00:00:00
Leute, wir steuern bei Justitias Wille jetzt straight auf UrteilsverkĂŒndung zu und wir sind hier beide schon massivst nervös.
00:00:20
Ja und das Urteil könnte wegweisend werden fĂŒr die Suizidhilfe in Deutschland, also wie die zukĂŒnftig gehandhabt wird.
00:00:27
Und wir schauen in der heutigen Folge mal in die NachbarlĂ€nder, wie das da so mit der Liberalisierung der Sterbehilfe funktioniert oder eher was es da fĂŒr weitreichende Konsequenzen gibt.
00:00:38
Genau und ich möchte euch die Folge auf jeden Fall krass ans Herz legen, die heute rausgekommen ist, zusammen mit dieser Mordlustfolge, weil Laura da eine sehr private Geschichte erzĂ€hlt, die uns alle im Team total berĂŒhrt hat und deswegen mĂŒsst ihr die auf jeden Fall anhören, die Folge.
00:00:55
Und apropos persönliche Geschichte, wir waren bei Leon Winscheid und Atze Schröder im Podcast Betreutes fĂŒhlen zu Gast, wo auch Atze eine unfassbare Familiengeschichte erzĂ€hlt hat in Bezug auf Suizid.
00:01:07
Das hat mich total fassungslos gemacht auch.
00:01:10
Ja, auch eine sehr persönliche Folge von allen Vieren, wĂŒrde ich sagen.
00:01:14
Ja, genau. Also die könnt ihr euch auch anhören. Wir machen hier wirklich eine Podcast-Aufnahme nach der anderen fĂŒr euch. Und wir verlinken euch beide nochmal in der Folgenbeschreibung, beide Podcasts.
00:01:26
Und damit herzlich willkommen zu Mordlust, einem Podcast der Partner in Crime. Wir reden hier ĂŒber wahre Verbrechen und ihre HintergrĂŒnde. Mein Name ist Paulina Kraser.
00:01:33
Und ich bin Laura Wohlers. Heute haben wir euch einen Kriminalfall mitgebracht, den wir zusammen erzÀhlen und der uns nachhaltig beschÀftigt hat.
00:01:42
Hier geht es um True Crime, also auch um die Schicksale von Menschen. Bitte behaltet das immer im Hinterkopf. Das machen wir auch. Selbst dann, wenn wir zwischendurch mal etwas lockerer miteinander sprechen. Das ist fĂŒr uns immer so eine Art Comic Relief. Aber natĂŒrlich nicht despektierlich gemeint.
00:01:56
Der Fall, den wir heute mitgebracht haben, der handelt von einer furchtbaren Jagd auf Frauen und von einem JĂ€ger, der sich nicht etwa versteckt, sondern vielmehr ins Rampenlicht gedrĂ€ngt hat, auf eine BĂŒhne, die man ihm hĂ€tte nehmen mĂŒssen, bevor es zu spĂ€t war.
00:02:11
Alle Namen haben wir geÀndert und die passende Trigger-Warnung findet ihr in der Folgenbeschreibung.
00:02:18
Mailand am 12. Mai 1997. In den Kulturredaktionen einiger italienischer Zeitungen herrscht an diesem Morgen Aufruhe, denn fĂŒr den Mittag ist eine Pressekonferenz anberaumt, die unter den JournalistInnen fĂŒr GesprĂ€chsstoff sorgt.
00:02:33
Es geht um ein Buch, das vorgestellt werden soll.
00:02:36
Einige RedakteurInnen haben es bereits gelesen und sind schockiert vom Inhalt, der sich ĂŒber 160 Seiten erstreckt.
00:02:44
Es ist die Geschichte eines Mannes und seiner sexuellen Fantasien und WĂŒnsche.
00:02:49
Vorstellungen, die absurd und gefÀhrlich sind.
00:02:52
So gefÀhrlich, dass man sich nicht einmal ausmalen möchte, was passiert, wenn die in die Tat umgesetzt werden sollten.
00:02:59
Dabei sagt der Autor selbst, dass es sich bei seinem literarischen DebĂŒt um eine Autobiografie handelt.
00:03:06
Er soll der Mann sein, um den es im Buch geht.
00:03:10
Auch deshalb sind die JournalistInnen gespannt auf die bevorstehende Veranstaltung.
00:03:14
Denn dort soll der unbekannte Autor auf der BĂŒhne stehen, Fragen zu seinem grotesken Werk beantworten und einige der schauderhaften Zeilen, die er geschrieben hat, vorlesen.
00:03:25
Dabei lĂ€uft es den LeserInnen allein beim Vorwort des Buches eiskalt den RĂŒcken herunter.
00:03:31
Der Autor schreibt, dass er aufgehalten werden muss.
00:03:34
Sonst werde er unfreiwillig irgendwann töten.
00:03:39
Zweieinhalb Jahre zuvor.
00:03:40
Es ist ein gewöhnlicher Tag im Herbst 1994, als Sophia die Zeitung aufschlÀgt.
00:03:46
Die junge Frau mit dem langen, dunkelbraunen Haar ist Mitte 20 und wohnt noch in ihrem Elternhaus in Domodossla, ganz im Norden von Italien.
00:03:55
Eine Kleinstadt mit hĂŒbschem Marktplatz, terracottafarbenen HĂ€usern, umgeben von hohen, bewaldeten Bergen.
00:04:02
Nur 20.000 Menschen leben hier, darunter ihre Eltern, ihre Geschwister und ihre GroĂmutter, zu denen Sophia ein enges VerhĂ€ltnis hat.
00:04:09
Wenn die Italienerin lĂ€chelt, dann formen sich kleine GrĂŒbchen in ihren Wangen.
00:04:14
Sophia ist sympathisch und offen anderen Menschen gegenĂŒber.
00:04:18
Zwei Eigenschaften, die ihr in Zukunft auch im beruflichen Kontext helfen könnten.
00:04:22
Denn Sophia studiert LogopÀdie.
00:04:24
Wenn sie damit fertig ist, möchte sie Menschen helfen, die SprachauffÀlligkeiten oder HörbeeintrÀchtigungen haben.
00:04:30
Doch bis es soweit ist, muss Sophia noch Geld sparen.
00:04:33
Deshalb wohnt sie wÀhrend des Studiums zu Hause.
00:04:35
Eigentlich macht ihr das nichts aus.
00:04:38
Nur manchmal, da wĂŒnscht sie sich, dass da, abgesehen von ihrer Familie und ihren Freundinnen, noch jemand wĂ€re.
00:04:43
Ein Mann, der ihr Herz höher schlagen lÀsst.
00:04:46
Eine Beziehung, die ihr Leben bereichert.
00:04:49
Deshalb bleibt Sophia an diesem Tag, als sie durch die Zeitung blÀttert, an den Kontaktanzeigen hÀngen.
00:04:54
Manchmal muss man dem LiebesglĂŒck eben unter die Arme greifen.
00:04:58
Und tatsĂ€chlich, sie stolpert ĂŒber eine Anzeige, die ihr Interesse weckt.
00:05:02
Ein wohlhabender GeschÀftsmann sucht eine Frau zwischen 18 und 50 Jahren.
00:05:07
Laut seiner Anzeige ist er an einer Beziehung, vielleicht sogar an einer Ehe interessiert.
00:05:12
Er scheint es jedenfalls ernst zu meinen, genau wie sie.
00:05:16
Da ist nur eine Bedingung, ĂŒber die der Mann bei einem Treffen mehr erzĂ€hlen will.
00:05:20
Also das finde ich eine ganz komische Anzeige.
00:05:24
Ich suche eine Frau zwischen 18 und 50 Jahren.
00:05:29
Also eigentlich ist es doch gut, dass man halt nicht irgendwie sagt, ich suche eine Frau zwischen 18 und 21 Jahren.
00:05:37
Ja, bin ich total bei dir.
00:05:40
Ich finde groĂe Altersunterschiede auch nie schlimm.
00:05:43
Es sei denn, es ist gesetztes Beuteschema.
00:05:45
Das finde ich immer so ein bisschen hm.
00:05:47
Ja, vor allen Dingen, wenn das Beuteschema immer gleich bleibt, aber die Person immer Àlter wird.
00:05:53
Aber auf beiden Seiten auch.
00:05:55
Also ich kenne mittlerweile auch ganz viele Frauen, die was mit jĂŒngeren MĂ€nnern haben.
00:06:00
Also dieser Mann scheint zumindest nicht so festgelegt aufs Alter zu sein.
00:06:05
Aber es wirkt natĂŒrlich nur im ersten Moment ein bisschen wahllos.
00:06:10
WeiĂt du, wie ich meine?
00:06:12
Aber Sophia ist neugierig und sie meldet sich auf die Anzeige des Unbekannten, erhÀlt auch prompt eine Antwort.
00:06:19
Sein Name ist Paolo und er will sie zum Café treffen.
00:06:23
In Padua, einer Stadt in der NĂ€he von Venedig, mehr als 300 Kilometer von ihrer Heimat entfernt.
00:06:28
Der weite Weg macht der Studentin nichts aus.
00:06:31
Und so kommt es, dass sie schon kurze Zeit spÀter mit Paolo durch die Gassen von Padua spaziert.
00:06:36
Vorbei an MarktplĂ€tzen und Brunnen, CafĂ©s und Restaurants, die allesamt an ihr vorĂŒberziehen.
00:06:41
Denn Sophia hat nur Augen fĂŒr den Mann an ihrer Seite.
00:06:44
Paolo ist zehn Jahre Àlter als sie, nicht besonders groà und krÀftig gebaut.
00:06:49
Er hat dunkle Augen, die unter buschigen Augenbrauen liegen und eine Halbglatze.
00:06:54
Es ist nicht sein Aussehen, das Sophia beeindruckt, sondern sein Auftreten.
00:06:59
Paolo ist der Inhaber eines AntiquitÀtenladens in einem kleinen Dorf am Iseosee.
00:07:04
Er ist belesen und interessiert sich fĂŒr Kultur.
00:07:08
Wenn er erzÀhlt, dann wÀhlt er seine Worte mit Bedacht und Sophia kann nicht anders, als ihm an den Lippen zu hÀngen.
00:07:13
Noch nie war sie mit einem Mann wie ihm zusammen.
00:07:16
Und er scheint Àhnlich begeistert von ihr zu sein.
00:07:19
Allerdings hat sein Interesse, im Gegensatz zu ihrem, vor allem mit Sophias Körper zu tun.
00:07:25
Denn Paolo ist auf der Suche nach einer sehr, sehr dĂŒnnen Partnerin.
00:07:30
Und das ist die Bedingung fĂŒr eine Beziehung mit ihm.
00:07:32
Er könne nur mit mageren Frauen zusammen sein.
00:07:35
Alles andere fÀnde er nicht attraktiv, sagt er.
00:07:38
Ich wĂŒrde sagen, es ist eine Red Flag, aber nur ein bisschen.
00:07:42
Sophia ist nicht mager.
00:07:45
Sie ist ĂŒber 1,73 Meter groĂ und schlank.
00:07:48
Und sie findet Paolo toll, will ihn wiedersehen.
00:07:50
Trotz seiner Vorliebe fĂŒr extrem dĂŒnne Frauen.
00:07:54
Die scheint Anfang der 90er Jahre ohnehin ĂŒberall auf der Welt angesagt zu sein.
