00:00:08
Also Laura, Justizias Wille ist ja jetzt vorbei.
00:00:13
Was macht man denn jetzt mit der ganzen Freizeit?
00:00:16
Ja, ich bin total ĂŒberfordert.
00:00:17
Ich weiĂ gar nicht, wohin mit mir.
00:00:20
Gib mir was zu tun, Paulina.
00:00:24
Das ist natĂŒrlich Quatsch.
00:00:26
Es ist ganz schön viel liegen geblieben bei uns die letzte Zeit.
00:00:28
Aber wie das halt so ist, man stĂŒtzt sich trotzdem gleich wieder in neue Projekte.
00:00:32
Wir bereiten ja die Tour vor und meine Doku ist jetzt auch rausgekommen.
00:00:36
Schutt & SĂŒne ist ja in die zweite Staffel gegangen, die aus zwei Filmen besteht.
00:00:40
Und der erste davon, der heiĂt SchĂŒsse aus der Finsternis.
00:00:42
Und den könnt ihr jetzt in der ZDF Mediathek ansehen.
00:00:45
Ja, ich muss das unbedingt noch nachholen.
00:00:48
Aber vielleicht kannst du auch ein bisschen teasen, damit man ein bisschen weiĂ, worum es geht.
00:00:52
Genau, es geht um eine Verfolgungsjagd.
00:00:54
Zwei Polizisten entdecken verdÀchtige Personen auf ihrer Streife, verfolgen die und die eröffnen dann das Feuer.
00:01:02
Einer aus dem Polizeiteam stirbt dann.
00:01:05
Und die Ermittlungen sind ziemlich schwierig, bis die Polizei dann auf einen Hinweis trifft, der diesen Fall mit einem Verbrechen weit aus der Vergangenheit verbindet.
00:01:16
Und es stellt sich also heraus, hinter dem Verbrechen steckt auch noch viel mehr, als dass zwei FlĂŒchtige auf die Polizei geschossen haben, weil sie Angst vor denen hatten.
00:01:26
Es gibt also eine echt interessante Wendung in dem Fall.
00:01:29
Und den haben wir natĂŒrlich auch noch nicht bei Mordlust besprochen.
00:01:31
Und wir packen euch mal den Link zu der Doku in die Folgenbeschreibung.
00:01:35
Und jetzt geht's los mit Mordlust, einem Podcast der Partner in Crime.
00:01:40
Wir reden hier ĂŒber wahre Verbrechen und ihre HintergrĂŒnde.
00:01:43
Mein Name ist Paulina Kraser.
00:01:45
Und ich bin Laura Wohlers.
00:01:47
Heute haben wir wieder ein Oberthema fĂŒr euch.
00:01:49
Zudem wird zwei KriminalfĂ€lle nachher erzĂ€hlen, darĂŒber diskutieren und auch mit Menschen mit Expertise sprechen.
00:01:54
Hier geht's um True Crime, also auch um die Schicksale von Menschen.
00:01:58
Bitte behaltet das immer im Hinterkopf.
00:02:00
Das machen wir auch, selbst dann, wenn wir zwischendurch mal ein bisschen ungehemmter miteinander sprechen.
00:02:05
Das ist fĂŒr uns eine Art Comic Relief, aber natĂŒrlich nicht despektierlich gemeint.
00:02:09
Also wir behandeln heute ein Thema, das viel zu viele im Umfeld von uns eigentlich betrifft.
00:02:14
Meist wissen wir darĂŒber gar nichts.
00:02:17
Und zwar geht's um Gewalt, die man zu Hause erlebt.
00:02:20
Und ich hab mich ein bisschen gewundert, dass du sagst, du hast damit noch gar keine BerĂŒhrung in deinem Umfeld gemacht auch, ne?
00:02:26
Also wahrscheinlich, weil es keine Ă€uĂerlichen Anhaltspunkte dafĂŒr gab, wie jetzt vielleicht so blaue Flecken.
00:02:32
Oder weil man sich nicht getraut hat, mir das zu erzÀhlen.
00:02:36
Was ich aber ehrlicherweise gut nachvollziehen kann, weil ich hab auch schon mal was in einer Beziehung erlebt, was sehr ĂŒbergriffig war.
00:02:44
Und zwar hat mir mein Ex-Freund ins Gesicht gespuckt.
00:02:49
Und ich hab lĂ€nger ĂŒberlegt, ob ich das hier ĂŒberhaupt erzĂ€hlen soll, weil ich dann auch so ganz doofe Gedanken hatte, wie wenn ich das erzĂ€hle, dann könnte man ja sagen, das hĂ€tte ich nie gedacht, dass Laura sowas mit sich machen lĂ€sst.
00:03:04
Ja, und das ist so krass, weil du hast ja in dem Moment keinen Einfluss darauf.
00:03:08
Es passiert ja auf einmal.
00:03:10
Und ich weiĂ ja auch genau, dass es diese Reaktion gibt von Opfern von Gewalt und dass es falsch ist.
00:03:17
Und trotzdem hab ich diesen Gedanken auch gehabt, obwohl ich mich ja so oft damit beschÀftige, was mich echt ein bisschen beunruhigt hat auch.
00:03:24
Ja, es ist dieses SchamgefĂŒhl, weshalb viele sich dann halt eben auch nicht mitteilen.
00:03:28
Und dabei betrifft das ja so viele.
00:03:30
Also die meisten meiner Freundinnen haben schon mal irgendwann eine Gewalterfahrung gemacht in der Beziehung.
00:03:35
Allerdings auch unterschiedlich ausgeprÀgt.
00:03:37
Eine Sache möchte ich jetzt nicht so gerne erzÀhlen, aber bei der anderen zum Beispiel, da hat mein Ex-Freund mal eine Fernbedienung nach mir geworfen.
00:03:43
Und zwar aber richtig mit Schmackes auf den Kopf gezielt.
00:03:48
Andere wiederum haben da tatsÀchlich von mehreren Erfahrungen auch in Beziehungen erzÀhlt, wo sich das wirklich wie so ein Verhaltensmuster immer wieder durchgezogen hat.
00:03:57
Was ich ganz erschreckend fand, weil mir das bis dahin nicht klar wurde, sondern erst in dem Moment, wo wir halt wirklich dann so offen in der Gruppe darĂŒber geredet haben.
00:04:05
Und wo mir dann auch das erste Mal bewusst wurde, wie hÀufig das eigentlich passiert.
00:04:10
Und dass halt ganz viele, und das sagen ja auch die Zahlen in ihrem Leben, und nicht nur Frauen.
00:04:15
Ich habe gerade auch erst wieder eine Geschichte von einem Mann gehört, der mal eine gewischt bekommen hat.
00:04:20
Also das finde ich wirklich auch ganz, ganz schlimm.
00:04:23
Und ich finde das ganz schlimm, das Gewalt von Frauen, MĂ€nnern gegenĂŒber, gerade die so Backpfeife und so.
00:04:29
Dass das immer noch hier, habe ich gerade neulich irgendwo gehört, Prinzessinnenbackpfeife, so nach dem Motto.
00:04:35
Ja, also das ist körperliche Gewalt.
00:04:37
Und das wird dann irgendwie von einigen Leuten hier noch so hingenommen.
00:04:40
Und was ich natĂŒrlich gerade an diesen Geschichten so erschreckend fand, ist, das ist halt in den meisten FĂ€llen da passiert, wo man sich ja eigentlich am sichersten fĂŒhlen sollte.
00:04:49
Und das ist zu Hause.
00:04:50
Und das waren entweder Familienangehörige, die die Gewalt ausgeĂŒbt haben, oder halt eben der Partner oder die Partnerin.
00:04:56
Also so Leute, von denen man ja eigentlich ausgeht, die sollen einem was Gutes tun.
00:05:00
Ja, und das Thema kam ja auch schon öfters hier bei Mordlust irgendwie zur Sprache, also in anderen FÀllen.
00:05:06
Aber so explizit haben wir uns der hÀuslichen Gewalt ja noch gar nicht gewidmet.
00:05:11
Und ehrlich gesagt waren wir, als wir uns jetzt fĂŒr dieses Thema entschieden haben, selbst kurz ĂŒberrascht, dass wir in 150 Folgen darĂŒber halt noch nie so explizit gesprochen haben.
00:05:20
Also wir hatten natĂŒrlich schon FĂ€lle, bei denen hĂ€usliche Gewalt eine Rolle gespielt hat, aber es war nie so im Fokus, wie das heute der Fall sein soll.
00:05:29
Dabei ist es ein groĂes Problem in Deutschland.
00:05:32
Laut dem Bundeskriminalamt waren 2022 mehr als 240.000 Menschen davon betroffen.
00:05:40
Und das sind ein Viertel aller Opfer, die in der polizeilichen Kriminalstatistik erfasst werden.
00:05:45
Und das sind ja, wie wir wissen, nur die FĂ€lle, die bei der Polizei bekannt sind.
00:05:50
HĂ€usliche Gewalt findet aber ja hinter verschlossener TĂŒr statt.
00:05:54
Und deshalb gehen Expertinnen und OpferverbÀnde auch davon aus, dass das Dunkelfeld sehr groà ist.
00:06:00
Der WeiĂring zum Beispiel glaubt, dass 80 Prozent der FĂ€lle im Verborgenen bleiben.
00:06:06
Und von zwei FÀllen, die es ins sogenannte Hellfeld geschafft haben, erzÀhlen wir euch in dieser Folge.
00:06:11
Mein Fall zeigt, dass ein Zuhause nur wenig mit vier WĂ€nden und einem Dach zu tun hat, sondern mehr mit Liebe und Geborgenheit.
00:06:19
Alle Namen habe ich geÀndert.
00:06:22
Die Vögel zwitschern und die Blumen sprieĂen an dem Tag, an dem sich Paula und Max das Ja-Wort geben.
00:06:29
All ihre Liebsten sind gekommen, um im Rahmen einer Gartenparty auf das junge Paar anzustoĂen.
00:06:36
Niemand ist sonderlich schick gekleidet.
00:06:37
Selbst Paula, die Braut, trÀgt Jeans und eine Windjacke.
00:06:41
Trotzdem sind alle Augen auf sie gerichtet, denn die 27-JĂ€hrige, mit dem langen, blonden Haar und den freundlichen Augen, strahlt mit der Sonne um die Wette.
00:06:50
Jeder kann ihr ansehen, dass sie glĂŒcklich ist, mit Max, der heute gleichzeitig seinen 31. Geburtstag feiert.
00:06:57
Dabei hat Paula ihren Ehemann erst vor sechs Wochen im Studium der Zahnmedizin kennengelernt.
00:07:02
Doch trotz der kurzen Zeit ist sich Paula jetzt schon sicher, Max ist die Liebe ihres Lebens und sie ist seine.
00:07:09
Das sagt er ihr immer wieder.
00:07:10
Deshalb hebt auch sie ihr Glas, als die HochzeitsgĂ€ste auf das frisch vermĂ€hlte Paar anstoĂen.
00:07:16
Auf die Ehe, die zunĂ€chst erfĂŒllt sein wird von Freude und GlĂŒck, bevor sie schleichend andere GefĂŒhle darin breit machen.
00:07:24
GefĂŒhle wie Eifersucht und Angst, die nicht nur eine, sondern gleich drei Familien zerreiĂen werden.
00:07:31
Nach der Hochzeit im Garten dauert es nicht lang, bis es Paula und Max auch langfristig ins GrĂŒne zieht.
00:07:37
Sie kaufen einen alten Hof am Westensee in der NĂ€he von Kiel.
00:07:41
Hier, umgeben von WĂ€ldern, Wiesen und Wasser, wollen sie ein Zuhause schaffen, fĂŒr die groĂe Familie, die sie sich wĂŒnschen.
00:07:48
Ein Baby ist schon auf dem Weg, denn nur wenige Monate nach der Hochzeit ist Paula schwanger.
00:07:53
Als sie Max davon erzĂ€hlt, ist der ĂŒberglĂŒcklich.
00:07:56
Nur mit den Renovierungsarbeiten muss es jetzt vorangehen.
00:07:59
Denn aktuell können sie nur ein einziges Zimmer in dem riesigen Haus bewohnen.
00:08:03
Also gibt Max Gas.
00:08:05
Wann immer er nicht studiert oder als Zahntechniker jobbt, um Geld zu verdienen, gilt seine ganze Aufmerksamkeit dem Ausbau des Hauses.
00:08:12
Paula auf der anderen Seite soll ihr Studium erstmal pausieren, findet Max.
00:08:16
So kann sie sich auf die Schwangerschaft und den Haushalt konzentrieren und auf ihr Hobby, das Reiten.
00:08:23
FrĂŒher, zu Hause in Flensburg, ist sie mit ihrer Ă€lteren Schwester Tina und ihrer Mutter geritten.
00:08:28
Jetzt freut sie sich darauf, dass sie den Sport einmal ihren eigenen Kindern nÀher bringen kann.
00:08:32
In ihrem Zuhause, auf dem Land, das immer gemĂŒtlicher wird.
00:08:38
In das groĂe Landhaus, das einst heruntergekommen war, ist Leben eingekehrt.
00:08:47
Das Lachen von vier Kindern, drei Jungen und einem MĂ€dchen, halt durch die groĂzĂŒgigen RĂ€ume.
00:08:52
Auf der Terrasse bellt der Familienhund und im Garten gackern die HĂŒhner.
00:08:56
Mittendrin sind Paula und Max, deren Traum von der groĂen Familie wahr geworden ist.
00:09:02
Max fĂŒhrt mittlerweile eine Zahnarztpraxis im Dorf, nur wenige Minuten von zu Hause entfernt.
00:09:07
Er ist gesprÀchig, jeder in der Nachbarschaft kennt ihn.
00:09:10
Paula ist eher schĂŒchtern und zurĂŒckhaltend.
00:09:13
Sie hat einige gute Freundinnen im Dorf und verbringt ansonsten jede freie Minute,
00:09:18
die sie nicht mit ihren Kindern oder im Haushalt zu tun hat, bei den Pferden.
00:09:22
Die anmutigen Tiere sind ihr Ausgleich, ihr Ruhepol.
00:09:25
AuĂerdem hat sie vor zwei Jahren ihr Studium der Zahnmedizin wieder aufgenommen.
00:09:29
Max wĂŒnscht sich, dass sie einmal in seine Praxis einsteigt.
00:09:32
TatsÀchlich treibt Paula aber eine andere Motivation an.
00:09:36
Sie will finanziell unabhÀngiger werden.
00:09:39
Denn Paula ist jetzt 43 Jahre alt und sie liebt ihr Leben auf dem Land.
00:09:44
Aber all das ist an Max gekoppelt und an sein Gehalt.
00:09:48
Und auch wenn von auĂen wenig darauf hindeutet, denkt Paula schon seit Jahren ĂŒber eine Trennung nach.
00:09:54
Denn hinter der idyllischen Fassade, die sie aufrecht erhalten, herrscht die Wut.
00:09:59
Darauf weisen die zerschlagenen Möbel hin, die auf der Terrasse stehen.
00:10:03
Ein zertrĂŒmmerter Fernseher oder die gesprungenen GlĂ€ser von Familienbildern, die einst an den WĂ€nden hingen.
00:10:09
Max schlĂ€gt auf die Möbel ein, wenn er wĂŒtend ist.
00:10:12
Zum Beispiel, weil die Kinder die Fernbedienung nicht finden
00:10:15
oder weil Paula ihm seiner Meinung nach nicht genug Anerkennung und Liebe schenkt,
00:10:19
fĂŒr das Geld, das er verdient.
