbes Leben lang und er hörte laut Staatsanwalt auch vor Gericht nicht ganz damit auf.
00:30:23
In seinem SchlussplÀdoyer sagt er, Adam sei zur Verlogenheit konvertiert, wie man zu einer Religion konvertiere.
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Zu seiner Verteidigung kann Adam nicht viel sagen.
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Auf die Frage der Richterin, warum er das ganze LĂŒgenspiel so lange durchgezogen hat,
00:30:35
sagt er nur, dass das die Frage sei, die er sich selbst seit 20 Jahren stelle.
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Wenn man einmal in diese TretmĂŒhle gerate, niemanden enttĂ€uschen zu wollen, dann ziehe die erste LĂŒge die zweite nach sich
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und ehe man sich versieht, wird daraus ein ganzes Leben, so Adam.
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Ja, ein ganzes scheiĂ Kartenhaus.
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In seinem Schlusswort richtet sich Adam an seine tote Familie.
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Er bittet sie um Vergebung.
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Vergebt mir euch nicht die Wahrheit gesagt zu haben.
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Ich werde euch in Wahrheit lieben.
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Also das hilft denen ja viel, die Liebe von jemandem, der ihnen das Leben genommen hat.
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Und es ist auch fraglich, wie viel das Wort Wahrheit aus Adams Mund bedeutet.
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Am 6. Juli 1996 fÀllt jedenfalls das Urteil.
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Adam wird wegen fĂŒnffachen Mordes schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschlieĂender Sicherungsverwahrung verurteilt.
00:31:25
Juristisch ist Adams Verbrechen aufgearbeitet.
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Doch fĂŒr einen ist es damit nicht getan.
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Fabrice hat der Prozess viel Kraft gekostet.
00:31:33
Immer wieder kommen Journalist*innen auch jetzt noch auf ihn zu und wollen Statements von ihm,
00:31:37
dem besten Freund des Mannes, der seine ganze Familie ausgelöscht hat.
00:31:41
Fabrice fragt sich, wie echt die Freundschaft mit Adam war und wie gut er ihn wirklich kannte.
00:31:46
Doch er weiĂ auch, er muss akzeptieren, dass diese Fragen vielleicht fĂŒr immer unbeantwortet bleiben.
00:31:51
Denn mit seinem ehemaligen Freund möchte er nie wieder ein Wort wechseln.
00:31:54
Als glÀubiger Christ betet Fabrice immer noch jeden Abend.
00:31:58
Mit gefalteten HĂ€nden richtet er seine WĂŒnsche an Gott, so wie er es in der schrecklichen Januarnacht gemeinsam mit seiner Familie getan hat.
00:32:05
Doch es gibt einen Unterschied.
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Adam schlieĂt Fabrice in seine Gebete jetzt nicht mehr mit ein.
00:32:10
Also dass der sich fragt, wie gut er seinen Freund kannte, offenbar ja gar nicht.
00:32:18
Also wir hatten das ja neulich hier schon mal, dass wir darĂŒber geredet haben, dass Leute versuchen immer ein Bild nach auĂen zu vermitteln,
00:32:23
was eigentlich gar nichts mit ihrer wahren Person zu tun hat.
00:32:27
Und ich meine, in diesem Fall ist das ja, das ist ja ein Con-Artist gewesen.
00:32:31
Also ein Hochstapler.
00:32:33
Und ich frage mich immer, wie passiert das eigentlich?
00:32:35
Wo ist eigentlich der Anfang?
00:32:37
Ist es so, dass das theoretisch wirklich mehreren Menschen passieren könnte, dass sie sich quasi in einer LĂŒge so verfangen und dann sich irgendwann so in eine Sackgasse rein manövrieren, dass sie da nicht mehr rauskommen?
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Und ist das das Problem oder ist das in ihrer Persönlichkeit schon so angelegt, dass die einfach zu pathologischem LĂŒgen neigen?
00:32:58
Also ich meine, Ferndiagnose, ja, aber das ist ja, was das LĂŒgen angeht, weit weg von dem, was man irgendwie als normal oder meinetwegen auch shady oder so einstufen wĂŒrde.
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Sondern der hat sich ja einfach sein ganzes Leben und seine ganze Existenz erlogen.
00:33:12
Ja, apropos Ferndiagnose, dazu muss ich auch mal sagen, dass wir in diesem Fall kein Urteil haben.
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Deswegen habe ich auch keine Infos zu einem psychologischen Gutachten und kann dir quasi nicht erklÀren, was dahinter steckt.
00:33:25
Aber um das vielleicht einmal an der Stelle schon einzuordnen, es kommt nicht oft vor, dass ein Vater seine Kinder und seine gesamte Familie tötet, in AnfĂŒhrungszeichen nur, um sein Kartenhaus aufrechtzuerhalten.
00:33:37
Also wir sprechen spĂ€ter nochmal ĂŒber die GrĂŒnde und auch, was die Psyche damit zu tun haben kann.
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Aber ich kann mir generell schon vorstellen, dass es so eine Kombination aus beidem ist.
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Also dass es irgendwie auf der einen Seite in der Persönlichkeit angelegt sein kann und auf der anderen Seite dieses, man fĂ€ngt mit einer LĂŒge an und dann fĂ€llt man sozusagen in die nĂ€chste.
00:33:58
Da hat Adam ja dann auch vor Gericht gesagt, dass wenn man halt einmal in diese TretmĂŒhle gerĂ€t, niemanden enttĂ€uschen zu wollen.
00:34:05
Das finde ich nĂ€mlich auch spannend eigentlich hier an dem Fall, weil wir nicht so viel ĂŒber Adams inneres Wissen, finde ich diesen Satz ganz wichtig, weil man so, wenn es stimmt, was er sagt, wenn man das jetzt mal voraussetzt.
00:34:20
Ich wollte nĂ€mlich gerade sagen, weil das natĂŒrlich auch immer so eine Art Viktimisierung von einem selbst ist.
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Ich konnte ja nicht anders.
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Da habe ich einmal mir einen Fehltritt erlaubt und danach ging es quasi nicht mehr.
00:34:32
Ich finde das so absurd.
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Ich meine, fĂŒr manche ist es ja auch offenbar tatsĂ€chlich irgendwie ein Ding, dass wenn die im Bett verstorben sind, dass die noch einen halben Tag damit kuscheln, bevor die irgendwie den Arzt rufen oder so.
00:34:45
Aber Helmut Kohl zum Beispiel soll ja auch zwei Wochen in seinem Wohnzimmer aufgebahrt gewesen sein.
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Das wusste ich nicht.
00:34:55
Weil seine Frau, Michael Kohlrichter, den halt da hatte, weil der diesen europÀischen Staatsakt bekommen sollte.
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Und eigentlich darf diese Zeit, wo man das macht, halt nicht lange sein.
00:35:06
Irgendwie nur so 36 Stunden oder so.
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Und der soll einfach ĂŒber zwei Wochen im Wohnzimmer da gelegen haben.
00:35:11
Nee, also das möchte ich nicht.
00:35:14
GekĂŒhlt natĂŒrlich, aber trotzdem.
00:35:16
WeiĂt du noch, als die Queen hier gestorben ist und es darum ging, sich von ihr zu verabschieden und wir dachten, also mein Mann und ich dachten, dass sie da eine Woche lang quasi auch so aufgebahrt liegt und man sich dann als BĂŒrger oder BĂŒrgerin von ihr verabschieden kann.
00:35:40
Und dafĂŒr haben sich Leute ĂŒbrigens stundenlang angestellt und andere Leute konnten Geld bezahlen, um die Schlange zu ĂŒberspringen, was alles so absurd war.
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Aber letztendlich, die Queen war nie aufgebahrt in dem Sinne, dass man sie angucken konnte, sondern das war immer zu.
00:35:55
Und dann haben mein Mann und ich uns erst recht gefragt, wieso man da dann sich stundenlang hinstellt, um auf diesen Sarg zu gucken.
00:36:04
Und als du eben meintest, weiĂt du noch, als die Queen gestorben ist, dachte ich erst, du willst die Geschichte davon erzĂ€hlen, wie ich davon erfahren habe, dass sie gestorben ist.
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Wie hast du denn davon erfahren?
00:36:14
Also ich war, ja, ich war in Portugal im Urlaub und sitze im Auto und Laura schreibt mir eine WhatsApp und sagt, toll, eigentlich mĂŒsste ich die nochmal, mĂŒsste ich die nochmal rausholen.
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Oh Gott, du hast geschrieben, toll, mein Mann, dessen Name nicht genannt werden darf und ich waren hier auf einer Charity-Veranstaltung eingeladen, wo Harry und Meghan auch geladen waren.
00:36:40
Ja, so, wenn du das so vorliest und wie du das, ja, so habe ich das natĂŒrlich nicht gemeint.
00:36:51
Also es war natĂŒrlich schade, dass Harry und Meghan nicht da waren, weil ich nur deswegen bei dieser Veranstaltung war.
00:36:59
Aber ja, und ich muss auch ehrlich sagen, diese Veranstaltung war dann so richtig traurig, weil, also das waren wirklich fast nur Briten und Britinnen dort.
00:37:07
Und ja, die Stimmung war wirklich auf dem Tiefpunkt nicht, weil Harry und Meghan nicht gekommen sind, sondern weil die Queen gestorben hat.
00:37:14
Genau, darum geht es nÀmlich. Es geht nicht darum, die Queen ist tot, sondern es geht darum, Laura kann Meghan und Harry nicht angucken.
00:37:22
Naja, kommen wir zurĂŒck zu Adam, der, ja, vor Gericht gesagt hat, er habe in dem Feuer sterben wollen.
00:37:29
Also er wollte sich selber auch töten.
00:37:31
Und damit wollte er das begehen, was man einen erweiterten Suizid nennt, nur dass der in diesem Fall jetzt nicht in AnfĂŒhrungszeichen geglĂŒckt ist.
00:37:39
Und damit wÀren wir jetzt auch beim Thema unserer heutigen Folge.
00:37:42
Wir sprechen heute nĂ€mlich ĂŒber Menschen, die beschlieĂen, nicht nur sich selbst zu töten, sondern auch noch andere mit in den Tod zu nehmen.
00:37:49
Die Formulierung, ne, die liest man ja relativ hĂ€ufig in der Berichterstattung ĂŒber erweiterte Suizide.
00:37:55
Und ich habe mich gefragt, das ist irgendwie seltsam, oder?
00:37:57
Als wÀre das ein netter Ort.
00:37:59
Also normalerweise ist es ja immer toll, wenn man irgendwo mit hingenommen wird, ne?
00:38:03
Aber in diesem Fall wird man ja gewaltsam getötet und aus dem Leben gerissen.
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Ja, und das ist nicht die einzige Formulierung, mit der man nicht so happy ist.
00:38:11
Auch generell der Begriff erweiterter Suizid oder auch Mitnahmesuizid, den benutzt man beispielsweise bei so Taten wie dem Germanwings-Fall,
00:38:20
sind nicht so optimal, weil aus dem Begriff halt nicht hervorgeht, dass es sich da um ein Verbrechen handelt und die andere Person gegen ihren Willen getötet wird.
00:38:30
Dabei ist genau das eben das Hauptkriterium des erweiterten Suizids.
00:38:34
Also, dass die andere Person dabei nicht sterben will oder wie in diesem Fall hier gleich mehrere Personen nicht sterben wollen.
00:38:41
Und dieses fehlende EinverstÀndnis ist deshalb so wesentlich, weil das eben den Unterschied zu anderen Suizidformen ausmacht.
00:38:47
Zum Beispiel zum Doppel- oder Gruppensuizid, bei dem zwei oder mehrere Personen freiwillig gemeinsam sterben.
00:38:53
Was den erweiterten Suizid auĂerdem ausmacht, ist eine enge TĂ€ter-in-Opfer-Beziehung.
00:38:58
Sprich, dass TĂ€terInnen oft nahestehende Menschen umbringen, wie eben PartnerInnen, Kinder, Geschwister oder Eltern.