00:07:59
Auf den Laufstegen von Modenschauen und den Covern von Magazinen sind Models mit blasser Haut,
00:08:05
dunkel unter laufenden Augen und extrem dĂŒnnen Körpern zu sehen.
00:08:09
Es ist die Zeit des sogenannten Heroin-Schicks.
00:08:12
Ein Look, der von den Körpern suchtkranker Menschen inspiriert wurde.
00:08:16
Sophia jedenfalls schreckt Paolos oberflÀchliche Bedingungen nicht ab.
00:08:20
Also treffen sie sich nach dem ersten Date weiter.
00:08:23
Und dann geht er.
00:08:24
Alles ganz schnell.
00:08:25
Schon einen Monat spÀter zieht Sophia bei Paolo ein.
00:08:28
In das Dorf am Iseosee, in dem er lebt.
00:08:31
200 Kilometer entfernt von ihrer Heimat.
00:08:33
Der Umzug bedeutet fĂŒr Sophia, dass sie das Leben, wie sie es kennt, hinter sich lĂ€sst.
00:08:38
Aber sie freut sich darauf, denn die 25-JĂ€hrige ist bereits sehr verliebt.
00:08:42
In ihrem neuen Zuhause angekommen, nimmt Paolo sie mit zu seinen Freundinnen.
00:08:47
Sie necken sich, wenn sie gemeinsam am Tisch sitzen.
00:08:50
Wie frisch Verliebte das tun.
00:08:52
Sophia gibt da nicht klein bei, sondern sie ist schlagfertig, gibt Paolo auch mal wieder Worte.
00:08:57
Nur beim Thema Essen, da hört fĂŒr ihn der SpaĂ auf.
00:09:01
Denn mit ihrem Einzug macht Paolo Sophia ein fĂŒr allemal klar, dass er es mit seiner Bedingung ernst meint.
00:09:08
Wenn sie mit ihm zusammen sein will, dann muss sie abnehmen.
00:09:11
Er will, dass sie mager ist.
00:09:13
Sie darf keine Kurven mehr haben.
00:09:15
Kein Gramm Fett.
00:09:16
Nichts, was einen gesunden Körper ausmacht.
00:09:19
Er will genau das Gegenteil erreichen.
00:09:21
Er will, dass ihre Haut fahl wird.
00:09:23
Dass man ihre Knochen und ihre Venen darunter erkennen kann.
00:09:26
Sie soll sich hart anfĂŒhlen und krank aussehen.
00:09:30
Zerbrechlich wie ein Skelett.
00:09:31
Erst dann ist sie attraktiv fĂŒr ihn, sagt er.
00:09:34
Und um das zu erreichen, darf Sophia ab sofort nur noch so wenig wie möglich essen.
00:09:39
So lang, bis ihr Körper so ist, wie ihr neuer Freund ihn gerne hÀtte.
00:09:43
Nur noch Haut und Knochen.
00:09:45
Paolo hat sogar ein genaues Gewicht im Kopf, das er Sophia als Zielvorgabe setzt.
00:09:50
Bei ihrer KörpergröĂe von 1,73 Meter darf sie nie mehr als 40 Kilogramm wiegen, bestimmt er.
00:09:57
Sonst könne er keinen Sex mit ihr haben.
00:10:00
Sonst sei sie ihm nicht dĂŒnn genug und er wĂŒrde sie verlassen.
00:10:04
Ihr Gewicht dĂŒrfe aber auch nie unter 38 Kilo fallen, weil er befĂŒrchte, dass sie sonst stirbt.
00:10:11
Höchstens 40 Kilogramm.
00:10:14
Das Gewicht, das Paolo von Sophia verlangt, ist das Gewicht eines 10-jÀhrigen MÀdchens.
00:10:20
Nicht das einer gesunden Frau.
00:10:21
Aber er versucht sie auch zu kontrollieren, wie ein Kind.
00:10:25
Ihr Essverhalten, ihren Körper, ihre Silhouette.
00:10:28
Paolo legt eine Schablone an Sophia an und da muss sie reinpassen.
00:10:33
Er will sich eine Partnerin nach seinen Vorstellungen formen.
00:10:36
Und Sophia, die sonst so schlagfertig ist, wird bei Paolo gummiweich.
00:10:41
Sie ist verliebt in ihn, hat ihr Zuhause fĂŒr ihn verlassen.
00:10:44
Sophia wollte mehr vom Leben, eine Beziehung.
00:10:49
Und deshalb muss sie jetzt weniger werden.
00:10:51
Mit Sophias Entschluss beginnt fĂŒr sie der Hunger.
00:10:54
In einem Land, das fĂŒr Genuss und seine reiche Esskultur bekannt ist, muss sich die junge Frau allem verweigern.
00:11:00
Paolo bestimmt, wann und was sie essen darf.
00:11:03
Jedes Kilo kontrolliert er, jedes Gramm an ihrem Körper ist zu viel.
00:11:06
Und wenn die Anzeige auf der Waage fĂŒr sein VerstĂ€ndnis zu hoch ist, dann schlĂ€gt der Mann, den Sophia liebt, zu.
00:11:13
Er prĂŒgelt ihr in den Bauch, bis sie sich ĂŒbergibt.
00:11:16
Damit sie weiter abnimmt und immer dĂŒnner und zerbrechlicher wird.
00:11:20
Durch die Misshandlung bringt er nicht nur ihren Körper zum Erbrechen.
00:11:23
Er bricht auch ihre Seele.
00:11:25
Denn wĂ€hrend Paolo seine Macht ihr gegenĂŒber demonstriert, wird Sophia immer kleiner, immer schwĂ€cher.
00:11:31
Nach den SchlÀgen schmerzt jeder Knochen in ihrem hart gewordenen Körper.
00:11:36
Und trotzdem ist ein anderes GefĂŒhl noch stĂ€rker.
00:11:41
Nach mehreren Monaten, in denen sie mit Paolo zusammenlebt, hat Sophia lÀngst gelernt, mit dem Loch in ihrem Bauch zu leben.
00:11:47
Zuerst war sie nur unkonzentriert, schlapp und stĂ€ndig mĂŒde.
00:11:51
Inzwischen hat der Hunger ihren ganzen Körper verÀndert.
00:11:54
Sophia bekommt ihre Periode nicht mehr.
00:11:57
Ihr dickes, dunkles Haar am Kopf fÀllt ihr nach und nach aus.
00:12:00
Und die GrĂŒbchen, die frĂŒher beim LĂ€cheln in ihrem Gesicht entstanden sind, kann man heute nur noch erahnen.
00:12:06
Manchmal, wenn sie die Schmerzen in ihrem Magen nicht mehr aushÀlt und das Verlangen zu groà wird,
00:12:11
dann schleicht sich Sophia heimlich in die KĂŒche, wo ihre knöchernden Finger und ihre groĂen Augen nach NĂ€hrstoffen suchen.
00:12:17
Nach etwas Essbarem, bei dem Paolo nicht merkt, dass es fehlt.
00:12:21
Ab und zu findet sie Reste, die er hinterlassen hat.
00:12:24
Zum Beispiel ein StĂŒck KĂ€serinde, an dem sie hastig nagt, wie eine Maus, die in jeder Sekunde verscheucht werden könnte.
00:12:30
Und ich glaube, an der Stelle mĂŒssen wir einmal sagen, dass wir halt nicht wissen, wie viel Sophia im Alltag so gegessen hat und was.
00:12:36
Oder was sie ĂŒberhaupt essen durfte.
00:12:39
Aber bei 40 Kilo können wir davon ausgehen, dass es sicherlich nicht viel ist und nicht genug, um so einen Körper am Laufen zu halten.
00:12:46
Also, dass ihre Haare ausfallen und dass ihre Periode ausbleibt.
00:12:50
Das sind deutliche Symptome von der UnterernÀhrung.
00:12:54
Und sie ist ja 1,73 Meter groĂ, 25 Jahre alt.
00:12:57
Und Paolo will, dass sie unter 40 Kilo wiegt.
00:13:00
Und so viel wiegt halt ein 10 Jahre altes Kind.
00:13:03
Und das hat auch nichts mehr mit DĂŒnnsein zu tun, sondern sie ist enorm untergewichtig und das kann auch lebensgefĂ€hrlich sein.
00:13:10
Ja, wenn der Körper nĂ€mlich nicht mehr genĂŒgend Kalorien zu sich nimmt, dann verliert er erstmal vor allem Wasser.
00:13:15
Wenn die Reserve aber verbraucht ist, dann baut der Körper seine eigenen Fettreserven ab, um Energie zu bekommen.
00:13:22
Das kann man sich so vorstellen, wie wenn man die Möbel in einem Haus verbrennt, um das Haus, also den Körper, zu wÀrmen.
00:13:28
Aber wenn die Fettreserven dann auch aufgebraucht sind, dann muss der Körper ja irgendwo anders ran.
00:13:33
Und dann baut er anderes Gewebe ab.
00:13:35
Zum Beispiel Muskeln oder auch das Gewebe von inneren Organen.
00:13:39
Am gefÀhrlichsten ist es, wenn der Herzmuskel abgebaut wird.
00:13:43
Denn der ist ja fĂŒr den Herzschlag verantwortlich, der das Blut durch unseren Körper pumpt.
00:13:47
Und wenn der nicht mehr funktioniert, dann sterben wir.
00:13:49
Genau, und bis dahin machen sich aber natĂŒrlich auch noch andere Symptome bemerkbar.
00:13:54
Also Menschen, die an der UnterernÀhrung leiden, denen ist sehr oft kalt.
00:13:57
Das liegt halt zum einen daran, dass sie keine isolierenden Fettpolster mehr haben, die WÀrme aufnehmen und speichern können.
00:14:03
Aber zum anderen fehlt dem Körper natĂŒrlich auch Energie, um die normalen Stoffwechselprozesse aufrechtzuerhalten.
00:14:10
Also die laufen dann halt alle auf Sparflamme, genauso wie die Durchblutung.
00:14:14
Die konzentriert sich dann halt eher nur noch auf die lebenswichtigen Organe wie Herz und Gehirn und die anderen Bereiche im Körper.
00:14:20
Da wird halt weniger Blut hingepumpt und deswegen sind die dann auch kÀlter.
00:14:24
Um gegen die KĂ€lte anzukĂ€mpfen, wachsen Menschen, die nicht genĂŒgend NĂ€hrstoffe zu sich nehmen,
00:14:29
dann auch hÀufig weiche Haare am ganzen Körper, also wie so ein Pflaumen, der sie wÀrmen soll.
00:14:33
Betroffene haben dann auch keine Kraft mehr, also sie sind oft schlapp und mĂŒde.
00:14:37
Die Haut fÀllt ein, wird faltig, Knochen treten hervor und selbst Kinder, wenn die so unterernÀhrt sind, sehen aus wie alte Leute.
00:14:45
Und besonders gefÀhrlich wird es dann aber, wenn das Immunsystem halt immer schwÀcher wird und die Barrierefunktion der Haut nachlÀsst.
00:14:52
Also man wird viel schneller krank. Der Körper hat dann auch keine KapazitÀten mehr, sich gegen Krankheitserreger zu verteidigen.
00:14:58
Und deshalb können dann auch selbst kleine Infekte irgendwann lebensgefÀhrlich werden.