00:10:21
Nur fĂ€llt es Paula mit jedem Streit schwerer, ihm gegenĂŒber NĂ€he zuzulassen,
00:10:26
weil da, wo mal Liebe war, lÀngst Angst eingezogen ist.
00:10:30
Damit er seine Wut nicht weiter an den Möbeln auslÀsst,
00:10:33
hat Paula ihm einen Sandsack besorgt, den er boxen kann.
00:10:36
Drei Monate ging das gut, dann ist Max wieder in alte Muster verfallen.
00:10:41
Einmal ist er so aggressiv geworden, dass sich Paula im Badezimmer eingeschlossen hat.
00:10:45
Doch Max hat auf die TĂŒr eingehĂ€mmert, bis er vor ihr stand, groĂ und breit wie ein Turm,
00:10:50
schÀumend vor Wut, wÀhrend Paula sich ganz klein gemacht hat.
00:10:53
So geht das seit Jahren.
00:10:55
Max hat ihr Zuhause mit seinen eigenen HĂ€nden aufgebaut,
00:10:58
um jetzt mit denselben HĂ€nden darauf einzuschlagen.
00:11:01
Nur was er nicht merkt, ist, dass er damit etwas viel Kostbares zerstört.
00:11:05
Die Familie, die darin lebt.
00:11:07
Denn es sind nicht nur Max WutausbrĂŒche, die Paula und die Kinder aushalten mĂŒssen,
00:11:13
sondern auch seine Abwesenheit.
00:11:15
Oft ist Max tagelang weg, auf GeschÀftsreise oder im Urlaub.
00:11:19
Sogar ĂŒber die Weihnachtsfeiertage ist er allein verreist.
00:11:23
Paula fĂŒhlt sich dann im Stich gelassen mit der Erziehung und mit dem Haushalt.
00:11:27
Sie weià oft nicht mal, wo genau sich Max aufhÀlt.
00:11:30
Nur, wer immer wieder dabei ist.
00:11:32
Britta, Max' Assistentin, die ihn auf GeschÀftsreisen begleitet.
00:11:37
Reisen, die nicht mit Feierabend, sondern gemeinsam im Bett enden, vermutet Paula.
00:11:42
Einmal, als Max mit Britta unterwegs war,
00:11:45
hat Paula nĂ€mlich einen fremden Slip und eine ZahnbĂŒrste im Auto ihres Ehemannes gefunden.
00:11:50
Ey, stell dir mal den Moment vor, wie das erstmal rattert
00:11:54
und dann realisiert man, was das eigentlich bedeutet, so ein Slip im Auto.
00:11:58
Ja, weil erstmal denkst du ja so, hÀ, wieso habe ich hier meinen Slip vergessen oder so,
00:12:03
weil man dann ja erstmal denkt, ah, das ist bestimmt meiner und ich habe jetzt einfach vergessen, wie der da hingekommen ist.
00:12:09
Weil man sich natĂŒrlich irgendeine ErklĂ€rung dafĂŒr zurechtlegen will, die nicht was Schreckliches bedeutet.
00:12:15
Ich habe neulich auch einen fremden Slip gefunden.
00:12:19
In meiner UnterwÀscheschublade.
00:12:22
Von wem war denn der bei dir?
00:12:23
Ja, haben wir die jetzt vertauscht?
00:12:25
Nee, ich weiĂ von wem.
00:12:27
Du weiĂt von wem deiner ist?
00:12:28
Ja, der ist nicht von dir.
00:12:30
Woher weiĂt du das?
00:12:31
Der ist dir zu groĂ.
00:12:33
Nee, der ist ja zu groĂ.
00:12:34
Also, das ist was, das passiert MĂ€nnern nicht.
00:12:40
Das ist so absurd, wie oft ich schon irgendeinen Slip bei mir gefunden habe und gedacht habe, komisch.
00:12:50
Na, aber passt der denn?
00:12:53
Das weiĂ ich nicht.
00:12:55
Ich habe den doch nicht angezogen.
00:12:56
Also, ich habe genug Unterbumpeln.
00:13:00
Naja, aber Paula hat den Slip im Auto gefunden und sie weiĂ, das ist nicht ihrer.
00:13:08
Und dann ist natĂŒrlich auch die Frage, hat die Britta den vielleicht mit Absicht da liegen lassen?
00:13:13
Weil ich denke mir, es wĂŒrde doch auffallen, wenn man unten ohne auf einmal irgendwo rumlĂ€uft.
00:13:20
Also, Paula ist sich quasi sicher, ne?
00:13:22
Aber immer, wenn sie Max konfrontiert, streitet der alles ab und wird wĂŒtend.
00:13:28
Vor einem Jahr hat er sie deshalb sogar am Bett fixiert und ihr ein blaues Auge verpasst.
00:13:32
Damals hat Paula das hingenommen, weil sie Angst vor Max hatte.
00:13:37
Doch inzwischen hat sie seine LĂŒgen satt, denn sie ist ĂŒberzeugt davon, dass Max sie noch immer betrĂŒgt.
00:13:42
Und das soll er endlich zugeben, findet Paula.
00:13:45
Aber sie braucht Beweise.
00:13:47
Beweise, die so eindeutig sind, dass er nicht lĂ€nger lĂŒgen kann.
00:13:51
Deshalb hat Paula heimlich ein TonbandgerÀt in Max' Praxis angebracht, das sie im Mai 2020 in der Hand hÀlt.
00:13:59
Bevor sie es abhört, ist sie nervös.
00:14:01
Sie hat Angst, dass sich ihre Vermutung bewahrheitet.
00:14:05
Andererseits will sie genau das, die Wahrheit.
00:14:07
Also drĂŒckt sie auf Play.
00:14:09
Und tatsÀchlich, zwischen PatientInnen-GesprÀchen und Zahnbohrungen gibt es auch eine Stelle, an der Paula klar hören kann, wie zwei Menschen Sex haben.
00:14:17
Ey, wie schlimm ist das?
00:14:19
Das ist ja so schlimm.
00:14:20
Stell dir das mal vor.
00:14:22
Wobei ich sagen muss, wenn man der Meinung ist, dass man irgendwo eine Wanze verstecken muss, dann ist die Beziehung sowieso schon im Arsch.
00:14:29
Egal, ob sie das jetzt hören wĂŒrde oder nicht.
00:14:32
Und hier erst recht, weil der ist gewalttĂ€tig und da gibt es ja auch keine Entschuldigung fĂŒr.
00:14:36
Offenbar hat sie ihr BauchgefĂŒhl da jetzt aber auch nicht getrĂŒbt.
00:14:40
Ich kann das an sich verstehen, dass man, wenn man diesen Verdacht hat und vielleicht ja auch selber an sich zweifelt, ob man nicht irgendwelche Geister die ganze Zeit sieht, dass man dann dafĂŒr Gewissheit haben will.
00:14:50
Ja, aber wenn man sich das vorstellt, diesen Moment, wo sie das dann hört, also das ist ja wirklich einfach nur furchtbar.
00:14:57
Paula hatte also recht.
00:15:00
Als Max an diesem Abend nach Hause kommt, ist sie stinksauer.
00:15:03
Sie will, dass er auszieht, sagt sie.
00:15:05
Sie hĂ€tte ja nicht hinhören mĂŒssen, sagt er.
00:15:09
Doch dann packt er tatsĂ€chlich seine Tasche und wirft die TĂŒr hinter sich ins Schloss.
00:15:14
Paula ist erleichtert und verletzt zugleich.
00:15:18
Statt der Scherben, die sie nach Max' WutausbrĂŒchen regelmĂ€Ăig beseitigen musste, liegt nun ihre Ehe in einem Scherbenhaufen.
00:15:24
Eine Ehe, die ihr zwar schon lange keine Liebe mehr gegeben hat, dafĂŒr aber eine finanzielle Sicherheit, ohne die sich eine erdrĂŒckende Existenzangst in ihr breitmacht.
00:15:33
Paula braucht noch zwei Semester, bis sie ihr Studium geschafft hat und auf eigenen Beinen stehen kann.
00:15:40
Und dann ist da jetzt noch Max, der sich in den kommenden Wochen immer wieder entschuldigt.
00:15:44
Er sagt, dass er sie liebe und dass er sich Hilfe suchen wolle.
00:15:48
Max schlÀgt eine Paartherapie vor.
00:15:51
Doch als Paula sich darauf einlÀsst, streiten sie sich schon in der ersten Sitzung so heftig, dass Paula die Therapie abbricht.
00:15:57
Sie sieht einfach keine Chance mehr fĂŒr ihre Ehe.
00:16:01
Das macht sie Max ganz klar, bevor sie endgĂŒltig geht.
00:16:04
Von da an kommuniziert Max meistens im Monologen.
00:16:08
Die Nachrichten, die er schreibt, sind endlos, aber seine Entschuldigungen lassen Paula kalt.
00:16:13
Im November 2020, fĂŒnf Monate nach der Trennung, schreibt sie ihm schlieĂlich, dass er erst lernen mĂŒsse, sich selbst zu lieben, bevor ihn jemand anders lieben könne.
00:16:22
Max antwortet, dass er glaube, ein Narzisst zu sein.
00:16:25
Paula schreibt zurĂŒck, dass sie das auch glaube.
00:16:27
Dann legt sie ihr Handy weg und geht reiten.
00:16:30
Die Kinder sind heute nicht zu Hause, deshalb hat sie Zeit.
00:16:34
Auf dem RĂŒcken ihres Pferdes spĂŒrt sie den Wind in ihrem langen Haar.
00:16:37
Ihre Probleme werden ganz klein.
00:16:39
Solange, bis sie nach Hause kommt und die Probleme wortwörtlich vor ihrem Haus warten.
00:16:45
Es ist Max, der sich vor ihr aufbaut, so wie damals, als sie sich im Bad versteckte.
00:16:50
Er will reden, sagt er.
00:16:52
Sofort steigt in Paula die Angst auf.
00:16:54
Schnell geht sie ins Haus, doch Max folgt ihr und packt sie an beiden Oberarmen.
00:16:58
Er schreit, dass er auch Rechte an ihrem Zuhause habe.
00:17:02
Paula will nur, dass er sie loslÀsst, also tritt sie nach ihm.
00:17:06
Da wird Max noch aggressiver.
00:17:08
Er werde sie fertig machen, sagt er, bevor er ihr mit der Faust ins Gesicht schlÀgt.
00:17:13
Paula geht sofort zu Boden.
00:17:15
Blut lÀuft aus ihrer Nase auf den Boden im Hausflur.
00:17:20
Da holt Max mit seinem FuĂ aus und tritt gegen Paulas Kopf.
00:17:24
Bevor er sich nach unten beugt und ihr mit dem Arm die Luft abdrĂŒckt.
00:17:28
Aus dem Augenwinkel kann Paula sehen, wie Max ein Messer zĂŒckt.
00:17:32
Unter Todesangst bittet sie ihn loszulassen.
00:17:35
Und tatsÀchlich.
00:17:36
Er hÀlt inne, steckt das Messer weg und sein Griff wird lockerer.
00:17:41
Da steht Paula auf und rennt.
00:17:42
Raus aus der TĂŒr.
00:17:45
Weg von ihrem Haus.
00:17:46
In die Arme eines ĂŒberraschten Postboten.
00:17:49
Paulas Herz schlĂ€gt wie verrĂŒckt.
00:17:51
Adrenalin pumpt durch ihre Adern.
00:17:53
Ein Ăberlebensinstinkt ihres Körpers.
00:17:56
Wie in Trance bekommt sie mit, wie der Postbote sie zu ihren Nachbarinnen begleitet,
00:18:00
die den Rettungsdienst alarmieren.
00:18:02
Paula wird in die Notaufnahme des Uniklinikums gebracht.
00:18:05
Als sie dort die Frontkamera ihres Handys öffnet, kann sie ihr Spiegelbild kaum wieder erkennen.
00:18:10
Ihr Gesicht ist geschwollen.
00:18:12
Ihre Augen sind dunkel unterlaufen.
00:18:14
Sie hat etliche BlutergĂŒsse.
00:18:15
Ihre Lippe ist aufgeplatzt.
00:18:18
Ihre Nase gebrochen.
00:18:21
Viel schlimmer ist aber die Angst, die noch immer tief in ihren Knochen sitzt.
00:18:24
Die Angst vor dem Mann, der sie krankenhausreif geprĂŒgelt hat.
00:18:28
Als Paula ihrer groĂen Schwester Tina die Fotos von ihrem entstellten Gesicht schickt, ist Tina geschockt.
00:18:35
Wenn er dich noch einmal in die Finger bekommt, dann bist du tot, sagt sie.
00:18:39
Ich weiĂ, antwortet Paula.
00:18:41
Nie wieder darf ihr Max so nahe kommen.
00:18:44
Als Paula nach mehreren Behandlungen noch am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen
00:18:50
wird, trifft sie daher alle Vorkehrungen, die in ihrer Macht stehen, um sich zu schĂŒtzen.
00:18:55
Bei der Polizei erstattet sie Anzeige und mithilfe eines Anwalts erwirkt sie eine GewaltschutzverfĂŒgung
00:19:01
gegen ihren Ehemann, der kurz darauf stattgegeben wird.
00:19:03
Max darf ihr gemeinsames Haus nun nicht mehr betreten und er darf Paula nicht nÀher als 100 Meter kommen
00:19:09
oder versuchen, sie zu kontaktieren.
00:19:11
Weder persönlich noch ĂŒbers Telefon.
00:19:14
Sonst droht ihm ein BuĂgeld oder die Haft, erklĂ€rt der Anwalt Paula.
00:19:18
Mehr kann sie rechtlich nicht gegen Max unternehmen.
00:19:20
DafĂŒr aber physisch.
00:19:22
Als sie zu Hause ankommt, wo im Flur noch immer ihr Blut haftet, beschlieĂt Paula, dass
00:19:28
ihr Zuhause zu einer sicheren Festung werden muss.
00:19:30
FĂŒr die Kinder und fĂŒr sie.
00:19:32
Also lÀsst sie noch am selben Tag alle Schlösser austauschen und ruft einen befreundeten Elektriker,
00:19:37
um eine Ăberwachungskamera vor dem Haus zu installieren.
00:19:40
Doch die Angst, die in ihren Knochen sitzt, kann kein Schloss und keine Kamera aufhalten.
00:19:46
Vor allem, wenn es dunkel wird, kriecht sie in den kommenden Wochen unter Paulas Decke und hindert sie daran, zur Ruhe zu kommen.
00:19:52
Sie hat Angst, dass Max einen Weg ins Haus findet und plötzlich wieder vor ihr steht.
00:19:57
Oder dass er den Kindern etwas antut.
00:20:00
Bei den kleinsten GerÀuschen schreckt sie aus dem Schlaf.
00:20:02
Dann pumpt ihr Herz wieder.
00:20:04
Das Einzige, was sie dann beruhigt, sind ihre Kinder, die mittlerweile mit ihr im Bett schlafen.
00:20:10
Paula braucht Ruhe und Abstand, um zu heilen.
00:20:14
Um ihren Kindern zu erklÀren, warum sie nicht lÀnger mit ihrem Vater zusammen sein kann.
00:20:17
Warum sie Angst vor ihm hat.
00:20:19
Doch Max gibt ihr keine Zeit.
00:20:22
Stattdessen versucht er in den nĂ€chsten Monaten mit allen Mitteln die Festung, die Paula um sich aufbaut, einzureiĂen.
00:20:28
Immer und immer wieder ruft er an, schreibt WhatsApp-Nachrichten oder Briefe.
00:20:32
Meistens entschuldigt er sich fĂŒr alles, was er getan hat.
00:20:35
Doch manchmal bricht auch die Wut aus ihm heraus.
00:20:38
Einmal droht der Paula am Telefon, dass er sie, die Kinder, die Pferde und sich selbst erschieĂen werde.