00:39:05
Und dass als Tatmittel, wie auch im Fall von Adam, besonders hÀufig Schusswaffen eingesetzt werden.
00:39:12
Ein weiteres Kriterium, und da kommen wir jetzt zu einem Punkt, der vor allem dann schwer festzustellen ist, wenn der Suizid gelingt, ist, dass es TÀterInnen primÀr darauf ankommt, das eigene Leben zu beenden.
00:39:22
Sprich, die Selbsttötung muss im Vordergrund stehen.
00:39:25
Beispiel jetzt, wenn ich Paulina umbringe, weil sie mir meine Mordlustsocken geklaut hat und ich mich danach so schlecht fĂŒhle, dass ich dann Suizid begehe, ist das eigentlich kein erweiterter Suizid, weil es eben primĂ€r um Socken ging.
00:39:40
Ich verspreche dir, dass ich dir zurĂŒckgebe. Ich weiĂ auch, dass du gesagt hast, ich soll sie bitte nicht mitnehmen, aber ich wollte sie nicht ausziehen.
00:39:45
Es war so kalt in London, als ich da war. Du kriegst neue, wenn du jetzt nach Berlin kommst.
00:39:52
Ich sage ĂŒbrigens bewusst eigentlich, weil man sich in rechtsmedizinischen oder wissenschaftlichen Debatten nicht so richtig einig ist, ob dieses Kriterium nun vorliegen muss, um von einem erweiterten Suizid sprechen zu können oder nicht.
00:40:05
Einige, die sagen, dass der eigene Suizid der springende Punkt dabei ist, sagen zum Beispiel auch, dass FĂ€lle, in denen jetzt zum Beispiel Rache oder Eifersucht die Motive waren, eben keine erweiterten Suizide sind, sondern Mord oder eben Totschlag mit anschlieĂendem Suizid.
00:40:20
Da muss ich gerade an diesen einen Fall denken, den ich mal in der Femizid-Folge besprochen habe. Erinnerst du dich da noch dran?
00:40:27
Da ging es um Alba Chiara.
00:40:29
Die wurde von ihrem Ex-Partner erschossen, weil er die Trennung ja offenbar nicht akzeptieren konnte. Und der hat halt auch so gehandelt nach dem Motto, wenn ich dich nicht haben kann, dann kann dich keiner haben.
00:40:40
Wenn ich mich richtig erinnere, hatte er erst sie und dann sich selbst im Badezimmer getötet. Und das wĂŒrde ich ja jetzt beispielsweise auch nicht als erweiterten Suizid einstufen, sondern halt als Femizid mit anschlieĂender Selbsttötung.
00:40:53
Genau, ja. Und so wie das bei Femiziden ist, steht ja die Fremdtötung da auch im Fokus. Also wir sehen, nicht jede Tötung mit anschlieĂendem Suizid ist auch ein erweiterter Suizid.
00:41:03
Deshalb wird das ĂŒberhaupt thematisieren, ist, dass die unterschiedlichen Definitionen auch dafĂŒr sorgen, dass es mit belastbaren Zahlen zu erweiterten Suiziden eher mau aussieht.
00:41:13
In Deutschland ist der erweiterte Suizid nĂ€mlich nicht eigenstĂ€ndig in der polizeilichen Ermittlungsstatistik aufgelistet. Hinzu kommt, dass Suizide und Tötungsdelikte in Kriminalstatistiken grundsĂ€tzlich getrennt voneinander aufgefĂŒhrt werden.
00:41:26
Also heiĂt, ein erweiterter Suizid wĂŒrde da sowohl als Suizid als auch als Tötungsdelikt aufgelistet sein, ohne Verbindung zueinander.
00:41:35
Du hast ja gerade gesagt, was bei deinem Fall so ein bisschen gefehlt hat, ist die psychologische Komponente und dass wir darĂŒber nicht so viel wissen, das ist in dem Fall, den ich heute mitgebracht habe, anders.
00:41:44
Der Fall, von dem ich heute erzÀhle, handelt von einer Beziehung, die wegen einer Erkrankung einen ganz gefÀhrlichen Verlauf nimmt.
00:41:50
Alle Namen habe ich geĂ€ndert und die zusĂ€tzliche Triggerwarnung fĂŒr meinen Fall findet ihr ebenso in der Folgenbeschreibung.
00:41:56
Da sind sie wieder, die lebende Antriebslosigkeit, die bodenlose Leere, die tiefe Traurigkeit.
00:42:04
Hand in Hand marschieren sie in Hennings Körper und seinen Geist ein, machen sich in seiner Brust breit, ergreifen Besitz von ihm, verleiben sich seine Zuversicht ein, bis keine mehr ĂŒbrig ist.
00:42:14
Und sie, gesÀttigt und zufrieden, so gemÀstet sind, dass sie mit ihrem Gewicht seine Seele beschweren.
00:42:19
Ganz kurz, hast du das geschrieben?
00:42:22
Ja, das habe ich geschrieben.
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Das war ja richtig schön.
00:42:30
Zur Transparenz, das ist mein Blick auf die Depression.
00:42:35
Also ich kenne die Hölle und weiĂ um ihre Feuer, aber natĂŒrlich erlebt nicht jeder die Depression so, aber Henning hatte genau diese Symptome, die ich da in meinen Worten
00:42:43
beschrieben habe.
00:42:45
Eigentlich hatte Henning nÀmlich gehofft, sie los zu sein.
00:42:48
Die Antriebslosigkeit, die Leere, die Traurigkeit, die Depression.
00:42:52
Doch nun sitzt er wieder hier in der Klinik und kĂ€mpft denselben Kampf gegen dieselben DĂ€monen, durch die er sich wie abgestorben fĂŒhlt, wie schon vor zwei Monaten.
00:43:01
Sicher, es war schmerzlich gewesen, seine Familie erneut zurĂŒckzulassen.
00:43:05
Doch er weiĂ, dass es wichtig ist, sich um sich zu kĂŒmmern.
00:43:07
Hilfe anzunehmen, damit er irgendwann wieder bei seiner Familie sein kann.
00:43:11
Doch in diesem Fall soll das nicht stimmen.
00:43:16
1 plus 1 macht 3 steht auf abgedroschenen Gratulationskarten zur FamiliengrĂŒndung.
00:43:22
Im Fall von Henning mĂŒsste man die 3 durch eine 4 ersetzen, denn bei ihm hat das NachwuchsglĂŒck gleich doppelt zugeschlagen.
00:43:29
Er und Linda, seine Freundin, sind seit einigen Monaten nÀmlich Eltern von Zwillingen.
00:43:33
Absolute Wunschwonneproppen, die ihm jedes Mal, wenn sie Henning angrinsen, die Gewissheit geben, es war richtig, die Familienplanung mit der 38-jĂ€hrigen Linda so zĂŒgig anzugehen.
00:43:44
TatsÀchlich ging alles ziemlich zackig bei Henning und Linda.
00:43:48
Kurz nachdem sich der krÀftig gebaute, bÀrtige Mann mit rahmenloser Brille und die blasse Frau mit den dunkelblonden Haaren auf einer Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Freundin kennenlernten, war klar, das passt.
00:43:59
Als sie dann Ende 2011 zusammenziehen, ist das nicht der einzige Meilenstein der Beziehung, denn da trÀgt Linda bereits die Zwillinge unter ihrer Brust.
00:44:07
Eine Nachricht, die Henning ĂŒberglĂŒcklich macht, denn Vater zu werden, ist ein Traum, den er schon lange hegt.
00:44:12
Verantwortung ĂŒbernehmen, fĂŒrsorglich sein, den Nachwuchs zu eigenstĂ€ndigen Menschen heranziehen.
00:44:17
Begeistert verfolgt er von da an, wie der Bauch seiner Freundin von Monat zu Monat, ja irgendwann sogar von Woche zu Woche gröĂer wird,
00:44:24
bis die Zwillinge schlieĂlich am 1. Juli 2012 in der 33. Schwangerschaftswoche durch einen Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden.
00:44:31
Ein MĂ€dchen und ein Junge, Pia und Finn, die trotz der FrĂŒhgeburt wohl auf sind und nach drei Wochen im WĂ€rmebettchen endlich mit ihren Eltern nach Hause dĂŒrfen.
00:44:40
Seither dreht sich in Hennings und Lindas Alltag in der gemeinsamen Wohnung im oberbayerischen Freising alles um Windeln wechseln,
00:44:48
MĂ€ulchen stopfen, fĂŒr BĂ€uerchen sorgen und darum jedem Schrei auf den Grund zu gehen.
00:44:52
FĂŒr Henning ist das alles Neuland, fĂŒr Freundin Linda nicht.
00:44:56
Henning weiĂ, es ist nicht das erste Mal, dass Linda versucht, ihre Vorstellung von der perfekten Familie umzusetzen.
00:45:02
Henning ist nĂ€mlich nicht der erste Mann an Lindas Seite, mit dem es fĂŒr immer halten sollte.
00:45:08
Dessen ist er sich bewusst.
00:45:09
Mit ihrem Vorleben hat sie nie hinterm Berg gehalten und Henning von Anfang an alles erzÀhlt.
00:45:14
Bereits zweimal hat Linda in ihrem Leben Ja zu einem Mann gesagt, zumindest wenn man es auf die Kulisse eines Standesamtes begrenzt.
00:45:21
Doch der treue Schwur und das vermeintliche Liebesversprechen auf Lebenszeit sollten nie von Dauer sein.
00:45:26
Noch in ihrer ersten Ehe, in der sie zwei Söhne zur Welt bringt, lernt sie wÀhrend einer Mutter-Kind-Kur einen Mann kennen, der schon bald der Neue an ihrer Seite wird.
00:45:35
Auch mit ihm lÀsst sie die Hochzeitsglocken lÀuten, auch mit ihm bekommt sie zwei Kinder, auch mit ihm scheitert die Ehe.
00:45:41
Doch Henning ist sich sicher, dass es mit ihm anders laufen wird.
00:45:44
Noch dazu ist er froh ĂŒber die gar nicht mal so kleine Familie, die er durch Linda jetzt bekommen hat.
00:45:49
Wobei nicht alle Kinder bei den beiden unterkommen.
00:45:52
Mit Henning und Linda leben natĂŒrlich die beiden neugeborenen Zwillinge Pia und Finn und sonst nur die sechsjĂ€hrige Maja.
00:45:58
Das MĂ€dchen mit dem hellblonden Schopf und der frechen ZahnlĂŒcke ist Lindas Tochter aus zweiter Ehe.
00:46:03
Ihr Bruder wohnt beim leiblichen Vater in Baden-WĂŒrttemberg, dem Henning versprochen hat, gut auf Maja aufzupassen.
00:46:09
Eine Aufgabe, die er gerne erfĂŒllt.
00:46:12
Denn obwohl Maja nicht seine leibliche Tochter ist, hat er sie ins Herz geschlossen.
00:46:16
Dabei ist Henning natĂŒrlich klar, dass Linda das mit dem Aufpassen fĂŒr Maja auch gut alleine hinbekommt.
00:46:21
Streng, aber liebevoll, lautet das Credo ihrer Erziehung.
00:46:24
Wenn es um ihre Rolle als Mutter geht, formuliert Linda hohe AnsprĂŒche an sich selbst.
00:46:29
Sie will die perfekte Mutter sein.
00:46:31
Das hĂ€ngt vielleicht auch damit zusammen, dass Liebe und FĂŒrsorge in ihrer eigenen Kindheit kaum an der Tagesordnung waren.
00:46:37
Kaum eine Rolle gespielt haben.
00:46:39
Linda will es anders machen.
00:46:41
In ihrem ohnehin stressigen Alltag, in dem sich alles um ihre drei Kinder dreht, engagiert sich die 38-JĂ€hrige deswegen auch noch im Elternbeirat.
00:46:50
Das hat sie bereits in Majas Kindergarten gemacht.