00:15:02
Sophias Körper hat keine Kraft mehr, Krankheiten zu besiegen.
00:15:07
Und auch nicht, um sich gegen den Mann zu wehren, der sie inzwischen seit Monaten kontrolliert und krank macht.
00:15:12
Sie lebt schon lange nicht mehr von den NÀhrstoffen, die ihr Körper fordert, sondern wortwörtlich von Luft und Liebe.
00:15:18
Einer Liebe, deren Gefahr zumindest von auĂen klar ersichtlich ist, die nichts mit gegenseitigem Respekt und Zusammenhalt zu tun hat,
00:15:26
sondern die auf Sophias Leid beruht und auf dem Kontrollwahn eines Mannes, der sie fĂŒr seine Machtspiele missbraucht.
00:15:32
Der mit ihrem Körper spielt, wie mit einer Puppe aus Porzellan, die jeden Moment zerbrechen kann.
00:15:37
FĂŒr Sophia aber fĂŒhlt sich die Liebe, die sie fĂŒr ihren Peiniger empfindet, echt an.
00:15:42
Sie möchte Paolo nicht verlassen.
00:15:44
Sie möchte nur endlich wieder essen, das wohlige GefĂŒhl spĂŒren, das sich einstellt, wenn eine ganze Mahlzeit in ihrem Magen ankommt.
00:15:52
Satt sein, ihren kalten Körper von innen heraus wÀrmen und gleichzeitig den Hunger besiegen.
00:15:57
Paolo hingegen versteckt den Genuss von Essen nicht vor ihr.
00:16:02
So auch am Abend des 3. Juni 1996.
00:16:05
Sie sind nun seit eineinhalb Jahren ein Paar und Paolo lÀdt Sophia, die inzwischen völlig ausgehungert ist, in ein edles Restaurant ein.
00:16:13
Auch nett von ihm, ne?
00:16:15
Auf den Tischen liegen schneeweiĂe Decken.
00:16:18
Neben den Tellern sind kleine und groĂe Messer, Gabeln und Löffel aufgereiht.
00:16:22
FĂŒr die vielen GĂ€nge, die hier serviert werden.
00:16:24
Paolo bestellt sie alle, so wie es in Italien ĂŒblich ist.
00:16:28
Antipasti, Primi, Secondi, Dolce.
00:16:32
Das ganze Programm.
00:16:33
Sophia sitzt ihm gegenĂŒber.
00:16:35
Sie kann spĂŒren, wie sich die Knochen ihres GesĂ€Ăes durch die dĂŒnne Hautschicht auf den Platz, auf dem sie sitzt, bohren.
00:16:41
Ihre Oberschenkel sind so mager, dass sie sich selbst im Sitzen nicht mehr berĂŒhren.
00:16:45
Und von ihrem Platz aus muss sie mit ansehen, wie die Bedienung Paolo einen vollen Teller nach dem anderen bringt.
00:16:52
Um sie herum wird knuspriges Brot in Ăl getunkt, tiefrote Tomatensauce von Mundwinkeln gewischt und saftiges Fleisch in kleine StĂŒcke geschnitten.
00:17:01
Auch Paolo kaut und schluckt, wÀhrend Sophias Magen knurrt.
00:17:04
Denn vor ihr steht nur eine Tasse Tee.
00:17:06
Mehr darf sie nicht zu sich nehmen.
00:17:08
Er hingegen verschlingt, was er will, in groĂen Mengen.
00:17:12
Und Sophia selbst wird langsam von seinem unstillbaren Hunger auf spindeldĂŒrre Frauen verschlungen.
00:17:17
Sie ist nur noch ein Schatten, kalt und schwach.
00:17:21
Da schiebt Paolo plötzlich seinen Stuhl zurĂŒck und steht auf.
00:17:25
Er muss aufs Klo, sagt er, und geht davon.
00:17:27
Seinen Teller mit Gnocchi lĂ€sst er zurĂŒck.
00:17:30
Da kann Sophia nicht mehr an sich halten.
00:17:32
Es ist der Moment, in dem ihr Körper in den Ăberlebensmodus umschaltet.
00:17:36
Und Ăberleben heiĂt Essen.
00:17:38
Deshalb lehnt sie sich ĂŒber den Tisch und greift gierig mit ihren dĂŒrren HĂ€nden nach den Gnocchi.
00:17:43
Sie nimmt so viele sie kann und stopft sie sich in den Mund, schlingt alle auf einmal herunter.
00:17:49
Alles wĂŒrde ihr jetzt schmecken. Hauptsache irgendetwas fĂŒllt endlich ihren Magen.
00:17:54
Das NĂ€chste, das sie wahrnimmt, ist Paolo.
00:17:56
Er schreit durchs ganze Restaurant, das sie aufhören soll zu essen.
00:18:00
Aber Sophia kann nicht.
00:18:01
Zum ersten Mal seit ĂŒber einem Jahr hört sie nicht auf ihn,
00:18:04
sondern auf den Hunger, der jetzt die Kontrolle ĂŒber ihren Körper ĂŒbernimmt.
00:18:08
Ohne zu ĂŒberlegen steht Sophia auf und rennt in die KĂŒche.
00:18:11
Weg von Paolo. Hin zum Essen.
00:18:13
Sie greift in die heiĂen Pfannen und Töpfe der Köchinnen und nimmt, was sie kriegen kann.
00:18:18
Pasta, GemĂŒse, Brot.
00:18:20
Dann holt Paolo sie ein.
00:18:22
Sophia fĂŒhlt seinen festen Griff, der an ihrem zerbrechlichen Körper zerrt.
00:18:26
Er zieht sie zurĂŒck in den Gastraum, wo er vor den Augen aller auf sie einschlĂ€gt.
00:18:30
Sophia kann die Wut in seinen Augen sehen.
00:18:33
Die Rage darĂŒber, dass er die Kontrolle ĂŒber sie verloren hat, wenn auch nur fĂŒr wenige Minuten.
00:18:38
Denn als sie zu Hause ankommen, macht er ihr wieder einmal mehr klar, dass er die Macht ĂŒber sie hat.
00:18:43
Wieder schlÀgt er Sophia in die Magengrube, bis sie alles, was sie gerade gegessen hat, ausspucken muss.
00:18:48
Er bestraft sie fĂŒr jedes Gramm Nahrung, das sie aufgenommen hat.
00:18:52
So lange, bis sie kraftlos und elend in sich zusammensackt.
00:18:56
Doch selbst das reicht Paolo noch nicht.
00:18:59
Zur weiteren Bestrafung soll Sophia heute Nacht nackt auf dem Boden neben dem Bett schlafen.
00:19:03
Ohne Kissen und ohne Decke.
00:19:05
Wie eine geschundene HĂŒndin.
00:19:07
Obwohl sie bald darauf Paolos regelmĂ€Ăigen Atem hören kann, findet Sophia in dieser Nacht keinen Schlaf.
00:19:14
Die WĂ€rme der Kalorien, die sie fĂŒr kurze Zeit verspĂŒrt hat, ist wieder der KĂ€lte gewichen,
00:19:19
die sich seit Monaten in ihrem Körper eingenistet hat.
00:19:21
Da beschlieĂt sie, dass es so nicht weitergehen kann.
00:19:25
Also steht Sophia leise auf und holt einen Hammer.
00:19:28
Sie sieht keinen Ausweg mehr aus dem Hunger, auĂer denjenigen auszuschalten, der ihr das Essen verbietet.
00:19:33
Paolo schlÀft seelenruhig in den warmen, weichen Laken,
00:19:37
Als sie sich am Kopfende des Bettes ĂŒber ihm aufbaut und so krĂ€ftig, wie es ihr schwacher Körper zulĂ€sst, zuschlĂ€gt.
00:19:44
Das Metall trifft seinen SchÀdel.
00:19:46
Einmal, zweimal, dreimal.
00:19:48
Bis der Kissenbezug von rotem Blut getrÀnkt ist.
00:19:52
Paolo bewegt sich nicht.
00:19:53
Zum ersten Mal, seit sie sich kennen, dreht sich das MachtverhÀltnis, das ihre Beziehung bestimmt.
00:19:58
Zum ersten Mal ist sie es, die die Kontrolle ĂŒber sein Leben inne hat.
00:20:02
Und es hÀngt nur noch an einem seidenen Faden.
00:20:06
Einige Sekunden steht Sophia vor Paolo.
00:20:09
Dann wird ihr klar, dass sie sein Leben nicht beenden will.
00:20:12
Also greift sie zum Telefon und wÀhlt die Nummer des Notrufs.
00:20:15
Wenig spÀter ist das Zimmer voller RettungssanitÀterInnen, die um Paolos Leben kÀmpfen.
00:20:20
Sophia hingegen wird von der Polizei aus dem Haus gefĂŒhrt,
00:20:23
in dem sie monatelang Höllenqualen aushalten musste.
00:20:26
Schon jetzt ahnt sie, dass das, was sie getan hat, sie womöglich ins GefÀngnis bringt.
00:20:31
Aber es befreit sie auch, nÀmlich aus ihrem ganz persönlichen GefÀngnis.
00:20:36
In den Tagen danach nimmt die Polizei Ermittlungen gegen Sophia auf.
00:20:43
Ihr wird vorgeworfen, dass sie Paolo, der im Krankenhaus im Koma liegt, töten wollte.
00:20:47
Und dann ist ausgerechnet er es, der Sophia zur Hilfe kommt.
00:20:52
Als Paolo erwacht, ist die erste Nummer, die er anruft, die eines befreundeten Anwalts.
00:20:56
Statt Sophia zu belasten, belastet Paolo sich selbst.
00:21:00
Er erzÀhlt dem Anwalt, wie er sie misshandelt hat, wie er sie hungern lieà und wie er sie vor ihrer Tat bestraft hat.
00:21:07
AnschlieĂend geht Paolo zum Staatsanwalt höchstpersönlich und entlastet Sophia auch dort.
00:21:11
Sie sei nicht zurechnungsfÀhig gewesen, in der Nacht, in der sie ihn mit dem Hammer verletzt hat, sagt Paolo,
00:21:17
und sorgt so dafĂŒr, dass Sophia tatsĂ€chlich mit einer milderen Strafe davon kommt.
00:21:22
Statt einer GefÀngnisstrafe ordnet das Gericht einen Hausarrest an.
00:21:26
Und den muss sie nicht etwa bei Paolo absitzen, sondern in ihrer Heimatstadt.
00:21:30
Zuhause bei ihrer Familie, wo Sophia sicher ist und heilen kann.
00:21:34
Doch da ist immer noch der Mensch, der alles andere als Heilung im Sinne hat.
00:21:40
StÀndig schreibt er ihr, ruft sie an, möchte sie besuchen kommen.
00:21:44
Sophia versteht das alles nicht.
00:21:46
Es liegt doch auf der Hand, dass sie einander nicht gut tun.
00:21:48
Er hat sie misshandelt, sie hat ihn beinahe getötet.
00:21:51
Sie mĂŒssen voneinander loskommen.
00:21:54
Denn sie merkt mit jedem Tag, dass sie ohne ihn viel besser leben kann.
00:21:57
Sie isst wieder, ihr ist wieder warm.
00:21:59
Tag fĂŒr Tag erholen sich ihr Körper und ihre Seele von dem Martyrium,
00:22:04
das sie ĂŒber ein Jahr lang durchlebt hat.