00:20:43
Mehrfach schleicht er ums Haus oder passt Paula im Auto ab.
00:20:47
Sie gibt dann die Nummer des Notrufs in ihr Handy ein und zeigt ihm das Display, bis Max wieder geht.
00:20:53
Dann versucht er sie wieder anderweitig zu erreichen.
00:20:56
Als Paula ihn auf ihrem Telefon blockiert, ruft er die Kinder an.
00:21:00
Manchmal schickt er auch gemeinsame Freundinnen vor.
00:21:03
Es scheint, als könne Paula Max nirgends entfliehen.
00:21:07
Also antwortet sie im Februar 2021 doch auf einen seiner Briefe.
00:21:11
Die Angst sei geblieben und fĂŒr sie komme nur die Scheidung in Betracht, schreibt sie.
00:21:17
Ich gehöre dir nicht und ich möchte frei sein.
00:21:21
Liebe fordert nicht.
00:21:22
Liebe schlÀgt nicht.
00:21:24
Liebe verletzt nicht.
00:21:25
Liebe betrĂŒgt nicht.
00:21:26
Liebe manipuliert nicht.
00:21:29
Woher ist das nochmal?
00:21:30
Das ist doch von diesem Bibelfers, den jeder Arsch bei seiner Hochzeit vorlesen lÀsst.
00:21:36
Und den ich mir peinlicherweise ja mal tÀtowieren lassen wollte.
00:21:43
Du wolltest dir die beschlÀgt nicht tÀtowieren?
00:21:46
Nein, der Vers geht ein bisschen anders.
00:21:49
Aber der ist auch ultra lang.
00:21:51
Und deshalb war dann ja auch irgendwie klar, dass ich mir das jetzt nicht alles tÀtowieren lassen kann.
00:21:56
Und dann habe ich mir ĂŒberlegt, ob ich mir nur den Bibelverweis stechen lassen soll.
00:22:02
Der ist folgendermaĂen.
00:22:04
Erster Korintherbrief 13, 4 bis 8.
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Stell dir mal vor, ich hÀtte mir das tÀtowieren lassen.
00:22:12
Also ich weiĂ natĂŒrlich, dass du eine sehr glĂ€ubige Person bist.
00:22:15
Und deswegen war das gar nicht nötig, dass du dir das jetzt quasi nochmal als Beweis fĂŒr deine ReligiositĂ€t, die das nochmal auf die Haut tackern lĂ€sst.
00:22:27
Also das weiĂ ja jeder auch so.
00:22:29
Also was ich mir schon alles auf meinen Rippenbogen habe schreiben wollen.
00:22:34
WeiĂt du, was ich auch noch wollte?
00:22:36
Das war auf jeden Fall von der Aperol-Werbung.
00:22:40
Also den Liedtext.
00:22:44
Und was bedeutete der?
00:22:45
Der bedeutete, alles verÀndert sich.
00:22:48
Mein Cousin hat auch auf dem Arm tÀtowiert, die Perfektion der besten Art und Weise.
00:22:55
Von den Sportfreunden.
00:22:56
Das ist ja auch geil.
00:23:00
Und ich denke mir ja so, gut, aber ich darf ja nicht sagen, was peinliche Tattoos angeht.
00:23:06
Aber ich bin sehr froh, weil ich war ja kurz vor Playboy Bunny am Knöchel, was mich natĂŒrlich ewig als Landei ausgewiesen hĂ€tte.
00:23:14
Mit einem fragwĂŒrdigen Freundeskreis zu Teenager-Zeiten.
00:23:17
Ich weià wieder, was ich mir tÀtowieren lassen wollte.
00:23:24
Das ist von diesem Lied hier.
00:23:25
Naja, und dann habe ich mir natĂŒrlich eingeredet, dass das super gut passt, weil sich immer alles verĂ€ndert und nichts bleibt, wie es ist.
00:23:50
Damit hast du recht und zum GlĂŒck fĂ€llt darunter auch der Wunsch, sich so ein Tattoos stechen zu lassen.
00:23:55
Jetzt geht's mal weiter.
00:23:57
Ja, kommen wir zurĂŒck zu Paula, die den Brief geschrieben hat.
00:24:00
Als sie den Brief in einen Umschlag steckt, hofft sie, dass es die letzten Worte sind, die sie austauschen.
00:24:07
Sie will mit dem Terror abschlieĂen und wieder Freude einziehen lassen.
00:24:10
In ihr Herz und in die vier WĂ€nde, in denen sie mit ihren Kindern lebt.
00:24:16
Drei Monate spÀter, Mitte Mai 2021, kann Paula sagen, dass sie das geschafft hat.
00:24:22
Sie hat viel RĂŒckhalt von ihrer Familie erfahren, zum Beispiel von ihrer Schwester Tina, aber auch von Freundinnen, von denen sie es nicht erwartet hĂ€tte.
00:24:30
Oliver zum Beispiel, der befreundete Elektriker, der die Ăberwachungskamera an ihrem Haus installiert hat, hat immer wieder nach ihr gefragt und ab und zu Brötchen vorbeigebracht.
00:24:41
Erst war sie ihm gegenĂŒber reserviert, weil sie inzwischen herausgefunden hat, dass Oliver Max eine Wohnung fĂŒr seine AffĂ€re bereitgestellt hatte.
00:24:48
Doch inzwischen hat sie ihm verziehen.
00:24:50
Denn auch Oliver ist nicht mehr gut, auf Max zu sprechen.
00:24:53
Seit er gesehen hat, wie Max Paula zugerichtet hat, möchte Oliver nichts mehr mit ihm zu tun haben.
00:24:58
Das hat er ihm klar gemacht.
00:25:01
Paula ist dankbar um Menschen wie Tina oder Oliver, die ihr dabei helfen, das Geschehene zu verarbeiten und die ihr Kraft geben, sich nach 16 Jahren Ehe neu zu erfinden.
00:25:12
Mut zu haben, neue Dinge auszuprobieren.
00:25:15
Eines dieser Dinge ist das Online-Dating.
00:25:18
Paula hat sich auf Tinder angemeldet und dort Jan kennengelernt.
00:25:23
Er ist 52 und professioneller Kitesurfer.
00:25:26
Seine zwei Kinder sind bereits erwachsen, deshalb ist er meistens unterwegs, am Meer oder in den Bergen.
00:25:32
Auf dem Kite- oder Surfboard, auf Skiern oder mit dem Wohnmobil.
00:25:35
Jan ist aktiv und abenteuerlustig, aber auch liebevoll und offen fĂŒr Neues.
00:25:41
Paula hat ihm schon das Reiten nÀher gebracht.
00:25:43
Sie lernen sich gerade erst kennen, aber mit Jan ist alles so leicht.
00:25:48
In seiner Gegenwart blĂŒht sie auf.
00:25:49
Ein GefĂŒhl, von dem Paula vergessen hatte, wie es sich anfĂŒhlt.
00:25:53
Und das vom herrlichen FrĂŒhling noch unterstĂŒtzt wird, der jetzt den dunklen Winter ablöst, der hinter ihr liegt.
00:26:00
Das Wetter ist sehr traumhaft, lÀsst Paula Jan am Morgen des 19. Mai wissen.
00:26:06
Ich freue mich auf dich, schreibt er zurĂŒck, kurz bevor sie gegen 11 Uhr an seinem Reihenhaus in DĂ€nischenhagen einige Ortschaften weiter ankommt.
00:26:14
Als sie klingelt und er ihr die TĂŒr öffnet, lĂ€cheln sich beide an.
00:26:18
Doch in derselben Sekunde halt ein Schuss durch die Luft.
00:26:22
Er ist der erste von vielen.
00:26:24
Am spÀten Abend desselben Tages klingelt das Telefon bei Paulas Schwester Tina, die gerade ihre Kinder ins Bett gebracht hat.
00:26:32
Am anderen Ende der Leitung ist er Nachbar von Paula.
00:26:35
Tina kennt ihn gut.
00:26:36
Seine Stimme zittert, als er sagt, dass er fĂŒr sie da sei, falls sie Hilfe brauche.
00:26:42
Tina versteht nicht.
00:26:43
Ob sie es denn nicht gehört habe, entgegnet er.
00:26:46
Und dann sagt er die Worte, die ihr den Boden unter den FĂŒĂen wegreiĂen.
00:26:51
Es gab am Morgen eine SchieĂerei mit zwei Toten.
00:26:54
Paula ist eine von ihnen.
00:26:57
Tina kann das nicht glauben.
00:27:00
Ihre kleine Schwester soll tot sein?
00:27:02
Wieso erfÀhrt sie das nicht von der Polizei?
00:27:04
Tina fĂŒhlt Panik in sich aufsteigen.
00:27:07
In ihrem Kopf sind lauter Fragezeichen.
00:27:09
Nur eine Sache ist fĂŒr sie glasklar.
00:27:11
Es war Max, der den Abzug betÀtigt hat.
00:27:14
Direkt nach dem Anruf wÀhlt Tina die Nummer der Polizei in Kiel, die ihr den Tod ihrer Schwester bestÀtigt.
00:27:21
Wo Paulas Kinder sein, will sie dann von den Beamtinnen wissen.
00:27:24
Die seien in Sicherheit.
00:27:25
Bei Max' Eltern.
00:27:27
Nur von Max fehlt jede Spur.
00:27:29
Es ist keine ruhige Nacht, die Tina bevorsteht.
00:27:32
Sie kann nicht verstehen, warum sie nicht ĂŒber Paulas Tod verstĂ€ndigt wurde.
00:27:36
Oder warum ihre Nichte und ihre Neffen bei Max' Eltern sind und nicht bei ihr.
00:27:41
Gleichzeitig weicht der Schock ĂŒber den Tod ihrer kleinen Schwester Stunde um Stunde der Trauer,
00:27:45
die sich wie ein dichter, schwarzer Schleier ĂŒber sie legt.
00:27:48
Immer wieder muss sie an Paula denken und an das letzte Mal, als sie sich gesehen haben.
00:27:53
Erst vor drei Tagen waren sie mit den Hunden spazieren.
00:27:57
Zum ersten Mal seit langem wirkte Paula so glĂŒcklich, so hoffnungsvoll,
00:28:01
als hĂ€tte sie zurĂŒck ins Leben gefunden.
00:28:04
Als Tina am nÀchsten Morgen erwacht, sammeln sich bereits zahlreiche Berichte
00:28:08
ĂŒber die Bluttat in DĂ€nischen Hagen in den Zeitungen.
00:28:11
Und was sie darin liest, lĂ€sst die 47-JĂ€hrige erneut fassungslos zurĂŒck.
00:28:15
Die Presse schreibt von einem Maschinengewehr und mehr als 40 SchĂŒssen,
00:28:20
die Paula und ihren Freund Jan getötet haben.
00:28:22
Doch es gibt noch ein Opfer.
00:28:25
Auch im 15 Kilometer entfernten Kiel wurde am spÀten Abend ein Mann tot in seiner Werkstatt aufgefunden.
00:28:31
Der Killerzahnarzt, wie Max inzwischen von der Boulevardpresse getauft wurde,
00:28:36
habe sich der Polizei gestellt und alle drei Tötungsdelikte gestanden.
00:28:39
Nur was die Taten miteinander zu tun haben, können sich weder die Presse noch die Polizei erklÀren.
00:28:45
Und auch Tina lassen die Informationen Fragen zurĂŒck.
00:28:48
Viele von Tinas Fragen bleiben bis zum Prozess ungeklÀrt,
00:28:52
der Ende Februar 2022 vor dem Landgericht in Kiel beginnt.
00:28:56
Aber nicht in den ĂŒblichen GerichtssĂ€len,
00:28:58
sondern in einem groĂen grauen Container, der coronabedingt aufgebaut wurde,
00:29:02
um die Teilnehmenden sowie Presse und BesucherInnen mit dem nötigen Sicherheitsabstand unterzubringen.
00:29:07
Viele JournalistInnen sind anwesend, sowie Hinterbliebene der drei Opfer, die die Nebenklage angenommen haben.
00:29:14
Daneben Paula hinterlassen auch die zwei getöteten MĂ€nner insgesamt fĂŒnf Kinder,
00:29:19
von denen einige am Prozess teilnehmen.
00:29:21
Paulas Schwester Tina auf der anderen Seite hat sich dagegen entschieden.
00:29:25
Sie möchte den Mann, der ihrer Familie so viel Leid zugefĂŒgt hat, nie wiedersehen.
00:29:29
Stattdessen wollen die PressevertreterInnen einen Blick auf Max erhaschen,
00:29:34
als er in grĂŒner Outdoor-Jacke und mit FFP2-Maske vom Mund und Nase
00:29:38
von vier Polizisten in den improvisierten Gerichtssaal gefĂŒhrt wird.
00:29:42
Seine Augen liegen in dunklen Schatten und die Adern auf seiner Stirn treten hervor,
00:29:46
als er eindringlich in die Kameras starrt.
00:29:48
Die Staatsanwaltschaft wirft ihm dreifachen heimtĂŒckisch begangenen Mord aus niedrigen BeweggrĂŒnden vor.
00:29:54
Und die Anklage, die zum Prozessauftakt verlesen wird, gibt Einblicke in die AbgrĂŒnde,
00:29:59
die sich in den Monaten vor Paulas Tod in Max Kopf aufgetan haben.
00:30:05
Im Februar 2021, als Paula Max schreibt, dass sie die Scheidung will,
00:30:10
verliert er jegliche Hoffnung, dass er und Paula je wieder ein Paar werden.
00:30:13
Er ist sauer, dass sie nicht mit ihm spricht.
00:30:16
Er hat Angst vor dem finanziellen Ruin, weil er die Arbeit seit Wochen vernachlÀssigt
00:30:20
und weil er bei einer Scheidung Unterhalt zahlen mĂŒsste.
00:30:23
Und er hat Angst davor, ersetzt zu werden, weil er erfahren hat,
00:30:27
dass Paula im Internet nach einem neuen Partner sucht.
00:30:29
Max ist verzweifelt.
00:30:31
Die Situation scheint ihm ausweglos.
00:30:34
Er kann an nichts anderes mehr denken.
00:30:36
Schon vor Wochen hat er einen GPS-Tracker an Paulas Auto befestigt,
00:30:40
damit er rund um die Uhr abrufen kann, wo sie ist.
00:30:43
Deshalb ahnt er auch, dass Paula einen Mann kennengelernt hat,
00:30:46
bei dem sie auch schon ĂŒbernachtet hat.
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Der Gedanke daran lÀsst die Eifersucht in ihm hochkochen.
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Und er kurbelt weitere, viel dunklere Vorstellungen an,
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die sich in seinem Kopf einnisten.
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In der Nacht vor der Tat liegt Max wach,
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ruft immer wieder Paulas Standort ab
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und googelt Begriffe wie Mörder, Gewissen,
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Ehefrau erschossen und Psychologie-Femizide.
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Bevor er um 7.30 Uhr in seine Praxis fÀhrt, um sich zu bewaffnen.
00:31:15
Er hat seit Jahren den Jagdschein und eine ganze Sammlung an Gewehren,
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die er im Keller seiner Zahnarztpraxis aufbewahrt.
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Er greift zu einem Maschinengewehr und zu einer kleineren Pistole.
00:31:25
Dann setzt er sich wieder ins Auto und fÀhrt zu einem Mietwagen,
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den er geliehen hat, um unauffÀllig hinter Paula herzufahren.
00:31:31
Auch jetzt ermittelt er ihren Standort und folgt ihrem Auto bis nach DĂ€nischenhagen
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zum Haus von Jan.
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Dort sieht er, wie Paula aussteigt und wie Jan ihr die TĂŒr öffnet.
