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Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Mordlust, unserem True-Crime-Podcast,
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in dem wir wahre Verbrechen nacherzÀhlen. Mein Name ist Paulina Kraser.
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Und ich bin Laura Wohlers. Wir erzÀhlen uns hier gegenseitig jeweils einen Fall aus
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Deutschland, von dem der andere nichts weiĂ und deswegen bekommt ihr auch unsere ungefilterten
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Reaktionen mit. Wir kommentieren unsere FĂ€lle auch, manchmal auch sarkastisch und vor allem
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wird hier auch mal gelacht, das ist aber wirklich nie despektierlich gemeint.
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In unserer heutigen Folge dreht sich alles um das Thema Ăberleben.
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Vorher aber möchte ich mit dir noch ĂŒber eine Zuhörerfrage sprechen, die du auch gelesen hast,
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das weià ich nÀmlich. Laura und ich gucken nÀmlich manchmal in unser Instagram-Fach rein
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und gucken, was der andere so geantwortet hat. Eigentlich machst nur du das, aber woher weiĂt
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du, dass du das auch angekĂŒndigt hast?
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Ich stimme nicht. Weil ich gesehen habe, dass du die Antwort gelesen hast und mir wieder
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nicht Bescheid gesagt hast, dass sie geantwortet hat.
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Um Lea. Die hat uns nÀmlich einen Spiegelartikel geschickt und sie wollte wissen, was wir davon
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halten. Und zwar geht es da im Grunde um einseitige True-Crime-Dokus und wie die quasi eine
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Paralleljustiz schaffen. Speziell um die Michael-Jackson-Doku, in der zwei Missbrauchsopfer sprechen.
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Und du hast ja gerade den ersten Teil gesehen, ne?
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Ja, aber an diese Nachricht kann ich mich nicht erinnern, dass ich die gesehen habe. Aber ja,
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genau, ich habe den ersten Teil jetzt gesehen und bin total deprimiert und erschrocken und will
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nicht weitergucken.
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Wirklich? Ist so schlimm?
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Ja, also ich wĂŒrde jedem Michael-Jackson-Fan davon abraten, sie anzugucken, auf jeden Fall. Man
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ist super verstört danach und ja, keine Ahnung, sieht alles mit anderen Augen. Ich meine, das
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gibt es ja schon seit, ich glaube, die ersten Anschuldigungen oder Behauptungen von sexuellem
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Missbrauch waren schon 1993. Also das weiĂ jeder, dass es diese Behauptungen gab und dass
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es auch Verfahren gab. Aber irgendwie, keine Ahnung, als Michael-Jackson-Fan hat man das irgendwie
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verdrÀngt und weil er ja auch freigesprochen wurde und so weiter. Ja, und wenn man aber
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diese Doku dann guckt, dann kann man das irgendwie nicht verdrÀngen, ja.
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Und genau darum geht es so ein bisschen in dem Artikel, denn der sagt, dass Leaving Neverland
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quasi die perfekte Anklage ist und prangert eben an, dass diese Art der True-Crime-Dokumentation
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quasi keinen Widerspruch zulassen und du dann am Ende aus dem Kino rausgehst mit dem GefĂŒhl,
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okay, er war es, obwohl es eigentlich noch berechtigte Zweifel daran geben sollte. Und eine Dokumentation
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ist in unserem VerstĂ€ndnis, darĂŒber haben wir ja auch schon mal in Folge 13, als wir
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uns Making a Murderer gewidmet haben, auch schon mal gesprochen, eigentlich etwas, was beide
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Seiten beleuchten sollte. Ja. Und das tut sie eben in diesem Fall hier nicht. Und solche
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Dokumentationen sind eben doch auch schon manchmal wichtig, schreibt der Autor, damit man eben
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Panzerungen von mÀchtigen Kreisen, wie zum Beispiel der Filmindustrie, wie bei Harvey Weinstein,
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aufsprengen kann, um aufzuklĂ€ren. Und in dem Artikel heiĂt es dann, dass Netflix ja aber in erster
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Linie kommerzielle Interessen hat. Und da bezieht er sich auf Making a Murderer. Und das sieht man ja auch
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gerade bei der zweiten Staffel. Aber die Idee dahinter war ja eigentlich mal eine andere. Diese beiden
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Autorinnen hatten ja irgendwann einfach diese Idee, alles zu begleiten und das spÀter an Netflix
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verkauft. Deswegen finde ich, hinkt dieser Vergleich so ein bisschen. Aber bei Michael Jackson finde ich es eben in
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diesem Fall so bitter, weil er halt tot ist und weil er nicht die Chance hat, sich dagegen jetzt zu wehren. Und als
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ihm damals der Prozess gemacht wurde, da konnte er sich wehren und er wurde freigesprochen. Ich finde es
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natĂŒrlich aber gut, dass, wenn es wirklich so ist, das Opfer dann auch irgendwann Gehör bekommen.
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Ja, ich glaube, wenn du die
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Doku anguckst, dann
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verstehst du, oder man
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versteht dann ein bisschen mehr, warum
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die eventuell so lange gewartet haben,
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darĂŒber wirklich eine Doku zu machen.
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Weil diese Kinder auch so eine
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enge Bindung zu ihm hatten
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und ihm auch versprochen haben,
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das niemals zu sagen.
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Die hatten so eine ganz ambivalente Beziehung
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zu ihm. Also das ist das, was
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die MÀnner in der Doku erzÀhlen.
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Da kommt es so ein bisschen so rĂŒber, als wĂŒrden sie sich das jetzt erst trauen.
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Und dass sie ihm auch wirklich nicht in den RĂŒcken fallen wollten, als er noch gelebt hat.
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Das kann ja auch sein, das ist ja bei Vergewaltigungsopfern auch ganz oft so, dass sie erst
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spĂ€ter sich Ă€uĂern können und trauen, weil sie dann auch bestimmte Zeit brauchten, um was zu verarbeiten.
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Hier finde ich es nur so problematisch, dass diese Dokumentation die andere Seite halt gar nicht beleuchtet.
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Lea wollte aber von uns eigentlich wissen,
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in welcher Rolle wir uns selbst da sehen.
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Das ist ja eine interessante Frage.
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Ja, also wenn ich
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einen Fall recherchiere,
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versuche ich auch,
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so neutral wie möglich
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Klar will man ja eine spannende
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Geschichte erzÀhlen,
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aber oft, finde ich,
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machen wir es ja auch so, dass wir zeigen,
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dass halt eben auch die TĂ€ter
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oft Opfer in AnfĂŒhrungszeichen waren oder sind,
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wenn wir ihren Hintergrund erzÀhlen
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und zeigen, dass oft eben psychische Krankheiten
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fĂŒr dieses Verhalten verantwortlich sind.
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Wie siehst du das?
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Wir beleuchten ja nicht nur eine Seite
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und deswegen runtergebrochen
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auf unseren Podcast bin ich der Meinung,
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dass wir ziemlich weit weg von
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Making a Murderer zum Beispiel sind.
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zumindest geben wir uns immer gröĂte MĂŒhe,
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auch ein wenig TÀterverstÀndnis aufzubringen
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und nicht nur in die eine Richtung zu berichten,
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wobei wir natĂŒrlich sagen mĂŒssen,
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dass unser MitgefĂŒhl immer bei den Opfern ist.
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Dann fange ich mal an mit meinem Fall, oder?
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Mein Fall, diese Folge, zeigt,
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dass ein Kindheitstraum Wirklichkeit werden kann,
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auch wenn alle Zeichen dagegen sprechen.
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Wir schreiben das Jahr 1985.
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SchengĂŒl ist zwölf Jahre alt,
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als sie an diesem Tag in einem Saal
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des NĂŒrnberger Amtsgerichts sitzt.
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Ihr Vater hat sich mal wieder geschlagen
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und wurde deshalb verklagt.
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SchengĂŒl muss ihm jetzt helfen.
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Das MĂ€dchen soll Dolmetscherin spielen
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und die Verteidigungsrede des Vaters vortragen,
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weil der bis heute kein richtiges Deutsch spricht,
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obwohl die Familie schon vor mehr als zwölf Jahren
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nach Deutschland gekommen ist.
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Als SchengĂŒl dort mit ihrem Vater
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und dessen Anwalt auf der Anklagebank sitzt,
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öffnet sich im hinteren Teil des Saals eine TĂŒr
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und eine Frau tritt ein.
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Sie ist groà und wunderschön,
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wie sie da mit ihrem grauen Hosenanzug,
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ihren hohen Schuhen und der ledernen Aktentasche
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durch den Saal schreitet.
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Die Stimmung im Raum Àndert sich merklich
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und alle wenden sich ihr zu.
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Die Frau, die bei SchengĂŒl und allen anderen
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so einen Eindruck schwindet,
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ist die AnwÀltin der Gegenseite.
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Eine Frau, die SchengĂŒl noch ihr ganzes Leben lang begleiten wird.
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Als SchengĂŒl nach der Verhandlung
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mit ihrem Vater nach Hause fÀhrt, weià sie,
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genau so möchte sie auch mal sein.
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Und sie möchte einen grauen Hosenanzug,
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genauso wie die AnwÀltin.
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Und die schicke lederne Aktentasche,
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genauso wie die AnwÀltin.
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Diese materiellen Dinge werden fĂŒr SchengĂŒl
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Symbole von Macht und Freiheit.
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In dieser Frau hat sie ein Vorbild gefunden,
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das sie zu Hause vergeblich sucht.
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Ihre Mutter nÀmlich ist Analphabetin.
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Ihr gröĂter Wunsch ist es,
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dass SchengĂŒl mal eine in ihren Augen
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gute tĂŒrkische Hausfrau wird.
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Bildung fĂŒr Frauen hat in der Familie keinen Stellenwert.
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Und so darf SchengĂŒl nicht auf das Gymnasium,
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obwohl ihre Noten dafĂŒr locker gereicht hĂ€tten.
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Stattdessen kommt sie auf die Hauptschule
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und langweilt sich.
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Das ist ja ganz furchtbar fĂŒr ein Kind.