00:22:06
Deshalb steht ihr Entschluss fest.
00:22:08
So, wie er ihr die Nahrung entzogen hat, entzieht sie sich nun ihm.
00:22:12
Sie antwortet weder auf seine Anrufe noch auf seine Briefe.
00:22:16
Nur manchmal, da kann sie nicht anders, als die Post wenigstens zu öffnen.
00:22:20
Seine Zeilen sind immer dieselben.
00:22:22
Sie soll zu ihm zurĂŒckkommen, sonst wĂŒrde er sich etwas antun, schreibt Paolo in einigen Briefen.
00:22:27
Und je mehr Briefe er schreibt, desto beunruhigender wird der Inhalt.
00:22:32
Im FrĂŒhsommer 1997, etwa ein Jahr, nachdem sie mit einem Hammer auf Paolo eingeschlagen hat,
00:22:38
hÀlt Sophia wieder einmal einen Umschlag von ihm in ihren HÀnden.
00:22:42
Doch diesmal ist er dicker als sonst.
00:22:44
Als sie ihn öffnet, fÀllt kein neuer Brief heraus, sondern ein ganzes Buch mit einer mageren Frau vorn auf dem Cover.
00:22:51
DarĂŒber steht der Schriftzug »Der magersĂŒchtigen JĂ€ger« und der Name des Autors.
00:22:57
Auf der ersten Seite hat er ihr eine Widmung hinterlassen.
00:23:02
»Ciao Sophia« mit Liebe und Hass »Paolo« steht dort.
00:23:07
Als sie das Buch aufschlÀgt und zu lesen beginnt, wird ihr klar, der Ich-ErzÀhler, das ist Paolo.
00:23:13
Und die Protagonistin, die er im Buch Barbara getauft hat, das soll sie sein, Sophia.
00:23:20
Sophia ist nicht die Einzige, die zu dieser Zeit Paolos frisch gedruckte Autobiografie in den HÀnden hÀlt.
00:23:26
Es ist das Buch, das im Mai 1997 auch in den Kulturredaktionen verschiedener italienischer Zeitungen fĂŒr GesprĂ€chsstoff sorgt.
00:23:34
Denn Paolo Pellegrini, der Autor, schreibt in »Der magersĂŒchtigen JĂ€ger« von seiner krankhaften Besessenheit von skelettartigen Frauen.
00:23:42
Und er spart kein Detail aus.
00:23:45
Er berichtet von seinem ersten Samenerguss, den er mit zwölf Jahren hatte, wÀhrend er davon getrÀumt habe, wie er auf einem abgemagerten Pferd reitet, dessen Rippen er sehen und hören kann.
00:23:56
Er schreibt davon, wie er die Frauen, mit denen er zusammen ist, dazu zwingt abzunehmen.
00:24:01
Denn da ist neben Sophia bzw. Barbara noch eine Frau, die hungern muss.
00:24:06
Er schreibt von seiner ersten Frau, die er mehrfach am Tag wiegt.
00:24:10
Er drÀngt sie dazu, sich von 46 Kilo auf 35 herunterzuhungern.
00:24:15
Bis ihm selbst das zu viel wird.
00:24:17
Es sollen nur noch 33 Kilo sein, findet er.
00:24:20
SchlieĂlich trennt sie sich wegen seines Magerwahns von ihm.
00:24:24
Daraufhin hat Paolo laut seinem Buch viele kurze Liaisons mit enorm dĂŒnnen Frauen, bis er Barbara kennenlernt, in die er sich verliebt.
00:24:33
Doch seine Liebe ist abhÀngig davon, dass er die Adern unter ihrer Haut sehen kann.
00:24:38
Dass er die Knochen und Wirbel spĂŒrt.
00:24:41
Und Barbara bleibt bei ihm.
00:24:43
Wieso, das bleibt im Buch offen.
00:24:45
Denn statt von seinen Opfern erzĂ€hlt der Autor ausschlieĂlich von sich selbst.
00:24:50
Wegen der absurden sexuellen Perversion, wie er sie nennt, bemitleidet er sich dabei zutiefst.
00:24:56
Er könne nichts dagegen tun und niemand könne ihm dabei helfen, schreibt er, ohne je versucht zu haben, dagegen vorzugehen.
00:25:03
Was die JournalistInnen aber am meisten schockiert, ist das Vorwort des Autors.
00:25:08
Ich muss aufgehalten werden, bevor ich unfreiwillig eine Frau töte, steht dort.
00:25:13
Was genau er damit meint, weiĂ niemand.
00:25:16
Der Inhalt seiner Biografie liegt nahe, dass Paolo Pellegrini dafĂŒr sorgen wird, dass eine Frau so lange fĂŒr ihn hungert, bis sie stirbt.
00:25:23
Sollte das der Fall sein, dann muss der Mann sofort aufgehalten werden.
00:25:27
So viel steht fest.
00:25:28
Auch deshalb hat sich inzwischen unter den JournalistInnen das GerĂŒcht herumgesprochen, dass auch die Polizei bei der Buchvorstellung anwesend sein wird.
00:25:36
Jeder will sich ein Bild von dem Mann machen, der sich selbst als Monster und als wahnsinnig beschreibt.
00:25:43
Dann, an diesem Montagnachmittag im Mai 1997, ist der Moment gekommen.
00:25:48
Gemeinsam mit seinem Verleger betritt Paolo Pellegrini vor zahlreichen JournalistInnen und GĂ€sten das Podium.
00:25:54
Vor ihm liegt sein Buch, auf dessen Cover die Bleistiftzeichnung einer mageren Frau prangt.
00:25:59
Der 37-JĂ€hrige hingegen ist ĂŒberhaupt nicht mager, sondern wohl genĂ€hrt.
00:26:04
Unter den buschigen Augenbrauen sehen dunkle Augen hervor.
00:26:07
Mit seiner Halbglatze wirkt Pellegrini aber beinahe unscheinbar und vor allem viel weniger angsteinflöĂend, als man ihn sich vorgestellt hat.
00:26:15
Er wirkt gut gelaunt, lacht viel und auf die Frage, was er mit seinem Buch bezwecken wolle, antwortet er, verstehen, heilen.
00:26:23
MedizistInnen sind bei der Buchvorstellung tatsÀchlich anwesend.
00:26:26
Sie beobachten Paolo und verlangen am Ende zwei Exemplare der Autobiografie, die kurz darauf in Italien veröffentlicht wird.
00:26:33
Festgenommen wird der Autor aber nicht.
00:26:36
Nach der Veranstaltung sind sich aber auch die meisten GÀste einig, dass Paolo Pellegrini nicht gefÀhrlich ist,
00:26:41
sondern ein gewiefter Autor, der eine erfolgreiche Pressekampagne befeuert hat.
00:26:46
Sie vermuten, dass er die Rolle eines Wahnsinnigen nur spielt, um Aufmerksamkeit fĂŒr sein Buch zu generieren.
00:26:51
Womöglich steckt sogar der kleine MailÀnder Verlag dahinter, der es herausbringt.
00:26:56
Der hat nĂ€mlich sonst eher heitere, seichte LektĂŒre im Programm.
00:26:59
Diesmal wolle man etwas wagen und provozieren, hat der Verleger gesagt.
00:27:03
Und einige JournalistInnen springen auf den Zug auf.
00:27:07
So werden die Leserinnen des Buches in der Tageszeitung Lunita aufgefordert, sich, Zitat, voll zu fressen.
00:27:14
Der Perverse, das garantieren wir, wird euch mit Ekel ansehen und euch in Ruhe lassen, schreibt das Blatt.
00:27:20
Der Duft einer Frau unter 30 Kilo hingegen, lasse ihn trĂ€umen, heiĂt es weiter.
00:27:25
Und lasst da mal kurz drĂŒber sprechen.
00:27:28
Also als ich die Geschichte das erste Mal im Sterncrime gelesen habe, den Artikel dazu haben wir euch in der Folgenbeschreibung verlinkt,
00:27:34
und da habe ich gedacht, das kann doch nicht wahr sein, dass jemand so ein Buch veröffentlicht
00:27:39
und dass dann da auch noch eine Pressekonferenz zu veranstaltet wird, wo dem Autor eine BĂŒhne geboten wird,
00:27:46
dann da Leute hinkommen, ihm tatsĂ€chlich die Aufmerksamkeit geben und dann so unkritisch darĂŒber berichten,
00:27:51
so von wegen, ja, fress euch mal voll, dann besteht keine Gefahr und so.
00:27:54
Weil das ist ja eben nicht so, dass das einfach nur eine sexuelle Vorliebe von ihm ist,
00:27:59
die er im Stillen fĂŒr sich auslebt, weil dann wĂŒrde man ja sagen,
00:28:03
okay, unschön, gibt aber sicherlich gesĂŒndere Vorlieben, aber kann man sich ja nicht aussuchen,
00:28:07
da reden wir nachher auch noch mal kurz drĂŒber.
00:28:08
Aber es ist halt ein Teil seiner eigenen SexualitÀt, ja.
00:28:11
Aber Paolo schreibt ja davon, dass er Frauen zum Abnehmen gezwungen hat.
00:28:15
Also er gibt ja sogar zu, eine Gefahr fĂŒr andere zu sein und sowas dann in die Ăffentlichkeit zu tragen,
00:28:21
statt irgendwie vielleicht dieser Geschichte mal hinterher zu recherchieren und zu gucken,
00:28:25
ob da wirklich jemand eine Gefahr ist.
00:28:27
Das macht man dann halt nicht.
00:28:28
Und ich meine, wir wissen ja heute, dass es genug gefÀhrliche Menschen gibt,
00:28:32
die sich auch extra in so Pro-Anorexie-Foren rumtreiben, um andere Menschen,
00:28:37
vor allem halt junge Frauen, in die Magersucht zu treiben und denen Schaden zuzufĂŒgen,
00:28:41
um Kontrolle auszuĂŒben und damit die eigenen Fantasien zu befriedigen.
00:28:44
Und damals hat man das halt belÀchelt.
00:28:46
Da hat man sich darum nicht geschert.
00:28:49
Ja, und das ist ja nicht nur fĂŒr die Opfer, sage ich jetzt mal, problematisch,
00:28:52
sondern ja auch fĂŒr die Menschen mit speziellen sexuellen PrĂ€ferenzen.
00:28:56
Professor Dr. Michael Berner, der ist GrĂŒnder und Leiter des Mental Health Instituts in Karlsruhe.
00:29:01
Und er hat unter anderem ein Lehrbuch zur Behandlung von sexuellen Störungen herausgegeben.
00:29:05
Denn wenn jemand wie Paolo in der Ăffentlichkeit das Bild von Menschen beeinflusst,
00:29:10
die mit einer Störung der SexualprÀferenz leben, aber niemandem schaden,
00:29:14
dann ist das problematisch, sagt Michael Berner.
00:29:18
Man muss ja aufpassen, dass das Bild von parafilen Menschen,
00:29:22
also Menschen, die in einer ganz groĂen Zahl der FĂ€lle auch wirklich hilflos ausgeliefert
00:29:29
bestimmten sexuellen Problemstellungen sind, nicht Unrecht tut.
00:29:34
Die brauchen Hilfe und die sollte man darin unterstĂŒtzen, Therapie zu suchen.