00:46:52
Nun ĂŒbt sie dieses Ehrenamt auch in der Grundschule ihrer Tochter aus.
00:46:56
Eigentlich könnte alles gut sein.
00:46:58
Im Grunde lĂ€uft es so, wie Henning es sich gewĂŒnscht hatte.
00:47:02
Doch es ist eben nicht alles gut.
00:47:03
Bereits zwei Monate nach der Geburt von Pia und Finn im September 2012, da ist Henning plötzlich oft traurig, nachdenklich und antriebslos.
00:47:13
Anstelle der GlĂŒckseligkeit, die er nach der Geburt der Kinder verspĂŒrt hat, ist nun eine Leere gerĂŒckt, die von Tag zu Tag mehr Raum einnimmt.
00:47:19
Die 180-Grad-Wendung, die sein Leben seit der Geburt der Zwillinge vollzogen hat, setzt ihm in dieser Zeit besonders zu.
00:47:26
Statt durch die rosa-rote Brille blickt er nun durch dunkle, schwere GlÀser auf die Welt.
00:47:31
Mit seiner neuen Rolle als Vater fĂŒhlt sich Henning oft ĂŒberfordert.
00:47:34
RegelmĂ€Ăig steht er wie gelĂ€hmt vor dem Bettchen seiner schreienden Babys.
00:47:38
Kraft, sich um sie zu kĂŒmmern, hat er nicht.
00:47:40
In der Zeit kommt ihm das erste Mal der Gedanke, sich von Linda und damit auch von seinem neuen Leben als Vater zu trennen.
00:47:46
Doch nachdem sein Problem, in AnfĂŒhrungszeichen, zum ersten Mal medizinisch benannt wird und er nun weiĂ, dass er an einer Depression leidet,
00:47:54
entscheidet sich der 40-JĂ€hrige schlieĂlich dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
00:47:58
Doch zu Hause bekommt er die nicht.
00:48:00
Henning muss raus.
00:48:01
Raus aus dem familiÀren Umfeld, um sich in die HÀnde von Menschen zu begeben, die ihm helfen können, mit der Erkrankung umzugehen.
00:48:07
Und wÀhrend sich Henning in den folgenden Wochen in einer psychiatrischen Klinik voll und ganz seiner mentalen Gesundheit widmet,
00:48:13
ist Linda mit zwei Babys und einer sechsjÀhrigen auf sich allein gestellt.
00:48:17
Henning weiĂ, dass er seine Freundin damit einer groĂen Belastung aussetzt, doch er muss sich nun um sich selbst kĂŒmmern.
00:48:24
Daran fĂŒhrt kein Weg vorbei.
00:48:25
Das weiĂ auch Linda.
00:48:27
Um Henning in dieser schweren Zeit eine StĂŒtze zu sein, lĂ€sst sie ihren Freund vorĂŒbergehend ziehen.
00:48:31
Ab und zu besucht sie ihn, um sich von seinen Fortschritten zu ĂŒberzeugen und ihn um sich zu haben.
00:48:36
Und als Henning dann nach einigen Wochen zurĂŒck nach Hause kehrt, scheint es zunĂ€chst auch so,
00:48:41
als könnte er mit Linda wieder an das gemeinsame Familienleben anknĂŒpfen.
00:48:45
Doch bereits am 13. November 2012, nach gerade einmal zehn Tagen in seiner gewohnten Umgebung,
00:48:51
nimmt die Depression Henning wieder in ihren klammernden Griff und umschlieĂt ihn mit einer Umarmung, aus der er erneut nicht entkommen kann.
00:48:58
Henning kommt es vor, als stĂŒnde er wieder am Anfang seines depressiven Leidenswegs.
00:49:02
Und deshalb gibt es fĂŒr ihn nur eine logische Konsequenz.
00:49:05
Er muss zurĂŒck.
00:49:06
ZurĂŒck in die psychiatrische Behandlung.
00:49:08
ZurĂŒck in die Klinik.
00:49:10
Ohne dass er es vorher mit Linda bespricht, lÀsst er sich stationÀr aufnehmen.
00:49:14
Doch als Linda Henning dann in der Klinik in Taufkirchen bei MĂŒnchen noch am selben Tag besucht,
00:49:19
ist sie nicht die verstÀndnisvolle Partnerin wie beim letzten Mal.
00:49:22
Diesmal kann Henning nicht auf ihre UnterstĂŒtzung hoffen.
00:49:25
Stattdessen redet sie auf ihn ein, bittet ihn wieder nach Hause zu kommen.
00:49:28
Die Kinder wĂŒrden im Auto warten.
00:49:30
Aber Henning weiĂ, dass er das nicht kann.
00:49:32
Er kann nicht wieder zurĂŒck.
00:49:34
Dahin, wo absolut niemand ihm helfen kann.
00:49:36
Die beiden kommen auf keinen Nenner.
00:49:39
SchlieĂlich verlĂ€sst Linda ohne Henning das Klinikum und setzt sich wieder ins Auto.
00:49:45
Es ist ein furchtbares Bild, das sich den EinsatzkrÀften an der abgesperrten Unfallstelle auf der A92 prÀsentiert.
00:49:52
Der graue Opel Saffira, der seitlich gekippt auf der Fahrerseite liegt, ist ein Totalschaden.
00:49:58
Die Frontscheibe ist komplett zerbrochen.
00:50:00
Einzelne Fahrzeugteile liegen meterweit verteilt.
00:50:03
Einige der PolizistInnen waren dem Wagen schon im Vorfeld gefolgt und hatten mit ansehen mĂŒssen, wie das Auto erst im hohen Tempo gegen eine Leitplanke gerast war und sich danach mehrmals ĂŒberschlagen hatte.
00:50:13
Das demolierte Fahrzeug an sich ist es aber nicht, was den Schrecken an diesem Unfall ausmacht.
00:50:18
Die Menschen darin mĂŒssen notversorgt werden.
00:50:20
Eine Mutter und ihre drei Kinder.
00:50:22
Es sind Linda, Pia, Finn und Maya.
00:50:24
WĂ€hrend Linda nach dem Aufprall offenbar nur leichte Verletzungen wie SchĂŒrfwunden und Prellungen erlitten hat, steht es um ihre Kinder um einiges schlimmer.
00:50:31
Immer wieder versuchen NotÀrztInnen und SanitÀterInnen, die kleinen Herzen wieder zum Schlagen zu bringen.
00:50:36
Dabei drĂŒcken sie rhythmisch und behutsam mit zwei Fingerkuppen wieder und wieder auf die kleinen Brustkörbe der SĂ€uglinge.
00:50:42
Wenige Minuten spÀter heben zwei Rettungshubschrauber mit knatternden GerÀuschen ab.
00:50:46
Doch letztendlich können die MedizinerInnen nichts mehr fĂŒr die Kinder tun.
00:50:51
Nach etlichen Reanimationsversuchen mĂŒssen die Ărztinnen der schrecklichen Tatsache ins Auge blicken.
00:50:55
Die Kinder sind tot.
00:50:57
Offenbar haben sie den Unfall nicht ĂŒberlebt.
00:51:00
So könnte man meinen.
00:51:02
Doch die gerichtsmedizinische Untersuchung der drei bringt erschreckende Erkenntnisse zutage.
00:51:07
UrsĂ€chlich fĂŒr Mayas, Pias und Fins Tod war nicht etwa der Autounfall.
00:51:12
Die drei waren bereits vorher tot.
00:51:14
DafĂŒr sprechen sowohl die gescheiterten Wiederbelebungsversuche als auch die Verletzungen der Kleinen.
00:51:20
Vor allem die punktförmigen Einblutungen, die ihre Gesichter bedecken, deuten auf einen Erstickungsvorgang hin.
00:51:25
Es ist das eingetroffen, was die Ermittelnden schon vorher vermuteten, als sie den Wagen auf der A92 verfolgten.
00:51:32
Kurz zuvor hatte die Polizei einen besorgniserregenden Anruf erhalten.
00:51:36
Ein aufgelöster Mann berichtete am Telefon, dass er sich Sorgen um seine Kinder machte.
00:51:41
Seine Partnerin habe ihn per SMS darĂŒber informiert, die gemeinsamen Zwillinge und seine sechsjĂ€hrige Ziehtochter getötet zu haben.
00:51:48
Als StreifenpolizistInnen die Frau schlieĂlich in ihrem Auto im Stadtverkehr entdeckten, nahmen sie die Verfolgung auf,
00:51:54
folgten ihr auf die Autobahn und mussten schlieĂlich mit ansehen, wie sie den Opel Saphira gegen eine Leitplanke lenkte.
00:52:01
Nachdem Linda nach ihrem gescheiterten RĂŒckholversuch die Klinik verĂ€rgert verlassen hatte,
00:52:05
hatte sie Henning im Laufe des Nachmittags drei Textnachrichten geschickt.
00:52:09
Die erste erreichte ihn um 13.39 Uhr.
00:52:12
Ich habe Maya erwĂŒrgt und erstickt, so der Wortlaut.
00:52:17
Ein kurzer, knapper Satz, jedoch aussagekrÀftig genug, um in Henning Panik aufkommen zu lassen.
00:52:22
In Verzweiflung und Angst hatte er darauf den Notruf gewÀhlt.
00:52:26
Er war sich sicher, Lindas Worte waren kein geschmackloser Bluff, kein ĂŒberzogener Schrei nach Aufmerksamkeit.
00:52:32
Es war die grauenvolle Wahrheit, die sie in ihr Handy getippt hatte.
00:52:36
Um 14.03 Uhr folgte die nÀchste.
00:52:38
Finn ist nun bei Maya und dem lieben Gott.
00:52:42
30 Minuten spÀter, dann die letzte SMS.
00:52:45
Pia ist jetzt auch tot.
00:52:47
Dass bei Linda noch am Unfallort die Handschellen geklickt hatten,
00:52:51
verschafft Henning weder Trost noch Erleichterung.
00:52:53
Eigentlich war er an diesem Morgen in die Psychiatrie zurĂŒckgekehrt, um gesund zu werden.
00:52:57
Stabil zu werden fĂŒr sich und seine Familie.
00:52:59
Doch diese Familie existiert nun nicht mehr.
00:53:02
Und die Traurigkeit, die Henning erfĂŒllt, ist gröĂer als jemals zuvor.
00:53:05
Zwei Wochen spÀter.
00:53:08
Etwa 40 Menschen betreten an diesem kalten Wintermorgen,
00:53:11
des 30. November 2012, den Freisinger Waldfriedhof.
00:53:15
Wie eine weiĂe Decke hat sich der Schnee der vergangenen Tage ĂŒber die Kulisse gelegt.
00:53:20
Der Altar der Kirche ist groĂzĂŒgig geschmĂŒckt mit Blumen.
00:53:23
Dazwischen stehen eingerahmte Fotos, die den Anwesenden nochmal vor Augen fĂŒhren, wen sie hier heute betrauern.
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Auf einem der Bilder sind Pia und Finn zu sehen.
00:53:32
Die Zwillinge liegen dösend und eng aneinander auf einer Decke.
00:53:35
Sie, gekleidet im rosa-weiĂ gestreiften Body, er im hellen Allenteiler, der von einer Winnie-Pooh-Figur verzehrt wird.
00:53:43
Auch von der sechsjÀhrigen Maja steht ein Foto am Altar.
00:53:45
Sie wurde bereits im Familiengrab ihres leiblichen Vaters in Baden-WĂŒrttemberg beigesetzt.
00:53:50
Trotzdem war es Henning wichtig, auch ihr heute zu gedenken.
00:53:53
Zum Abschluss des Gottesdienstes kĂŒsst er die blauen Ohren, in der sich die Asche seiner Babys befinden.
00:53:59
Dann begibt er sich mit den anderen zum Grab.
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Schweren Schrittes, schweren Herzens.
00:54:04
WÀhrend die Ohren im Erdboden verschwinden, ertönt im Hintergrund das Lied geboren, um zu leben, der Band unheilig.