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Vor allem, wenn es mehr kann.
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Ja, die langweilt sich da halt nur jetzt.
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In den ersten Jahren
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denkt sie noch oft an die AnwÀltin
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im grauen Hosenanzug.
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Doch irgendwann verschwindet ihr Bild
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aus SchengĂŒls GedĂ€chtnis.
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Denn fĂŒr SchengĂŒl gibt es immer mehr
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Verpflichtungen im Haushalt
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und immer weniger Freiheiten.
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Als sie in die PubertÀt kommt,
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darf sie das Haus so gut wie gar nicht mehr verlassen.
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Ihre Mutter hat sich in den Kopf gesetzt,
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die JungfrÀulichkeit ihrer Tochter
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um jeden Preis zu beschĂŒtzen.
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SchengĂŒl darf also keine Freunde treffen,
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darf nicht auf Partys.
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Sie darf auch nicht zum Sport oder Kaffee trinken,
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weil dadurch das JungfernhÀutchen
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angeblich beschÀdigt werden könnte.
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Wusste ich bisher noch nicht.
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Genau, und wenn SchengĂŒl mal zu spĂ€t
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von ihrer Arbeit in einer Stiftefabrik
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oder vom Einkaufen kommt,
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unterstellt ihre Mutter ihr,
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sie habe sich mit MĂ€nnern getroffen.
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Als Strafe gibt es regelmĂ€Ăig SchlĂ€ge,
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am liebsten mit dem Absatz ihrer Stilettos.
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Wenn SchengĂŒl vor ihrer Hochzeit
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entjungfert werden wĂŒrde,
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wÀre das eine Katastrophe
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fĂŒr die ganze Familie.
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Bei den Hochzeiten in ihrer GroĂfamilie
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wird nach der Hochzeitsnacht
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allen Verwandten
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das blutige Bettlaken prÀsentiert,
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dass die Braut noch
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in AnfĂŒhrungszeichen rein war.
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Das ist ja ganz furchtbar.
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Das ist ja auch total demĂŒtigend.
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Das wird dann allen prÀsentiert,
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so wie so eine TrophÀe.
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Schrecklich, oder?
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Als SchengĂŒl 17 Jahre alt ist,
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erklÀrt ihre Mutter ihr eines Tages,
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dass sie heiraten wird.
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SchengĂŒl fĂ€llt aus allen Wolken
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nein, ich werde nicht heiraten.
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Ihre Mutter lÀchelt nur und sagt,
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du wirst SchengĂŒl,
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so sicher wie morgen frĂŒh die Sonne aufgeht,
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wirst du Refix Frau.
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Ich habe es ihm und seinem Vater versprochen.
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Es ist alles schon beschlossen.
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Refix ist ein entfernter Verwandter von SchengĂŒl.
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Er lebt in Ankara und hat SchengĂŒl vor vier Jahren
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zum ersten und einzigen Mal gesehen.
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In den tĂŒrkischen Familien aus der Gegend,
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aus denen die Eltern von SchengĂŒl stammen,
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ist es eine alte Tradition,
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Hochzeiten zu arrangieren.
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Auch die Ehe ihrer Eltern ist so entstanden.
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Als SchengĂŒl ihrem heimlichen Freund Thomas erzĂ€hlt,
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dass sie einen Fremden heiraten muss,
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du musst ihn doch nicht heiraten.
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Ich heirate dich und wir brennen durch.
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Doch das geht nicht.
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SchengĂŒl weiĂ genau,
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was das fĂŒr sie bedeuten wĂŒrde.
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die sich gegen den Willen der Eltern stellt
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und ein Leben nach ihren Vorstellungen fĂŒhrt,
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ist in den Augen ihrer Eltern
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ein gefallenes Wesen,
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eine schlechte Frau,
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die die Ehre der gesamten Familie
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SchengĂŒl weiĂ,
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wenn sie das machen wĂŒrde,
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wĂŒrde ihre Familie sie aufspĂŒren,
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womöglich nach Anatolien verschleppen
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und dort verheiraten.
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Oder man wĂŒrde gleich
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zu noch drastischeren Mitteln greifen.
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In ihrer Familie steht Ehre
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nĂ€mlich ĂŒber allem anderen,
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auch ĂŒber dem deutschen Gesetz.
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Und diese Ehre mĂŒsste auf jeden Fall
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wiederhergestellt werden,
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wenn SchengĂŒl so etwas wagen wĂŒrde.
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FĂŒr die Familie und fĂŒr sie selbst.
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SchengĂŒl bleibt also nichts anderes ĂŒbrig,
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als diesen Mann zu heiraten.
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Im FrĂŒhjahr 1992
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kommt Refik dann nach NĂŒrnberg.
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Zur BegrĂŒĂung gibt er SchengĂŒl die Hand
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und eine eisige KĂ€lte
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durchflieĂt ihren Körper.
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Nein, in diesen Mann
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werde ich mich nie verlieben können,
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Doch Refik bleibt.
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Ein paar Tage nach dem Kennenlernen
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gehen die beiden durch den Park.
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FĂŒr SchengĂŒl ist das ein besonderes Erlebnis,
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weil sie ja sonst nie raus darf.
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Da sagt Refik plötzlich zu ihr,
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ich will Sex mit dir.
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SchengĂŒl glaubt,
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sich verhört zu haben.
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In ihrer Familie
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und auch in seiner
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kommt Sex vor der Hochzeit
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SchengĂŒl weist Refik in die Schranken,
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dass sowas unmöglich sei.
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Als ihnen dann nach einigen Minuten
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ein Jogger mit einer sehr engen Hose entgegenkommt,
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muss SchengĂŒl lachen.
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wie das wackelt bei dem.
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Als der Jogger um die Ecke biegt,
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spĂŒrt SchengĂŒl plötzlich einen Schlag.
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Refik hat ihr heftig mit der Faust
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ins Gesicht geschlagen.
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Immer weiter prĂŒgelt er
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auf seine zukĂŒnftige Ehefrau ein.
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Du findest also andere SchwÀnze geil,
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aber mir verweigerst du dich,
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so habe sie das nicht gemeint
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und fleht ihn an aufzuhören.
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Doch Refik prĂŒgelt,
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bis die Polizei kommt.
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Die Beamten legen Refik Handschellen an
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und fragen SchengĂŒl,
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wer ist dieser Mann?
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Als SchengĂŒl die Polizisten auch noch bittet,
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sie einfach nur nach Hause zu bringen
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und ihren Eltern nichts zu sagen,
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sind die Beamten fassungslos.
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Den wollen sie heiraten?
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Sind sie sich da ganz sicher?
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denkt SchengĂŒl,
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als lebe sie mitten in Deutschland
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auf einer Art Insel,
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die fĂŒr andere unsichtbar ist.
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Diese Insel heiĂt Familie
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und nur mit der Erlaubnis
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oder bald ihres Ehemanns
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darf sie diese Insel
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fĂŒr einen kurzen Ausflug verlassen.
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Die Deutschen können die Insel nicht sehen.
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DafĂŒr sorgen diejenigen,
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die auf der Insel das Sagen haben.
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bei ganz besonderen VorfÀllen,
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wird diese Insel
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fĂŒr einen kurzen Augenblick
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auch fĂŒr die anderen Menschen
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in Deutschland sichtbar.
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Dann schĂŒtteln sie den Kopf
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und verstehen die Welt nicht mehr.
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Dies ist einer dieser Augenblicke.
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Doch es wird noch schlimmer.
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Ein paar NÀchte spÀter
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kommt Refik in SchengĂŒls Zimmer
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und vergewaltigt sie zum ersten Mal.
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Und schon im Juli
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ist SchengĂŒl schwanger.
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Vor der Hochzeit?
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Eine Katastrophe,
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weil die beiden eben noch
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nicht verheiratet sind.
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Bei ihrer Hochzeit im August
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versteckt SchengĂŒl ihre Schwangerschaft.
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Und in der Hochzeitsnacht
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schneidet sich Refik in den Finger
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und wischt sein Blut
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auf dem weiĂen Bettlaken ab,
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um allen GĂ€sten zu beweisen,
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eine Jungfrau war.
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Dass er sie gegen ihren Willen
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Wochen zuvor entjungfert,
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und auch noch geschwÀngert hat,
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wird verschwiegen.
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gehört SchengĂŒl nicht mehr
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sondern ihrem Ehemann
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und der Albtraum
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in der sie regelmĂ€Ăig
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misshandelt wird,
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denkt SchengĂŒl oft
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an die AnwÀltin
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im grauen Hosenanzug zurĂŒck
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sie selbst wÀre diese Frau
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und hÀtte ihr Leben.
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So schafft sie es immer wieder
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Kraft fĂŒr ihren Alltag zu tanken.
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Irgendwann vertraut sich
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SchengĂŒl ihrer Mutter an,
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erzÀhlt ihr das Refik
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sie immer wieder vergewaltigt.
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Die Antwort ihrer Mutter darauf?
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Wieso muss er dich zwingen?
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Es ist deine heilige Pflicht
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als Ehefrau, das zu tun.
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Du musst ihn glĂŒcklich machen.
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ich muss kurz wirken.
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WĂ€hrend der Ehe
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bricht Refik seiner Frau
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mehrmals die Nase,
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und sorgt fĂŒr GehirnerschĂŒtterung.
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nach der Geburt ihrer Tochter
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erhebt er auch erstmals
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seine Hand gegenĂŒber dem Kind.
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Also er schlÀgt das Baby.
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dass er mit der Gewalt
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gegen seine Tochter
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SchengĂŒl quĂ€len kann
00:13:51
und deshalb werden die SchlÀge
00:13:52
gegen das Kind zur Routine.
00:13:54
Irgendwann traut sie SchengĂŒl
00:13:55
ins Frauenhaus zu fliehen.
00:13:56
Doch nach kurzer Zeit
00:13:58
geht sie zurĂŒck.
00:13:59
dass sie dort nicht bleiben kann.
00:14:00
Doch sie hat erkannt,
00:14:02
dass sie etwas Àndern muss,
00:14:03
um dieser Ehe zu entkommen
00:14:04
und dafĂŒr braucht sie Geld.