00:31:41
Im selben Moment greift Max zur Waffe, steigt aus dem Auto, zielt und drĂŒckt ab.
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Das Knattern der Maschinenpistole stoppt erst, als das Magazin leer ist.
00:31:51
Da greift Max zu einem zweiten vollen Magazin.
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Noch einmal 25 Schuss, die die am Boden liegenden toten Körper treffen.
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Doch Max' Rachefeldzug ist noch nicht vorbei.
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Unbeirrt setzt er sich ins Auto und fÀhrt die 15 Kilometer nach Kiel zu Oliver.
00:32:07
Seinem frĂŒheren Freund und dem Mann, dem er inzwischen eine Mitschuld an seiner Trennung von Paula gibt.
00:32:13
Denn seine Zahnarzthelferin Britta ist nicht die einzige Frau,
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mit der er sich ab und zu zum Sex in Olivers Wohnung getroffen hat.
00:32:20
Max hatte AffÀren mit zwei weiteren Frauen und Oliver wusste davon.
00:32:25
Er muss Paula davon erzÀhlt haben, sonst hÀtte sie sich nicht von Max getrennt, glaubt Max.
00:32:30
Deshalb soll auch Oliver sterben.
00:32:32
Max parkt vor dem Laden des Elektrikers.
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Der SchlĂŒssel steckt von auĂen.
00:32:36
Er geht hinein, zieht mit der kleinen Pistole auf Olivers Kopf und schieĂt siebenmal.
00:32:41
Auch Oliver ist sofort tot.
00:32:45
An den Taten, so wie sie die Anklage schildert, bestehen keine Zweifel.
00:32:49
Zum einen, weil Max sie vor der Polizei bereits gestanden hat.
00:32:53
Zum anderen, weil sie vor den Augen von Zeuginnen geschehen sind.
00:32:56
Mehr als 30 von ihnen sind vor Gericht geladen.
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Darunter Augenzeuginnen, aber auch Freundinnen, die Max und Paula seit Jahren kennen.
00:33:03
Das Bild, das sie von Max zeichnen, ist fast immer gleich.
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Er habe zwei Gesichter.
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Das des freundlichen Vaters, aber auch das eines Mannes, der oft grundlos wĂŒtend und herrisch wurde.
00:33:14
Ein Patriarch, der nicht damit klarkam, dass seine Frau ohne ihn leben wollte.
00:33:20
Frauenfreundinnen erzÀhlen zudem, dass Max schon damals im Besitz von Waffen war.
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Darunter auch Kriegswaffen und Pistolen aus der NS-Zeit, von denen die Polizei einige in seinem Tresorraum findet.
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Ein Hinweis auf Max Kontakte ins rechte Milieu, die vor Gericht mehrfach eine Rolle spielen.
00:33:37
Nur, weshalb Max letztendlich drei Menschen hingerichtet hat, dafĂŒr hat vor Gericht keiner eine ErklĂ€rung.
00:33:42
Bis Max ankĂŒndigt, dass er sich selbst zur Sache einlassen möchte.
00:33:47
Als er schlieĂlich das Wort ergreift, hoffen vor allem die Angehörigen der Opfer darauf, die Wahrheit zu hören.
00:33:53
Die Wahrheit darĂŒber, warum ihre Liebsten auf so brutale Art und Weise aus dem Leben gerissen wurden.
00:33:59
Doch was stattdessen aus Max Mund kommt, sind nur Schutzbehauptungen.
00:34:03
Laut Max habe er damals, als er Paula die Nase gebrochen hat, nur sachlich mit ihr reden wollen.
00:34:10
Aber sie habe ihn getreten und ihm das GesprÀch verwehrt.
00:34:13
Genau wie am Tag ihres Todes.
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Auch da wollte er nur mit ihr sprechen.
00:34:19
Warum er dann zur Waffe gegriffen habe, könne er selbst nicht verstehen.
00:34:22
Die Dinge seien in ihm entdrĂŒckt gewesen, sagt Max immer wieder.
00:34:26
Nach der Tat sei der Druck kurzzeitig von ihm abgefallen.
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Er habe Oliver davon erzÀhlen wollen, deshalb sei er zu ihm gefahren.
00:34:34
Doch vor Ort sei Oliver auf ihn losgegangen.
00:34:37
Deshalb habe er geschossen.
00:34:41
Ich kann es gar nicht vorlesen, ohne so ironisch zu werden.
00:34:45
Das ist ja einfach nur, was soll das?
00:34:48
Der kann doch nicht ernsthaft glauben, dass man ihm das glaubt.
00:34:51
Und es ist auch so respektlos den Toten gegenĂŒber.
00:34:55
Ekelhaft, die kann man so dumm sein.
00:34:57
Also, dass er das auch selbst nicht traf, dass es komisch ist, wenn immer alle anderen die Schuldigen sind.
00:35:02
Das ist ĂŒbrigens auch was, wo man meiner Meinung nach sehr hellhörig werden sollte,
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wenn man halt jemanden gerade frisch kennenlernt.
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Ja, voll die Red Flag.
00:35:11
Ja, und ich hatte doch mal vor einer Zeit einen Anruf von irgendeiner Person,
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die jetzt völlig egal ist, aus meiner Vergangenheit bekommen.
00:35:19
Und der Mann, der hatte an dem Tag irgendwie sich auf die Fahne geschrieben,
00:35:23
mir jetzt zu erzĂ€hlen und sich bei mir darĂŒber auszuheulen,
00:35:25
dass er, die arme Sau, in seinem Leben ja nur an narzisstische Frauen geraten wĂŒrde.
00:35:31
Ich so denke, so als ganz klar seine Diagnose.
00:35:37
Und zwar wirklich bis ins richtig Problematische hinein.
00:35:41
Was sich ja auch dann wieder in diesem Anruf so krass belegt und bestÀtigt hat.
00:35:48
Ja, aber was ich mich jetzt bei dem Fall hier auch noch frage, was ist denn mit dem Verteidiger?
00:35:54
Also, der muss doch wissen, wie das vor Gericht rĂŒberkommt, wenn der sowas erzĂ€hlt.
00:35:58
Ja, so wie ich das jetzt verstanden habe, ist das so gewesen, dass Max aus dem Nichts heraus dann sich Ă€uĂern wollte.
00:36:05
Dass das quasi gar nicht so geplant war oder sowas.
00:36:08
Und ich habe den Max jetzt auch so eingeschÀtzt von der Recherche her,
00:36:12
dass da niemand ihm, auch nicht der Verteidiger, dann quasi hÀtte stoppen können.
00:36:17
Also, Max redet sich um Kopf und Kragen und natĂŒrlich glaubt ihm niemand.
00:36:23
Denn seine Taten sprechen fĂŒr sich und sie gleichen einer Hinrichtung, keinem KlĂ€rungsgesprĂ€ch.
00:36:29
Dass Max trotzdem so viel redet, entspricht seiner Persönlichkeit.
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Und zwar verweigert er eine Untersuchung, trotzdem kann der psychiatrische SachverstÀndige
00:36:37
wĂ€hrend der gesamten Hauptverhandlung narzisstische und histrionische PersönlichkeitszĂŒge in Max' Verhalten erkennen.
00:36:42
Das habe ich mir schon gedacht.
00:36:44
Er sei auf Anerkennung angewiesen und verfalle hinsichtlich seiner Erfolge und seiner Probleme immer wieder in RĂ€tseligkeit, sagt der Experte.
00:36:52
Eine krankhafte seelische Störung könne er aber nicht feststellen.
00:36:56
Max sei seiner Meinung nach voll schuldfÀhig.
00:37:00
Eine EinschĂ€tzung, der sich das Gericht Ende April nach einem zweimonatigen Prozess anschlieĂt.
00:37:05
Max' Verteidigung hatte auf Totschlag plÀdiert, doch die Kammer hat keinen Zweifel daran,
00:37:09
dass der Angeklagte heimtĂŒckisch vorgegangen ist, als er am 19. Mai 2021 zu seinem Rachefeldzug aufbrach.
00:37:16
Deshalb wird Max wegen Mordes in drei FĂ€llen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.
00:37:21
Die besondere Schwere der Schuld wird festgestellt und die anschlieĂende Sicherungsverwahrung angeordnet.
00:37:27
Max bekommt die Höchststrafe fĂŒr den Femizid, der drei Menschen das Leben gekostet hat.
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Jan, der die Wellen geliebt hat und nur wenige Monate vor seinem Tod Opa wurde.
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Oliver, der seinen Einsatz fĂŒr eine Freundin mit dem Leben bezahlen musste.
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Und Paula, die frei und glĂŒcklich sein wollte und deshalb ermordet wurde.
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Wenn Tina heute an ihre kleine Schwester denkt, dann daran, wie sie als Kinder ohne Sattel geritten sind.
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Nur der RĂŒcken der Pferde unter ihnen und der Wind in ihren Haaren.
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Tina wĂŒrde alles tun, um die Zeit zurĂŒckzudrehen und noch einmal mit Paula zu reiten.
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Stattdessen lebt ihre Schwester in ihrem Herzen und in ihrer Erinnerung weiter.
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Und in ihren Kindern.
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Doch auch der Gedanke an sie versetzt Tina einen Stich ins Herz.
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Denn Paulas jĂŒngste Kinder leben nach wie vor bei Max' Eltern.
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Und dort wird ihnen laut Tina die psychologische Hilfe verwehrt, die sie brauchen wĂŒrden, um den Verlust ihrer Mutter zu verarbeiten.
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Selbst der Kontakt zu Tina und ihrer Mutter wird von Max' Eltern eingeschrÀnkt.
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Das hÀtte Paula nicht so gewollt, da ist sich Tina sicher.
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Sie wĂŒnscht sich mehr Kontakt zu ihren Neffen und ihrer Nichte.
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Sie will, dass sie wissen, was fĂŒr ein guter Mensch Paula war.
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Wie mutig sie in den letzten Monaten ihres Lebens war.
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Und dass sie sicher alles dafĂŒr gegeben hĂ€tte, heute noch bei ihnen zu sein.
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Sie aufwachsen zu sehen und dass sie sie wahnsinnig lieb hatte.
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Deshalb hat Tina auf dem Hof in DĂ€nemark, auf dem sie lebt, Zimmer fĂŒr ihre Neffen und ihre Nichte freigemacht.
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Damit sie kommen können, wann immer sie möchten.
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Tina weiĂ, dass sie ihnen nie die Mutter ersetzen könnte.
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Aber sie bietet ihnen ein Zuhause im GrĂŒnen an.
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Ein Zuhause voller Liebe und Geborgenheit.
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Dass man bei so einer Tat dann auch keinen Gedanken an die Kinder verschwendet,
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den man beide Elternteile damit nimmt, ja.
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Das ist wirklich so ein Horrorfall.
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Und was so besonders tragisch ist, ist, dass gerade als Paula irgendwie wieder zurĂŒck in ihr Leben findet
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und nach vorne schauen will und diese schrecklichen Jahre und die ganze Angst und Gewalt hinter sich lassen kann
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und einen neuen Mann findet, mit dem es mal leicht ist,
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dann wird ihr das Leben genommen, weil ihr Ex damit nicht klarkommt.
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Der selber mehrere AffÀren hatte und der selber nie zu Hause war und mit anderen irgendwo anders im Bett war.
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Das hört sich an fĂŒr mich wie so ein kleines Kind, das noch nicht gelernt hat, wie es ist, Sachen zu teilen.
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Also man kann sich doch nicht so verhalten.
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Soll er seine Frau teilen?
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Nein, ich weiĂ ja, was du meinst.
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Es ist auf jeden Fall so.
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Also dieses, auch generell, dieses Fremdgehen und dann aber nicht darauf klarkommen,
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wenn der Partner, der das ganz genau weiĂ, dasselbe macht.
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Oder die Partnerin, ja.
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Ja, und dabei ist sie ja nicht mal fremdgegangen, sondern...
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Nee, nee, genau, sondern sie wollte einfach nur ein gutes Leben fĂŒr sich und nicht mal das verkraftet, dieses Arsch.
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Ja, und was mich an dem Fall auch so frustriert zurĂŒckgelassen hat, ist diese Tatsache,
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dass Paula ja gegen Max vorgegangen ist und dass die Polizei wusste, dass der gewalttÀtig ist.
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Also es gab ja dieses AnnÀherungsverbot und trotzdem konnte Max Paula weiter bedrohen und am Ende sogar töten.
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Und zwar, weil die MaĂnahmen zum Schutz von Opfern hĂ€uslicher Gewalt LĂŒcken haben.
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Und um die geht es jetzt in meinem AHA.
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Also, wenn sich eine betroffene Person bei der Polizei meldet, dann kann sie dort zum einen Strafanzeige erstatten,
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beziehungsweise Strafantrag stellen.
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Zum anderen greift aber in FÀllen hÀuslicher Gewalt das sogenannte Gesetz zum zivilrechtlichen Schutz vor Gewalttaten
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und Nachstellung, kurz Gewaltschutzgesetz.
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Auf die Möglichkeit, einen Antrag nach dem Gewaltschutzgesetz zu stellen,
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werden Betroffene dann bei der Polizei, bei Opferhilfestellen,
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aber auch den zustĂ€ndigen Familiengerichten standardmĂ€Ăig hingewiesen.
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Auf einen solchen Antrag hin ist es den Gerichten dann möglich,
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Schutzanordnungen, also zum Beispiel so einem AnnÀherungsverbot zu erlassen,
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um die Opfer schnell zu schĂŒtzen.
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Und die Betonung hier liegt auf schnell, weil deshalb war das Gesetz, als es 2001 eingefĂŒhrt wurde,
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so besonders, weil vorher konnten Betroffene natĂŒrlich auch eine Anzeige erstatten,
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aber das hat dann natĂŒrlich erstmal lĂ€ngere Ermittlungen nach sich gezogen.
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Was ja gefÀhrlich werden kann, weil die Betroffenen bei hÀuslicher Gewalt ja mit ihren PeinigerInnen zusammenwohnen.
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Das Gewaltschutzgesetz hat das also verÀndert, weil das folgt dem Grundsatz, wer schlÀgt, geht.
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Also das bedeutet, die gewalttÀtige Person kann nicht nur von der Polizei sofort der gemeinsamen Wohnung oder dem Haus verwiesen werden
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und das regelt dann die Anordnung, darf sie die Wohnung oder das Haus dann fĂŒr die angeordnete Dauer nicht mehr betreten.
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Und das ist deshalb wichtig, weil die Opfer, oft sind es Frauen, finanziell nicht selten abhÀngig sind und sich keine eigene Wohnung nehmen können.
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Leider hÀlt der Abstand aber meist nicht lange an, weil einerseits ist das AnnÀherungsverbot zeitlich begrenzt
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und andererseits wollen die TĂ€terInnen, so wie Max, natĂŒrlich unbedingt zurĂŒck nach Hause.
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Und deshalb halten sie sich dann auch oft nicht an diese Gewaltschutzanordnung.
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Eine MaĂnahme, die neben der Wohnungsverweisung, der Strafanzeige bzw. dem Antrag und einer Gewaltschutzanordnung auch noch denkbar ist,
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ist, dass die Polizei eine sogenannte GefĂ€hrderansprache durchfĂŒhrt.
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Das kennen wir ja schon, also wenn die Polizei die Person beiseite nimmt und klar macht, dass man die Person jetzt auf dem Schirm hat
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und wenn die Person wieder gewalttÀtig wird, dass dann rechtliche Schritte eingeleitet werden.
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Das kann hilfreich sein, aber auch nicht immer, sagt Silvia Haller, unsere Expertin fĂŒr die heutige Folge.