00:54:10
Es fÀllt mir schwer, ohne dich zu leben.
00:54:12
Jeden Tag, zu jeder Zeit, einfach alles zu geben.
00:54:15
Ich denke an so vieles, seitdem du nicht mehr da bist.
00:54:18
Denn du hast mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist.
00:54:21
Ein Lied, das von Wundern, TrÀumen und Zukunft handelt.
00:54:25
Dinge, die Maja, Pia und Finn verwehrt geblieben sind.
00:54:27
Ein Jahr spÀter.
00:54:30
In Hennings Leben ist wieder sowas wie ein Tagesablauf eingekehrt.
00:54:34
Zumindest ein StĂŒck weit.
00:54:35
Der 41-JĂ€hrige ist mittlerweile psychisch stabil.
00:54:38
Im MĂ€rz ist er nach etwa vier Monaten aus der Psychiatrie zurĂŒckgekehrt.
00:54:41
Und auch seiner Arbeit als Computerspezialist geht er wieder nach.
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Henning will weiterleben fĂŒr seine Kinder.
00:54:46
Das sagt er sich selbst immer wieder.
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Nach wie vor denkt er jeden Tag an seine verstorbenen Zwillinge.
00:54:52
In einem Regal in seinem Wohnzimmer haben zwei Boxen einen Ehrenplatz,
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in denen er die NabelschnĂŒre aufbewahrt.
00:54:58
Davor hat er ihre Schnuller mit Namensgravur platziert.
00:55:01
Auf dem blauen steht Finn auf dem rosafarbenen Pia.
00:55:04
FrĂŒher haben sie daran genuckelt.
00:55:06
Nun erinnern sie Henning daran, dass sie nie heranwachsen und in seiner Erinnerung immer Babys bleiben werden.
00:55:12
Weil die Mutter seiner Kinder sie tötete.
00:55:14
Immer wieder kommen Henning nun seit einem Jahr die grauenhaften Textnachrichten in den Sinn.
00:55:18
Henning hat sie gelöscht, doch in seinem GedĂ€chtnis werden sie fĂŒr immer gespeichert sein.
00:55:22
und an jenen Tag im November erinnern, an dem er seine drei Kinder und seine Partnerin verlor.
00:55:27
Denn auch wenn Lindas Suizidversuch scheiterte, fĂŒr den 41-jĂ€hrigen Henning ist sie trotzdem gestorben.
00:55:34
In den vergangenen Monaten hat Linda ihm immer wieder Briefe geschrieben.
00:55:38
In einem bittet sie ihn um Entschuldigungen und ErinnerungsstĂŒcke ihrer Kinder.
00:55:41
In einem anderen schlÀgt sie ihm vor, sie in U-Haft zu besuchen.
00:55:44
Henning hat keinen dieser Briefe beantwortet.
00:55:47
Trotzdem wird er sich noch einmal mit ihr und ihren Taten auseinandersetzen mĂŒssen.
00:55:51
Und zwar in einem Gerichtssaal.
00:55:53
Vor dem bestehenden Prozess graut ihm schon, denn er wird ihm erneut vor Augen fĂŒhren, was er verloren hat.
00:55:58
Die Möglichkeit, Pia und Finn im Arm zu halten, ihrem Gebrabbel zu lauschen.
00:56:02
Und die Chance, seine Kinder aufwachsen zu sehen.
00:56:05
Und zugleich hat er nicht wirklich Erwartungen an den Prozess.
00:56:08
Pia, Finn und Maya sind tot.
00:56:10
Daran wird auch eine langjĂ€hrige Haftstrafe fĂŒr Linda nichts Ă€ndern.
00:56:13
Wie könnte ein Prozess da also sowas wie Gerechtigkeit herstellen?
00:56:16
12. November 2013
00:56:19
Mit seiner hellen Holzverkleidung wirkt der lichtdurchflutete Saal im Landgericht Landshut nahezu freundlich und einladend.
00:56:26
Doch angesichts der grausamen Verbrechen, um die es hier in den kommenden acht Verhandlungstagen gehen soll,
00:56:32
ist es nur eine Frage der Zeit, bis das grelle Licht gegen die Dunkelheit versagt, die gemeinsam mit Linda den Raum betritt.
00:56:38
Begleitet von Blitzlichtgewitter schreitet die 39-JĂ€hrige mit gesenktem Kopf zu ihrem Platz auf der Anklagebank.
00:56:44
Ihr rundlichblasses Gesicht wirkt aufgedunsen, ihre Augen verquollen.
00:56:48
Gekleidet ist sie ganz in schwarz.
00:56:50
Kleiner Einschub hier, die Staatsanwaltschaft macht hier einen Unterschied bei der Tötung der Kinder.
00:57:02
Weshalb, das haben wir schon in einigen Mordlustfolgen erzÀhlt, aber ich sage es trotzdem nochmal.
00:57:08
Um sich eines heimtĂŒckischen Mordes schuldig zu machen, muss das Opfer arg und wehrlos sein.
00:57:13
Und die Arglosigkeit meint, dass sich das Opfer halt keines Angriffs versieht.
00:57:17
Und die Wehrlosigkeit, das heiĂt diese herabgesetzte VerteidigungsfĂ€higkeit, die muss auf dieser Arglosigkeit beruhen.
00:57:25
Das heiĂt, der TĂ€ter oder die TĂ€terin macht sich dann in dem Moment die Arglosigkeit zunutze, um das Opfer in einer wehrlosen Lage zu erwischen.
00:57:33
Und bei Babys und Kleinkindern nimmt man halt eben an, dass sie wegen ihres Alters noch nicht fĂ€hig sind, ĂŒberhaupt so ein Argwohn zu entwickeln.
00:57:40
Also zumindest in der Regel nicht bis zu einem Alter von circa drei Jahren.
00:57:44
Deswegen also Mordanklage in Bezug auf die sechsjÀhrige Maja und Totschlag in Bezug auf die Zwillinge.
00:57:52
Ob Linda die Taten, die ihr zulastgelegt werden, wirklich begangen hat, darum soll es in dem Prozess nicht gehen.
00:57:57
Linda hatte mit ihren Textnachrichten bereits gestanden und hatte auch in der ersten polizeilichen Vernehmung zugegeben, die Kinder getötet zu haben.
00:58:04
Die Frage, die nun die Strafkammer des Landgerichts beschÀftigt, ist folglich eine andere.
00:58:09
Was bringt eine Frau dazu, die in ihrem Umfeld als fĂŒrsorgliche und vorbildliche Mutter galt, jenen das Leben zu nehmen, die sie liebt?
00:58:17
Es ist eine Frage, die Linda selbst beantwortet, als sie am ersten Prozesstag in den Zeugenstand tritt und die Anwesenden im Gerichtssaal teilhaben lÀsst.
00:58:25
An ihrer Verzweiflung, ihrer Hoffnungslosigkeit und ihrer dĂŒsteren Gedankenwelt, in der sie sich am verhĂ€ngnisvollen Tag vor fast genau einem Jahr befunden hat.
00:58:35
Es ist ein ungutes GefĂŒhl, mit dem Linda am 13. November 2012 in den Tag startet.
00:58:41
WĂ€hrend sie selbst schon wieder gedanklich bei all den Dingen ist, um die sie sich heute kĂŒmmern muss, liegt Henning nahezu regungslos im Bett.
00:58:47
Als er ihr dann erklÀrt, dass er es schon wieder nicht schafft aufzustehen, klingeln bei ihr die Alarmglocken.
00:58:52
Dass die Depression Henning nicht aus dem Bett lÀsst, hatte Linda in den letzten Monaten nur allzu oft erlebt.
00:58:58
SchlieĂlich ist es gerade einmal zehn Tage her, dass Henning ĂŒberhaupt aus der Psychiatrie zurĂŒckgekehrt ist und wieder am Familienleben teilnimmt.
00:59:05
Linda schmerzen die Erinnerungen an diese Zeit, denn es waren Wochen, die sie nicht nur mental, sondern auch existenziell an ihr Limit gebracht haben.
00:59:12
Nachdem Henning weg war, war Linda nicht nur mit den Kindern auf sich allein gestellt,
00:59:17
Auch die Geldsorgen lasteten fortan auf ihren vom KrÀfte zehrenden Alltag geschwÀchten Schultern.
00:59:22
Die finanzielle Situation der Familie ist angespannt.
00:59:26
Von den etwa 600 Euro Kindergeld, die Linda bezieht, muss sie Lebensmittel kaufen, neue Kleidung fĂŒr die Kinder und auch sonst alle alltĂ€glichen Kosten decken.
00:59:34
FĂŒr die Miete der gemeinsamen Wohnung ist eigentlich Henning zustĂ€ndig,
00:59:37
doch seit seine Internetfirma kurz nach Pias und Fins Geburt Insolvenz anmelden musste, kommt er dieser Verpflichtung kaum noch nach.
00:59:44
ZusĂ€tzlich wird das Paar auch noch durch offene Rechnungen von einer frĂŒheren selbststĂ€ndigen TĂ€tigkeit von Henning belastet.
00:59:49
Mittlerweile sind Linda und Henning mit den Zahlungen so weit im RĂŒckstand,
00:59:53
dass ihnen die Mietwohnung gekĂŒndigt wurde und sie sich zeitnah etwas Neues suchen mĂŒssen.
00:59:57
Sorgen und Probleme sind aktuell omniprÀsent in Lindas Leben und Gedankenwelt.
01:00:02
Sich nun auch noch Henning zu widmen, schafft sie einfach nicht mehr.
01:00:05
Die Kinder brauchen sie, Maya muss zur Schule und auĂerdem hat sie einen Arzttermin, zu dem sie mit den Zwillingen muss.
01:00:11
Als Linda spĂ€ter am Tag dann nach Hause zurĂŒckkehrt und die TĂŒr zur gemeinsamen Wohnung aufschlieĂt,
01:00:16
muss sie feststellen, dass Henning nicht mehr im Bett liegt.
01:00:20
Erst bekommt sie es mit der Angst zu tun.
01:00:22
Ist etwa was passiert?
01:00:23
Hatte er einen psychischen Zusammenbruch?
01:00:25
Sie greift zum Telefon und beginnt herumzutelefonieren.
01:00:29
SchlieĂlich erfĂ€hrt sie von Hennings Hausarzt, dass er sich erneut in eine psychiatrische Klinik begeben hat.
01:00:34
Eine Nachricht hat er ihr nicht hinterlassen.
01:00:36
Weder auf einem Zettel noch auf ihrem Handy.
01:00:39
Verzweiflung und Hilflosigkeit macht sich in Lindas Brust breit.
01:00:42
Jetzt ist sie schon wieder mit allem allein.
01:00:45
Die Panik schnĂŒrt sich wie eine unsichtbare Schlinge um ihren Hals.
01:00:48
Das kann sie nicht nochmal durchmachen.
01:00:51
Zwei Babys versorgen, ein kleines MĂ€dchen zu betreuen und den ZukunftsĂ€ngsten ohne RĂŒckhalt ihres Partners ausgesetzt sein.
01:00:58
Die 38-JĂ€hrige ist sich sicher, das schafft sie nicht mehr.
01:01:01
Sie muss Henning dazu bringen, wieder nach Hause zu kommen.
01:01:05
Also fÀhrt Linda gemeinsam mit den Zwillingen zu Mayas Schule.
01:01:07
Dort berichtet sie der Lehrerin von einem familiÀren Notfall und holt die 6-JÀhrige aus dem Unterricht.
01:01:12
Dann fÀhrt Linda nach Taufkirchen und bringt den Wagen auf den Parkplatz der psychiatrischen Klinik zum Stehen.
01:01:18
Maya und ihre Geschwister bleiben im Auto, wÀhrend Linda das GebÀude betritt.
01:01:23
Sie trifft Henning auf dem Flur.
01:01:26
Eindringlich bittet sie ihren Freund mit nach Hause zu kommen.