00:14:05
Also geht SchengĂŒl
00:14:09
Der Sachbearbeiter
00:14:11
dass sie fĂŒr BĂŒrojobs
00:14:12
mindestens die mittlere Reife braucht.
00:14:14
SchengĂŒl hat nur
00:14:15
einen Hauptschulabschluss
00:14:16
und meldet sich deshalb
00:14:16
zur PrĂŒfung an.
00:14:17
Doch diese besteht sie nicht.
00:14:20
Wir können sie nicht aufnehmen,
00:14:21
sagt eine der Damen
00:14:22
der PrĂŒfungskommission
00:14:24
bricht weinend zusammen.
00:14:25
Sie erklÀrt der Kommission,
00:14:27
dass es hier nicht nur
00:14:27
um eine Ausbildung geht,
00:14:30
und das ihrer Tochter
00:14:31
Sie fleht nach der Möglichkeit,
00:14:33
trotzdem nicht bestanden,
00:14:34
PrĂŒfung machen zu dĂŒrfen.
00:14:36
Die drei Kommissionsmitglieder
00:14:37
bitten sie kurz vor die TĂŒr
00:14:39
um sich zu beraten.
00:14:39
SchlieĂlich rufen sie
00:14:41
SchengĂŒl wieder herein
00:14:42
wir wollen Ihnen
00:14:43
eine Chance geben.
00:14:45
Und SchengĂŒl weint vor Freude.
00:14:46
Reife schafft sie nur
00:14:49
zur Steuerfachgehilfe zu machen,
00:14:50
weil sie so mehr Geld
00:14:52
Ab diesem Zeitpunkt
00:14:57
zwischen zwölf und drei Uhr,
00:14:58
weil Reife ihr es sonst verbietet.
00:14:59
Auch die AbschlussprĂŒfung
00:15:01
im Dezember 1996
00:15:02
will er ihr verbieten.
00:15:03
Du gehst da nicht hin,
00:15:05
Und ob ich da hingehe
00:15:07
und wenn ich die PrĂŒfung schaffe,
00:15:08
dann siehst du mich nie wieder.
00:15:09
Obwohl Reife SchengĂŒl
00:15:11
am Tag vor der PrĂŒfung
00:15:12
so heftig verprĂŒgelt,
00:15:14
dass sie sich die rechte Hand
00:15:15
mit der linken halten muss,
00:15:16
um ĂŒberhaupt schreiben zu können,
00:15:17
besteht sie die PrĂŒfung
00:15:19
und fÀngt in einer Steuerkanzlei
00:15:23
wertgeschÀtzt und gelobt zu werden.
00:15:25
Auch mit ihren Kollegen
00:15:26
versteht sie sich sehr gut.
00:15:27
Als sie an einem Abend
00:15:29
nach einer Einweihungsparty,
00:15:31
auf der sie ihr erstes Glas
00:15:32
nach Hause kommt,
00:15:33
eskaliert die Situation
00:15:34
zwischen ihr und Reife.
00:15:35
Reife rastet so aus,
00:15:37
dass er die gemeinsame Tochter
00:15:38
erstmals vor SchengĂŒls Augen
00:15:41
Als SchengĂŒl das sieht,
00:15:42
kippt ein Schalter bei ihr um.
00:15:44
Sie holt sich einen GĂŒrtel
00:15:45
und zieht ihn so heftig
00:15:46
um Reifigs Hals,
00:15:47
bis der bewusstlos
00:15:49
Sie greift zum Telefon
00:15:50
und ruft ihren Bruder an.
00:15:52
sonst ist einer von uns beiden
00:15:53
Am nÀchsten Tag
00:15:55
geht SchengĂŒl zum Anwalt
00:15:56
und reicht die Scheidung ein.
00:15:57
Ach, Entschuldigung,
00:15:58
er ist aber nicht,
00:15:59
sie hat den jetzt nicht
00:16:00
bis zu Tode gewirkt.
00:16:01
Nein, der war nur bewusstlos quasi.
00:16:04
Als die Papiere bei Reifig ankommen,
00:16:06
fÀhrt der zu Schengels Arbeit
00:16:08
und will sie dort konfrontieren.
00:16:09
Als sie vor die TĂŒr
00:16:10
der Kanzlei kommt,
00:16:11
verprĂŒgelt er sie
00:16:12
auf offener StraĂe
00:16:13
krankenhausreif.
00:16:15
kommt dazu geeilt,
00:16:16
hÀlt Reifig von hinten fest,
00:16:19
ruft die Polizei.
00:16:19
Reifig wird festgenommen,
00:16:22
wieder freigelassen.
00:16:26
In den darauffolgenden Tagen
00:16:27
bekommt Schengels Familie
00:16:28
immer wieder Anrufe.
00:16:29
Schengel solle aufpassen,
00:16:31
Reifig wÀre mit einer Waffe
00:16:32
auf dem Weg zurĂŒck
00:16:33
nach Deutschland.
00:16:33
Schengels Mutter
00:16:35
begegnet ihrer Tochter
00:16:36
daraufhin nur mit den Worten
00:16:39
ĂŒber uns gebracht.
00:16:40
Am 7. August 1997
00:16:43
ist Schengel gerade
00:16:44
im zweiten Stock
00:16:45
des Hauses ihrer Familie,
00:16:46
als sie von drauĂen
00:16:48
von Autoreifen hört.
00:16:49
dass jetzt etwas Schreckliches
00:16:51
Dann hört sie das Knallen
00:16:53
und einen Schuss.
00:16:54
Reifig kommt die Treppe
00:16:56
und zielt mit einer Waffe
00:16:57
Insgesamt drĂŒckt er
00:16:59
Dann rennt er raus
00:17:01
und fÀhrt davon.
00:17:02
Schengel ĂŒberlebt.
00:17:04
Wie durch ein Wunder
00:17:05
hat Reifig sein Ziel
00:17:07
ganze achtmal verfehlt.
00:17:09
ein Foto von ihr,
00:17:11
wo sie ihre Tochter
00:17:14
und so auf die Decke zeigt
00:17:16
und in der sieht man
00:17:17
halt die Einschusslöcher.
00:17:22
in die gemeinsame Wohnung,
00:17:24
und schieĂt sich schlieĂlich
00:17:25
selbst in den Kopf.
00:17:26
und fĂŒr Schengel
00:17:27
ist der Albtraum vorbei.
00:17:31
sagt ihre Tochter
00:17:32
nach der Tat zu ihr.
00:17:35
Nach einer Weile
00:17:36
fĂŒgt die VierjĂ€hrige hinzu,
00:17:39
dass alle wollten,
00:17:39
dass du stirbst,
00:17:40
aber jetzt ist er gestorben
00:17:42
und das ist richtig so,
00:17:43
denn er war böse.
00:17:45
Das sagt die VierjÀhrige.
00:17:46
das sagt die VierjÀhrige.
00:17:47
Auch was fĂŒr ein Witz,
00:17:48
dass die das schon kapiert,
00:17:51
bei der Elternteile
00:17:53
wohlwissend ausgelöscht hÀtte
00:17:55
und dann das Kind
00:17:57
da zurĂŒckgeblieben wĂ€re.
00:18:02
dieser normale Reflex
00:18:09
was der Papa da macht,
00:18:10
weil die noch nicht
00:18:12
quasi gelernt hat
00:18:13
oder so sozialisiert worden ist,
00:18:16
wiederherstellen soll
00:18:17
Das kriegt das Kind
00:18:19
ja noch gar nicht mit,
00:18:20
sondern das sieht einfach,
00:18:22
und was nicht falsch ist
00:18:23
und wenn ihr Vater
00:18:25
ihr immer Schmerzen
00:18:28
aber dass sie das
00:18:28
dann auch so ausspricht,
00:18:30
das war dann auch
00:18:32
total ĂŒberraschend
00:18:33
und traurig zu sehen,
00:18:34
dass sie das halt
00:18:35
alles so mitbekommen hat.
00:18:36
Nach dem versuchten
00:18:37
Ehrenmord an ihr
00:18:39
ihr Leben in die Hand.
00:18:40
Sie arbeitet Tag und Nacht,
00:18:41
zieht mit ihrer Tochter
00:18:42
in eine gröĂere Wohnung,
00:18:43
lernt ihren Traummann kennen,
00:18:45
mit dem sie auch
00:18:45
einen Sohn bekommt,
00:18:46
macht eine Therapie
00:18:48
und wird Steuerberaterin.
00:18:49
Eines Tages fÀhrt sie
00:18:51
zur Uni Erlangen,
00:18:52
weil sie prĂŒfen lassen will,
00:18:53
ob sie mit ihrer Qualifikation
00:18:54
ein Jurastudium beginnen dĂŒrfe,
00:18:56
auch ohne Abitur.
00:18:57
Dort erhÀlt sie
00:18:59
die schriftliche Zusage.
00:19:00
Als sie sich wieder
00:19:03
bekommt sie einen Weinkrampf.
00:19:05
du hast es geschafft,
00:19:06
sagt sie sich unglÀubig.
00:19:09
hat sie die wunderschöne AnwÀltin
00:19:11
die ihr stets Kraft gegeben hat,
00:19:12
aber weit weg erschienen
00:19:14
Heute geht Schengel
00:19:15
selbst im grauen Hosenanzug
00:19:18
kann mittlerweile
00:19:19
sechs lederne Aktentaschen
00:19:20
ihr eigen nennen
00:19:21
und hÀlt ihre Zulassung
00:19:25
Oh, das zieht gerade in meiner Nase.
00:19:27
Das passiert immer,
00:19:28
wenn ich weinen muss.
00:19:29
Und mit ihrer Familie?
00:19:34
Mit ihrer Familie
00:19:36
hatte sie erst mal
00:19:37
gar keinen Kontakt mehr,
00:19:38
aber mittlerweile
00:19:40
haben sie wieder Kontakt.