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Sie ist eine der drei VertreterInnen der Zentralen Informationsstelle Autonomer FrauenhÀuser
00:43:13
und seit 2023 auch im Vorstand des Deutschen Frauenrats.
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Im Interview hat sie betont, wie wichtig MaĂnahmen wie das AnnĂ€herungsverbot oder die GefĂ€hrderansprache sind.
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Sie hat aber auch erzÀhlt, dass man in der Praxis immer wieder merkt, dass sich lange nicht jeder daran hÀlt.
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Das hĂ€ngt sehr stark vom jeweiligen Mann in dem Fall ab, ob bei ihm solche MaĂnahmen wirken.
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Faktoren, die das beeinflussen, sind zum Beispiel, ob ich eingebunden bin in ein soziales Netzwerk,
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ob ich Sorge habe, dass die NachbarInnen davon erfahren, ob mein Arbeitgeber, Arbeitgeberin vielleicht davon erfÀhrt,
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ob die Polizei, der Rechtsstaat Systeme fĂŒr mich sind, die einen Einfluss auf mich haben
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oder ob ich eben in dem Moment des Kontrollverlustes sozusagen all diese Faktoren vergesse
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und mich in den Mittelpunkt meiner Wahrnehmung stelle und dann eben der Meinung bin,
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ich kann jetzt diese Gewalt ausĂŒben.
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Es dreht sich alles nur um mich.
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Die Frau hat sich nicht so verhalten, wie ich es mir vorstelle
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oder sie wagt es eben, den Schritt der Trennung anzukĂŒndigen oder zu gehen
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oder sie hat den schon vollzogen und dann ich eben in der Nacht oder am Abend
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trotzdem wieder bei ihr vorm Hotelzimmer stehe
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oder an irgendeinem Punkt sozusagen wieder Kontakt mit ihr aufnehme.
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Eine Sache, die Silvia Hallers Meinung nach solchen TĂ€terInnen helfen wĂŒrde,
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sei die Verpflichtung zur Teilnahme an einem TĂ€terInnen-Programm,
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das dann durch das Gewaltschutzgesetz vorgeschrieben werden sollte.
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Also damit meinst du so eine Art Training, wo die TĂ€terInnen an sich arbeiten
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und dann lernen, Verantwortung fĂŒr ihr Handeln zu ĂŒbernehmen,
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aber auch andere Konfliktlösungsstrategien als Gewalt anzuwenden.
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Sowas in der Art gibt es zum Beispiel schon in Ăsterreich.
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Da mĂŒssen TĂ€terInnen, gegen die so ein AnnĂ€herungsverbot ausgesprochen wurde,
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seit 2021 zumindest eine GewaltprÀventionsberatung machen.
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Das ist jetzt kein Training, sondern so ein GesprÀch, das geht sechs Stunden
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und das kann man sich wie eine Art Therapiesitzung vorstellen.
00:45:04
Ja und in Spanien gibt es seit 2009 elektronische FuĂfesseln
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beziehungsweise ArmbĂ€nder fĂŒr MĂ€nner, die Frauen gegenĂŒber gewalttĂ€tig waren.
00:45:13
Die TĂ€ter und die Betroffenen bekommen da dann beide so einen Sender,
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den die immer bei sich tragen mĂŒssen und auf dem ein Mindestabstand eingestellt wird.
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Und wenn der nicht eingehalten wird, dann werden automatisch SicherheitskrÀfte alarmiert,
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die Frau wird gewarnt und der Mann aufgefordert, die Umgebung zu verlassen.
00:45:30
Und so eine Warnung geht auch raus, wenn das Fuà oder Armband abgenommen wird, beschÀdigt ist oder der Akku leer geht.
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Und laut der FAZ waren Ende 2023 mehr als 4000 solcher GerÀte im Einsatz.
00:45:43
Und diese GerĂ€te wurden in Spanien tatsĂ€chlich in erster Linie zum Schutz von Frauen eingefĂŒhrt.
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Von hĂ€uslicher Gewalt sind aber natĂŒrlich auch MĂ€nner betroffen.
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Und zwar sind laut BKA-Statistik 30 Prozent der Betroffenen von hÀuslicher Gewalt mÀnnlich.
00:45:58
Und man kann ja gerade da davon ausgehen, dass das Dunkelfeld da halt sehr hoch ist,
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bei MĂ€nnern, die zu Hause Gewalt erfahren.
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Weil da, ich meine, man kennt das auch schon von Frauen, die Scham ist super groĂ.
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Und natĂŒrlich auch die Sorge, dass einem nicht geglaubt wird, weil man halt oft Aussage gegen Aussage hat.
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Und bei MĂ€nnern wegen des Bildes von MĂ€nnlichkeit, was wir heute noch in der Gesellschaft haben,
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ist das natĂŒrlich noch gröĂer.
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Also auch Stichwort traditionelles RollenverstÀndnis.
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Also auch so nach dem Motto, man ist kein richtiger Mann, wenn man sich von der Frau verprĂŒgeln lĂ€sst oder so.
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Wir haben in unserer Folge 66 ja auch schon mal ausfĂŒhrlicher ĂŒber Gewalt gegen MĂ€nner gesprochen.
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Und da hatte ich ja diesen furchtbaren Fall aus Berlin,
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bei dem ein Àlterer Mann jahrelang von seiner Ehefrau misshandelt wurde
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und ja auch am Ende dann gestorben ist an seinen Verletzungen.
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Und ich glaube, das war in der Folge, als wir erzÀhlt haben,
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dass ein Mann sich bei der Polizei gemeldet hat und angerufen hat,
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dass er zu Hause hÀusliche Gewalt erfÀhrt und die ihn ausgelacht haben.
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Und den Fall, den du erzÀhlt hast, den fand ich auch so schlimm.
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Und ich glaube, das liegt einmal auch ganz klar daran,
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dass man aufgrund dieses RollenverstÀndnisses damit nicht so richtig rechnet.
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Aber auch, dass wir hier bei Mordlust auch einfach selten von diesen FÀllen erzÀhlen.
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Denn es ist nun mal Fakt, dass Frauen hÀufiger Opfer von hÀuslicher Gewalt werden.
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Also 70 Prozent der Opfer sind weiblich.
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Und den Grund dafĂŒr sieht unsere Expertin Silvia Haller
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aber auch genau bei diesem traditionellen RollenverstÀndnis.
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Ja, auch 2024 und auch wenn es nicht alle wahrhaben wollen,
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leben wir immer noch in einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur.
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Und da muss man auch ansetzen bei der Frage.
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Also Jungs wachsen immer noch im Glauben auf, sie mĂŒssen stark sein, Emotionen unterdrĂŒcken.
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Wenn sie dann groĂ sind, mĂŒssen sie auch die finanzielle Verantwortung fĂŒr die Familie ĂŒbernehmen.
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Und parallel dazu wird MĂ€dchen eben diese klassische emotionale Rolle zugeschrieben.
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Also liebevoll zu sein, fĂŒrsorglich zu sein, als Partnerin, als Mutter.
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Und das in Kombination fĂŒhrt dann eben zu ganz unterschiedlichem Konfliktlösungsverhalten.
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Und wenn ich in der Ăberforderungssituation eben gelernt habe, ich gehe nach drauĂen mit meiner Wut,
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ich mache die deutlich, ich bin sehr laut, ich kann auch mal auf den Tisch hauen,
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bis hin zu dann eben das ganz destruktive Verhalten von ich schlage zu
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oder ich unterdrĂŒcke dann eben mein GegenĂŒber, mit dem GegenĂŒber eben was gelernt hat,
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eher zurĂŒckhaltend zu sein, die eigenen Emotionen zurĂŒckzunehmen, sich nicht so wichtig zu nehmen.
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Das fĂŒhrt dann eben dazu, dass wir die so hohe Gewaltbetroffenheit von Frauen sehen,
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wo gegenĂŒber eben die TĂ€ter in der Regel mĂ€nnlich sind.
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Was aber fast alle Betroffenen, egal ob jetzt weiblich oder mÀnnlich, gemeinsam haben,
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sind die Fragen, mit denen sie frĂŒher oder spĂ€ter konfrontiert werden.
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Und zwar dieses, warum hat er sie nicht frĂŒher verlassen oder warum ist sie noch so lange geblieben und sowas.
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Und als AuĂenstehende ist das natĂŒrlich oft nicht wirklich verstĂ€ndlich.
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Und dann auch einfach, in AnfĂŒhrungszeichen, einen Teil der Verantwortung irgendwie auf die Opfer zu schieben,
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auch wenn das vielleicht unterbewusst passiert.
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Und AuĂenstehende können ja auch natĂŒrlich oft gar nicht beurteilen,
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wie schwer das sein kann, Menschen zu verlassen, den man ja auch mal geliebt hat oder immer noch liebt
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oder einen Teil davon liebt und Hoffnung hat, dass es vielleicht auch wieder besser wird
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und von dem man emotional oder halt auch finanziell abhÀngig ist oder der einen bedroht.
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Und oft ist es so, dass die Betroffenen dann erstmal versuchen, ihr eigenes Verhalten zu Àndern,
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damit es eben nicht mehr zu der Gewalt oder den WutausbrĂŒchen kommt, kommt aber dann trotzdem wieder dazu.
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Und dann ist es oft so, wie auch bei Max, dass die TĂ€terInnen sich dann richtig doll entschuldigen
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und die Betroffenen dann auch die Entschuldigung natĂŒrlich glauben wollen,
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weil sie ja auch die andere Seite der TĂ€terInnen kennen.
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Nur leider ist es eben halt viel zu oft so, dass die TĂ€terInnen wieder zuschlagen
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und die Gewaltspirale, also das, wovon die ExpertInnen immer sprechen, geht dann wieder von vorne los.
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Viele Opfer glauben ja auch dann, dass sie selbst schuld an der Gewalt sind.
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Also deswegen ist auch diese Frage, warum bist du nicht gegangen, so problematisch,
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weil das die Opfer dann im Denkmuster noch bestÀrkt, dass die was damit zu tun haben.
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Und aus Angst schĂŒtzen manche Opfer die TĂ€terInnen sogar aktiv.
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In der Frankfurter Rundschau habe ich von einem Fall gelesen,
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bei dem eine Schwangere die Polizei angerufen hat, weil sie von ihrem Ehemann verprĂŒgelt wurde.
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Und als die BeamtenInnen aber dann kamen, ist sie zurĂŒckgerudert und meinte,
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dass ihr die Schwangerschaftshormone einen Streich gespielt haben.
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Also sie hat erklÀrt, sie hÀtte sich das nur eingebildet, dass ihr Mann sie geschlagen hat.
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Und ich finde, das ist so traurig, weil es halt zeigt, wie viel Angst,
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aber auch Manipulation in solchen Beziehungen herrscht.
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Naja, auf jeden Fall ist es auch so, dass TÀterInnen selten und wenn dann auch viel zu spÀt
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Verantwortung fĂŒr ihre Taten ĂŒbernehmen.
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Manche aber, wie gesagt, gar nicht.
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Und das spielt auch in meinem Fall eine ganz zentrale Rolle.
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Mein Fall zeigt, dass der unsichtbare Schmerz viel tiefer sitzen kann
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als die sichtbaren Wunden auf unseren Körpern.
00:50:51
Alle Namen habe ich geÀndert und die Triggerwarnung findet ihr in der Folgenbeschreibung.
00:50:55
Der 3. Mai 2020 ist ein Sonntag.
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Der letzte Tag eines langen Wochenendes,
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das in Lennestadt einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen kĂŒhl ausgefallen ist.
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Der Himmel war meist bedeckt,
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doch jetzt bahnen sich Sonnenstrahlen ihren Weg durch die grauen Wolken.
00:51:12
Sie fallen auch auf die sattgrĂŒnen BĂ€ume, die das Gewerbegebiet einrahmen.
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Hier, abseits der Ortsmitte, haben sich vorrangig Firmen niedergelassen.
00:51:21
Aber auch ein Mehrfamilienhaus mit grauen Dachziegeln steht hier.
00:51:24
Und da ist heute einiges los.
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Denn ein Vater, der im ersten Stock wohnt, hat Besuch von seinem kleinen Sohn.
00:51:31
Sie haben sich ĂŒber eine Woche lang nicht gesehen, deshalb ist die Freude jetzt riesengroĂ.
00:51:36
Der Kleine ist gerade einmal dreieinhalb Jahre alt und macht den Hof vor dem Haus auf seinem Laufrad unsicher.
00:51:41
Sein Vater steht daneben und macht Fotos, die er ĂŒber WhatsApp an Bekannte verschickt.
00:51:46
Er will jedem zeigen, dass sein Junge heute bei ihm ist.
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Denn die Zweisamkeit ist in den letzten Monaten eine Seltenheit geworden,
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was den jungen Vater traurig macht.
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Als sein Sohn spÀter am Tag einschlÀft, greift der Mann zu Stift und Papier,
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um seine Gedanken festzuhalten.
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Grausame Gedanken, die erst ans Licht kommen, wenn es schon zu spÀt ist.
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Vier Jahre zuvor.
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Cleo ist aufgeregt, denn heute ist der Tag, an dem es fĂŒr sie zurĂŒck nach Hause geht.
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ZurĂŒck in die kleine Stadt Attendorn im Sauerland in Nordrhein-Westfalen.
00:52:17
ZurĂŒck zu ihren Eltern Marita und Thomas.
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Deshalb ist der 15-JĂ€hrigen auch mulmig zumute,
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denn sie sind nicht gerade im Guten auseinandergegangen.
00:52:26
Cleo ist mit 14 vor ĂŒber einem Jahr von zu Hause abgehauen
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und mit ihrem Freund Emir durchgebrannt, den ihre Eltern nie akzeptiert haben.
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Dabei hatte sie sich Hals ĂŒber Kopf in den groĂen, schlanken Typen verliebt.
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Dass er schon Ende 20 und damit fast doppelt so alt, wie sie war, störte Cleo nicht.
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Ganz im Gegenteil zu ihren Eltern, die deshalb immer wieder Streit anfingen.
00:52:48
Streit, der Cleo auf die Nerven ging.
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Deshalb hat sie 2014 nur die wichtigsten Sachen aus ihrem Kinderzimmer gepackt
00:52:55
und ihr behĂŒtetes Leben von einem auf den anderen Tag hinter sich gelassen.
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ZurĂŒckgelassen hat die 14-JĂ€hrige aber nicht nur ihre Eltern, sondern auch das beschauliche Sauerland.
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Cleo und Emir haben sich in einen Zug gesetzt und sind weggefahren.
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One way durch Deutschland.
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Ohne die Absicht, zurĂŒckzukommen.
00:53:14
Sie haben bei Bekannten von Emir geschlafen, sich treiben lassen, waren ĂŒberall und nirgendwo zu Hause.
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FĂŒr Cleo war das alles neu und aufregend.
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FĂŒr Emir nicht.
00:53:24
Er hat jahrelang so gelebt.
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Denn Emir hatte keine einfache Kindheit.
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Seine Mutter war noch sehr jung, als sie Emir in Marokko, seinem Heimatland, bekommen hat.
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Seinen Vater hat er nie kennengelernt.
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Mit 16 ist Emir illegal nach Frankreich eingereist.
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Dort saà er wegen DiebstÀhlen im GefÀngnis, bevor er nach Deutschland kam.
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Inzwischen ist Emir seit 10 Jahren hier.
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Er hat in GeflĂŒchtetenunterkĂŒnften und zeitweise auf der StraĂe gelebt, bevor Cleo ihn kennengelernt hat.
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Sie könnte ihm stundenlang zuhören, wenn er von seiner Vergangenheit erzÀhlt.