00:29:38
Wenn jedoch so jemand wie dieser StraftÀter oder auch nur Mörder hier das Bild von parafilen,
00:29:47
also von Menschen mit Störungen der SexualprĂ€ferenz in der Ăffentlichkeit prĂ€gt, dann ist es falsch.
00:29:53
Hier ist es einfach ein StraftÀter, der vielleicht auch in seinem Gemisch eine Paraphilie mit drin hat.
00:30:02
Ja, und Menschen wie Paolo geht es laut unserem Experten nÀmlich nicht etwa um AufklÀrung oder um Selbsttherapie,
00:30:09
sondern um Eigennutz.
00:30:10
Da geht es um das Machtstreben und es geht um einen erheblichen Narzissmus.
00:30:15
Das heiĂt auch das Bestreben der eigenen GroĂartigkeit, dieser Einmaligkeit, das in die Ăffentlichkeit zu bringen und sich genau darin zu sonnen.
00:30:26
Und deshalb hĂ€tte man die Veröffentlichung dieses Buches und diese ganze Publicity drumherum auch klar sein lassen mĂŒssen.
00:30:35
Sophia erlebt die Veröffentlichung des Buchs aus sicherer Entfernung, nÀmlich zu Hause in Domodossola.
00:30:40
Hier bei ihrer Familie verbringt sie den Hausarrest, den sie wegen ihres Angriffs auf Paolo noch immer absitzen muss.
00:30:47
Doch obwohl sie ihr Zuhause aufgrund von polizeilichen Auflagen nicht verlassen darf,
00:30:51
ist sie selbstbestimmter als in den anderthalb Jahren zuvor.
00:30:55
Sophia kann wieder essen, was sie will.
00:30:57
Sie kann wieder aussehen, wie sie will.
00:30:59
Sie ist wieder Herrin ĂŒber ihren eigenen Körper.
00:31:01
Und das fĂŒhlt sich gut an.
00:31:03
Zumindest so gut wie das GefĂŒhl, wenn sie nach einer vollen Mahlzeit wieder richtig satt ist.
00:31:08
Paolos Buch hat Sophia gelesen.
00:31:10
Sie weiĂ jetzt, dass er seiner Ehefrau vor Jahren dasselbe angetan hat wie ihr.
00:31:14
Dass auch sie hungern musste, bis sie unter 35 Kilogramm wog.
00:31:18
Und dass er selbst dann nicht zufrieden war.
00:31:21
Seite um Seite ist Sophia klarer geworden, dass sie Paolo nie genĂŒgt hĂ€tte.
00:31:25
Egal wie viel Gewicht sie noch verloren und wie viele SchlÀge sie eingesteckt hÀtte.
00:31:29
Im Buch schreibt er, dass er dĂŒnne Frauen gejagt hat.
00:31:33
Dass er ihnen auf der StraĂe hinterhergelaufen ist.
00:31:35
Und dass er sich wĂŒnscht, dass die Haut einer Frau durchsichtig sei.
00:31:39
Dass er ihre WirbelsÀule und ihre Venen durch sie hindurch sehen könne.
00:31:42
Einerseits macht ihr das Angst, denn sie ist diesem JĂ€ger nur knapp entkommen.
00:31:47
Andererseits wird ihr durch das Buch bewusst, dass Paolo krank ist und dass er andere krank macht.
00:31:53
Dass er weiter jagen wird, bis er womöglich jemanden tötet.
00:31:56
Was er schreibt, trieft nur so vor Selbstmitleid.
00:31:59
Es gebe keine Heilung fĂŒr ihn.
00:32:01
Aber das sieht Sophia anders.
00:32:03
Sie glaubt daran, dass es eine Lösung fĂŒr Paolo geben muss.
00:32:06
Er braucht dringend Hilfe.
00:32:07
Zumindest jemanden, mit dem er reden kann.
00:32:11
Und je mehr sie darĂŒber nachdenkt, desto mehr glaubt sie, dass sie diese Person fĂŒr ihn sein kann.
00:32:17
SchlieĂlich kennt sie ihn am besten.
00:32:19
Und sie kann eines nicht leugnen.
00:32:21
Paolo liegt ihr noch immer, trotz allem, am Herzen.
00:32:26
Also greift sie im Herbst 1997, wenige Monate nachdem das Buch erscheint, zum Telefon und wÀhlt seine Nummer.
00:32:32
Von da an sprechen sie regelmĂ€Ăig.
00:32:34
Doch die GesprÀche am Telefon verlaufen in eine andere Richtung, als Sophia es beabsichtigt hatte.
00:32:40
Statt mit ihr gemeinsam nach Lösungen oder Hilfsangeboten zu suchen, jammert Paolo, weil er nie eine Frau haben wird, die dĂŒnn genug fĂŒr ihn ist.
00:32:48
Und wenn es nach ihm ginge, dann soll diese Partnerin Sophia sein.
00:32:51
Immer wieder bettelt er, dass sie sich wiedersehen.
00:32:54
Doch fĂŒr Sophia kommt das nicht in Frage.
00:32:56
Sie hat Angst vor ihm.
00:32:58
Paolo schlĂ€gt deshalb vor, dass sie sich in der Ăffentlichkeit treffen, wo viele Menschen um sie herum sind.
00:33:03
Erst ist Sophia skeptisch.
00:33:05
Aber dann gibt sie sich einen Ruck.
00:33:07
Immerhin telefonieren sie seit sechs Monaten miteinander.
00:33:10
Ihr Angriff mit dem Hammer liegt zwei Jahre zurĂŒck.
00:33:13
Ihren Hausarrest hat sie inzwischen abgesessen.
00:33:16
Also stimmt sie einem Treffen in der Ăffentlichkeit schlieĂlich zu.
00:33:19
An einem Tag Mitte Juli liegt die 14 Jahre alte Julia am Seeufer des Lago Maggiore.
00:33:26
Sie ist zum Sonnenbaden hergekommen.
00:33:28
Sie hat die Augen geschlossen und spĂŒrt die warmen Strahlen auf ihrer Haut, als sie plötzlich mehrere laute Schreie hört.
00:33:35
Die SchĂŒlerin sieht sich um.
00:33:38
Es sind nicht viele Menschen hier, deshalb sieht sie die Frau, die schreit sofort.
00:33:42
Sie liegt nicht weit von Julia entfernt, zusammen mit einem Mann.
00:33:46
Wahrscheinlich nur ein PĂ€rchen, das SpaĂ macht, denkt die 14-JĂ€hrige.
00:33:50
Doch dann sieht sie, wie die Frau nach dem Mann tritt.
00:33:53
Sie scheinen zu streiten.
00:33:54
Julia steht auf und geht nÀher an das Paar heran.
00:33:58
So kann sie sehen, wie sich der krÀftige Mann auf die zierliche Frau setzt und ihr den Mund zuhÀlt.
00:34:03
Kurz verstummen die Schreie.
00:34:05
Dann greift der Unbekannte zu einem Messer und sticht auf die Frau ein.
00:34:10
Sie schreit nach Hilfe.
00:34:11
Julia kann sie jetzt ganz deutlich hören.
00:34:13
Doch die SchĂŒlerin kann sich nicht bewegen.
00:34:16
Wie angewurzelt steht sie da und beobachtet, wie der Mann erneut ausholt und zusticht.
00:34:21
Er lÀsst erst von seinem Opfer ab, als die Frau lÀngst nicht mehr schreit.
00:34:26
Dann sieht Julia, wie er aufsteht und zum See geht, wo sich das rote Blut an seinen HĂ€nden im Wasser verflĂŒchtigt.
00:34:32
Erst als der Mann im See davon schwimmt, traut sich Julia nĂ€her an die Frau heran, die er blutend am Ufer zurĂŒckgelassen hat.
00:34:40
Neben dem MĂ€dchen hat die Szene noch ein Bademeister beobachtet, der die Polizei gerufen hat.
00:34:46
Doch sowohl die ZeugInnen als auch die PolizistInnen sind zu spÀt.
00:34:50
Sie können nichts mehr fĂŒr die Frau tun, die hier attackiert wurde.
00:34:53
Als die BeamtInnen eintreffen, ist sie bereits tot.
00:34:57
Es ist ein Grauen voller Anblick, der sich ihnen allen bietet.
00:35:00
Denn das Messer, das fĂŒr die zahlreichen Wunden an ihrem Körper verantwortlich ist, steckt noch immer in ihrer Brust.
00:35:07
Immerhin können Julia und der Bademeister klar benennen, wer der Frau das angetan hat.
00:35:12
Sie zeigen auf den Mann, der inzwischen einige Meter in den See hinaus geschwommen ist.
00:35:16
Nur noch sein Kopf ragt aus dem Wasser.
00:35:18
Vom Strand aus beobachtet Julia, wie die zwei PolizistInnen das Schlauchboot des Bademeisters beschlagnahmen und dem TĂ€ter ĂŒbers Wasser folgen.
00:35:26
Als sie ihn einholen, lÀsst er sich widerstandslos festnehmen.
00:35:30
Er sagt, sein Name sei Paolo.
00:35:32
Die Frau, die er getötet hat, ist Sophia.
00:35:37
Ein Name, den schon Tage spÀter jeder in Italien kennt.
00:35:41
Denn nicht nur die grauenvolle Art und Weise, wie Sophia am helllichten Tag gewaltsam getötet wurde,
00:35:46
sorgt fĂŒr Schlagzeilen im ganzen Land, sondern auch derjenige, der ihr das angetan hat.
00:35:50
Der Skandalautor, der schon vor einem Jahr in seinem Buch ĂŒber die Gefahr geschrieben hat, die von ihm ausgeht.
00:35:56
Ich muss aufgehalten werden, bevor ich unfreiwillig eine Frau töte.
00:36:00
Nur hat niemand Paolo aufgehalten.
00:36:04
Und das, obwohl jetzt herauskommt, dass es sogar Anzeigen gegen ihn gab.
00:36:08
Denn in den Briefen, die er Sophia zukommen lieĂ, hatte er nicht nur gebettelt, dass sie zurĂŒckkommen solle,
00:36:14
ansonsten wĂŒrde er sich etwas antun.
00:36:16
Seine Drohungen sind noch weitergegangen.
00:36:18
Wenn sie ihn weiter ignoriere, schrieb er, wĂŒrde er ihr etwas antun.
00:36:22
Sophia hatte daraufhin Anzeige erstattet.
00:36:25
Die Polizei sah sich daraufhin die Briefe an, doch mehr passierte nicht.
00:36:29
Die Gefahr, die von ihrem Ex ausging, sei nicht groĂ genug gewesen.
00:36:33
Als BegrĂŒndung fĂŒhrten sie an, dass Domodossola ĂŒber 200 Kilometer von seinem Heimatort entfernt liegt
00:36:39
und dass sie ihm gegenĂŒber in der Vergangenheit gewalttĂ€tig war.
00:36:44
Es passierte also nichts.
00:36:46
Auch dann nicht, als nach Paolos Buchvorstellung ein Bericht auf dem Schreibtisch der Staatsanwaltschaft landete.
00:36:52
Darin schreiben die beiden PolizistInnen, die ihn auf der BĂŒhne der Veranstaltung beobachtet hatten,
00:36:57
dass der selbsternannte magersĂŒchtigen JĂ€ger sehr wohlgefĂ€hrlich sei und beobachtet werden mĂŒsse.