00:19:41
Sie hat sich auch
00:19:42
mit ihrer Mutter
00:19:45
die sind aber zurĂŒck
00:19:46
in die TĂŒrkei gezogen,
00:19:49
ist fĂŒr Schengel
00:19:50
vielleicht auch besser.
00:19:51
Hat sie sich aktuell
00:19:55
da irgendwie noch mal
00:19:56
Also sie hat ihr Leben
00:19:58
dann irgendwann aufgeschrieben,
00:20:04
und das war auch
00:20:05
meiner Recherche.
00:20:09
die in Àhnlichen
00:20:10
Situationen sind
00:20:13
immer wieder weinen,
00:20:14
weil ich nicht glauben konnte,
00:20:15
dass was fĂŒr ein Unrecht
00:20:17
die eigene Familie
00:20:19
ihr quasi angetan hat
00:20:20
und mit was fĂŒr einer Kraft
00:20:22
sie sich da quasi
00:20:23
rausgekÀmpft hat
00:20:24
und immer so viel
00:20:27
und gleichzeitig
00:20:28
noch diese ganzen
00:20:28
HausfrauentÀtigkeiten,
00:20:31
und das Kind erzogen
00:20:33
und dann immer noch
00:20:37
Da war ich total beeindruckt
00:20:39
und ich fand auch
00:20:41
ziemlich treffend.
00:20:44
war quasi ihre Insel,
00:20:46
nicht sichtbar war
00:20:47
und erst sichtbar wurde,
00:20:49
schrecklichen Dinge passieren,
00:20:50
wie eben die Gewalt
00:20:51
auf offener StraĂe
00:20:52
oder ja letztendlich
00:20:53
der Ehrenmordanschlag.
00:20:54
Wir schĂŒtteln dann
00:20:55
tatsÀchlich den Kopf
00:20:56
und verstehen die Welt
00:20:57
Um vielleicht ein bisschen
00:20:59
VerstÀndnis aufbringen
00:21:00
habe ich mich in das Thema
00:21:02
Ehrenmord eingelesen
00:21:03
und mit der Islamkritikerin
00:21:07
in einer muslimischen
00:21:08
Familie aufwuchs,
00:21:08
in der sie Gewalt
00:21:10
und UnterdrĂŒckung
00:21:13
Offizielle Statistiken
00:21:15
zu der HĂ€ufigkeit
00:21:17
Laut einer Untersuchung
00:21:18
der Vereinten Nationen
00:21:19
gibt es weltweit
00:21:20
etwa 5000 jÀhrlich.
00:21:22
Die dunkle Ziffer
00:21:23
liegt natĂŒrlich deutlich höher.
00:21:25
sind ein PhÀnomen
00:21:27
des Nahen und Mittleren Ostens
00:21:28
und Zentralasiens.
00:21:30
SchÀtzungen zufolge
00:21:32
aller Ehrenmorde
00:21:33
in islamischen Familien
00:21:35
Allerdings gibt es
00:21:36
fĂŒr den Ehrenmord
00:21:37
in der islamischen
00:21:38
Gesetzgebung der Scharia
00:21:41
du musst eine Frau töten,
00:21:42
die Schande ĂŒber deine
00:21:43
Familie gebracht hat.
00:21:44
Es hÀngt vielmehr
00:21:45
mit bestimmten Traditionen
00:21:47
in den Herkunftsgebieten
00:21:48
der Familien zusammen.
00:21:49
Seitdem immer mehr
00:21:51
tĂŒrkisch-islamischen
00:21:52
Menschenkulturen
00:21:53
nach Deutschland kommen,
00:21:54
gibt es Ehrenmorde
00:21:55
vereinzelt auch hier bei uns.
00:21:58
findet sich die Seite
00:21:59
www.ehrenmord.de
00:22:00
und bei den Betreibern
00:22:03
um Privatpersonen
00:22:04
und die haben sich
00:22:05
halt zur Aufgabe gemacht,
00:22:07
zu dokumentieren,
00:22:09
ihrer Recherche finden.
00:22:13
mit Kurzbeschreibung
00:22:15
zu den jeweiligen
00:22:17
Zeitungsberichten.
00:22:18
Und da es sich hier
00:22:20
nicht um eine offizielle
00:22:22
aber ohne GewÀhr.
00:22:23
Aber was denkst du denn,
00:22:25
wie viele FĂ€lle
00:22:26
fĂŒr 2017 gefunden haben?
00:22:28
Naja, schwierig,
00:22:30
aber wenn man sagt
00:22:31
5000 jÀhrlich weltweit,
00:22:35
2017 wurden in Deutschland
00:22:39
und drei ungeborene Kinder
00:22:40
durch einen Ehrenmord
00:22:44
waren gescheitert.
00:22:47
kamen am hÀufigsten
00:22:48
aus der TĂŒrkei,
00:22:51
ist zwar sehr hoch,
00:22:53
aber sie zeigt auch,
00:22:54
dass die meisten Menschen
00:22:55
aus tĂŒrkisch-islamischen Kulturen
00:22:57
nicht als Lösung
00:22:58
fĂŒr ihre Probleme
00:22:59
in Betracht ziehen wĂŒrde.
00:23:00
Sonst hÀtten wir
00:23:01
natĂŒrlich viel mehr.
00:23:02
Wir haben ja sehr viele Leute
00:23:03
aus diesen Kulturen
00:23:04
auch in Deutschland.
00:23:05
Ja, natĂŒrlich nicht,
00:23:07
weil die meisten Menschen
00:23:08
auch Gehirnzellen haben.
00:23:10
Also das waren jetzt
00:23:14
Aber um zu verstehen,
00:23:15
wie es zu so einem
00:23:16
Ehrenmord kommen kann,
00:23:17
muss man die Kultur
00:23:18
in diesen Familien
00:23:19
und ihren Ehrebegriff verstehen.
00:23:21
Und da es mir viel sinnvoller vorkommt,
00:23:23
das von einer Person
00:23:24
erklÀren zu lassen,
00:23:25
die auch aus dieser Kultur
00:23:26
stammt und sie versteht,
00:23:28
habe ich die Autorin
00:23:31
Sana Ramadani gefragt.
00:23:32
Was ist denn ĂŒberhaupt Ehre
00:23:34
in solchen Familien
00:23:35
und wie unterscheiden?
00:23:37
Und wie unterscheidet er sich
00:23:37
von unserem Ehrebegriff?
00:23:37
Die Ehre in solchen
00:23:39
muslimischen Gemeinschaften
00:23:40
wird ĂŒber die SexualitĂ€t
00:23:41
der Frau definiert.
00:23:43
Die Ehre ist zum Beispiel
00:23:45
gleichzusetzen mit dem
00:23:46
Machtanspruch des Mannes
00:23:48
gegenĂŒber der Frau
00:23:50
ĂŒber das Individuum.
00:23:51
Wie sage ich immer so schön,
00:23:53
die Ehre des Mannes
00:23:56
liegt zwischen den Beinen
00:23:58
in der muslimischen Gesellschaft.
00:24:00
Sane hat mir auĂerdem erzĂ€hlt,
00:24:12
dass man sich die Ehre
00:24:14
im tĂŒrkischen Namus
00:24:16
sondern sie verteidigt.
00:24:17
Und wer sie nicht verteidigt,
00:24:19
der wird ein ehrenloser Mann,
00:24:22
Existenzberechtigung mehr hat.
00:24:23
Dann habe ich sie noch gefragt,
00:24:26
wann wird denn diese Ehre verletzt,
00:24:27
sodass es dann zu so etwas
00:24:28
wie einem Ehrenmord kommt?
00:24:30
Wenn zum Beispiel eine Frau
00:24:32
selbstbestimmt mit ihrem Körper
00:24:34
handelt, umgeht,
00:24:35
sogar vorehelichen
00:24:37
oder auĂerehelichen Sex hat,
00:24:39
vielleicht sogar die
00:24:41
JungfrÀulichkeit verliert,
00:24:43
bevor sie verheiratet wird,
00:24:45
dann ist sozusagen die Ehre
00:24:47
der Familie erstmal beschmutzt
00:24:50
und auch die Ehre
00:24:51
des Ehemannes dann auch
00:24:53
verletzt und beschmutzt.
00:24:54
Dann ist die Familie
00:24:55
oder der Ehemann
00:24:57
die Ehre wieder herzustellen.
00:25:00
Da gibt es zum Beispiel
00:25:01
verschiedene Stufen,
00:25:02
wie so eine Ehre
00:25:03
wiederhergestellt werden kann.
00:25:04
Es fĂ€ngt an mit Druck ausĂŒben,
00:25:06
es kommt darauf an,
00:25:07
was in AnfĂŒhrungsstrichen
00:25:11
eine Frau schon gegangen ist.
00:25:13
Also von psychischem Druck
00:25:15
dann kann es ĂŒbergehen
00:25:16
auf körperliche Gewalt,
00:25:19
Zwangsverheiratung
00:25:20
was damit zusammenhÀngt.
00:25:22
und wenn die Familie
00:25:23
oder der Ehemann
00:25:23
der Meinung ist,
00:25:25
das hilft alles noch nichts
00:25:29
sind so schlimm,
00:25:31
völlige Wiederherstellung
00:25:33
durch einen Mord
00:25:35
dann geschehen kann,
00:25:40
in AnfĂŒhrungsstrichen.
00:25:41
Und dann ist dann
00:25:42
entweder der Ehemann
00:25:44
oder die Familie
00:25:46
passiert so ein Mord
00:25:47
dann nicht im Affekt,
00:25:48
sondern wird geplant,
00:25:50
mit mehreren Familien
00:25:51
oder Clanmitgliedern.
00:25:52
Die Frau ist dann teilweise
00:25:54
komplett auf sich allein gestellt
00:25:56
und kann sich nicht mal
00:25:56
an ihre eigene Mutter wenden,
00:25:59
möglicherweise verraten wĂŒrde.