01:01:28
Doch ihre Worte finden kaum Gehör.
01:01:30
Linda beschreibt dem Gericht, dass Henning sehr abweisend war.
01:01:34
ZunĂ€chst habe er ihr gar nicht geantwortet und dann schlieĂlich klargemacht, dass er die Klinik nicht verlassen werde.
01:01:39
Linda habe das in dem Moment mit einer Trennung gleichgesetzt.
01:01:42
Ich hatte keine Kraft mehr, sagt sie der Vorsitzenden Richterin.
01:01:46
FĂŒr mich hatte das Leben keinen Sinn mehr.
01:01:47
Ich wollte, dass alles zu Ende ist.
01:01:49
Das ganze Leid, das ganze Funktionieren, der ganze tĂ€gliche Kampf ums Ăberleben.
01:01:53
Linda, die sich nach der Abfuhr ihres Freundes wieder ans Steuer ihres Autos begibt, beschlieĂt in diesem Moment,
01:01:59
sie will nicht mehr leben und ihrer, in ihren Augen, trostlosen Existenz ein Ende setzen.
01:02:05
Linda kommt das Parkdeck des nahegelegenen Flughafens in den Sinn.
01:02:09
Wenn sie sich von dort in die Tiefe stĂŒrzt, ist sie sich sicher, ĂŒberlebt sie das bestimmt nicht.
01:02:14
Doch dann denkt sie an ihren Nachwuchs auf der RĂŒckbank, an ihre kleine Maya, an Pia und Finn, die in den Babyschalen liegen.
01:02:20
Wer kĂŒmmert sich um die Kinder, wenn sie nicht mehr ist?
01:02:23
Linda findet darauf keine Antwort und sieht daraus eine furchtbare Konsequenz.
01:02:27
Ihre Kinder werden mit ihr sterben.
01:02:29
Die Vorstellung, dass sie mit ihr in die Tiefe stĂŒrzen, ist ihr jedoch zuwider.
01:02:33
Also schmiedet sie einen anderen Plan.
01:02:35
In der NĂ€he eines abgelegenen WaldstĂŒcks parkt Linda den Opel Saphira und bittet Maya auszusteigen.
01:02:42
Wir werden heute alle sterben, verkĂŒndet sie ihrer Tochter.
01:02:45
Nein, nein, nein, nein, nein.
01:02:46
Die Reaktion der SechsjÀhrigen ist ehrlich und zugleich kindlich naiv.
01:02:50
Mama, ich will heute nicht sterben, sagt sie.
01:02:53
Oh mein Gott, ich kann nicht mehr.
01:02:58
In diesem Moment hÀlt Linda in ihrer ErzÀhlung im Gerichtssaal kurz inne.
01:03:03
Das hÀtte ich nicht gekonnt, sagt sie.
01:03:05
Was genau, möchte die Vorsitzende wissen.
01:03:09
Alles auf morgen zu verschieben, das hÀtte alles noch schlimmer gemacht.
01:03:12
Dann berichtet sie weiter.
01:03:14
Linda beginnt ihrer Tochter nun Mund und Nase zuzuhalten.
01:03:17
Die GrundschĂŒlerin wehrt sich massiv.
01:03:19
Mit SchlÀgen, mit Tritten.
01:03:21
Immer wieder versucht sie die HĂ€nde ihrer Mutter aus ihrem Gesicht zu ziehen.
01:03:24
Linda lÀsst daraufhin zunÀchst von Maya ab und versucht beruhigend auf sie einzureden.
01:03:28
Dann legt sie ihr ein Spucktuch ihrer Geschwister um den Hals.
01:03:31
Um sie zu wÀrmen, erklÀrt sie der SechsjÀhrigen.
01:03:34
Dann zieht sie von hinten zu und schnĂŒlt ihrer Tochter die Luft ab, bis sie keinen Mucks mehr von sich gibt.
01:03:39
Als sie noch einmal kurz zu atmen beginnt, hĂ€lt sie ihr erneut fĂŒr zehn Minuten Mund und Nase zu.
01:03:43
Dann wendet sie sich Pia und Finn zu, ihren SĂ€uglingen in ihren Babyschalen.
01:03:49
Auch ihnen verdeckt Linda ihre KleinmĂŒnder und Nasen so lange, bis das Leben aus ihnen weicht.
01:03:53
Die Kinder todwissend beginnt Linda nun zwei SĂ€uglingswindeln zu beschriften.
01:03:58
Es sollen ihre letzten Worte werden.
01:04:01
Denn anschlieĂend, so plant Linda es, will sie sich selbst töten.
01:04:05
Meine sĂŒĂe Maus, es tut mir leid, dass du keine bessere Mama hast, hĂ€lt sie schriftlich auf der ersten Windel fest.
01:04:10
Auf der zweiten vermerkt sie sĂŒĂer Fratz.
01:04:13
Doch das sind nicht die einzigen Worte, die Linda verfasst.
01:04:16
Jedes Mal, nachdem sie ein Kind getötet hat, greift sie zum Handy und tippt eine Nachricht an Henning.
01:04:20
Die Mitteilungen, die sie schreibt, sind kurz und grausam.
01:04:24
AnschlieĂend legt Linda die leblosen Körper ihrer Kinder in den Kofferraum und fĂ€hrt los.
01:04:28
Bereit nun, vom Parkdeck des Flughafens zu springen und ihrem Leben ein Ende zu setzen.
01:04:33
Doch nach einiger Zeit fÀllt ihr im Stadtverkehr ein Polizeiauto auf, das ihr zu folgen scheint.
01:04:38
Linda ahnt, dass sie es nicht bis zum Flughafen schaffen wird.
01:04:41
Also beschlieĂt sie, sich mit dem Auto zu suizidieren.
01:04:44
Auf der A92 drĂŒckt sie krĂ€ftig aufs Gaspedal.
01:04:47
Dann steuert sie im hohen Tempo auf die Leitplanke zu und ĂŒberlebt.
01:04:51
Im Saal des Landshuter Landgerichts herrscht eine nahezu unertrÀgliche Stille.
01:04:56
Lindas Details ihres erweiterten Suizidversuchs haben die Anwesenden fassungslos gemacht.
01:05:01
Einige Menschen auf den ZuschauerInnenplÀtzen tauschen geschockte Blicke aus, andere wischen sich TrÀnen aus dem Gesicht.
01:05:07
Doch nicht nur Lindas Beschreibung selbst sorgen fĂŒr Unbehagen bei den Anwesenden.
01:05:11
Es ist auch die Art und Weise, wie sie vom Tathergang erzÀhlt.
01:05:15
Gefasst und mit ruhiger Stimme, nahezu ohne GefĂŒhlsregung.
01:05:19
Auf einige macht es den Anschein, als lieĂen Linda ihre Taten kalt.
01:05:23
Richtig skurril wirkt sie dann, als sie sich bei den ZeugInnen fĂŒr ihre Aussagen bedankt.
01:05:28
Der Vorsitzenden Richterin ihren Willen zur Mitarbeit ausspricht und die RettungskrĂ€fte im ZeugInnenstand fĂŒr ihre Versuche lobt, ihre Kinder zu reanimieren.
01:05:36
Ein bisschen wirkt der Verhandlungsaal in diesem Moment wie eine BĂŒhne und Linda wie eine Figur, die die Aufmerksamkeit, die auf sie gerichtet ist, zu genieĂen scheint.
01:05:44
Dass Linda gestĂ€ndig ist und den Tathergang so ausfĂŒhrlich schildert, könnte dem Gericht helfen.
01:05:49
Sowohl bei der Einordnung von Lindas Motiven als auch bei der Rekonstruktion der Tat.
01:05:54
Trotzdem ist man sich im Landgericht nicht so sicher, ob sie der Kammer auch wirklich alles erzÀhlt hat.
01:05:59
Grund dafĂŒr sind die AusfĂŒhrungen des rechtsmedizinischen SachverstĂ€ndigen.
01:06:03
In seinem Gutachten weist er darauf hin, dass die Leichen der SĂ€uglinge Pia und Fynn nicht nur sogenannte petechiale Blutungen aufweisen wĂŒrden, die fĂŒr einen Erstickungsvorgang sprechen.
01:06:12
Die Zwillinge hÀtten auch schwere SchÀdelfrakturen erlitten.
01:06:15
Fynn habe auĂerdem zwei gebrochene Arme und eine Oberschenkelfraktur gehabt.
01:06:19
Der Gutachter ist sich sicher, mit dem Autounfall sind diese Verletzungen nicht zu erklÀren.
01:06:24
Die Mutter muss sie ihnen vorher zugefĂŒgt haben.
01:06:27
Doch, aber also Linda streitet es ab.
01:06:29
Sie behauptet vehement, die Tötung ihrer Kinder sei ohne BrutalitÀt vorgegangen.
01:06:34
Wobei man sich da ja natĂŒrlich auch fragen kann, ob so ein grausamer Erstickungstod, ob man da wirklich von ohne BrutalitĂ€t sprechen kann.
01:06:42
Also das mag ich ja mal bezweifeln.
01:06:44
Ob letztendlich das Ersticken oder die Kopfverletzungen zum Tod der Babys gefĂŒhrt haben, bleibt unklar.
01:06:50
Und auch das psychiatrische Gutachten, das ein genaues Bild von Lindas Wesen zeichnen soll, lÀsst einige Fragen offen.
01:06:57
Allen voran die nach der SchuldfÀhigkeit.
01:06:59
Der forensische Psychiater, der im Prozess zu Wort kommt, bezeichnet Lindas Persönlichkeit als doppelbödig.
01:07:05
Finde ich irgendwie eine schöne Beschreibung.
01:07:07
Auf der einen Seite wirke sie nach auĂen stabil und prĂ€sentiere sich als Frau, die in der Lage sei, ihr Schicksal durchaus selbst zu meistern.
01:07:14
HintergrĂŒndig jedoch sei sie zerrissen, unsicher und habe ein groĂes BedĂŒrfnis nach UnterstĂŒtzung.
01:07:19
Linda habe aufgrund von Defiziten in ihrer Kindheit und Jugend eine neurotische Persönlichkeitsentwicklung vollzogen,
01:07:25
die zu verwurzelten Fehlhaltungen und FehleinschĂ€tzungen fĂŒhre.
01:07:29
Als Beispiel fĂŒhrt der SachverstĂ€ndige dafĂŒr Lindas pathologisches Beziehungsmuster an.
01:07:34
So schnell, wie sie sich neuen Partnern zuwende und mit ihnen unreflektiert KinderwĂŒnsche realisiere,
01:07:39
so rasch folge auch immer wieder die Entwertung dieser Personen.
01:07:42
Die Zeit, in der sich Henning erstmals in einer psychiatrischen Klinik befunden hat,
01:07:47
sei fĂŒr Linda eine extreme Belastung gewesen.
01:07:49
Sowohl aufgrund der alleinigen FĂŒrsorge fĂŒr die drei Kinder,
01:07:53
als auch wegen der finanziellen EngpÀsse und die Sorgen um die gemeinsame Beziehung.
01:07:57
Als sich Henning dann erneut in stationÀre Behandlung begeben habe,
01:08:01
sei fĂŒr Linda schlieĂlich der Traum einer heilen Welt und damit ihr Lebensziel erneut gescheitert.
01:08:06
Und das dramatischer als je zuvor.
01:08:08
Dieses Scheitern habe bei ihr zu einer depressiven Reaktion gefĂŒhrt.
01:08:13
Eine akute Belastungsreaktion, nennt es der Fachmann.
01:08:16
Es sei durchaus denkbar, dass ihr Denken in dieser Zeit so eingeengt gewesen sein könnte,
01:08:21
dass man von einer beeintrÀchtigten Steuerungs- und KontrollfÀhigkeit sprechen könne.
01:08:26
HeiĂt, es kann sein, dass Lindas SchuldfĂ€higkeit zum Tatzeitpunkt vermindert gewesen war.