00:37:03
Doch die entsprechenden MaĂnahmen wurden nie eingeleitet.
00:37:06
Jetzt, wo Paolo eine Frau getötet hat, kommt jede MaĂnahme zu spĂ€t.
00:37:11
Sophia ist tot und die Anteilnahme in Italien ist groĂ.
00:37:14
Wie konnte Paolo nach allem, was die Ermittlungsbehörden ĂŒber ihn wussten, frei sein, fragt man sich in der Ăffentlichkeit.
00:37:21
Und wieso hat er Sophia getötet?
00:37:24
Das soll im anstehenden Prozess geklÀrt werden,
00:37:27
Der am 20. Januar im Jahr 2000, eineinhalb Jahre nach dem grauenhaften Sommertag am See,
00:37:32
am Gericht in Novara, etwa 50 Kilometer entfernt in Mailand, startet.
00:37:37
Das Gericht ist von auĂen eindrucksvoll anzusehen.
00:37:40
BesucherInnen mĂŒssen eine breite Treppe hinaufsteigen,
00:37:42
bevor sie durch einen von drei Torbögen ins Innere des GebÀudes gehen.
00:37:46
Drinnen auf der Anklagebank wird heute der Mann Platz nehmen,
00:37:50
der zuletzt auf seiner Buchvorstellung vor vielen Menschen gesprochen hat.
00:37:54
Damals hat er gesagt, dass er sich selbst verstehen und heilen will.
00:37:57
Der Prozessstart heute ist der Beweis dafĂŒr, dass er sich kein bisschen gebessert hat.
00:38:03
Heute wird nicht aus seinem Buch gelesen, sondern aus der Anklageschrift,
00:38:07
die wie eine tragische Fortsetzung seines Werkes anmutet
00:38:10
und von dem Nachmittag erzÀhlt, an dem Sophias Leben von einem Drama zu einer Tragödie wurde.
00:38:18
Sophia und Paolo verabreden sich fĂŒr den 14. Juli in Verbania, in einem niedlichen StĂ€dtchen direkt am Lago Maggiore.
00:38:25
Warme Sonnen strahlen Tanzen auf der WasseroberflĂ€che des groĂen Sees.
00:38:29
Die Gassen der Stadt sind voll von UrlauberInnen und der Geruch von SchweiĂ und Sonnencreme liegt in der Luft,
00:38:34
als Sophia sieht, wie Paolo auf sie zukommt.
00:38:37
Von dem stattlichen gebildeten Mann, in den sie sich vor dreieinhalb Jahren verliebt hat, ist heute nicht mehr viel ĂŒbrig.
00:38:44
Seine Augen sind leer und liegen in dunklen Höhlen.
00:38:46
Sein Buch ist trotz der anfÀnglichen Aufmerksamkeit gefloppt.
00:38:49
Von 15.000 gedruckten Exemplaren wurden gerade einmal 80 verkauft, erzÀhlt er ihr.
00:38:55
Auch als AntiquitÀtenhÀndler arbeitet Paolo schon lÀnger nicht mehr.
00:38:58
Deswegen hat er Geldsorgen und musste sein teures Auto verkaufen und gegen einen klapprigen Fiat eintauschen.
00:39:04
Trotzdem lÀdt er Sophia zum Mittagessen ein.
00:39:07
Es ist das erste Mal, dass sie sich in einem Restaurant gegenĂŒber sitzen,
00:39:11
seitdem er sie vor zwei Jahren windelweich geprĂŒgelt hat, als sie es wagte, von seinen Gnocchi zu essen.
00:39:16
Heute passiert nichts dergleichen.
00:39:19
Stattdessen unterhalten sie sich so gut, dass sich Sophia darauf einlÀsst, im Anschluss noch mit Paolo baden zu gehen.
00:39:24
Immerhin ist es heiĂ drauĂen und der See liegt direkt vor ihren FĂŒĂen.
00:39:29
Also fahren sie ein paar Kilometer an eine Stelle, an der man ungestört schwimmen kann.
00:39:33
Sophia hat sich gerade aufs Handtuch gelegt, um in der Sonne zu entspannen, als Paolo plötzlich ein Thema anspricht,
00:39:38
von dem Sophia gehofft hat, dass es keines mehr ist.
00:39:41
Sein Leben mache ohne sie keinen Sinn mehr, sagt er.
00:39:44
Er will sich umbringen, wenn sie nicht zu ihm zurĂŒckkommt.
00:39:47
Da spĂŒrt Sophia eine Hitze in sich aufsteigen, die nichts mit der Sonne zu tun hat.
00:39:51
Sie ist wĂŒtend.
00:39:52
Er muss doch verstehen, dass es aus ist zwischen ihnen.
00:39:55
Doch Paolo will davon nichts hören.
00:39:57
FĂŒr ihn gibt es nur zwei Optionen, sagt er.
00:39:59
Entweder sie kommt zu ihm zurĂŒck, oder er wird das Leben, wie sie es kennen, hier und jetzt beenden.
00:40:04
Er wird sie töten und dann sich, sodass sie im Tod wieder vereint sind, droht Paolo.
00:40:09
Erst da wird Sophia klar, wie ernst er es meint.
00:40:12
Aber ihr ist auch klar, dass sie nie wieder zu ihm zurĂŒck will.
00:40:15
Paolo hat sie misshandelt, körperlich und psychisch.
00:40:18
Er hat ihr das Leben zur Hölle gemacht, bis sie nur noch eine leere HĂŒlle war.
00:40:22
Haut und Knochen, sonst nichts.
00:40:24
Ein Leben mit Paolo ist kein richtiges Leben.
00:40:27
Das weiĂ sie jetzt und das muss er auch endlich akzeptieren.
00:40:30
Sophia liegt auf einem Handtuch am Seeufer und spĂŒrt die Sonne auf ihrem RĂŒcken,
00:40:36
als sie versucht, ihm beizubringen, dass er ein neues Leben ohne sie beginnen muss.
00:40:39
Dann geht alles ganz schnell.
00:40:42
Paolo setzt sich von hinten auf ihren RĂŒcken.
00:40:44
Verschreckt beginnt Sophia zu schreien und um sich zu treten.
00:40:47
Doch er ist krÀftiger als sie.
00:40:49
Er hÀlt ihr den Mund zu und greift dann zu einem eingerollten Handtuch, das er mitgebracht hat.
00:40:53
Aus dem Augenwinkel sieht Sophia, wie er ein Messer hervorzieht.
00:40:57
Und es dauert nur Sekunden, bis sie es in ihrem Oberkörper spĂŒrt.
00:41:00
Verzweifelt versucht Sophia, noch Paolo zu entkommen, die Stiche abzuwehren.
00:41:05
Und tatsĂ€chlich, sie schlĂ€gt so heftig um sich, dass sie es schafft, sich auf den RĂŒcken zu drehen.
00:41:09
SchĂŒtzend hĂ€lt sie sich nun die Arme vors Gesicht und versucht, ihm das Messer abzunehmen.
00:41:13
Aber keine Chance.
00:41:15
Wieder und wieder spĂŒrt sie die Stiche in ihrem Körper.
00:41:18
Und diesmal kann sie Paolos Angriff nicht standhalten.
00:41:21
Diesmal kommt jede Hilfe fĂŒr Sophia zu spĂ€t.
00:41:26
Die Staatsanwaltschaft stĂŒtzt sich mit ihrer Anklage unter anderem auf die ZeugInnen-Aussagen von Julia und dem Bademeister, die alles mit angesehen haben.
00:41:34
Und auf den Obduktionsbericht, der Sophias Verletzungen dokumentiert.
00:41:38
Bei den anschlieĂenden Ermittlungen der Polizei wurden neben dem Messer, das Paolo mit zum Seeufer gebracht und vor Sophia versteckt hat, noch weitere Werkzeuge in seinem Auto gefunden.
00:41:58
Ein Hammer, ein langes Plastikrohr, schwere Metallketten und VorhÀngeschlösser.
00:42:03
Potenzielle Folterwerkzeuge, vermuten die BeamtInnen.
00:42:06
Beweise dafĂŒr gibt es nicht.
00:42:08
Auch nicht dafĂŒr, dass sich Paolo im See ertrĂ€nken wollte.
00:42:11
So hat er es zwar der Polizei gegenĂŒber gesagt, doch die BeamtInnen haben Zweifel.
00:42:16
Er ist ein guter Schwimmer.
00:42:17
Seine Angabe, einen erweiterten Suizid geplant zu haben, halten sie fĂŒr eine Schutzbehauptung.
00:42:22
Wenig glaubhaft oder zumindest enorm beschönigend ist auch, wie sich Paolo vor Gericht einlÀsst.
00:42:28
Der 41-JĂ€hrige leugnet zwar nicht, was er getan hat, aber er sieht die Schuld auch nicht bei sich, sondern schiebt sie auf die, wie er sie nennt, Perversion, unter der er leidet.
00:42:37
Wie er es in seinem Buch beschrieben hat, sei er besessen vom Wahn nach dĂŒrren Frauen.
00:42:42
Wie ein JĂ€ger suche er nach ihnen und mĂŒsse sie haben.
00:42:46
Er komme nicht gegen den Drang an, der sich seit seiner Kindheit wie eine Krankheit in seinen Kopf eingenistet hat, sagt Paolo.
00:42:52
Niemand könne ihm helfen.
00:42:54
Und als Sophia, die Frau seiner Begierde, ihn am See erneut abgewiesen hat, da sei er nicht bei sich gewesen.
00:43:01
Er habe dem Drang, sie zu besitzen, nicht widerstehen können.
00:43:04
Er habe sie nicht getötet, weil er es wollte, sondern weil er krank sei.
00:43:08
Und dieses Kranksein aufgrund von sexuellen PrÀferenzen, das wollen wir jetzt nochmal ganz losgelöst von Paolo kurz erklÀren.
00:43:16
Weil in seinem Fall spricht ja bisher nur er selbst davon, dass er krank ist.
00:43:20
Ob das jetzt wirklich so ist, darum geht es jetzt gleich vor Gericht.
00:43:23
Generell spricht man aber von einer Störung der SexualprĂ€ferenz, wenn jemand hĂ€ufige, intensive und dranghafte sexuelle BedĂŒrfnisse oder Fantasien hat,
00:43:32
die von der Gesellschaft nicht als normal in AnfĂŒhrungszeichen angesehen werden.
00:43:37
FrĂŒher wurde das als Devianz oder als pervers bezeichnet, sagt unser Experte, Psychiater Michael Berner.
00:43:43
Der Fachbegriff lautet aber Paraphilie.
00:43:45
Und was die einzelnen Paraphilenstörungen angeht, ist es laut unserem Experten ganz wichtig zu unterscheiden.
00:43:51
Es gibt nÀmlich Störungen, unter denen die Betroffenen zwar leiden, aber die in der Regel keine anderen Personen beeintrÀchtigen oder in Mittlereinschaft ziehen.
00:43:58
Zum Beispiel der Fetischismus.
00:44:00
Also, dass man sexuell erregt ist durch irgendwelche GegenstÀnde.
00:44:03
Und dann gibt es Paraphilien, die, wenn sie ausgelebt werden, anderen Personen schaden.
00:44:08
Zum Beispiel die PĂ€dophilie oder der Exhibitionismus.