00:26:00
FĂŒr mich ist das unbegreiflich,
00:26:03
wie man da nicht helfen kann
00:26:05
Deshalb habe ich Sana gefragt,
00:26:07
warum man sich denn
00:26:09
auf die eigene Mutter
00:26:10
Also normalerweise
00:26:12
kann man das natĂŒrlich
00:26:13
nicht einfach so verstehen,
00:26:14
gerade als Mutter nicht,
00:26:16
eine Mutter einer Tochter
00:26:18
jedem alles antun,
00:26:19
aber meiner Tochter
00:26:21
Aber man muss es auch
00:26:23
die MĂŒtter helfen nicht
00:26:25
in diesen Gemeinschaften
00:26:28
die FederfĂŒhrenden
00:26:29
bei so einem Mord
00:26:30
oder solchen Taten,
00:26:32
weil sie natĂŒrlich
00:26:33
auch dementsprechend
00:26:34
sozialisiert worden sind
00:26:37
Sie haben dieses System,
00:26:39
das Frauen zur Ware,
00:26:42
zur Sklaven macht,
00:26:43
so verinnerlicht,
00:26:45
an die Richtigkeit
00:26:47
Der andere Grund
00:26:53
fĂŒr die Aufrechterhaltung
00:26:55
zustÀndig sind.
00:26:59
erziehen die Kinder
00:27:00
und wenn eine Mutter
00:27:03
ehrenhaften Frau
00:27:05
und dieses MĂ€dchen
00:27:09
dann ist die Mutter
00:27:11
mit die Hauptverantwortliche
00:27:16
vergessen werden darf,
00:27:18
in diesen Familien
00:27:19
sind nicht weniger
00:27:20
Opfer ihrer Kultur
00:27:23
seltener persönlich
00:27:24
darunter zu leiden haben
00:27:25
und das erklÀrt uns
00:27:28
Es ist sehr schwierig
00:27:29
in solchen Gemeinschaften
00:27:33
Man muss das so sehen,
00:27:34
alle sind auf gewisse Art
00:27:36
sozialisiert worden.
00:27:39
dieser Gesellschaft
00:27:41
oder die gröĂeren
00:27:41
NutznieĂer MĂ€nner.
00:27:42
Aber das bedeutet nicht,
00:27:45
dass sie unter diesem System
00:27:46
nicht MĂ€nner auch leiden.
00:27:48
Wenn man einfach
00:27:52
so erzogen worden ist,
00:27:54
dann ist es sehr schwer
00:27:56
von der eigenen Erziehung
00:27:57
sich loszusagen,
00:27:58
von der Community
00:28:00
und selbstbestimmt zu leben,
00:28:03
wenn man vielleicht sogar
00:28:06
dieses Wertesystemes
00:28:09
Wir haben ja in Folge 14
00:28:10
schon ĂŒber Gewalt
00:28:11
in der Partnerschaft
00:28:14
jeden dritten Tag
00:28:15
ein Mann seine Partnerin
00:28:16
oder Ex-Partnerin
00:28:19
an seiner eigenen Ehefrau
00:28:21
in allen Kulturen.
00:28:22
Die meisten dieser Morde
00:28:24
werden dann aber
00:28:24
nicht als Ehrenmorde
00:28:26
weil sich der Mann
00:28:27
im Nachhinein auch nicht
00:28:28
auf seine Ehre bezieht.
00:28:29
Aber diese MĂ€nner
00:28:30
handeln oft aus Àhnlichen
00:28:31
Motiven wie die Ehrenmörder.
00:28:33
Der Mann fĂŒhlt sich zum Beispiel
00:28:35
oder in seiner MĂ€nnlichkeit
00:28:36
weil die Frau ihm fremdgegangen ist
00:28:38
oder ihn verlassen will
00:28:39
oder bereits verlassen hat.
00:28:40
Ein wichtiger Unterschied
00:28:42
dass sich die Familie
00:28:43
in der Regel nicht
00:28:44
in der Regel nicht gegen die Frau stellt
00:28:45
und sie deshalb viel mehr
00:28:47
Und ein weiterer Unterschied
00:28:48
liegt im Unrechtsbewusstsein.
00:28:49
Ein Ehrenmörder ist sich in der Regel
00:28:51
keiner Schuld bewusst.
00:28:52
Die Frage aller Fragen ist also,
00:28:54
wie können wir Ehrenmorde verhindern?
00:28:56
Schengel kritisiert in ihrem Buch,
00:28:58
dass in Deutschland
00:28:59
in den vergangenen 40 Jahren
00:29:00
keine konsequente Migrationspolitik
00:29:02
betrieben wurde.
00:29:03
Ihre Kritik ist erstaunlich aktuell,
00:29:05
wenn man bedenkt,
00:29:06
dass das Buch von 2011 ist.
00:29:09
Schengel hat sich auch einige Gedanken gemacht
00:29:30
fĂŒr eine funktionierende Integrationspolitik.
00:29:32
Sie fordert zum Beispiel
00:29:34
ein Integrationsamt
00:29:35
und einen Integrationsminister,
00:29:36
um die Verantwortung
00:29:37
in einer zentralen Stelle zu bĂŒndeln.
00:29:39
AuĂerdem ist sie
00:29:41
fĂŒr SonderspĂ€tförderprogramme,
00:29:42
wo Menschen mit Migrationshintergrund
00:29:44
AbschlĂŒsse nachmachen können
00:29:45
und staatliche Sozialleistungen
00:29:47
in Form von Bildungsgutscheinen
00:29:48
ausgegeben werden
00:29:49
und nicht einfach nur Geld,
00:29:51
das die Eltern dann
00:29:52
fĂŒr ihre Zwecke nutzen können,
00:29:53
dass es ganz gezielt
00:29:55
den Kindern zugefĂŒgt wird.
00:29:56
Vor allem ist ihr eben
00:29:57
die Förderung von Kindern
00:30:01
wir können es uns nicht leisten,
00:30:03
das Potenzial der Menschen
00:30:04
brach liegen zu lassen.
00:30:05
Das ist natĂŒrlich so wahr
00:30:07
aus dem Mund von einer Frau,
00:30:09
immer schon gesteckt hat
00:30:11
und was immer zurĂŒckgehalten wurde.
00:30:14
Ich finde das ganz furchtbar,
00:30:15
wenn man jemanden
00:30:16
den Verstand einschrÀnkt.
00:30:17
Und ich finde natĂŒrlich
00:30:19
dieses ganze patriarchalische
00:30:21
ganz, ganz schlimm.
00:30:23
Und mich macht so ein Fall
00:30:24
dann auch immer so wĂŒtend,
00:30:26
weil das so weit weg ist
00:30:30
und sozialisiert wurden.
00:30:31
Ja, und deswegen finde ich auch
00:30:34
so gut mit der Insel,
00:30:34
weil es ist wirklich so,
00:30:36
dass wir können es ja
00:30:37
ĂŒberhaupt nicht nachvollziehen,
00:30:39
auf die Idee kommen könnte,
00:30:41
dass man umgebracht werden muss,
00:30:44
wenn man zum Beispiel
00:30:46
oder Sex vor der Ehe hatte
00:30:51
die eigene Familie
00:30:52
und oft ist es so,
00:30:52
dass die jĂŒngsten Geschwister,
00:30:55
die jĂŒngsten BrĂŒder
00:30:56
das dann machen mĂŒssen,
00:30:58
weil die Strafe fĂŒr die
00:30:59
dann am geringsten ist.
00:31:00
Stell dir mal vor,
00:31:01
ein junger Mann,
00:31:03
also vielleicht noch 16, 17,
00:31:05
wird dann von der Familie beauftragt,
00:31:07
die eigene Schwester,
00:31:08
die er vielleicht ĂŒber alles liebt
00:31:09
und er ist vielleicht
00:31:11
nicht der Meinung,
00:31:12
wie die Familie,
00:31:13
dass sie die Ehre
00:31:14
und dann wird er dazu gezwungen
00:31:16
und dann muss er danach
00:31:17
Wegen dieser Idee,
00:31:19
Das ist halt so,
00:31:20
das ist so unglaublich
00:31:23
FĂŒr mich hört sich das auch so an,
00:31:25
als ob die Frauen
00:31:26
tatsÀchlich die einzigen sind,
00:31:27
die in der Lage wÀren,
00:31:28
diese Ehre ĂŒberhaupt
00:31:30
Inwiefern kann ein Mann
00:31:32
die Ehre der Familie
00:31:33
Indem er homosexuell ist
00:31:36
Aber es hat immer was
00:31:37
mit der SexualitÀt zu tun.
00:31:39
Meistens ist es so,
00:31:40
es gibt aber auch
00:31:41
andere Arten von Ehre,
00:31:42
wenn irgendwas finanziell,
00:31:44
wenn etwas finanziell
00:31:46
quasi nicht ehrenhaft gemacht wird.
00:31:48
Das gibt es zum Beispiel auch.
00:31:50
kommen diese Ehrenmorde,
00:31:52
wie wir sie jetzt kennen
00:31:53
und wie ich den beschrieben habe,
00:31:56
durch diese SexualitÀt,
00:31:58
die die Ehre eigentlich
00:31:59
hÀtte waren sollen sozusagen.
00:32:01
Ich möchte kurz was schildern,
00:32:03
furchtbar verwirrt hatte.
00:32:04
Ich kannte aber nicht
00:32:05
beide MĂŒtter persönlich,
00:32:06
deswegen will ich jetzt
00:32:07
auch hier nichts unterstellen.
00:32:08
Aber ich war in der Schule
00:32:09
mit einem PĂ€rchen
00:32:10
und er war TĂŒrke
00:32:11
und sie war Kurdin.
00:32:12
Und die mussten das
00:32:13
immer geheim halten,
00:32:14
weil ihre Eltern
00:32:15
das quasi ĂŒberhaupt
00:32:15
nicht toleriert hÀtten.
00:32:17
Und dann kam das aber raus,
00:32:18
weil jemand die irgendwann
00:32:19
mal zusammen im Park gesehen hatte
00:32:20
und dann gab es natĂŒrlich
00:32:21
sehr viel Ărger zu Hause
00:32:23
bei beiden Familien.