01:08:31
Was dagegen sprechen wĂŒrde, sind die Verletzungen, die Linda ihren Zwillingen offensichtlich zugefĂŒgt hat.
01:08:37
Diese könnten dafĂŒr sprechen, dass sich Linda in dem Moment nicht in einer depressiven Ausnahmesituation befunden habe,
01:08:43
sondern dass es vor allem Aggressionen waren, die sie dazu gebracht haben, ihren SĂ€uglingen massive Gewalt zuzufĂŒgen.
01:08:49
Okay, wenn diese AggressivitÀt sozusagen sie dazu gebracht hat,
01:08:54
dann kann sie nicht vermindert schuldfÀhig sein,
01:08:58
weil eine AggressivitÀt quasi keine psychische Erkrankung oder sowas ist wie jetzt die Depression?
01:09:05
Na, also der SachverstÀndige sagt quasi, dass es fraglich ist, ob sie dann vermindert schuldfÀhig war,
01:09:11
weil dann diese Aggression bei Linda so in den Vordergrund getreten wÀre.
01:09:17
Das bezweifelt das Gericht ja nicht.
01:09:19
Die sagen, die ist auf jeden Fall verantwortlich fĂŒr die Verletzungen der Kinder.
01:09:22
Also das hat sie auf jeden Fall gemacht.
01:09:24
Und dann könnte es eben so gewesen sein, dass die Aggressionen in den Vordergrund getreten sind
01:09:31
und dass die depressive Einengung in dem Moment zurĂŒckgetreten sei.
01:09:36
Und damit wĂ€re eben die Voraussetzung fĂŒr eine erhebliche EinschrĂ€nkung der SteuerungsfĂ€higkeit,
01:09:41
also im Sinne von Paragraf 21 StGB, also vermindert schuldfÀhig,
01:09:46
das wĂ€re dann schwer zu begrĂŒnden.
01:09:48
Ja, das verstehe ich.
01:09:50
Also diese Frage nach der SchuldfÀhigkeit, ob sie schuldfÀhig war oder nicht,
01:09:54
kann der SachverstÀndige weder mit einem klaren Ja noch mit einem klaren Nein beantworten.
01:09:58
Aber von einem Schuldspruch bewahrt es Linda nicht.
01:10:02
Als das Landshuter Landgericht sein Urteil spricht,
01:10:04
wird Linda wegen heimtĂŒckischen Mordes an Maya und zweifachen Totschlags von Pia und Finn
01:10:09
zu einer 14-jÀhrigen Freiheitsstrafe verurteilt.
01:10:11
14 Jahre und nicht lebenslang, weil das Gericht davon ausgeht,
01:10:15
dass Linda zum Tatzeitpunkt vermindert schuldfÀhig war.
01:10:18
Die nÀchsten Jahre ihres Lebens wird Linda also hinter GitterstÀben verbringen.
01:10:22
Alleine, ohne ihre Kinder.
01:10:24
Ohne einen Partner.
01:10:25
Ohne die Familie, die ihr so wichtig war.
01:10:27
Auch Henning ist bei der UrteilsverkĂŒndung anwesend.
01:10:30
Von einem Platz in den hinteren Reihen hört er, wie das Gericht sein Urteil spricht
01:10:34
und ist dabei, als Linda als verurteilte Mörderin aus dem Saal gefĂŒhrt wird.
01:10:38
Die verhĂ€ngte Freiheitsstrafe ist fĂŒr ihn noch immer bedeutungslos.
01:10:41
Er ist sich sicher, dass Linda ihre gröĂte Strafe bereits erhalten hat.
01:10:45
Sie wird weiterleben mĂŒssen, mit dem Wissen Maya getötet,
01:10:48
ihren vier Monate alten Zwillingen die Chance auf eine Kindheit geraubt und ihre Familie zerstört zu haben.
01:10:53
Henning hat in diesem Moment nur einen Gedanken.
01:10:56
Er wĂŒnscht der Mutter seiner Kinder ein langes Leben, voller schmerzlicher Erinnerung an ihre Taten.
01:11:04
Also der Fall hat mich jetzt vollkommen fertig gemacht.
01:11:07
Das habe ich irgendwie gar nicht kommen sehen.
01:11:09
Erstmal möchte ich vorweg schicken, dass es ja irgendwie klar ist, dass eine Frau ĂŒberfordert ist,
01:11:16
die sich alleine um Zwillingsbabys und eine SechsjĂ€hrige kĂŒmmern muss.
01:11:21
Aber es ist halt total verantwortungslos, sich dann keine Hilfe zu holen,
01:11:27
beziehungsweise ihrem kranken Freund ein schlechtes Gewissen zu machen,
01:11:31
weil der hat sich das ja auch nicht ausgesucht,
01:11:33
jetzt da mit Depressionen stationÀr aufgenommen zu sein und der Familie nicht helfen zu können.
01:11:39
Also das ist so das eine.
01:11:41
Das andere ist diese Tat.
01:11:44
Also wie kann man seine sechstjÀhrige Tochter mit eigenen HÀnden umbringen
01:11:49
und mit dem schlimmsten GefĂŒhl gehen lassen,
01:11:52
das eine Mutter ihrem Kind ja geben kann.
01:11:56
NĂ€mlich, dass die eigene Mutter sie tot sehen will.
01:12:00
Also diese Szene, die war wirklich kaum zu ertragen, als du die da eben erzÀhlt hast.
01:12:06
Ja, und ich habe ja auch ein bisschen was ausgelassen.
01:12:09
Wir wollen das ja immer nicht so detailliert erzÀhlen,
01:12:12
aber es ist wirklich grauenhaft.
01:12:14
Und nur noch mal kurz, weil du meintest, es ist klar, dass die Hilfe brauchen.
01:12:19
Es gibt natĂŒrlich die Leute, die das trotzdem irgendwie wuppen
01:12:22
und meinen gröĂten Respekt dafĂŒr,
01:12:23
aber es ist natĂŒrlich eine enorme psychische Belastung.
01:12:26
Und bei ihr kam ja jetzt auch noch dazu,
01:12:29
dass Linda natĂŒrlich auch eine Mitbelastung
01:12:32
durch die Depression ihres Partners tragen musste.
01:12:34
Und es ist ja so, dass wenn eine Depression
01:12:37
bei einer Person von einem Paar auftritt,
01:12:40
dass das die Beziehung in der Regel eigentlich immer belastet.
01:12:43
Du hast halt auf der einen Seite diese Person,
01:12:46
die von der Krankheit begleitet wird.
01:12:48
Und je nachdem, wie schwer ausgeprÀgt die dann ist,
01:12:51
ist die Person dann vielleicht auch wirklich komplett
01:12:54
eingenommen von dieser Depression
01:12:55
und ist dann halt auch eine hilfebedĂŒrftige Person.
01:12:59
Dann hast du noch dazu, dann verschwinden da manchmal
01:13:02
die VerbundenheitsgefĂŒhle zum Partner
01:13:04
oder halt eben auch zu den Kindern.
01:13:06
Also in diesem Fall war das ja auch so,
01:13:08
Henning stand vor diesem Bettchen
01:13:09
und konnte sich dann auch gar nicht mehr um die kĂŒmmern.
01:13:11
Also ich meine natĂŒrlich auch,
01:13:12
weil er auch diese GelÀhmtheitssymptome beschrieben hat.
01:13:15
Aber dann hast du halt eben auf der anderen Seite
01:13:17
die Partnerperson,
01:13:19
fĂŒr die sich ja damit auch so vieles Ă€ndert.
01:13:21
Also die Beziehung, der Alltag.
01:13:23
Man sorgt sich um die andere Person
01:13:26
und findet vielleicht dann in dem Moment
01:13:27
auch keinen richtigen Umgang damit,
01:13:29
weil man sich mit dem Thema
01:13:30
vielleicht auch noch nicht so richtig auseinandergesetzt hat.
01:13:32
Und viele fĂŒhlen sich dann ja auch verantwortlich
01:13:35
und haben dann auch noch mit SchuldgefĂŒhlen zu kĂ€mpfen,
01:13:37
weil sie das GefĂŒhl haben,
01:13:38
sie mĂŒssen jetzt irgendwie Teil dieser Heilung sein.
01:13:41
Und ich finde es schon,
01:13:42
dass man da auch eine Verantwortung hat als gesunder Part,
01:13:46
wenn auch nicht bis hin zur Selbstaufgabe.
01:13:49
Ich glaube, das darf man bei diesem Fall nicht unterschÀtzen.
01:13:52
Ich habe neulich jemanden getroffen,
01:13:54
seine Ehe ist im Grunde genommen nicht mehr existent,
01:13:56
seitdem die Ehefrau diese Depressionsdiagnose hat.
01:14:00
Und insofern muss man Linda natĂŒrlich zugestehen,
01:14:04
dass sie auch wirklich unter einer psychischen Belastung
01:14:08
was ihr das Gericht ja am Ende auch anerkannt hat.
01:14:10
Ja, auf jeden Fall.
01:14:11
Mit der geringeren Haftstrafe.
01:14:12
Ansonsten hĂ€tte sie natĂŒrlich lebenslang kriegen mĂŒssen
01:14:15
fĂŒr den Mord an Maya.
01:14:16
Ja, das Ding ist dann nur,
01:14:18
wenn man diese Details hört,
01:14:20
wie die hat dann diese SMS geschrieben an den Henning,
01:14:25
die fĂŒr mich irgendwie so bedeuten,
01:14:27
so, du hast hier uns nicht mehr geholfen
01:14:31
wegen deiner Erkrankung.
01:14:33
Jetzt musste ich die Kinder umbringen,
01:14:35
weil ohne dich geht das hier jetzt nicht mehr so,
01:14:38
auf seine Schultern zu legen,
01:14:40
einem psychisch erkrankten Mann
01:14:44
und dann eben noch,
01:14:45
was sie da zu den Kindern gesagt hat
01:14:47
und wie das Gericht ja jetzt auch festgestellt hat,
01:14:49
was sie den Kleinen auch angetan haben muss,
01:14:53
damit diese KnochenbrĂŒche da entstanden sind.
01:14:56
Also das ist fĂŒr mich dann
01:14:57
sowas von nicht ĂŒbertriebene Reaktion,
01:15:00
generell ist es eine ĂŒbertriebene Reaktion,
01:15:02
aber es ist so unmenschlich,
01:15:05
man kann das nicht greifen.
01:15:05
Ja, es ist absolut, genau,
01:15:07
es ist absolut grausam
01:15:08
und ich meinte das jetzt auch gar nicht als Entschuldigung
01:15:11
oder Rechtfertigung fĂŒr ihre Tat,
01:15:12
absolut ĂŒberhaupt nicht,
01:15:13
sondern einfach nur als ErklÀrung,
01:15:15
was da psychisch vorher in ihr vorgegangen ist.
01:15:18
Es ist natĂŒrlich absolut grauenhaft
01:15:20
und es ist auch absolut egoistisch,
01:15:22
sich in dem Moment dann nicht wie Henning
01:15:24
auch Hilfe zu holen,
01:15:26
sondern einfach diesen Weg des Endes zu wÀhlen
01:15:29
und nicht nur fĂŒr sich,
01:15:30
sondern auch fĂŒr die Kinder
01:15:32
und Henning dann damit zurĂŒcklassen zu wollen.
01:15:35
Wenn wir die beiden FĂ€lle jetzt vergleichen,
01:15:37
also Lauras und meinen Fall,
01:15:39
dass Adam andere GrĂŒnde hatte
01:15:41
fĂŒr den erweiterten Suizid,
01:15:43
als Linda sie jetzt hatte.
01:15:44
Bei Adam war es eben die Angst davor,
01:15:47
und sich womöglich auch mit der Scham
01:15:49
dieser jahrelangen LĂŒge auseinandersetzen zu mĂŒssen
01:15:51
und bei Linda war es eben ganz klar
01:15:53
diese familiÀre Belastung
01:15:55
und ZukunftsÀngste
01:15:56
und aber eben auch,
01:15:57
dass sie davon ausgegangen ist,
01:15:58
also diese Kinder sind ohne sie total verloren.