00:44:11
Da ist es natĂŒrlich umso wichtiger, dass sich die Betroffenen Hilfe holen.
00:44:15
Und das tun sie auch ganz hÀufig, sagt Professor Berner.
00:44:17
Denn die Menschen leiden ja eben auch selbst unter der Störung.
00:44:21
Und es gibt vielversprechende therapeutische Möglichkeiten, um ihnen auch zu helfen.
00:44:25
Dazu ein Beispiel.
00:44:27
Also nehmen wir jetzt mal einen sehr hĂ€ufigen Fall, dass wir jemanden haben, der sich zum Beispiel durch Kinder erregt fĂŒhlt.
00:44:34
Der wird in den meisten FĂ€llen jetzt nicht ein sogenannter Hands-on-TĂ€ter sein.
00:44:39
Das heiĂt, der wird nicht unbedingt was gemacht haben, aber der hat zum Beispiel Bilder gesammelt.
00:44:44
Und dann, was natĂŒrlich auch eine Straftat ist, weil die irgendwo herkommen.
00:44:47
Und dann geht es jetzt in dem ersten Schritt erstmal darum, alle Schritte zu vermeiden, die ihn dazu bringen, dieses Verhalten auszuĂŒben.
00:44:57
Also die Bilder zu konsumieren, also zu benutzen an dieser Stelle.
00:45:01
Also zum Beispiel hatte frĂŒher mal jemand als Patienten, der hat es frĂŒher oft wĂ€hrend der Arbeitszeit gemacht.
00:45:09
Der musste dann einfach seinen PC so rumdrehen und die TĂŒr offen lassen, ja, dass jeder sofort diesen PC sehen konnte.
00:45:15
So konnte man das vermeiden.
00:45:17
Also ganz pragmatisch Schritte ergreifen, die das verhindern, dass es wieder passiert.
00:45:23
In einem weiteren Schritt ist es dann wichtig, mit PatientInnen ĂŒber ihre GefĂŒhle zu sprechen.
00:45:27
Weil hÀufig ist die Störung der SexualprÀferenz nÀmlich vor allem eine Störung der Emotionsregulation, sagt Professor Berner.
00:45:33
Die PatientInnen fĂŒhlen sich zum Beispiel einsam und dann geht es in der Therapie halt darum, wie man mit der Einsamkeit umgeht.
00:45:39
Michael Berner hat uns aber im GesprÀch noch auf eine Gruppe von Menschen hingewiesen, die sich eben auf keine Hilfe sucht
00:45:46
und die hÀufig mit parafilen Menschen in einen Topf geworfen wird.
00:45:51
sexuelle StraftÀter sind in den meisten FÀllen nicht paraphil, sondern sie sind einfach StraftÀter,
00:45:58
weil sie gegen die Selbstbestimmung von Dritten verstoĂen möchten.
00:46:03
Und dafĂŒr ursĂ€chlich ist dann ganz oft diese AbwĂ€gung zwischen Dominanz, Macht, jemand anderen bestimmen wollen
00:46:13
oder eben auch fehlgeleitete Steuerung von GefĂŒhlen auf der TĂ€terseite.
00:46:20
Also, dass sie das so quasi im Affekt machen.
00:46:22
Also, SexualstraftÀter sind ganz oft nicht paraphil.
00:46:27
Und paraphile, das ist das ganz Wichtige, sind in den seltensten FÀllen wirklich schwere StraftÀter.
00:46:34
Dass Paolos Begehren von abgemagerten Frauen krankhaft ist, so wie er es in seinem Buch behauptet,
00:46:40
oder dass sogar den Schweregrad einer Paraphilie erreicht hat, dem widerspricht der psychiatrische SachverstÀndige,
00:46:47
der Paolo bereits vor dem Prozessstart im Auftrag der Staatsanwaltschaft begutachtet hat.
00:46:52
Aber Paolo leide unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die zum Tatzeitpunkt in einer schizophrenen Psychose gegipfelt ist,
00:47:00
urteilte der Experte.
00:47:01
Der Verlust von Sophia sei der Tropfen gewesen, der das Fass zum Ăberlaufen brachte.
00:47:06
Der Drang, sie zu besitzen, war unkontrollierbar und obsessiv, so der Gutachter.
00:47:10
Er war tief in Paolos Persönlichkeit verankert und habe ihn ununterbrochen gequÀlt.
00:47:15
Um sich selbst von diesen Qualen zu befreien, habe Paolo Sophia getötet.
00:47:20
Aber er sei zum Tatzeitpunkt nicht bei sich selbst gewesen, sagt der Psychiater und bestĂ€tigt dem Angeklagten eine verminderte SchuldfĂ€higkeit fĂŒr die Tatzeit.
00:47:28
Es ist eine ĂŒberraschende EinschĂ€tzung, der nicht alle im Gerichtssaal folgen können.
00:47:33
SchlieĂlich hat Paolo Sophia monatelang mit dem Leben bedroht und er hat ein Messer zum Treffen am See mitgebracht,
00:47:39
was auf eine vorbereitete Tat hindeutet.
00:47:42
Das legt zumindest die Frage nahe, bis zu welchem Zeitpunkt er noch Herr seiner Sinne war
00:47:46
und ab wann die Psychose, die ihm der SachverstÀndige attestiert, eingetreten ist.
00:47:50
Um sich abzusichern, fordert das Gericht ein zweites psychiatrisches Gutachten an.
00:47:55
Paolo wird erneut untersucht, diesmal von zwei SachverstÀndigen, die zu einem gemeinsamen Schluss kommen,
00:48:01
der völlig anders ist als der des ersten Gutachters.
00:48:04
Die ExpertInnen können keine Anzeichen fĂŒr eine akute psychiatrische Störung finden,
00:48:09
die Paolos SchuldfÀhigkeit zum Tatzeitpunkt beeinflusst haben könnte.
00:48:13
Nur in einem Punkt pflichten die beiden SachverstÀndigen dem alten Gutachter bei.
00:48:17
Paolo ist ein Narzisst.
00:48:19
Er hat eine Persönlichkeitsstörung des narzisstisch-histrionischen Typs.
00:48:23
Die habe er aber nicht erst kurz vor der Tat entwickelt, sondern schon in seiner Kindheit.
00:48:27
Das machen die beiden PsychiaterInnen an mehreren CharakterzĂŒgen fest, die sich durch sein ganzes Leben ziehen.
00:48:33
Paolo ist egozentrisch, er stellt sich also selbst immer und ĂŒberall in den Mittelpunkt.
00:48:38
Er hĂ€lt sich selbst fĂŒr besser und anderen ĂŒberlegen.
00:48:40
Und er hat das dringende BedĂŒrfnis, immer und von allen gelobt zu werden.
00:48:44
Ăberhaupt seien die Menschen in seinem Umfeld in seinem VerstĂ€ndnis nur dafĂŒr da, um seine BedĂŒrfnisse zu befriedigen,
00:48:50
stellen die ExpertInnen fest.
00:48:52
Und dann ist er noch eine Eigenschaft in Paolos Charakter, die zumindest ein StĂŒck weit erklĂ€rt,
00:48:56
warum Sophia nie ganz von ihm loskam und warum sie sich zuletzt doch noch zu einem Treffen am See ĂŒberreden lieĂ.
00:49:02
Paolo habe enorme manipulative FĂ€higkeiten, legt das zweite Gutachten nahe.
00:49:07
Das könne man vor allem auch daran festmachen, dass er seine Tat jetzt vor Gericht mit einer sexuellen Perversion,
00:49:14
wie er es nennt, rechtfertigt und alle Schuld von sich weist.
00:49:18
Eine Selbstdiagnose, von der sich die GutachterInnen klar und deutlich distanzieren.
00:49:22
Sie sagen, dass Paolo zum Tatzeitpunkt weder eine Störung des Sexualverhaltens noch einer Psychose ausgesetzt war.
00:49:28
Er sei voll schuldfÀhig gewesen, so das Urteil der SachverstÀndigen.
00:49:34
Als sich Ende MĂ€rz im Jahr 2000, nur zwei Monate nach Prozessstart,
00:49:37
alle Anwesenden im Gerichtssaal erheben, ist die Stimmung angespannt.
00:49:41
Denn heute wird das Gericht das Urteil fĂŒr Paolo Pellegrini sprechen.
00:49:45
Und obwohl die Beweislage aufgrund der vielen ZeugInnen wasserdicht ist,
00:49:49
kommt es darauf an, welcher psychologischen EinschÀtzung des Angeklagten das Gericht folgt.
00:49:54
WĂŒrden die RichterInnen wirklich die verminderte SchuldfĂ€higkeit annehmen,
00:49:57
könnte Paolos Strafe deutlich milder ausfallen, als anfangs erwartet.
00:50:01
Doch dem ist nicht so.
00:50:04
Die Kammer sieht es als erwiesen an, dass Paolo zum Tatzeitpunkt am See voll schuldfÀhig war.
00:50:08
Es gibt keine Anzeichen fĂŒr eine akute Psychose, urteilt das Gericht.
00:50:13
DafĂŒr spricht allein schon die Tatsache, dass Paolo mehrere Waffen zum Treffen mit Sophia gebracht hat.
00:50:19
Damit kann man Paolo nachweisen, dass er nicht etwa im Affekt gehandelt hat,
00:50:23
sondern dass er einen klaren Vorsatz vor der Tat gefasst
00:50:27
und auch wÀhrend der Tatbegehung noch vorsÀtzlich gehandelt hat.
00:50:31
Er wollte Sophia töten, wenn sie sich ihm weiter entzieht.
00:50:34
Damit spricht das Gericht Paolo des Mordes an Sophia schuldig.
00:50:38
Ein Femizid, der so abscheulich ist, dass das Gericht nach eingehender PrĂŒfung,
00:50:43
trotz zugunsten von Paolo sprechender UmstÀnde, zu keinem milderen Urteil kam.
00:50:49
Weder, dass Paolo vorher nie straffÀllig war, noch das GestÀndnis, das er abgelegt hat, können hieran etwas Àndern.
00:50:56
In seiner Einlassung war Paolo kaum objektiv urteilt das Gericht, sondern er hat die Tat nur beschönigt.
00:51:03
AuĂerdem hat er auch nie nur einen Funken Reue gezeigt.
00:51:07
Dem Gericht liegen sogar Briefe vor, die der Angeklagte seinem Anwalt geschrieben hat
00:51:11
und in denen er die beiden GutachterInnen, die ihm die volle SchuldfÀhigkeit attestiert haben, bedroht.
00:51:16
Er schreibt, dass man sie in seiner Zelle einschlieĂen soll.
00:51:19
Dann wĂŒrde er sie in Fetzen reiĂen.
00:51:21
Und dass er seine HĂ€nde mit ihrem Blut waschen wolle.
00:51:24
Dann wĂŒrde sich eine Befriedigung einstellen, die er durch den Mord an Sophia nicht bekommen habe.
00:51:31
Es sind Zahlen wie diese, die vor Gericht beweisen, dass von Paolo Pellegrini auch weiterhin eine Gefahr ausgeht.
00:51:36
Auch deshalb wird er zur höchsten Strafe verurteilt, die das italienische Justizsystem kennt.
00:51:42
30 Jahre im GefÀngnis.
00:51:44
Das italienische lebenslang.
00:51:46
Mit dem metaphorischen Schlag des RichterInnenhammers ist es amtlich.