00:32:24
Und so wie ich das
00:32:26
in Erinnerung hatte,
00:32:27
waren die VĂ€ter sehr sauer darĂŒber
00:32:28
und dann haben sich aber
00:32:29
die MĂŒtter getroffen
00:32:30
und sie erzÀhlte mir das damals,
00:32:32
dass sich die MĂŒtter dann treffen.
00:32:33
Und dann dachte ich,
00:32:34
in meinem VerstÀndnis,
00:32:36
war das ein Hoffnungsschimmer,
00:32:37
dass sich jetzt die besonnenen
00:32:39
MĂŒtter zusammentun.
00:32:40
wie können wir hier
00:32:41
ein bisschen zurĂŒckhalten?
00:32:42
Wie können wir machen,
00:32:43
dass das funktioniert?
00:32:44
Und dann sagte sie zu mir,
00:32:45
nein, die reden darĂŒber,
00:32:47
wie sie uns voneinander
00:32:49
fernhalten können weiterhin,
00:32:50
aber reden miteinander darĂŒber,
00:32:53
nicht machen wĂŒrden.
00:32:54
Und das war fĂŒr mich
00:32:57
dass sich diese MĂŒtter
00:32:58
da jetzt hinsetzen
00:32:59
einen Plan aushacken,
00:33:01
wie sie diese beiden Teenager
00:33:02
voneinander fernhalten können
00:33:04
und nicht fĂŒr das GlĂŒck
00:33:05
des jeweiligen Kindes einstehen.
00:33:07
Das ist echt verrĂŒckt.
00:33:09
Und ich kann mich noch heute
00:33:10
ganz genau daran erinnern,
00:33:11
dass ich das ganz, ganz schlimm
00:33:13
fĂŒr meine Schulfreundin fand,
00:33:15
dass ihre eigene Mutter
00:33:17
einfach nicht hinter ihr stand.
00:33:18
Ja, bei Schengel war es ja auch so,
00:33:21
dass ihre Mutter
00:33:22
die ganzen Jahre
00:33:22
nicht zu ihr gehalten hat.
00:33:24
Und fĂŒr sie war es dann
00:33:26
auch so eine richtige Erleichterung,
00:33:28
sich dann endlich mal
00:33:29
ausgesprochen hatten.
00:33:30
In meinem Fall geht es um eine Familie,
00:33:33
deren Namen jeder kennt,
00:33:35
die auf der StraĂe
00:33:36
aber nicht erkannt werden will,
00:33:37
zumindest nicht nach dem,
00:33:39
was passiert ist,
00:33:39
was ihr gleich hören werdet.
00:33:41
Ihr Vermögen wird im Jahr 2016
00:33:44
auf 7,2 Milliarden Euro geschÀtzt.
00:33:46
Ihnen gehört einer
00:33:48
der einflussreichsten Familienkonzerne,
00:33:50
wozu mittlerweile
00:33:51
400 Firmen gehören.
00:33:54
macht auch angreifbar.
00:33:55
Zumindest im Fall
00:33:57
der Familie Oetker.
00:33:59
Die Tat ist schon vorbereitet.
00:34:05
Alle Vorkehrungen sind getroffen.
00:34:07
Es ist ein guter Plan
00:34:09
und er ist durchdacht.
00:34:11
Dieser Plan wird nicht scheitern,
00:34:13
wie einige seiner
00:34:14
dilettantischen VorgÀnger.
00:34:15
Er wird sie alle tÀuschen.
00:34:17
Alle werden ĂŒber die Illusionen
00:34:20
und ĂŒber die groĂe Zauberkiste erstaunen.
00:34:24
das fehlt fĂŒr diesen Plan noch.
00:34:27
In einem Wirtschaftsmagazin
00:34:30
Kapital steht ein Artikel
00:34:32
ĂŒber das angebliche Testament
00:34:33
der Familie Oetker.
00:34:34
Alle sieben Kinder
00:34:35
werden dort mit vollem Namen erwÀhnt.
00:34:37
Eines von ihnen studiert
00:34:40
an der UniversitÀt
00:34:41
Das ist nicht weit entfernt
00:34:45
wo dieser Plan entsteht.
00:34:46
Und jetzt ist er vollstÀndig.
00:34:49
Ein Mensch wird verschwinden.
00:34:51
Es ist der 14. Dezember 1976.
00:34:54
Richard Oetker verlÀsst als erster
00:34:56
den Vorlesungssaal.
00:34:58
Der 25-JĂ€hrige studiert
00:35:00
Brau- und Agrarwissenschaften
00:35:01
an der Technischen UniversitÀt.
00:35:03
Es ist 18.45 Uhr
00:35:04
und drauĂen ist es dunkel
00:35:07
Richard ist ein groĂgewachsener
00:35:10
mit vollem braunen Haar.
00:35:11
Auf manchen Bildern,
00:35:12
die in dieser Zeit entstanden sind,
00:35:14
lÀchelt er verschmitzt.
00:35:17
und ist ein durch und durch
00:35:19
positiver junger Mann,
00:35:20
der Menschen mag.
00:35:21
Zu Hause wartet gerade
00:35:23
seine Frau Marion auf ihn.
00:35:24
Die beiden haben gerade
00:35:25
erst geheiratet.
00:35:26
Er geht ĂŒber den Uniparkplatz
00:35:29
SchrÀg neben dem
00:35:31
steht ein VW-Kastenwagen geparkt.
00:35:33
Noch bevor er den SchlĂŒssel
00:35:35
reinstecken kann
00:35:36
und sich auf die Fahrerseite
00:35:38
wird er von einem Mann
00:35:40
Er ist maskiert.
00:35:41
Richard blickt in den Lauf
00:35:43
einer Pistole mit
00:35:44
aufgeschraubtem SchalldÀmpfer.
00:35:45
Der Mann, der ihn bedroht,
00:35:47
nennt ihn Richardchen
00:35:49
das Ding macht nur
00:35:51
Richard soll mit
00:35:53
zum Kastenwagen kommen.
00:35:58
Da soll er sich reinlegen.
00:35:59
Was schwierig ist,
00:36:01
denn Richard ist 1,94 Meter groĂ,
00:36:02
die Kiste aber nur 1,40 Meter lang,
00:36:05
80 Zentimeter hoch
00:36:07
und 70 Zentimeter breit.
00:36:08
Er kann sich nur mit MĂŒhe und Not
00:36:11
zusammenkauernd reinlegen.
00:36:12
Und darin soll er sich
00:36:14
Handschellen anlegen.
00:36:15
Dann klappt die Kiste
00:36:18
sein GefÀngnis.
00:36:19
Von drinnen hört er,
00:36:21
wie der Maskiertemann
00:36:22
jetzt jemanden anmotzt.
00:36:24
da kommen noch mehrere.
00:36:25
Aber was das bedeuten soll,
00:36:27
weiĂ Richard nicht.
00:36:33
fragt sich Richard,
00:36:33
was mache ich denn jetzt?
00:36:36
irgendwie und irgendwann
00:36:37
komme ich hier schon
00:36:38
Und auf diesen Moment
00:36:40
versucht er sich ab jetzt
00:36:42
indem er versucht,
00:36:42
sich alle HintergrundgerÀusche,
00:36:44
alle Details einzuprÀgen.
00:36:45
Dann ertönt eine Stimme
00:36:47
aus der Gegensprechanlage.
00:36:51
bin ich fĂŒr Sie zustĂ€ndig.
00:36:54
werden sie nicht mehr begegnen.
00:36:58
Oetkers Kontaktperson.
00:37:01
zu Gesicht bekommen wird.
00:37:02
Als der Wagen stoppt,
00:37:03
hört Richard wuseln,
00:37:04
Schritte und mehrere Personen
00:37:06
miteinander diskutieren.
00:37:07
Dann dringt plötzlich
00:37:09
Licht durch einen Spalt
00:37:10
Der Deckel hebt sich.
00:37:12
Ăber ihm steht ein Mann,
00:37:14
getarnt mit einer
00:37:14
Schweinchen-Dickmaske.
00:37:16
Die beiden sind allein
00:37:18
und reden ein bisschen
00:37:19
Die Schweinchen-Dickmaske
00:37:21
erzÀhlt Richard Oetker,
00:37:22
er wÀre ein Student,
00:37:23
der den Drogen verfallen ist
00:37:24
und irgendwie in die Sache
00:37:25
reingeraten wÀre.
00:37:26
Richard kommt die TĂ€ter-Opfer-Bindung
00:37:29
und hat so die Idee,
00:37:31
irgendwie eine Beziehung
00:37:32
zu dem EntfĂŒhrer aufzubauen.
00:37:33
Der sitzt ihn nÀmlich
00:37:35
und das gefÀllt ihm
00:37:36
nicht so richtig,
00:37:36
weil er diese Distanz
00:37:37
fĂŒr unangemessen
00:37:39
in der Situation hÀlt.
00:37:40
Also bietet er ihm
00:37:44
und jetzt willst du wohl
00:37:45
auch noch meinen Namen wissen,
00:37:46
sagt die Schweinchen-Dickmaske.
00:37:49
antwortet Richard.
00:37:50
Der EntfĂŒhrer schlĂ€gt vor,
00:37:52
dass Richard ihm einen Namen gibt.
00:37:53
Er denkt an seinen alten Freund,
00:37:55
den sie Checker nannten.
00:37:57
Weil er das hier mit etwas
00:37:58
Positivem verbinden will,
00:38:00
schlÀgt er den Namen vor.
00:38:01
Der EntfĂŒhrer akzeptiert.
00:38:03
Erst jetzt erfÀhrt Richard,
00:38:04
in was fĂŒr einer Folterkonstruktion
00:38:06
er da eigentlich
00:38:07
gefangen gehalten wird.
00:38:08
Checker erklÀrt ihm nÀmlich,
00:38:10
mit einer Sprechanlage
00:38:11
ausgestattet ist
00:38:12
und seine Handschellen
00:38:13
an einen Stromkreislauf
00:38:14
angeschlossen sind.
00:38:15
Richard soll sich ja
00:38:18
und keine Ausbruchsversuche
00:38:19
Ansonsten wĂŒrden
00:38:21
ĂŒber einen selbstgebauten
00:38:22
Akustomaten StromschlÀge
00:38:23
ausgelöst werden.