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Noch lieber spricht Cleo aber inzwischen von ihrer gemeinsamen Zukunft, die sie bald zu dritt verbringen werden.
00:54:02
Denn in Cleos Brauch wÀchst heute, eineinhalb Jahre nachdem sie von zu Hause abgehauen ist, ein Baby heran.
00:54:08
Ein Baby, das ein festes Zuhause braucht.
00:54:11
Deshalb ist die 15-JĂ€hrige jetzt auf dem Weg in ihr eigenes Zuhause.
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ZurĂŒck zu ihren Eltern.
00:54:17
Gemeinsam mit Emir, der sich wie Cleo auf den Nachwuchs freut.
00:54:21
Um fĂŒr ihr Kind sorgen zu können, brauchen sie UnterstĂŒtzung, ein Dach ĂŒber dem Kopf und Geld fĂŒr Babysachen.
00:54:27
Nach all dem Kummer, den Cleo, Marita und Thomas bereitet hat, keine bescheidene Bitte.
00:54:31
Deshalb ist die werdende Mutter aufgeregt, als sie schlieĂlich wieder vor ihren Eltern steht.
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Doch die sind vor allem eins.
00:54:38
Heil, froh und ĂŒberglĂŒcklich, dass ihre Tochter endlich wieder da ist und dass es ihr gut geht.
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Und so nehmen sie das junge Paar bei sich auf.
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Doch wĂ€hrend Cleo zurĂŒck in ihrer Heimat mit offenen Armen empfangen wird,
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holt Emir nur Tage spÀter seine kriminelle Vergangenheit ein.
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Denn gegen die 29-JĂ€hrigen liegen in Nordrhein-Westfalen mehrere Haftbefehle vor.
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Unter anderem wegen Diebstahls und gefÀhrlicher Körperverletzung.
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Deshalb wird der werdende Vater nur Tage spÀter festgenommen und kurz darauf zu einer zweijÀhrigen Haftstrafe verurteilt.
00:55:10
Cleo ist am Boden zerstört.
00:55:12
Sie hatte sich gewĂŒnscht, dass Emir ihr wĂ€hrend der Schwangerschaft zur Seite stehen kann.
00:55:16
Sie wollten doch eine Familie sein.
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Stattdessen ist Emir nun im GefÀngnis.
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Er wird weder bei der Geburt dabei sein, noch die ersten Schritte seines Sohnes sehen.
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Die LĂŒcke, die Emir im Alltag hinterlĂ€sst, versucht Cleos Mutter Marita zu fĂŒllen.
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Sie hilft, wo sie kann.
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Und als Cleos kleiner Sohn Mo schlieĂlich geboren wird, freut sich auch Marita riesig.
00:55:37
Cleo ist ihrer Mutter dankbar, aber sie vermisst Emir.
00:55:40
Gerade jetzt kommen so viele Momente, die sie mit ihm teilen will.
00:55:44
Das erste Lachen und die ersten Worte ihres Sohnes zum Beispiel.
00:55:48
Deshalb nimmt Cleo den Kleinen mit ins GefÀngnis.
00:55:51
Um Emir zu besuchen.
00:55:52
Dort schmieden sie PlĂ€ne fĂŒr eine glĂŒcklichere Zukunft mit Mo.
00:55:56
Eine Zukunft, die beginnen soll, sobald sie keine GitterstÀbe mehr trennen.
00:56:01
Als es 2017 endlich soweit ist, ist der kleine Mo schon fast zwei Jahre alt.
00:56:07
Er ist ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, bei dessen Lachen Cleo das Herz aufgeht.
00:56:12
Und Mo lacht viel, jetzt, wo sein Vater endlich mehr Zeit mit ihm verbringen kann.
00:56:18
Zum ersten Mal sind die gemeinsamen Spielzeiten nicht mehr zeitlich begrenzt und Mo kann nachts bei Emir im Bett schlafen, wenn er will.
00:56:25
Denn jetzt, wo Cleo volljĂ€hrig ist, nimmt sie sich eine kleine Wohnung fĂŒr sich und Mo, in die auch Emir mit einzieht.
00:56:32
Und in der sie zum ersten Mal eine richtige kleine Familie sind.
00:56:35
Cleo, Emir und Mo.
00:56:37
Mutter, Vater, Sohn.
00:56:39
Cleo ist ĂŒberzeugt davon, dass jetzt, wo sie zusammen sind, alles besser wird.
00:56:43
Emir hat sogar einen Job gefunden.
00:56:46
Das bringt StabilitĂ€t und ein bisschen finanzielle Sicherheit fĂŒr ihre junge Familie.
00:56:50
Doch jetzt, wo die Ă€uĂeren UmstĂ€nde zum ersten Mal stabil zu sein scheinen, ist es ihre gemeinsame Basis, die zu bröckeln beginnt.
00:56:58
Denn Cleo und Emir haben ganz andere Erwartungen an die Erziehung ihres kleinen Sohnes.
00:57:03
WĂ€hrend Cleo Mo Grenzen setzt, erlaubt Emir ihm einfach alles.
00:57:07
Aber so funktioniert das nicht, weiĂ Cleo.
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Kinder mĂŒssen lernen, Regeln einzuhalten.
00:57:11
Und Eltern mĂŒssen als Team auftreten und an einem Strang ziehen.
00:57:15
Denn wenn sie weiter in verschiedene Richtungen zerren, dann zerrt das nicht nur an den KrÀften, sondern auch an ihrer Beziehung.
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Dann droht der Strang zwischen ihnen zu reiĂen und mit ihm die Verbindung, die sie zusammenhĂ€lt.
00:57:26
ZunÀchst hat Cleo noch Hoffnung, dass sie ihre Probleme lösen können.
00:57:31
Doch je lĂ€nger sie mit Emir zusammenlebt, desto mehr wird ihr klar, dass es fĂŒr ihn nur einen Strang gibt.
00:57:37
Und an dem zieht er verbissen und auch mit Gewalt.
00:57:41
Als Emir Cleo im Streit zum ersten Mal mit der flachen Hand ins Gesicht schlÀgt, ist sie völlig perplex.
00:57:46
Dort, wo die Ohrfeige sie getroffen hat, brennt ihre Haut.
00:57:49
Doch der Schmerz sitzt viel tiefer, nÀmlich in ihrer Brust.
00:57:53
Dass der Mann, den sie vor ihren Eltern verteidigt und auf den sie zwei Jahre lang gewartet hat, sie schlÀgt, verletzt die 18-JÀhrige.
00:58:00
Trotzdem versucht sie, ihre GefĂŒhle auszublenden.
00:58:04
FĂŒr Mo, fĂŒr ihre kleine Familie.
00:58:07
Aber Emir schlÀgt wieder zu.
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Und jedes Mal, wenn Cleo einen Schlag trifft, fĂŒhlt sie sich ihm hilflos ausgesetzt.
00:58:14
Mit jedem Mal droht das Bild in ihrem Kopf weiter zu zerbrechen.
00:58:18
Das Bild ihrer kleinen, heilen Familie.
00:58:22
Sechs Monate lang erduldet sie seine Gewalt, weil Cleo sich nicht eingestehen will, dass ihr Traum lÀngst zerbrochen ist.
00:58:28
Ein Traum, den Emir mittlerweile regelmĂ€Ăig und wortwörtlich mit FĂŒĂen tritt.
00:58:33
Dann, im Oktober 2019, geht er noch weiter.
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Im Streit greift Emir nach wahrlosen GegenstÀnden, die er mit aller Kraft auf Cleo schleudert.
00:58:42
Da wird der jungen Mutter klar, dass Emir immer weitermachen wird und dass sie ihn verlassen muss, um sich zu retten.
00:58:48
Und nicht nur sich.
00:58:50
Mit dem Entschluss alarmiert Cleo schlieĂlich die Polizei und berichtet von der Gewalt, die sie monatelang ertragen hat.
00:59:01
Von den Streits, bei denen Emir handgreiflich wird.
00:59:03
Von der Hilflosigkeit, die sie ihrem körperlich ĂŒberlegenen Freund gegenĂŒber empfindet.
00:59:09
Es dauert nicht lange, bis die Beamtinnen vor der TĂŒr der jungen Familie stehen und Emir mitnehmen.
00:59:13
Er wird der Wohnung verwiesen.
00:59:15
Cleo fÀllt es nicht leicht, dabei zuzusehen, wie Emir weggebracht wird.
00:59:19
Aber sie weiĂ auch, dass sie das Richtige getan hat.
00:59:22
Denn als die TĂŒr hinter Emir ins Schloss fĂ€llt, sind die vier WĂ€nde, in denen Cleo mit Mo steht, zum ersten Mal wieder ihre vier WĂ€nde.
00:59:29
Ihr Zuhause, aus dem die Person, mit der sie sich eine Zukunft ausgemalt hatte, auszieht.
00:59:35
DafĂŒr aber wieder Sicherheit und Geborgenheit einziehen.
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Cleos und Mo's Sicherheit stehen auch fĂŒr das Familiengericht an oberster Stelle,
00:59:43
das im Anschluss an den Polizeieinsatz ein AnnÀherungsverbot gegen Emir verhÀngt.
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FĂŒr Cleo bedeutet das vor allem eines.
00:59:49
Sie hat Zeit zu heilen.
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Ihr Körper, aber auch ihre Seele sollen sich von der Gewalt erholen, die ihr der Mensch angetan hat, den sie einst geliebt hat.
00:59:58
Heute ist da keine Liebe mehr.
01:00:00
Aber ein anderes Band, das sie verbindet.
01:00:03
Und wÀhrend Cleo sich von Emir freimachen will, versteht der DreijÀhrige die Welt nicht mehr.
01:00:08
Immer wieder will er wissen, wo Emir ist.
01:00:10
Und wenn seine kleinen, fragenden Augen Cleo ansehen, dann bricht ihr fast das Herz.
01:00:14
NatĂŒrlich will sie Mo nicht von seinem Vater fernhalten.
01:00:17
Aber sie hat auch ein ungutes GefĂŒhl dabei, wenn sie ihn mit Emir allein lĂ€sst.
01:00:22
SchlieĂlich entscheidet sich Cleo mit Hilfe des Jugendamts dazu,
01:00:25
dass sie begleitete Treffen zwischen Emir und Mo möglich machen will.
01:00:29
Emir lebt inzwischen in einer Wohnung, die ihm sein Arbeitgeber zur VerfĂŒgung gestellt hat.
01:00:35
Er scheint sein Leben im Griff zu haben.
01:00:36
Schon im Dezember, nur einen guten Monat nach dem Polizeieinsatz, treffen sie sich wieder zu dritt.
01:00:42
Cleo ist mulmig zumute, als sie Emir gegenĂŒber steht.
01:00:45
Aber er hat Spielsachen fĂŒr Mo dabei.
01:00:48
Und Mo freut sich ĂŒber das Wiedersehen.
01:00:51
Sie muss nur ein paar gemeinsame Stunden ĂŒberstehen, weiĂ Cleo.
01:00:53
Und die Stunden verlaufen glĂŒcklicherweise unproblematisch.
01:00:57
Genau wie die darauf folgenden Treffen zu dritt.
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Mit jedem Mal fÀllt die Anspannung ein wenig von Cleo ab.
01:01:03
Und sie schöpft wieder Hoffnung.
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Hoffnung darauf, dass sie das hinkriegen.
01:01:07
FĂŒr Mo, der sie beide in seinem Leben braucht.
01:01:10
Aber eben nicht zusammen, sondern getrennt.
01:01:12
Denn in Cleos Leben ist zwischenzeitlich ein anderer Mann getreten, der sie glĂŒcklich macht.
01:01:17
Ihr Nachbar Timon.
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Er war ihr in den letzten Monaten eine StĂŒtze.
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Und inzwischen ist er mehr als das.
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Sie hat ihn lieben gelernt.
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Timon hat ihr gezeigt, dass eine Beziehung nicht mit Gewalt einhergehen muss,
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sondern dass sie harmonisch sein kann.
01:01:31
So baut sich Cleo nach und nach ein neues Leben auf.
01:01:34
Mit Timon an ihrer Seite.
01:01:35
Und mit regelmĂ€Ăigen Treffen, bei denen Emil Mo sehen darf.
01:01:39
Vier Monate spÀter, im April 2020, ist Cleo sogar damit einverstanden,
01:01:44
dass Emil Mo in Zukunft einmal in der Woche alleine sehen darf.
01:01:47
Auch, weil sie froh um die Entlastung ist.
01:01:50
Denn in ihrem Bauch wÀchst, dreieinhalb Jahre nachdem Mo zur Welt gekommen ist,
01:01:54
wieder ein kleiner Mensch heran.
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Cleo erwartet ein Kind von Timon.
01:01:58
Die zwei freuen sich riesig.
01:02:01
Und auch Emil spricht seine GlĂŒckwĂŒnsche aus, als Cleo ihm davon erzĂ€hlt.
01:02:04
Vielleicht wird ihr Traum von der Familie ja doch noch wahr.
01:02:08
Nur ist es dann eben eine Patchwork-Familie.
01:02:10
Sonntag, eine Woche spÀter.
01:02:13
Die Sonne fÀllt durch die Wolken, als ein Radfahrer durchs Gewerbegebiet fÀhrt.
01:02:18
Doch statt dem frischen Duft des FrĂŒhlings liegt hier ein beiĂender Geruch in der Luft.
01:02:22
Die Ursache dafĂŒr sieht der Mann sofort.
01:02:25
Aus dem oberen Fenster eines Hauses quellen dicke Rauchwolken.
01:02:31
Der Radfahrer wÀhlt den Notruf.
01:02:32
Wenige Minuten spÀter treffen mehrere Feuerwehrautos, Rettungswagen und die Polizei ein.
01:02:37
Und dann muss alles ganz schnell gehen.
01:02:39
Die Feuerwehr kann den Brandherd im zweiten Stock des Hauses erkennen.
01:02:43
Die Aufmerksamkeit des Rettungsdienstes gilt derweil einem Verletzten, der vor dem Haus liegt.
01:02:49
Er ist aus einem Fenster im zweiten Stock gesprungen.
01:02:51
Dabei hat er sich das Becken gebrochen.
01:02:53
AuĂerdem hat der Mann eine Stichverletzung in der Brust.
01:02:56
Er ist bei Bewusstsein, aber er muss schnellstmöglich ins Krankenhaus.
01:03:01
Vorher will der Verletzte den RettungskrÀften aber noch etwas sagen.
01:03:04
Da sei noch jemand im Haus, presst er unter seinen Lippen hervor.
01:03:08
Die Information versetzt die Polizei in Ă€uĂerste Alarmbereitschaft.
01:03:13
Die Feuerwehr fÀhrt den langen Kranarm aus und steigt in die Wohnung ein, in der ihnen dicke Rauchwolken die Sicht vernebeln.
01:03:20
Trotzdem können sie erkennen, dass der Rauch aus einem kleinen Zimmer kommt, dessen TĂŒr nur einen kleinen Spalt offen steht.
01:03:27
Als sie sie aufreiĂen, kommt ihnen noch mehr schwarzer Nebel entgegen.
01:03:30
Und dann, als ihnen die Sicht klarer wird, wird ihnen gleichzeitig klar, dass die Flammen lÀngst das Kostbarste in der Wohnung an sich genommen haben.
01:03:38
Denn auf einer Matratze, die mitten in der Abstellkammer platziert ist, liegt ein kleiner Körper.
01:03:43
Der Körper eines Kindes, das in den Flammen gestorben ist.
01:03:48
Die Feuerwehr kann den Brand unter Kontrolle bringen, noch bevor er sich in der restlichen Wohnung ausbreitet.
01:03:54
Was bleibt sind EinsatzkrÀfte, die unter Schock stehen.