01:16:01
Und das zeigt eben,
01:16:02
die Motive fĂŒr so eine Tat,
01:16:04
die können eben ganz unterschiedlich sein
01:16:05
und darum geht es jetzt in meinem Aha.
01:16:07
GrundsĂ€tzlich ist das natĂŒrlich ein bisschen tricky,
01:16:10
da ĂŒberhaupt Erkenntnisse zu sammeln,
01:16:11
denn wenn alles so lÀuft,
01:16:13
wie sich die TĂ€terInnen das vorgestellt haben,
01:16:16
dann sind sie ja am Ende tot
01:16:17
und dann können wir halt nichts
01:16:18
ĂŒber das Innenleben wissen
01:16:20
und Angehörige,
01:16:22
die Aufschluss geben könnten,
01:16:23
die sind ja dann eventuell
01:16:24
auch mitgerissen worden
01:16:25
und auĂerdem gibt es natĂŒrlich
01:16:27
dann auch keinen Prozess,
01:16:28
weil gegen Tote nicht ermittelt wird.
01:16:30
Manchmal gibt es Abschiedsbriefe,
01:16:33
die können dann vielleicht
01:16:34
ein bisschen Aufschluss geben,
01:16:35
aber halt eben auch nicht immer.
01:16:36
Also Linda hat das nicht gemacht,
01:16:37
Adam hat das nicht gemacht.
01:16:39
um was ĂŒber die Motive zu erfahren,
01:16:41
schauen wir uns halt am besten
01:16:43
die unvollendeten erweiterten Suizide an
01:16:45
und deswegen haben wir uns eben heute
01:16:46
in der Folge auch dafĂŒr entschieden,
01:16:48
zwei solche FĂ€lle zu behandeln,
01:16:50
weil die Informationslage
01:16:51
zu den vollendeten
01:16:52
meist einfach zu dĂŒrftig ist.
01:16:54
FĂŒr uns sind ja zum Beispiel
01:16:55
auch immer Gerichtsverfahren super wichtig,
01:16:57
weil man ja da eben auch
01:16:59
dem Motiv auf den Grund geht,
01:17:01
um halt ein Urteil fÀllen zu können.
01:17:03
Das hatte man ja bei Linda
01:17:04
im Prozess auch gemacht
01:17:06
und was man da gesehen hat,
01:17:07
dass es halt nicht
01:17:08
einen Auslöser gab
01:17:09
und dann hat sie sich dazu entschieden,
01:17:11
sondern das hat sich ja
01:17:12
mit der Depression von Henning
01:17:14
schon vorher aufgebaut.
01:17:15
Lorenz Böllinger,
01:17:16
ehemaliger Professor fĂŒr Strafrecht
01:17:18
und Kriminologie
01:17:19
an der UniversitÀt Bremen,
01:17:20
spricht in dem Zusammenhang
01:17:21
in einem Interview
01:17:22
mit der SĂŒddeutschen Zeitung
01:17:23
von einem sogenannten
01:17:24
Aufschaukelungsprozess,
01:17:26
also von Emotionen und Problemen,
01:17:28
die dann auch im Vorfeld
01:17:29
schon bestanden haben
01:17:30
und sich dann mit der Zeit
01:17:31
eben verstÀrken.
01:17:32
Die können ganz unterschiedlich sein.
01:17:34
Das kann eine wirtschaftliche Notlage sein,
01:17:36
das kann die Angst des Verlassenwerdens
01:17:38
des Partners oder der Partnerin sein,
01:17:39
Familienkonflikte
01:17:41
oder halt eben auch Krankheiten.
01:17:42
Was sich in Bezug auf die Motive
01:17:44
auĂerdem zeigt,
01:17:46
ist, dass es da deutliche Unterschiede
01:17:47
zwischen den Geschlechtern gibt.
01:17:48
Bei MĂ€nnern beispielsweise
01:17:49
sind laut dem Experten Böllinger
01:17:51
oft EifersuchtsgefĂŒhle
01:17:52
und VerlustÀngste ausschlaggebend,
01:17:54
vor allem halt bei den MĂ€nnern,
01:17:55
die ihre Beziehung als etwas erleben,
01:17:57
das ihnen viel Sicherheit gibt.
01:17:59
Der Kriminologe sagt eben,
01:18:01
dass es mÀnnlichen TÀtern
01:18:02
auch oft um das Besitzen
01:18:04
von der Partnerin gehen wĂŒrde.
01:18:06
Also da haben wir das wieder
01:18:07
mit den Femiziden,
01:18:08
wenn ich dich nicht haben kann,
01:18:09
dann soll dich niemand haben können.
01:18:11
Aus diesem Grund
01:18:13
die erweiterte Suizide begehen,
01:18:15
auch besonders hÀufig ihre Partnerinnen.
01:18:17
Frauen dagegen bringen im Vorfeld
01:18:19
vor allem ihre Kinder um
01:18:21
und dabei spielen dann halt
01:18:22
sogenannte pseudo-altruistische Motive
01:18:24
Der Psychiater und Suizidforscher
01:18:27
Manfred Wolfersdorf
01:18:29
erklÀrt in einem Interview
01:18:30
gegenĂŒber dem Stern,
01:18:31
dass MĂŒtter gerade kleine Kinder
01:18:33
oft noch als Teil von sich selbst,
01:18:35
also auch von ihrem eigenen Körper wahrnehmen.
01:18:37
Und wenn sie dann aus Verzweiflung
01:18:40
ihren Suizid planen,
01:18:41
dann denken sie dann,
01:18:41
dass die Kinder ohne sie halt nichts können
01:18:44
und dass die MĂŒtter die dann
01:18:45
in der ganz schrecklichen Welt
01:18:46
alleine zurĂŒcklassen wĂŒrden,
01:18:48
wenn man sie nicht mit tötet.
01:18:50
Ja, aber diese Einordnung,
01:18:51
typisch Mann, typisch Frau,
01:18:53
trifft natĂŒrlich nicht auf alle FĂ€lle zu.
01:18:55
Gerade dieser falsche Altruismus,
01:18:58
also dieses ĂŒberzogene VerantwortungsgefĂŒhl
01:19:00
ist was, was auch bei MĂ€nnern vorkommt.
01:19:03
Das war ja auch bei dem Mann so,
01:19:05
von dem ich in Folge 14 erzÀhlt habe,
01:19:06
das war ja auch ein Fall
01:19:08
von erweitertem Suizid.
01:19:09
Da hatte nÀmlich dieser Mann
01:19:11
seine ganze Familie
01:19:12
und sich selbst getötet,
01:19:13
unter anderem wegen beruflicher Probleme.
01:19:16
Der hatte einen Abschiedsbrief geschrieben
01:19:18
und darin dann auch ausfĂŒhrlich erklĂ€rt,
01:19:20
warum auch seine Familie sterben musste.
01:19:22
Und zwar, Zitat,
01:19:24
weil mein alleiniger Tod
01:19:26
oder auch mein Weiterleben
01:19:27
meine Familie in tiefe Trauer gestĂŒrzt
01:19:29
und tief verletzt hÀtte.
01:19:31
AuĂerdem schreibt er,
01:19:32
ich wÀre nicht in der Lage,
01:19:34
meiner Familie eine lebenswerte Zukunft
01:19:36
zu ermöglichen.
01:19:37
Davor möchte ich sie bewahren.
01:19:39
Ja, das ist ja oft so,
01:19:40
dass die, die die Tat begehen,
01:19:41
das dann auch wirklich glauben,
01:19:43
dass das so ist.
01:19:44
Aber es ist eben natĂŒrlich
01:19:46
eigentlich ĂŒberhaupt nicht altruistisch.
01:19:50
sprichst du der anderen Person
01:19:51
die Entscheidung ab.
01:19:52
Und jetzt mal ganz stumpf,
01:19:53
also wenn die Person
01:19:54
damit wirklich nicht leben könnte,
01:19:56
also vor allem die Partnerin,
01:19:58
dann hÀtte sie ja auch immer noch
01:20:00
sich selbst zu suizidieren.
01:20:03
fĂŒr sich selber entscheiden.
01:20:04
Und davon abgesehen,
01:20:06
dass ich glaube,
01:20:07
dass wenn beispielsweise
01:20:08
eine Familie wie die von dem Adam,
01:20:10
wenn die herausfinden wĂŒrde,
01:20:12
was fĂŒr eine LĂŒge
01:20:13
sie da jahrelang gelebt hat,
01:20:15
dann finde ich doch recht fraglich,
01:20:17
ob sie dann wirklich
01:20:18
keine Option ohne ihn gesiegt hÀtte.
01:20:20
Weil wenn so eine LĂŒge
01:20:22
vorher aufgeflogen wÀre,
01:20:23
dann hÀtte ja bestimmt
01:20:24
eine Trennung im Raum gestanden.
01:20:26
Und die wĂŒrde dann ja ganz gut zeigen,
01:20:28
dass es auch ohne geht.
01:20:29
Und deswegen glaube ich,
01:20:31
dass es eben in den FĂ€llen
01:20:32
von Adam oder dem Mann
01:20:34
dass es vor allem
01:20:37
denen darum geht,
01:20:38
den Schein vor der Familie
01:20:39
und vor dem Umfeld zu bewahren
01:20:41
und vor allem auch,
01:20:42
sich selbst vor der Konfrontation
01:20:45
mit der Wahrheit zu schĂŒtzen.
01:20:46
Und das ist ja nun alles andere
01:20:48
als altruistisch.
01:20:50
Und bei dem Fall aus Folge 14
01:20:52
war das irgendwie auch ganz klar,
01:20:55
also dieser Brief war ultralang
01:20:57
und den haben sich natĂŒrlich
01:20:58
im Nachhinein auch
01:20:59
ExpertInnen angeschaut
01:21:00
und haben da ganz klar,
01:21:02
ganz viel Narzissmus gesehen.
01:21:04
Da war glaube ich,
01:21:05
das hatte ich da auch
01:21:07
in dem Fall erzÀhlt,
01:21:07
wie oft das Wort
01:21:09
Ich benutzt wurde.
01:21:10
Und ja, also ganz ĂŒbertrieben hĂ€ufig
01:21:14
und schon alleine,
01:21:15
wenn ich das höre,
01:21:16
ich wÀre nicht in der Lage,
01:21:18
meiner Familie eine lebenswerte Zukunft
01:21:19
zu ermöglichen.
01:21:20
Ja, können die sich selber
01:21:23
vielleicht eine lebenswerte Zukunft
01:21:25
Du bist ja nicht...
01:21:26
Als ob sich das Leben um diesen Typen dreht.
01:21:31
In seiner Welt eben schon, ja.
01:21:33
Als wÀre er die Sonne,
01:21:34
ohne die es kein Leben gÀbe.
01:21:36
Naja, ansonsten stellen die ExpertInnen
01:21:38
bei der Geschlechterthematik halt noch fest,
01:21:40
dass MÀnner hÀufiger erweiterten Suizid begehen.
01:21:43
Das zeigt zum Beispiel auch
01:21:44
eine Obduktionsstudie
01:21:45
des Rechtsmedizinischen Instituts
01:21:47
der Berliner Charité.
01:21:48
Die hat sich alle erweiterten SuizidfÀlle
01:21:50
in Berlin von 2005 bis 2013
01:21:53
angeschaut und festgestellt,
01:21:54
dass in den insgesamt 17
01:21:56
untersuchten FĂ€llen
01:21:57
tatsÀchlich 17 TÀter mÀnnlich waren
01:22:00
und 18 von 20 Opfern,
01:22:02
die sie getötet haben,
01:22:03
also 90 Prozent,
01:22:05
Aber wir wissen ja jetzt auch,
01:22:07
Frauen werden auch zu TĂ€terinnen
01:22:08
und bei ihnen kann im Gegensatz
01:22:10
zu MĂ€nnern diese Ăberzeugung,
01:22:11
mein Kind kann ohne mich nicht
01:22:13
oder mein Kind und ich
01:22:14
sind tot besser dran,
01:22:15
auch manchmal durch eine bestimmte Art
01:22:17
der Psychose ausgelöst werden,
01:22:19
ĂŒber die wir erst vor kurzem
01:22:20
hier beim Mottos gesprochen haben.