00:38:24
Danach schlieĂt er
00:38:26
die Holzkiste wieder
00:38:27
und lÀsst Richard
00:38:27
in der Dunkelheit allein.
00:38:29
Checker hat jetzt die Aufgabe,
00:38:31
Richards Frau Marion anzurufen
00:38:32
und stellt die Lösegeldforderungen.
00:38:36
soll die Familie
00:38:37
21 Millionen D-Mark zahlen.
00:38:39
Die höchste Summe ĂŒbrigens,
00:38:41
die zu diesem Zeitpunkt
00:38:42
jemals in Deutschland
00:38:43
als Lösegeld gezahlt wurde.
00:38:45
Genauere Instruktionen
00:38:49
Nach dem Telefonat
00:38:50
geht er zur Post
00:38:51
und schickt verschiedene Briefe
00:38:53
Sie enthalten die ersten
00:38:54
Anweisungen des Plans.
00:38:57
beschÀftigt die Ermittler.
00:38:58
Also die Familie
00:38:59
hatte dann die Polizei kontaktiert.
00:39:01
Denn 21 lÀsst sich
00:39:03
oder durch sieben Teilen.
00:39:05
Sind es also drei
00:39:06
oder sieben TĂ€ter?
00:39:07
WĂ€hrend sich Familie
00:39:09
Oetker daran macht,
00:39:09
das Geld zu besorgen,
00:39:10
geht Checker wieder zurĂŒck
00:39:12
und setzt den in Bewegung.
00:39:14
Die Fahrt endet diesmal
00:39:16
in einer Garage.
00:39:16
Da soll der Wagen bleiben.
00:39:19
durchlebt Richard
00:39:21
bittere Stunden.
00:39:21
FĂŒr ihn beginnt
00:39:23
der Ăberlebenskampf.
00:39:24
Denn durch das extrem
00:39:25
beengte und gekrĂŒmmte
00:39:27
nicht mehr richtig atmen.
00:39:29
gibt dann einen Teil
00:39:30
ihrer Funktion auf
00:39:31
und wird dadurch
00:39:32
stark beschÀdigt.
00:39:33
Es ist eine schlimme Nacht,
00:39:35
aber nichts im Vergleich
00:39:40
das Garagentor öffnet,
00:39:43
und löst mit dem
00:39:45
in der Kiste aus.
00:39:46
Richards Körper
00:39:48
wird von heftigen
00:39:52
ziehen sich zusammen
00:39:54
Aber sein Körper
00:40:02
wie du dir vorstellen kannst,
00:40:03
höllische Schmerzen
00:40:05
Noch dazu kommt,
00:40:07
dass seine Schreie
00:40:10
die StromschlÀge
00:40:11
noch auf 10 Sekunden
00:40:14
bringt ihn fast um.
00:40:15
Dann zieht Checker
00:40:17
Dann zieht Checker
00:40:30
Dann zieht Checker
00:40:32
Also der EntfĂŒhrer
00:40:38
zieht dann den Stecker
00:40:40
aus dem Stromnetz.
00:40:44
Was wahrscheinlich
00:40:46
weitere SchÀden
00:40:50
lebensbedrohlich ist,
00:40:52
geÀndert werden.
00:40:52
Also ruft Checker
00:40:54
wieder bei Richards
00:40:57
bewusst darĂŒber ist,
00:40:57
dass die Polizei
00:40:58
mittlerweile sicherlich
00:41:01
einem Stimmenverzerrer
00:41:03
zusÀtzlich Tampons
00:41:04
Die GeldĂŒbergabe
00:41:07
vorverlegt werden.
00:41:10
soll Richards Bruder
00:41:12
ĂŒber mehrere Umwege
00:41:14
Die Schnitzeljagd
00:41:16
Monatelang wurde
00:41:19
gestreift und nach
00:41:21
Zauberkiste gesucht.
00:41:33
Liefereinfahrten
00:41:35
und vielen TĂŒren.
00:41:37
Am nÀchsten Tag,
00:41:38
der EntfĂŒhrung,
00:41:45
schweren Koffern
00:42:10
Bahnhofstoilette
00:43:08
kupfermetallfarbenen
00:43:48
Ăberlebenswahrscheinlichkeit
00:44:26
EntfĂŒhrungstruppe
00:46:04
Tonbandaufnahmen,
00:46:17
Tonbandaufnahmen,
00:46:41
Hochintelligenten
00:46:44
FlĂŒchtigkeitsfehler.
00:46:55
Nichtsdestotrotz
00:47:15
in heiĂe Scheine
00:47:19
ausgeben können
00:47:26
medialen Aufsehen
00:47:41
Auffassungsgabe,
00:47:43
und ungewöhnliches
00:48:15
nicht menschlicher
00:48:17
bewundernswert ist,
00:48:30
nachzuvollziehen
00:48:53
Interview abgebrochen
00:49:42
ungerechtfertigt,
00:49:48
ungerechtfertigt.
00:50:40
AnfĂŒhrungstĂŒlechen.
00:51:25
man kann nur noch
00:53:40
Opferschutzvereins
00:54:46
in AnfĂŒhrungszeichen
00:55:28
haben ihn angeguckt
00:55:30
diese Schweinemaske
00:55:36
diese eine Szene
00:55:39
diese Schweinemaske
00:55:40
da zu sehen ist.
00:55:48
hingekriegt hat.
00:55:57
tÀuschen können?
00:56:00
hatte ihm ja auch
00:56:01
tatsÀchlich eine
00:56:02
hohe Intelligenz
00:56:16
schon erkannt hast,
00:56:17
hat Richard Oetker
00:56:18
eigentlich ganz gut
00:56:19
verarbeiten können.
00:56:20
Das sagt er auch
00:56:21
Und deswegen war ich
00:56:23
aber umso ĂŒberraschter,
00:56:24
als ich einen Satz
00:56:25
von ihm in einem
00:56:26
Interview gelesen habe.
00:56:28
aufhorchen lassen,
00:56:30
Ă€hnliches selbst mal
00:56:31
in meinem Umfeld
00:56:32
beobachtet habe.
00:56:33
Er spricht in einem
00:56:35
Interview mit der
00:56:39
gesprochen hÀtte,
00:56:45
aber feststellen,
00:56:49
und dass das auch
00:56:50
heute noch so ist.
00:56:51
Und darum geht es
00:56:56
können mit anderen
00:56:57
Menschen nur schwer
00:56:58
Schicksalsschlag
00:56:59
ausgesetzt sind.
00:57:00
Wir sind gehemmt.
00:57:01
Einerseits wollen wir
00:57:03
IntimsphÀre des
00:57:04
anderen eindringen
00:57:05
Erlebten fragen.
00:57:07
Einerseits wissen wir
00:57:08
Mitleid bekunden
00:57:11
dass sich Menschen
00:57:13
Wer auf irgendeine
00:57:20
TatsÀchlich hatte
00:57:20
ich erst vor kurzem
00:57:22
Ă€hnliches gelesen,
00:57:23
und zwar als ich
00:57:24
von Claudia war.
00:57:29
ihre Sachen sehr gerne,
00:57:30
schreibt nÀmlich
00:57:31
ganz tolle Texte.
00:57:33
Krebs und schreibt
00:57:35
eben ĂŒber ihren Weg
00:57:36
und ĂŒber ihren Kampf.
00:57:39
hatte sie geschrieben,
00:57:40
wie es fĂŒr sie ist,
00:57:41
wenn sich Personen
00:57:41
in bestimmten Situationen
00:57:43
von ihr abwenden
00:57:44
oder nicht so richtig
00:57:45
Und das passiert eben
00:57:48
aus dem engsten Kreis,
00:57:49
weil, und das sage ich
00:57:50
jetzt, meine Meinung
00:57:51
ist da aber sehr radikal,
00:57:53
die halt warum auch
00:57:54
immer nicht in der Lage
00:57:55
sind, ĂŒber ihren
00:57:55
Schatten zu sprengen.
00:57:56
Manchmal hat man
00:57:57
sogar das GefĂŒhl,
00:57:58
dass man die andere
00:57:59
Person irgendwie
00:58:00
einfach weil sie
00:58:01
gar nichts zu sagen
00:58:02
weiĂ, so zumindest
00:58:03
in meinem Umfeld
00:58:04
Ich habe mich gefragt,
00:58:06
warum das so ist,
00:58:07
warum Freunde und Bekannte
00:58:08
vor dem Schicksal der Opfer
00:58:09
oder von Betroffenen
00:58:11
obwohl sie ja eigentlich
00:58:12
da sein sollten.
00:58:13
Und Dr. Leon Windscheid
00:58:16
und war so nett,
00:58:16
mir darauf eine Antwort
00:58:18
Das, womit ich den anderen
00:58:19
konfrontiere, ist ziemlich krass.
00:58:21
Man kann sich das ja im Prinzip
00:58:23
so vorstellen, dass ich mit
00:58:24
einer völlig neuen
00:58:25
GefĂŒhlswelt auf meinen
00:58:27
GegenĂŒber treffe, auf meinen
00:58:28
Partner, auf meinen Freund,
00:58:29
auf meine Familie
00:58:30
und die können erstmal
00:58:31
ĂŒberhaupt nicht nachvollziehen,
00:58:32
was ich da durchgemacht habe.
00:58:34
Das heiĂt, wir haben im
00:58:35
Prinzip eine doppelte
00:58:36
Einerseits bin ich
00:58:37
extrem hilfsbedĂŒrftig,
00:58:39
andererseits bringe ich
00:58:40
die anderen in eine
00:58:41
Situation, mit der sie
00:58:43
ĂŒberfordert sind.
00:58:45
Ăberforderung, also bei mir
00:58:46
selbst und bei den
00:58:47
Menschen, die mir jetzt
00:58:48
eigentlich die wichtigste
00:58:49
StĂŒtze wĂ€ren, das macht
00:58:51
die Situation so schwierig.