01:03:57
Der Schock ĂŒber den grausamen Leichenfund, der selbst langjĂ€hrige Feuerwehrleute und PolizistInnen schaudern lĂ€sst.
01:04:03
Und darĂŒber, dass das Kind sich gerade in dem Zimmer aufgehalten hat, in dem die Flammen ausgebrochen sind.
01:04:09
Nur wie konnte das passieren?
01:04:11
Und warum hat der Mann, der aus dem Fenster gesprungen ist, das Kind nicht gerettet?
01:04:16
Dieselben Fragen schieĂen Cleo in den Kopf, als die Polizei vor ihrer TĂŒr steht.
01:04:20
Denn der Mann, der verletzt im Krankenhaus liegt, ist Emir und das Kind auf der Matratze ist ihr Sohn Mo.
01:04:27
Als sie von seinem Tod erfÀhrt, versteht Cleo die Welt nicht mehr.
01:04:30
Mo war doch am Morgen noch wohl auf.
01:04:32
Wie kann er jetzt tot sein?
01:04:34
Wieso kam es ĂŒberhaupt zu dem Brand, will sie wissen.
01:04:37
Die Polizei kann ihr nicht alle Fragen beantworten.
01:04:40
Doch das, was die Ermittlungen bisher vermuten lassen, ist fĂŒr die schwangere Mutter beinahe unaushaltbar.
01:04:45
Man habe Brandbeschleuniger in der Abstellkammer nachweisen können, heiĂt es von den Seiten der Ermittelnden.
01:04:51
Damit steht fest, dass das Feuer in Emirs Abstellkammer kein Unfall war.
01:04:55
Darauf weist auch ein Brief hin, der in Emirs KĂŒche gefunden wurde.
01:04:59
Hey, meine lieben Freunde und Feinde, steht dort geschrieben.
01:05:04
Ich kann so einfach nicht mehr leben.
01:05:06
Ich wollte einfach in Deutschland sterben, am besten mit meinem Sohn.
01:05:09
Keiner hat meine Schmerzen mitgefĂŒhlt, nicht mal die Mutter.
01:05:13
Mir fehlen die Worte.
01:05:16
Derzeit geht die Polizei davon aus, dass Emir Mo getötet hat und dann sich selbst töten wollte.
01:05:22
Die Mordkommission ĂŒbernimmt die Ermittlungen.
01:05:25
Cleo kann das nicht fassen.
01:05:27
Von einem auf den anderen Moment ist es, als wÀre alles um sie herum grau und schwarz.
01:05:32
Als lÀge sie selbst mitten im Rauch, in dem Mo umgekommen ist.
01:05:36
Was soll dieser Brief und von welchem Schmerz spricht Emir da?
01:05:39
Es war doch gerade wieder alles gut.
01:05:41
Emir hatte einen Job und eine Wohnung.
01:05:43
Er durfte Zeit mit Mo verbringen.
01:05:45
Es ging bergauf.
01:05:46
Und selbst wenn nicht, warum um alles in der Welt wollte er Mo töten?
01:05:49
Auf so grausame Art und Weise.
01:05:51
Das geht nicht in Cleos Kopf.
01:05:54
Am liebsten wĂŒrde sie Emir schĂŒtteln und die Wahrheit einfordern.
01:05:57
Aber er liegt aufgrund seiner Verletzungen im Koma.
01:06:01
Also mĂŒssen Cleos Fragen warten.
01:06:03
Und mit dem Obduktionsbericht kommen noch neue hinzu.
01:06:06
An Mo's Hals wurden Spuren gefunden, die auf körperliche Gewalt hinweisen, heiĂt es.
01:06:11
WĂŒrgemale, die ihm vor seinem Tod zugefĂŒgt wurden.
01:06:15
Als Cleo das hört, gefriert ihr das Blut in den Adern.
01:06:18
Lang genug war sie es, die Emils SchlÀge abbekommen hat.
01:06:24
Allein die Vorstellung daran, dass Emir jetzt handgreiflich gegenĂŒber ihrem Sohn gewesen ist,
01:06:28
schmerzt Cleo mehr als jeder Schlag, den sie ausgehalten hat.
01:06:32
Es hĂ€tte nie Mo sein dĂŒrfen.
01:06:34
Nicht ihr kleiner Junge.
01:06:37
In den darauf folgenden Monaten macht sich Verzweiflung und Trauer in Cleos Leben breit.
01:06:41
Sie will noch immer antworten.
01:06:43
Sie will wissen, warum Mo sterben musste.
01:06:45
Doch wann immer sie daran denkt, je wieder mit Emir in einem Raum sein zu mĂŒssen, bekommt sie Panik.
01:06:51
Sie will den Mann, dem sie ihre ganze Jugend geschenkt hat, nie wiedersehen.
01:06:55
Denn er ist derselbe Mann, der sie misshandelt und der ihr das Kostbarste auf der Welt genommen hat.
01:07:00
Die Vorstellung daran, Emir im Gerichtssaal gegenĂŒber sitzen zu mĂŒssen, ist fĂŒr Cleo unertrĂ€glich.
01:07:06
Deswegen entscheidet sie sich dazu am Prozess, der sechs Monate nach Mo's Tod startet, nicht teilzunehmen.
01:07:12
Sie muss an sich denken und an ihr ungeborenes Baby, das bald zur Welt kommt.
01:07:16
Zu hoch ist das Risiko, dass die Konfrontation mit Emir eine FrĂŒhgeburt einleiten wĂŒrde.
01:07:21
Sagt auch ihr GynÀkologe.
01:07:23
Also ist Cleo nicht dabei, als ihr Exfreund am 10. November 2020 in den Schwurgerichtssaal des Siegener Landgerichts gefĂŒhrt wird.
01:07:31
Trotzdem hat sie die Nebenklage angenommen und lÀsst sich vor Gericht von ihrer AnwÀltin vertreten.
01:07:36
Emir trÀgt ein schwarzes Shirt und eine blaue Hose, als er zur Anklagebank humpelt.
01:07:41
Wegen seines gebrochenen Beckens ist er noch immer auf KrĂŒcken angewiesen.
01:07:45
Die Staatsanwaltschaft wirft ihm den Mord an seinem dreieinhalbjÀhrigen Sohn vor.
01:07:50
Eine grausame Tat, zu der sich Emil gleich zu Anfang des Prozesses Ă€uĂern will.
01:07:55
Seine Einlassung nimmt alle im Gerichtssaal mit an den sonnigen Sonntag im Mai, der tödlich endete.
01:08:01
Es ist noch Vormittag, als Emil Mo am 3. Mai bei Cleos Mutter Marita zu Hause abholt, die auf ihren Enkel aufgepasst hat.
01:08:08
Emils Kumpel sitzt am Steuer, weil Emil kein Auto hat.
01:08:11
Auf dem Weg zu Emils Wohnung legen die drei noch einen Stopp bei einem Dönerladen ein, wo sie Essen mitnehmen.
01:08:17
Dann setzt Emils Freund seine Mitfahrer vor Emils Wohnung ab.
01:08:20
Er macht noch ein Foto von Vater und Sohn, die in die Kamera grinsen.
01:08:24
Dann lÀsst er sie allein.
01:08:25
Mo möchte drauĂen mit seinem Laufrad fahren.
01:08:28
Emir steht daneben und knipst fleiĂig Fotos, die er an Bekannte schickt.
01:08:33
Dann geht er mit Mo nach oben in seine Wohnung, wo sie gemeinsam Döner essen und anschlieĂend auf dem Balkon mit Mo's Spielsachen spielen.
01:08:40
Gegen 15 Uhr ist Mo erschöpft und es dauert nicht lang, bis er einschlÀft.
01:08:44
Jetzt ist Emir allein mit seinen Gedanken und die Zeit lÀuft ihm davon.
01:08:49
Bald schon will ein anderer Kumpel, der ein Auto hat, vorbeikommen, um Mo zurĂŒck zu Cleo zu fahren.
01:08:54
Aber das will Emir plötzlich nicht mehr.
01:08:56
Er will seinen Sohn nicht wieder zurĂŒck zu seiner Mutter geben.
01:08:59
Er will, dass er bei ihm bleibt.
01:09:01
Also greift er kurzerhand zu seinem Handy und schreibt dem Fahrer, dass er nicht kommen muss.
01:09:06
Was dann passiert, können weder die Staatsanwaltschaft noch Emir zeitlich richtig einordnen.
01:09:11
Emir sagt, er habe Alkohol getrunken und Drogen genommen und könne sich deswegen nicht mehr genau erinnern.
01:09:16
Er muss aber den Abschiedsbrief verfasst und auf die KĂŒchenanrichte gelegt haben.
01:09:20
Dann ist er zu Mo gegangen, der friedlich geschlafen hat und hat seine HĂ€nde um den Hals seines Sohnes gelegt.
01:09:26
Er hat ihn so lang gewirkt, bis sich der kleine Junge nicht mehr bewegt hat.
01:09:30
Bis Emir glaubte, Mo sei jetzt tot.
01:09:33
Dann hat er ihn in die Abstellkammer getragen und auf die Matratze gelegt, die er schlieĂlich angezĂŒndet hat.
01:09:39
AnschlieĂend hat er zu einem KĂŒchenmesser gegriffen, dass er sich in die Brust gerammt hat, sagt Emir.
01:09:45
Er habe sterben wollen, deshalb sei er, wÀhrend sich das Feuer entfacht habe, aus dem Fenster in die Tiefe gesprungen.
01:09:51
Was Emir gesteht, lĂ€sst alle im Gerichtssaal sprachlos zurĂŒck.
01:09:55
Dass er sich offenbar selbst umbringen wollte, ist schrecklich.
01:09:58
Viel grausamer ist aber das Schicksal, das er fĂŒr seinen kleinen Sohn gewĂ€hlt hat.
01:10:02
Mo hatte keine Chance, sich zu wehren.
01:10:04
Und er war laut Obduktionsbericht noch nicht tot, als sein Vater ihm zum Sterben auf die Matratze gelegt hat.
01:10:10
Durch die Strangulation sei der Junge zwar bewusstlos, aber noch am Leben gewesen, sagen die GerichtsmedizinerInnen.
01:10:16
Woran der kleine Schleswig gestorben ist, lÀsst sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen.
01:10:20
Es sei möglich, dass er sich aufgrund der Strangulation erbrochen habe und daran erstickt sei.
01:10:25
Es könne aber auch sein, dass die schnelle Hitzeentwicklung des Brandes zu einem tödlichen Hitzeschock gefĂŒhrt habe,
01:10:30
heiĂt es im Obduktionsbericht.
01:10:32
Die Frage, die aber allen im Gerichtssaal unter den FingernÀgeln brennt, ist, wieso musste der DreijÀhrige sterben?
01:10:39
Was bewegt einen Vater dazu, seinen eigenen Sohn zu töten?
01:10:43
Ein Kind, das er doch so liebte, wie er auch vor Gericht immer wieder betont.
01:10:48
Doch seine Antwort ist ernĂŒchternd.
01:10:50
Das könne er auch nicht erklÀren, sagt Emil vor Gericht.
01:10:54
Da sei Hass in ihm gewesen und er sei mit der Gesamtsituation unzufrieden gewesen.
01:10:59
Cleo habe immer etwas an ihm zu kritisieren gehabt und es habe ihn gestört, dass er immer ihre Zustimmung einholen musste, wenn er seinen Sohn sehen wollte.
01:11:07
AuĂerdem hatte er Angst gehabt, Mo zu verlieren, jetzt wo Cleo eine neue Familie gegrĂŒndet habe.
01:11:13
Angst davor, dass er als Vater ersetzt wĂŒrde.
01:11:16
Aber was geschehen ist, ist geschehen.
01:11:19
Ich kann es nicht rĂŒckgĂ€ngig machen, fĂŒgt Emil anschlieĂend gefasst hinzu.
01:11:22
Kein Wort darĂŒber, dass er seinen Sohn jetzt endgĂŒltig verloren hat.
01:11:27
Dass Mo nie wieder zurĂŒckkommen wird.
01:11:29
Nicht wegen eines anderen Mannes, sondern wegen seines eigenen Vaters, dem er vertraut hat und der ihn getötet hat.
01:11:35
Aus einem spontanen GefĂŒhl heraus, wie das Gericht feststellt.
01:11:38
Quasi nach dem Motto, wenn ich ihn nicht bei mir habe, soll ihn keiner haben.
01:11:43
Die Art und Weise, wie Emil nĂŒchtern ĂŒber den gewaltsamen Tod seines Sohnes spricht, schockiert alle im Gericht.
01:11:50
Genau wie seine egoistischen Motive.
01:11:51
Cleo hat ihre eigenen Bedenken und ihre Angst vor ihrem Peiniger zurĂŒckgestellt, um eine Bindung zwischen Vater und Sohn zu ermöglichen.
01:11:59
Emil hingegen scheint einzig und allein seine Ăngste und sein verletztes Ego in den Mittelpunkt gestellt zu haben.
01:12:05
DafĂŒr spricht auch das Gutachten, das eine Psychiaterin schlieĂlich vor Gericht vortrĂ€gt.
01:12:11
Die Expertin bescheinigt dem Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung, die auch das VerhĂ€ltnis zu seinem Sohn maĂgeblich beeinflusst habe.
01:12:18
Emil habe emotional instabile ZĂŒge, die einem Borderline-Typ entsprechen.
01:12:23
DarĂŒber hinaus sei er weitgehend dissozial.
01:12:26
Das macht die Ărztin daran fest, dass Emil weder NĂ€he noch Liebe noch Empathie fĂŒr andere empfinden könne.
01:12:32
Nicht einmal fĂŒr seinen eigenen Sohn.
01:12:34
Mo war fĂŒr ihn kein autonomes Wesen, das liebenswert gewesen sei, so die SachverstĂ€ndige.
01:12:39
Stattdessen habe er ihn als narzisstische Erweiterung seiner selbst gesehen.
01:12:44
Wie ein Körperteil, das ihm immer zur VerfĂŒgung stehen mĂŒsste.
01:12:47
Dadurch, dass Cleo dem Vater Mo entzogen hatte, hatte sie ein StĂŒck weit die Macht ĂŒber Emil.
01:12:52
Diese Fremdbestimmung habe er loswerden wollen.
01:12:56
Die UrsprĂŒnge seiner Persönlichkeitsstörung seien auf Emils Kindheit zurĂŒckzufĂŒhren.
01:13:00
Seine Mutter habe ihm das GefĂŒhl gegeben, dass er nicht mehr wert sei als ein Sack Reis.
01:13:04
Seitdem sei sein Leben geprÀgt von losen Beziehungen, ziellosen Reisen und emotionaler Ungebundenheit.
01:13:10
Emil fehlt es an Perspektive, deshalb hat er sie auch seinem Sohn genommen.
01:13:15
Die Persönlichkeitsstörung des Angeklagten ist offensichtlich.
01:13:19
Aber sie hat zum Tatzeitpunkt nicht seine SchuldfÀhigkeit beeinflusst, urteilt die SachverstÀndige.
01:13:24
Genauso wenig wie die geringe Menge Alkohol und Drogen, die er zu sich genommen hat.
01:13:29
Emil wĂ€re durchaus in der Lage gewesen, anders mit der Situation umzugehen, sagt die Ărztin.
01:13:34
Aber das ist er nicht.
01:13:35
Deshalb ist Mo jetzt tot und die Welt von Cleo eine andere.
01:13:39
Bevor die 20-JĂ€hrige in den Zeug in den Stand tritt, muss Emil den Raum verlassen.
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Sie ist hochschwanger und denjenigen zu sehen, der ihr ihr Kind genommen hat, wÀre laut Cleos Psychiaterin eine enorme Belastung.