00:51:50
Der selbsternannte magersĂŒchtige JĂ€ger kann nun nicht mehr jagen.
00:51:54
Denn seine Welt beschrÀnkt sich ab sofort auf die vier WÀnde seiner Zelle, in der er noch lange Zeit sitzen wird.
00:52:01
FĂŒr die Ăffentlichkeit ist das harte Urteil eine Erleichterung.
00:52:03
FĂŒr Sophias Familie hingegen ist es ein schwacher Trost.
00:52:06
Denn keine Haftstrafe der Welt bringt ihnen ihre Sophia zurĂŒck.
00:52:10
Nie wieder wird sie lĂ€cheln und dabei GrĂŒbchen bekommen.
00:52:13
Nie wird sie einen anderen Mann treffen, der ihr zeigt, was es eigentlich bedeutet zu lieben.
00:52:18
Der ihr zeigt, dass echte Liebe nichts mit Macht und Hunger zu tun hat, sondern mit WĂ€rme und Geborgenheit.
00:52:24
Dass Liebe nicht krank macht, sondern gesund.
00:52:27
Paolo konnte ihr nichts derartiges bieten.
00:52:30
Denn seine Welt hat sich immer nur um sich selbst gedreht.
00:52:33
Und daran Àndert auch das GefÀngnis nichts.
00:52:35
In Haft liegt Paolo Feuer.
00:52:37
Ein andermal kippt er heiĂe Suppe ĂŒber einen Mitinsassen.
00:52:40
Mehrfach muss er verlegt werden.
00:52:42
Alles, was er tut, schreit nach Aufmerksamkeit.
00:52:45
Er will wieder im Mittelpunkt stehen.
00:52:46
Wieder seine Geschichte erzÀhlen.
00:52:48
Und sein Plan geht auf.
00:52:50
2001, ein Jahr nach dem Urteilsspruch, besucht ihn eine berĂŒhmte italienische Moderatorin in Haft.
00:52:56
Man will einen Fernsehbeitrag mit ihm drehen.
00:52:58
Eine weitere Chance fĂŒr den magersĂŒchtigen JĂ€ger groĂ herauszukommen.
00:53:02
Und die ergreift Paolo.
00:53:03
Als das Kamerateam ins GefÀngnis kommt, steht ein Mann mit Vollbart vor ihm.
00:53:08
Wenn man ihn von der linken Seite betrachtet.
00:53:10
Die rechte GesichtshÀlfte hat sich Paolo glatt rasiert.
00:53:14
So, als wĂŒrde eine unsichtbare Linie vertikal durch sein Gesicht verlaufen.
00:53:19
Sein Anblick ist so absurd, dass man sich sein Gesicht einprÀgt.
00:53:23
Der halb rasierte Vollbart.
00:53:25
Die groĂen dunklen Augen, die unterbuschigen Augenbrauen liegen.
00:53:29
Also eigentlich mĂŒsste das ja eine halbe Halbglatze sein.
00:53:33
Eine Viertelglatze.
00:53:34
Weil die Halbglatze hatte er ja schon vorher.
00:53:37
Und er wird sich ja jetzt die eine Seite komplett abrasiert haben.
00:53:42
Also hat er auf der Seite, wo die Halbglatze noch da ist, ist es ja dann ab dem Moment nur noch eine Viertelglatze.
00:53:49
Um die wichtigen Dinge nicht aus den Augen zu verlieren hier.
00:53:52
Manchmal lĂ€chelt er, wenn er ĂŒber sein bevorzugtes, groteskes Frauenbild spricht, an dem sich im GefĂ€ngnis nichts verĂ€ndert hat.
00:54:01
Genau wie an der Tatsache, dass er die Schuld noch immer von sich schiebt.
00:54:04
Im Interview sagt er, dass er zwar die geladene Pistole gewesen sei, Sophia habe aber den Abzug betÀtigt.
00:54:11
So, als wÀre sie selbst schuld an ihrem Tod.
00:54:17
20 Jahre spĂ€ter, im Jahr 2021, wird Paolo schlieĂlich aus dem GefĂ€ngnis entlassen.
00:54:22
Aber nicht in die Freiheit, sondern in eine forensische Einrichtung.
00:54:26
Denn obwohl er inzwischen Mitte 60 ist, halten ihn PsychiaterInnen, die ihn mehrfach begutachtet haben, noch immer fĂŒr gefĂ€hrlich.
00:54:33
Nicht nur gefĂ€hrlich fĂŒr andere, sondern auch gefĂ€hrlich fĂŒr sich selbst.
00:54:36
Denn heute ist es Paolo, der eine Essstörung entwickelt hat.
00:54:40
Von dem Mann, der im Fernsehinterview noch krĂ€ftig gebaut war, ist nur noch ein Teil ĂŒbrig.
00:54:45
Er wirkt zerbrechlich.
00:54:46
Die Haut an seinen Wangen hÀngt schlaff nach unten.
00:54:49
Unter seinen Augen liegen tiefe TrÀnensÀcke.
00:54:50
Nur noch die dunklen, groĂen Augen erinnern an den Mann, der damals am See gemordet hat.
00:54:57
Julia, das MĂ€dchen, das ihn dabei beobachtet hat, ist heute 40 Jahre alt.
00:55:01
Und der heiĂe Tag im Sommer 1998 hat ihr Leben verĂ€ndert.
00:55:06
HĂ€ufig denkt sie an die Frau, die am See ihr Leben verloren hat.
00:55:09
Und jedes Jahr am 14. Juli, Sophias Todestag, geht Julia zurĂŒck an die Stelle am See, wo das tiefblaue Wasser in der Sonne glitzert und wo im Hintergrund die grĂŒnen Berge zu sehen sind.
00:55:20
Dann wirft sie eine Rose fĂŒr Sophia ins Wasser, die dafĂŒr sterben musste, dass sie das Leben frei von Fremdbestimmung und Hunger genieĂen wollte.
00:55:27
Also dieser Fall ist ja so absurd.
00:55:32
Ich kann das ĂŒberhaupt nicht glauben.
00:55:35
Und als Paulina mir das erste Mal von diesem Fall erzÀhlt hat, ich glaube, ich habe da mal wieder nur mit so einem halben Ohr zugehört.
00:55:41
Aber ich dachte mir so, nee, was redet die?
00:55:46
Also das erĂŒbrigt sich bestimmt wieder.
00:55:48
Wie das erĂŒbrigt sich?
00:55:50
Hast du gedacht, ich lasse den Fall fallen?
00:55:52
Ja, du hast mir den so vorgeschlagen.
00:55:55
Und ich dachte dann, es geht darum, ja, vielleicht man guckt sich mal an, ob es da ĂŒberhaupt genug zu gibt, ob wir den auch erzĂ€hlen können.
00:56:01
Und ich war mir irgendwie sicher, da findet man wahrscheinlich eh jetzt heraus, dass es gar nicht so war.
00:56:05
Weil, also das kann man sich ja gar nicht ausdenken.
00:56:09
Ich habe das vom Stern Crime.
00:56:12
Das ist auch eine super Quelle.
00:56:15
Und fĂŒr unsere ErzĂ€hlung hatten wir natĂŒrlich auch noch das Buch von Paolo und das Urteil des italienischen Gerichts.
00:56:23
Ja, aber du weiĂt, was ich meine.
00:56:25
Es klingt einfach zu absurd, dass es wahr ist.
00:56:28
Ja, ja, ja, ja, ja, ja, ja, ja, total.
00:56:29
Also wir hĂ€tten jetzt hier wirklich gerne noch was zu dem Opfer, also zu Sophia gesagt und nicht so sehr Paolo ins Zentrum gerĂŒckt.
00:56:36
Ich hÀtte halt gerne sowas gesagt, wie, dass sie ja offensichtlich ein besseres Leben sich durch ihn erhofft hatte.
00:56:42
Also so liest man es aus den Quellen raus und dass das zeigt, dass diese AbhÀngigkeit total gefÀhrlich sein kann, wenn da diese MachtverhÀltnisse entstehen und so.
00:56:49
Aber am Ende, wir wissen es leider nicht, was der Grund war, warum sie bei ihm geblieben ist.
00:56:54
AuĂer, dass die ganz offensichtlich eine schlimme Dynamik miteinander hatten.
00:56:59
Was mich aber an dem Fall, unabhÀngig davon, auch so interessiert hat, sind halt diese gesellschaftlichen Aspekte da drin.
00:57:04
Also zum einen mal das Bild von Frauen, was in dieser Zeit sowieso super durr und krankhaft nahezu war.
00:57:11
Und dann auch dieser Aspekt, dass jemand so ein Buch verlegt.
00:57:17
Also wo jemand ĂŒber seine sexuellen Neigungen, die ja ganz offenbar krankhaft waren und zwar nicht nur das Bild, was krankhaft war,
00:57:24
sondern auch einfach in dem AusmaĂe sein Leben beherrscht haben von Paolo, dass es auch krankhaft war.
00:57:30
Also das finde ich wirklich so verantwortungslos, so ein Buch zu verlegen.
00:57:35
Und da muss man ja auch mal dazu sagen, allein die Tatsache, dass das Buch nicht so erfolgreich war,
00:57:41
könnte ja auch einen Teil dazu beigetragen haben, dass Paolo irgendwann diese Tat begibt.
00:57:45
Weil der möchte ja ganz offensichtlich gesehen werden.
00:57:48
Das ist ein Mann, der in die Ăffentlichkeit will, der sich als Opfer seiner sexuellen Neigung darstellen will.
00:57:53
Was er ja vielleicht auch irgendwo ist. Ich bestreite das ja gar nicht.
00:57:56
Aber er gefÀllt sich halt auch super in dieser Rolle.
00:57:58
Ja. Und man muss auch einfach mal festhalten, so einen TĂ€ter hatten wir ja auch noch nie.
00:58:04
Der solch ein Motiv fĂŒr einen Mord hatte.
00:58:07
Und dann jetzt auch am Ende noch, es ist so weird.
00:58:12
Und dann hat er jetzt selber eine Essstörung entwickelt.
00:58:15
Also, und dann hat er einen halben Bart, eine Viertel Glatze.
00:58:19
Also, es ist wirklich absurd.
00:58:24
Meinst du, die Essstörung kommt daher?
00:58:27
Jetzt wird's wild, ja?
00:58:28
Verzeiht es mir.
00:58:29
Aber er kann ja nur mit sehr dĂŒnnen Frauen Sex haben.
00:58:34
Und weil er ja jetzt nur noch mit sich selbst Sex haben kann im GefÀngnis,
00:58:39
muss er so dĂŒnn sein.
00:58:41
Es ist natĂŒrlich blöd, wenn man seinen eigenen Anforderungen entsprechen muss.
00:58:45
Okay, ist mit einem halben Augenzwinkern gesagt, ja?
00:58:49
Oder einem Viertel.
00:58:52
Und mit diesem Bild, das ich nicht im Kopf haben wollte, verabschieden wir uns fĂŒr diese Folge.
00:58:57
Das war ein Podcast der Partner in Crime.
00:59:05
Hosts und Produktion Paulina Graser und Laura Hohlers.
00:59:09
Redaktion wir und Isabel Mayer.
00:59:12
Schnitt Henk Heuer.
00:59:14
Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.
00:59:22
Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!