01:22:22
Das hat uns unsere Expertin
01:22:23
fĂŒr diese Folge Dr. Ute Lewitzke erzĂ€hlt.
01:22:26
Die ist FachĂ€rztin fĂŒr Psychiatrie
01:22:27
und Psychotherapie.
01:22:29
FĂŒr mich der Klassiker ist
01:22:30
der erweiterte Suizid
01:22:32
im Rahmen einer sogenannten
01:22:33
Wochenbett-Psychose.
01:22:36
die ihr Kind entbunden haben,
01:22:39
also das muss auch innerhalb
01:22:40
der ersten Wochen passieren,
01:22:41
sonst erfĂŒllt ist die Kriterien
01:22:43
kommen in einen extremen Zustand
01:22:47
von verzehrter Wahrnehmung,
01:22:49
von DepressivitÀt,
01:22:51
von psychotischem Erleben,
01:22:52
das heiĂt Halluzination,
01:22:53
VerfolgungsgefĂŒhl,
01:22:55
wahnhaftes Erleben
01:22:58
Konglomerat von Symptomen
01:22:59
kommen sie dann zu dem Punkt,
01:23:01
weder mein Kind noch ich
01:23:03
sollten hier weiter
01:23:03
auf diesem Planeten leben.
01:23:05
Aber das ist natĂŒrlich nicht
01:23:06
die einzige psychische Erkrankung,
01:23:08
die sich mit erweiterten Suiziden
01:23:09
in Verbindung bringen lÀsst.
01:23:11
Also als Risikofaktoren,
01:23:12
da gelten in der Suizidforschung
01:23:14
auch natĂŒrlich Depressionen,
01:23:15
Borderline-Störungen
01:23:16
und auch Suchterkrankungen,
01:23:18
also Alkohol oder andere Drogen.
01:23:21
Und die psychiatrischen Begutachtungen,
01:23:22
die ja bei ĂŒberlebenden TĂ€terInnen
01:23:26
dass diese Menschen
01:23:27
ganz geschlechtsunabhÀngig
01:23:28
hÀufig bestimmte
01:23:29
Persönlichkeitsmerkmale aufweisen.
01:23:31
Die sind halt oft egozentrisch
01:23:33
und suhlen sich im Selbstmitleid.
01:23:35
Und auch Narzissmus
01:23:36
ist eben ein groĂes Thema,
01:23:37
wie du ja auch eben
01:23:38
gerade angesprochen hast,
01:23:39
also sei es in Form von
01:23:41
narzisstischen ZĂŒgen
01:23:43
als Persönlichkeitsstörung.
01:23:45
Und in vielen FĂ€llen
01:23:46
haben TĂ€terInnen
01:23:47
fĂŒr ein ausgeglichenes MaĂ
01:23:49
an Distanz und NĂ€he.
01:23:50
Wie hÀufig jetzt
01:23:52
Erkrankungen wie Depressionen,
01:23:53
oder so eine narzisstische
01:23:55
Persönlichkeitsstörung
01:23:56
diese erweiterten Suizide
01:23:58
das ist total unklar.
01:23:59
Also da gibt es je nach Studie
01:24:01
ganz unterschiedliche Zahlen.
01:24:03
In solchen FĂ€llen
01:24:04
kann natĂŒrlich unter UmstĂ€nden
01:24:05
auch eine verminderte SchuldfÀhigkeit
01:24:08
eine SchuldunfÀhigkeit vorliegen.
01:24:10
Es ist nÀmlich so,
01:24:11
dass bei vielen TĂ€terInnen,
01:24:15
erweiterte Suizide
01:24:17
nachtrÀglich auch
01:24:18
erhebliche psychische Störungen
01:24:20
festgestellt wurden.
01:24:21
Und das kann dann natĂŒrlich
01:24:23
auch eine mildere Strafe bedeuten,
01:24:25
wie im Fall von Linda
01:24:28
in einer forensischen Psychiatrie
01:24:30
untergebracht wird,
01:24:30
wenn man beispielsweise
01:24:32
schuldunfÀhig ist.
01:24:33
DafĂŒr ist aber natĂŒrlich
01:24:34
die Fachaussetzung,
01:24:35
dass ein Gutachter
01:24:37
oder eine Gutachterin
01:24:40
der seelischen Störung
01:24:42
das Unrecht seiner Tat
01:24:44
oder eben danach
01:24:46
an unseren FĂ€llen
01:24:49
von erweiterten Suiziden,
01:24:50
die stellen sich ja
01:24:51
danach oft die Frage,
01:24:52
hÀtte das Ganze
01:24:54
irgendwie verhindert werden können
01:24:56
und machen sich VorwĂŒrfe.
01:24:57
Also Henning zum Beispiel
01:24:58
hat sich tatsÀchlich gefragt,
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ging das mit Linda
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alles zu schnell,
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weil die Beziehung,
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die hat ja relativ schnell
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Fahrt aufgenommen.
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Und er hat sich auch gefragt,
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ob ihn ihre Vergangenheit,
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also mit den zwei
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gescheiterten Ehen vorher,
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mit auch schon zwei Kindern,
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hÀtte ihn das irgendwie
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skeptisch machen sollen
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und hÀtte er sie vielleicht
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vorher besser kennenlernen sollen,
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bevor er mit ihr
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eine Familie grĂŒndet.
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Ute Lewitzka aber,
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dass es fĂŒr das Umfeld
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tatsÀchlich oft schwierig ist,
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bestimmte VerÀnderungen
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oder AuffÀlligkeiten
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an jeweiligen Personen
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dann als Alarmsignale
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weil die Schwierigkeit dabei
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ist eben gar nicht
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das reine Bemerkten,
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sondern vor allem
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Also die Expertin meint,
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dass wir Menschen
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grundsÀtzlich eigentlich
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so gestrickt sind,
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dass wir uns Dinge
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immer erklÀren wollen.
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Also wenn ich beispielsweise
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Mensch, mein Partner
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ist seit einiger Zeit
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und wirkt ĂŒberfordert,
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eigentlich so gar nicht kenne,
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dann reime ich mir
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eventuell zusammen,
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auf Arbeit hat oder so.
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Einfach um mir selbst
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dieses Verhalten
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erklÀren zu können.
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gar nicht der Grund
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kann ja was völlig
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anderes sein dafĂŒr,
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dass sich irgendwie
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das Wesen verÀndert.
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Nichtsdestotrotz
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sagt Ute Lewitzka
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es gibt bestimmte
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und wenn man solche
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VerÀnderungen an anderen
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dann sollte man auf jeden Fall
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das GesprÀch suchen.
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Wenn ich aufmerksam bin
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dass ein Mensch sich
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vernachlÀssigt,
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dass er Schlafstörungen
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dass er reizbarer ist,
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dass er oder sie
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in dem Fall auch
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andere Interessen,
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nicht mehr nachgeht,
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dass sie hÀufiger
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von Sorgen berichtet
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Dann könnte ich nachfragen,
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dann könnte ich sagen,
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okay, ich mache mir Sorgen
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und dann könnte es
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im gĂŒnstigsten Fall
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dass ein Hilfesystem
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oder dass der oder diejenige
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in das Hilfesystem
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kommt und auch wirklich
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UnterstĂŒtzung erfĂ€hrt.
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das setzt dann aber natĂŒrlich
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dass die Betroffenen
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auch bereit sind,
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und UnterstĂŒtzung
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und ob dann auch
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wirklich Gedanken
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ĂŒber jetzt einen
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erweiterten Suizid
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mitgeteilt werden,
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das ist natĂŒrlich
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nochmal eine andere Frage.
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Unsere Expertin hat
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GefĂ€hrdungen fĂŒr
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aber eigentlich nur dann,
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konkrete Hinweise gibt,
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zum Beispiel in Form
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von Zwangsgedanken,
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also zum Beispiel,
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wenn eine Mutter
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gedanklich immer wieder
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wie sie ihr eigenes
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Ja und sowas muss man
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dann halt natĂŒrlich
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auch erstmal Ă€uĂern,
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also das ist natĂŒrlich
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Schwierigkeit dabei.
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Und nochmal zur GefÀhrdung,
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ich habe mich gefragt,
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also wenn der erweiterte
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Suizid halt eben
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unvollendet bleibt,
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wie in unseren FĂ€llen
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wie steht es dann
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um die Suizidgefahr
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der TĂ€terInnen danach?
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die Angehörigen
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man selbst aber nicht
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eigentlich hatte.
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TatsÀchlich haben
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nach einer Straftat
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wie beispielsweise
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ein erweiterter Suizid,
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selbst ĂŒberlebt haben,
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auch ein eigenes
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erhöhtes Suizidrisiko.
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gibt es mehrere GrĂŒnde.
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dass ja möglicherweise
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selbst im Rahmen
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einer psychischen
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Erkrankung geschehen
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zumindest beeinflusst war
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und psychische Erkrankungen
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das Suizidrisiko
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Und das Weite ist,
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dass wenn diese StraftÀter
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dann in Untersuchungshaft
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oder in den Justizvollzug kommen,
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das ist eine hohe Risikozeit,
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auch ein Hochrisikoort,
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insbesondere im Rahmen
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der Untersuchungshaft.
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die meisten Suizide,
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die Statistiken angucken.
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besonders auf diese StraftÀter
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mĂŒsste man im Grunde genommen
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Es ist eigentlich witzig,
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dass sie das sagt,
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man mĂŒsste auf die aufpassen,
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weil wir ganz am Anfang
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dass man ein Recht hat
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auf selbstbestimmtes Leben
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sich ein Ende zu setzen.
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Was heiĂt das denn,
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wenn die eigentlich sterben wollen?
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Das finde ich ja auch
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irgendwie interessant.
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das ist tatsÀchlich.
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aber im GefÀngnis
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befindest du dich ja eigentlich
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in der Obhut des Staates,
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Das ist ja dann.
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und die Gesellschaft
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muss das akzeptieren.
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das sagt aber die,
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die total dagegen ist,
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dass man Inhaftierten
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assistierten Suizid erlaubt,
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weil du der Meinung warst,
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ihrer Freiheitsstrafe entziehen,
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sage ich jetzt mal salopp.
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ich stehe auch noch dazu.
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Ich fand es jetzt einfach nur
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irgendwie bemerkenswert,
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dass man auf die aufpassen muss,
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weil ich sehe das auch,
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ich sehe das ja auch so,
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dass man auf die aufpassen muss,
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damit die eben ihre Strafe absitzen,
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weil das dann sozusagen
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die Gerechtigkeit erst
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wiederherstellt sozusagen.
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das ist das eine
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und das andere ist,
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dass aber natĂŒrlich,
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wenn du dich in dem Moment
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in der Obhut des Staates befindest,
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dass der natĂŒrlich dann auch eigentlich
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dafĂŒr Sorge tragen muss,
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dass du eine Option auf Heilung hast,
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wenn du jetzt beispielsweise
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den Suizidgedanken
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wegen einer Depression hast.
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Apropos Heilung,
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suizidale Gedanken habt
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oder jemand in eurem Umfeld
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oder ihr das dort vermutet,
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dann gibt es Hilfe.
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In unserer Folgenbeschreibung
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Telefonnummern und Websites
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wo ihr euch dann hinwenden könnt.
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Und das war's schon wieder.
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Das war ein Podcast
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der Partner in Crime.
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Hosts und Produktion
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und Laura Wohlers.
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Jennifer Fahrenholz
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Rechtliche Abnahme
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Abel und Kollegen.