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Dabei ist es schon belastend, genug vor Gericht auszusagen.
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Jeder im Saal kann sehen, wie schwer es der jungen Frau fÀllt, die richtigen Worte zu finden.
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Aber die will sie finden.
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Sie will stark sein fĂŒr sich und Mo.
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ZunĂ€chst berichtet Cleo vom glĂŒcklichen Anfang ihrer Beziehung, doch sie kommt schnell auf das schwierige Zusammenleben, nach Emirs Haft zu sprechen.
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Als Cleo von den Streitereien und den SchlĂ€gen erzĂ€hlt, laufen ihr TrĂ€nen ĂŒber die Wangen.
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Es hat sie Kraft gekostet, aus der hĂ€uslichen Gewalt auszubrechen, um sich zu schĂŒtzen.
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Doch dann hat Emil einen Weg gefunden, sie fĂŒr immer zu verwunden.
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Mir geht es nicht gut, sagt Cleo, der Vorsitzenden Richterin.
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Was Emil getan habe, tue ihr weh und sie könne es noch immer nicht glauben.
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Deshalb verdrÀnge sie, was passiert sei, und baue eine Mauer um sich auf.
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Eine Mauer, die sie vor der schrecklichen Wahrheit schĂŒtzen soll.
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Selbst der Staatsanwalt wird kurz persönlich, als er am vorletzten Prozestag im Dezember 2020 sein PlĂ€doyer verkĂŒndet.
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Es ist eines der schlimmsten Verbrechen, das ich hier je angeklagt habe, sagt er.
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Auch deshalb, weil immer noch niemand ein klares Motiv benennen kann.
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Am wahrscheinlichsten sei es, dass Emil Cleo bestrafen und ihr das Kind wegnehmen wollte, sagt der Staatsanwalt,
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und fordert eine lebenslange Haftstrafe fĂŒr Emil, mit Androhung der besonderen Schwere der Schuld.
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Letzteres sieht er darin begrĂŒndet, dass Emil mehrfach vorbestraft war
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und dass er seinen kleinen Sohn im Schlaf, also arg und wehrlos, gewirkt habe.
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Und selbst Emirs Verteidigerin hĂ€lt die lebenslange Haftstrafe fĂŒr unumgĂ€nglich.
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Es sei nicht einfach gewesen, einen Mandanten zu verteidigen, der sein eigenes Kind getötet hat, sagt sie.
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Aber er sei auch Opfer seiner Biografie geworden.
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Deshalb wiege seine Schuld nicht besonders schwer.
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Dann hat der Angeklagte selbst das letzte Wort.
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ZunĂ€chst entschuldigt sich Emil fĂŒr die Unmenschlichkeit seiner Tat.
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Er spricht davon, dass ihn niemand bestrafen könne, denn er habe sich mit der Tat selbst bestraft.
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Doch schon im nÀchsten Satz versucht er wieder, die Verantwortung von sich zu schieben.
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SchlieĂlich habe Cleo auch zu seinem Verhalten beigetragen, sagt Emil.
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Das sieht die vorsitzende Richterin wie jeder im Gericht anders.
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Emil ist allein dafĂŒr verantwortlich, dass der kleine Mo nicht mehr am Leben ist.
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Der Junge habe sich arglos hingelegt und sei vom Papa getötet worden, sagt die Richterin bei der UrteilsverkĂŒndung Mitte Dezember.
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Die quĂ€lenden Folgen fĂŒr Cleo und ihre Familie seien unbeschreiblich.
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Vor allem deshalb, weil Emirs Motiv so wenig greifbar ist.
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Aber auch ohne Motiv steht fĂŒr das Gericht fest, dass der Angeklagte einen heimtĂŒckischen Mord begangen hat, der eine lebenslange Haftstrafe nach sich zieht.
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Emil sei voll schuldfÀhig, urteilt die vorsitzende Richterin.
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Aber seine Schuld wiegt nicht besonders schwer, weil die Tat spontan stattgefunden habe und mit Emirs Persönlichkeitsstörung verbunden sei.
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Es ist der 18. Dezember 2020, als das Urteil fÀllt.
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Cleo ist nicht im Saal, als Emil abgefĂŒhrt wird.
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Aber sie ist froh darum, dass er nun jahrelang im GefĂ€ngnis sitzen wird fĂŒr das, was er ihr angetan hat.
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Denn wĂ€hrend die Welt um sie herum mit bunten Weihnachtslichtern geschmĂŒckt wird und ĂŒberall Familien zusammenkommen, um sie zu feiern, ist Cleos Welt noch immer erfĂŒllt von Dunkelheit.
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Mit Timon, dem Vater ihres zweiten Kindes, hat Cleo seit Monaten nur noch sporadisch Kontakt.
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Zu groĂ ist das Tal der Trauer, das sich zwischen ihnen aufgetan hat.
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Cleo vermisst Mo, ihren kleinen Jungen, den sie unter dem Herzen trug, als sie selbst beinahe noch ein Kind war.
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Heute ist sie erwachsen und da ist wieder ein kleiner Mensch, der ganz bald das Licht der Welt erblickt.
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Und dieser kleine Mensch ist es auch, der zumindest Hoffnung macht.
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Hoffnung darauf, dass Cleo irgendwann wieder lachen und ihrem Kind von seinem groĂen Bruder erzĂ€hlen kann.
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Was mir hier auch gleich wieder aufgefallen ist, ist, dass auch dieser TĂ€ter gerne wieder die Schuld oder zumindest eine Mitschuld bei der Frau sucht und es wieder darum geht, Angst, Angst, Angst, Angst, Angst, dass jetzt ich hinten angestellt werde, dass jetzt hier eine neue Familie ohne mich gegrĂŒndet wird, obwohl ich immer drauf gehauen habe.
01:17:49
Also das ist halt wirklich der gröĂte Witz, die hĂ€tte den ja offenbar nicht verlassen, wenn er sie nicht geschlagen hĂ€tte und wenn sie nicht eine Gefahr fĂŒr sich und das Kind gesehen hĂ€tte.
01:18:00
Und ich finde das so krass, was diese junge Mutter schon alles in ihrem Leben erlebt hat.
01:18:06
Die war 14, 15, als sie jemanden kennengelernt hat, der doppelt so alt wie sie war, der eine zugegeben sehr schwierige und traumatische Geschichte hinter sich hatte.
01:18:15
Dann ist sie mit dem abgehauen, weil sie mit ihm ihr Leben verbringen wollte und hat sich von ihrem vorherigen Leben verabschiedet.
01:18:21
Ich meine, das als Teenager zu entscheiden, dass man sich irgendwie von seinem gewohnten Umfeld, wo man ja selber noch so jung ist, trennt, das ist ja schon eine krasse Entscheidung.
01:18:30
Dann haben die ĂŒberall und irgendwo gelebt, hat mit dem auf irgendwelchen Couchen geschlafen und so, ist dann schwanger geworden, zurĂŒckgekommen.
01:18:37
Dann ist sie in eine Wohnung gezogen und der Vater geht in den Knast. Sie kĂŒmmert sich, bleibt die ganze Zeit weiterhin mit dem zusammen und dann schlĂ€gt er die und dann trifft sie die Entscheidung und ist immer noch ein Teenager und sagt, das will ich nicht fĂŒr mich und mein Kind und verlĂ€sst den.
01:18:53
Die hat die einzig richtige Entscheidung getroffen und dann kommt sowas am Ende dabei raus.
01:18:58
Es ist einfach nur schrecklich. Und ich finde es auch gut, dass wir jetzt in dieser Folge zwei so unterschiedliche FĂ€lle erzĂ€hlt haben, mit ganz unterschiedlichen TĂ€tern, aber auch ganz unterschiedlichen Opfern aus verschiedenen sozialen Milieus, mit verschiedenen sozialen HintergrĂŒnden.
01:19:15
Denn die hĂ€usliche Gewalt findet nun mal ĂŒberall statt.
01:19:19
Ja, und dieses Schicksal, was die Cleo jetzt hier hatte mit ihrem Ex, den kann man sich auch gar nicht so richtig entziehen, weil Emil ja auch das Recht hatte, Mo regelmĂ€Ăig zu sehen.
01:19:29
Das steht ja im BĂŒrgerlichen Gesetzbuch und da ist halt festgehalten, dass zum Wohle des Kindes der Umgang mit beiden Eltern gehört.
01:19:35
Und so ist das auch im deutschen Familienrecht verankert. Und da gibt es immer wieder Kritik dran. Warum? Darum geht es jetzt in meinem Aha.
01:19:41
Also erstmal zur Abgrenzung. Das sogenannte Umgangsrecht, das soll man jetzt nicht verwechseln mit dem Sorgerecht, weil das bestimmt, wer die Verantwortung zum Beispiel ĂŒber medizinische Behandlung des Kindes trĂ€gt.
01:19:50
Das Umgangsrecht besagt, dass beide Eltern, ganz unabhÀngig vom Sorgerecht, das Recht und die Pflicht haben, Zeit mit dem Kind zu verbringen.
01:19:58
Damit soll natĂŒrlich sichergestellt werden, dass dann auch beide eine Bindung zum Kind haben.
01:20:02
Also genau wie bei Cleo und Emil. Mo hat zwar bei Cleo gewohnt, aber Emil sollte trotzdem das Recht darauf haben, seinen Sohn zu sehen.
01:20:09
Wie oft und wie lange die treffen sind, können Eltern individuell entscheiden.
01:20:12
Und wenn sie sich nicht einig werden, dann wird das vom Jugendamt oder vom Familiengericht festgelegt.
01:20:16
Im Fall von Familien, in denen hÀusliche Gewalt stattgefunden hat, kann das aber schwierig sein.
01:20:21
Ist ja klar, weil das Umgangsrecht bedeutet ja auch leider zwangslĂ€ufig, dass die Eltern wieder Kontakt miteinander haben mĂŒssen.
01:20:28
Entweder halt direkt oder ĂŒber Behörden.
01:20:30
Und das ist in einer Zeit, in der das Opfer eigentlich Abstand vom TĂ€ter oder von der TĂ€terin brĂ€uchte, natĂŒrlich eine Belastung.
01:20:36
Und man hat ja auch Angst um das Kind.
01:20:38
Laut der Istanbul-Konvention dĂŒrfte das aber gar nicht so sein.
01:20:43
Die Konvention ist ja so ein Vertrag des Europarats zur BekÀmpfung von hÀuslicher Gewalt.
01:20:47
Und darin steht, dass das Umgangsrecht die Sicherheit von Frauen und Kindern nicht gefÀhrden darf.
01:20:52
Aber unsere Expertin Silvia Haller, die in ihrer Arbeit im Frauenhaus stÀndig mit solchen FÀllen konfrontiert ist, sagt, das ist alles ein bisschen schwierig.
01:20:59
Weil Frauen, die beispielsweise ein AnnĂ€herungsverbot gegen ihre Ex-MĂ€nner oder MĂ€nner erwirkt haben, die haben sich das dann quasi erkĂ€mpft, dass die MĂ€nner aus SicherheitsgrĂŒnden nicht mal wissen dĂŒrfen, wo Frauen und Kinder leben.
01:21:12
Gleichzeitig soll die Beziehung aber zwischen Kind und Vater nicht unterbrochen werden.
01:21:15
Und das ist natĂŒrlich ein Problem.
01:21:17
Wie soll das gehen?
01:21:17
Weil damit diese Beziehung nicht unterbrochen wird, muss die Mutter ja irgendwie wieder in Kontakt mit dem Vater treten.
01:21:23
Also beispielsweise, um halt die Ăbergabe des Kindes zu vereinbaren.
01:21:27
Und das kann unter UmstĂ€nden halt eben auch gefĂ€hrlich werden, wie wir gesehen haben, halt eben auch fĂŒr die Kinder.
01:21:32
Ja, wenn sie selbst zu Opfern werden oder wenn sie mitbekommen, wie anderen aus der Familie Gewalt angetan wird.
01:21:39
Das passiert nÀmlich leider ziemlich hÀufig.
01:21:41
Laut Informationen des Deutschlandfunks sind Kinder in neun von zehn FĂ€llen dabei, wenn MĂŒtter misshandelt werden.
01:21:47
Das ist so schlimm.
01:21:49
Ja, das ist so schlimm.
01:21:50
Und ein anderes Problem beim Umgangsrecht, was immer wieder auftritt, ist, dass hÀusliche Gewalt bei solchen Verhandlungen vorm Familiengericht dann auch oft bagatellisiert, ignoriert und komplett negiert werden.
01:22:02
SoziologInnen und FamilienrechtlerInnen haben 2022.000 FĂ€lle untersucht und sind zum Schluss gekommen, dass es in solchen Verfahren immer wieder auch zur TĂ€ter-Opfer-Umkehr kommt.
01:22:11
Also, dass VĂ€ter, die gewalttĂ€tig sind oder waren vor Gericht, die MĂŒtter als unkooperativ und nicht bindungstolerant darstellen, weil sie dann versuchen, den Kontakt zum Vater zu unterbinden.
01:22:21
Und das fĂŒhrt dann dazu, dass die MĂŒtter das Sorge- oder das Umgangsrecht teilen mĂŒssen oder sogar ganz verlieren.
01:22:27
Eine Frage, die sich MĂŒtter zum Schutz ihrer Kinder ja dann auch oft stellen, wenn sie hĂ€usliche Gewalt erfahren, ist, wo sollen wir hin, wenn ich es zu Hause jetzt nicht mehr aushalten kann?
01:22:37
Und da sollten ja eigentlich FrauenhÀuser die erste Anlaufstelle sein.
01:22:41
Aber da gibt es leider viel mehr Anfragen als Betten.
01:22:44
Laut der bundesweiten Statistik des Vereins Frauenhauskoordinierung gibt es in Deutschland etwa 400 FrauenhĂ€user und knapp 7.000 PlĂ€tze fĂŒr Frauen, die mit ihren Kindern Schutz suchen.
01:22:54
Nach der Istanbul-Konvention brÀuchten wir aber noch 14.000 weitere PlÀtze.
01:22:59
Silvia Haller sagt, da muss unbedingt investiert und der Gewaltschutz weiter ausgebaut werden.
01:23:05
Haller setzt da auf das sogenannte Gewalthilfegesetz, das bereits von Bund, LĂ€ndern und Kommunen erarbeitet wurde und von der Regierung dringend noch in dieser Legislatur umgesetzt werden muss.
01:23:14
Bei MĂ€nnern sieht die Lage ĂŒbrigens Ă€hnlich aus.
01:23:17
Obwohl laut den Zahlen des BKA etwa jedes vierte Opfer von hÀuslicher Gewalt mÀnnlich ist, gibt es in ganz Deutschland nur zwölf MÀnnerschutzwohnungen mit insgesamt 43 PlÀtzen.
01:23:27
Und wenn ihr selbst von hÀuslicher Gewalt betroffen seid, dann holt euch Hilfe, wenn das irgendwie geht.
01:23:33
Wendet euch an eine Person, der ihr vertraut, an die Polizei oder an eine der Hilfsangebote, die wir euch in der Folgenbeschreibung verlinkt haben.
01:23:41
NĂ€chstes Mal geht es hier mit einer Einzelfolge weiter und zwar mit einem Fall, der wirklich absurd ist.
01:23:48
Und das können wir euch auch schon mal verraten, die Folge wird das Potenzial haben, eine unserer Lieblingsfolgen zu werden.
01:24:00
Das war ein Podcast der Partner in Crime.
01:24:03
Hosts und Produktion Paulina Kraser und Laura Wohlers.
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Redaktion Isabel Mayer und wir.
01:24:10
Schnitt Pauline Korb.
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Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.