00:58:52
Ganz wichtig, es ist erstmal
00:58:55
natĂŒrliche Situation.
00:58:57
Das heiĂt, es wĂ€re ja
00:58:58
nicht zu erwarten, dass
00:58:59
plötzlich absolute Laien
00:59:00
mit solchen Traumaerfahrungen
00:59:02
gut umgehen können.
00:59:04
Deswegen ist mir da
00:59:05
wichtig, ein bisschen
00:59:06
Leuten, die vielleicht
00:59:07
betroffen sind, die Sorge
00:59:08
zu nehmen, dass das
00:59:09
Umfeld erstmal nicht weiĂ,
00:59:11
Hier aber jetzt bitte
00:59:12
auf keinen Fall die
00:59:13
Flinte ins Korn schmeiĂen,
00:59:15
unempathisch, uneinsichtig
00:59:18
abstempeln und sich
00:59:19
abwenden, sondern unbedingt
00:59:20
weiter den Dialog suchen
00:59:22
und versuchen zusammenzuhalten.
00:59:23
Also man muss auch den
00:59:24
anderen Zeit geben, sich
00:59:26
in dieses krasse
00:59:27
GefĂŒhlschaos, in dieses
00:59:28
krasse Problem, was man
00:59:29
mitbringt und was man ja
00:59:30
vollkommen zu Recht
00:59:31
mit einbringen möchte,
00:59:32
hineinzuversetzen.
00:59:33
Ist fĂŒr die Betroffenen
00:59:35
ja aber super frustrierend
00:59:36
und da setzt ja dann eben
00:59:38
auch genau dieses
00:59:39
Alleinsein-GefĂŒhl in der
00:59:41
schlimmsten Situation ein.
00:59:43
Absolut, das kann man sich
00:59:44
auch so vorstellen, dass man
00:59:45
eben ankommt und jetzt gerade
00:59:47
davon ausgeht, dass die
00:59:48
Menschen, die einem nahestehen,
00:59:49
eine maximale Hilfe
00:59:51
entgegenbringen mĂŒssten
00:59:52
und was man dann erfÀhrt, ist
00:59:54
eben eher so eine
00:59:55
ablehnende Haltung,
00:59:56
Unsicherheit, das fĂŒhlt sich
00:59:58
total schlecht an.
00:59:59
Claudia zum Beispiel hat mir
01:00:01
auch gesagt, dass sie
01:00:01
manchmal das GefĂŒhl hat,
01:00:02
dass sie ihr Umfeld
01:00:03
beschĂŒtzen muss, indem sie
01:00:05
bestimmte Dinge einfach
01:00:06
Sie hat mir aber auch
01:00:07
geschrieben, dass sie der
01:00:08
Meinung ist, dass man hier
01:00:10
nie einen Schuldigen
01:00:11
Die Person, die es
01:00:12
betrifft, muss halt auch
01:00:13
kooperieren, indem sie
01:00:15
spricht, aber das Umfeld
01:00:16
muss eben auch mit Liebe und
01:00:17
VerstÀndnis darauf reagieren.
01:00:19
Und ich habe mal von einer
01:00:20
Frau gelesen, die eine
01:00:22
schlimme Diagnose bekommen
01:00:23
hatte und der Meinung war,
01:00:24
dass die Leute ihre Angst in
01:00:26
ihr wiedergespiegelt haben,
01:00:27
also dass sie quasi in ihr
01:00:29
gesehen haben, wie schnell
01:00:30
das Leben eigentlich
01:00:31
vorbeigehen kann.
01:00:32
Und ich habe mich gefragt,
01:00:33
ob auch das ein Grund
01:00:34
sein kann, warum man sich von
01:00:35
Personen mit SchicksalsschlÀgen
01:00:39
Leon Winscheid gesagt.
01:00:40
Wir Menschen sind Meister
01:00:41
darin, unangenehme Gedanken
01:00:43
von uns zu schieben.
01:00:44
Alles, was uns nicht passt,
01:00:45
alles, was uns auf den
01:00:46
ersten Blick nicht glĂŒcklich
01:00:47
macht, damit wollen wir
01:00:48
grundsÀtzlich erstmal nichts
01:00:50
Und das ist besonders
01:00:51
tragisch, wenn man jetzt auf
01:00:52
Menschen trifft, die von
01:00:54
einer schrecklichen
01:00:54
Krankheit heimgesucht
01:00:55
wurden, die uns selber auch
01:00:57
betreffen könnte.
01:00:58
Denn dann wirkt genau
01:00:59
das, also genau diese
01:01:00
Abwehrreaktion unseres
01:01:02
Systems, sich von so etwas
01:01:04
fernhalten zu wollen.
01:01:05
dass das zwischenmenschlich
01:01:06
ganz schrecklich sein kann
01:01:07
und vor allem bei den
01:01:08
Betroffenen ja eine doppelte
01:01:10
BĂŒrde entstehen lĂ€sst, weil
01:01:12
sie einerseits mit der
01:01:13
Krankheit klarkommen mĂŒssen
01:01:14
und andererseits mit dem
01:01:15
Umfeld, das sich abweisend,
01:01:17
das sich falsch verhÀlt,
01:01:18
das sich verÀngstigt verhÀlt.
01:01:19
Das ist dann die schreckliche
01:01:21
Melange, die bei solchen
01:01:22
Todeskrankheiten oft
01:01:25
Was ich schon mal erlebt
01:01:27
habe in meinem Umfeld
01:01:29
dass man, wenn man selber nicht
01:01:32
betroffen ist, aber eine
01:01:34
eine Person in dem nahen
01:01:36
Umfeld, dass man echt erst mal
01:01:39
darauf klarkommen muss
01:01:41
Und ich habe in dem Moment auch
01:01:44
erst mit einer Art Ablehnung
01:01:46
sozusagen darauf reagiert
01:01:48
und musste mich erst daran
01:01:51
Und dann aber hat irgendwann so
01:01:52
ein Schalter umgeklickt und
01:01:53
dann war das komplett anders.
01:01:55
Dann konnte ich helfen und
01:01:58
quasi ganz da sein und alles
01:02:00
machen, wie ich das auch wollte.
01:02:02
Aber tatsÀchlich war das am
01:02:05
Und deswegen denke ich auch, wenn
01:02:07
mir irgendwas Schlimmes mal
01:02:09
passiert oder wenn ich mal
01:02:10
erkrankt werde, dass ich
01:02:12
versuche, dann VerstÀndnis zu
01:02:15
zeigen fĂŒr meine, fĂŒr mein
01:02:16
Umfeld, wenn sie mir nicht
01:02:18
direkt meine, also ihre ganze
01:02:20
Aufmerksamkeit, Hilfe und so
01:02:22
weiter entgegenbringen können,
01:02:24
weil ich das selber schon mal
01:02:26
Also ich sehe das dann wie
01:02:27
Claudia, dass beide sich halt,
01:02:28
beide Seiten, ja, sich
01:02:30
anstrengen mĂŒssen sozusagen.
01:02:31
Bin da gedanklich schon bei dir.
01:02:34
Ich erwarte ja immer die Welt.
01:02:37
Ja, das weiĂ ich.
01:02:39
Und ich weiĂ einfach auch, wie
01:02:45
es ist, in so einer Situation
01:02:46
gelÀhmt zu sein als
01:02:48
Und deswegen habe ich das
01:02:50
GefĂŒhl, dass der Ball schon
01:02:52
eher bei den Personen liegt, die
01:02:55
sich noch bewegen können.
01:02:56
Und die dann eben auch auf den
01:03:00
Betroffenen zugehen sollten, weil
01:03:01
sie eigentlich eher dazu in der
01:03:04
Lage sein mĂŒssten.
01:03:05
Das ist aber nur meine Meinung.
01:03:07
Mir geht es auch gar nicht darum,
01:03:08
dass sie immer genau wissen, was zu
01:03:10
tun ist, sondern einfach, dass sie
01:03:12
Und ich glaube, da hört das bei
01:03:14
vielen schon auf, traurigerweise,
01:03:16
weil sie einfach den Umgang
01:03:21
Ja, das ist halt, das ist schade, weil
01:03:24
natĂŒrlich weiĂ keiner, wie man in
01:03:26
solchen Extremsituationen
01:03:28
sich verhalten sollte.
01:03:30
Was ich dann immer denke, ist,
01:03:32
einfach fĂŒr die Person da sein,
01:03:33
versuchen zu spĂŒren, was die
01:03:36
Und wenn ich jetzt das GefĂŒhl
01:03:39
habe, die Person will nicht
01:03:40
darĂŒber reden, dann bin ich aber
01:03:41
da und dann kann man zum Beispiel
01:03:42
was anderes machen oder ablenken
01:03:44
oder ja, aber quasi dann gar nicht
01:03:46
nicht mehr sich melden und sich
01:03:49
Also das finde ich wirklich, das
01:03:52
kann ich nicht verstehen.
01:03:53
Ich will die Person dann auch nicht
01:03:55
wiederhaben, wenn es mir besser geht.
01:03:59
eine mir sehr nahestehende Person hat
01:04:02
totales Problem mit KrankenhÀusern und
01:04:07
nicht in den letzten Stunden
01:04:10
eines Freundes von ihm da sein,
01:04:12
weil er das einfach nicht ĂŒbers Herz
01:04:15
Und ich habe mit ihm darĂŒber
01:04:18
oft und viel schon geredet,
01:04:20
weil ich das eigentlich ziemlich
01:04:23
blöd fand von der Person.
01:04:25
Und ich habe das aber irgendwann
01:04:29
auch verstanden.
01:04:29
Er hat gesagt, es geht einfach
01:04:31
Es kommt natĂŒrlich auch immer
01:04:32
irgendwo her, ja.
01:04:32
Aber es ist schade.
01:04:38
Dr. Leon Windscheid ist ĂŒbrigens nur
01:04:41
zwei Jahre Àlter als wir, aber
01:04:43
immerhin schon Doktor und hat
01:04:45
schon mal bei Wer wird MillionÀr
01:04:46
eine Million gewonnen.
01:04:49
Das hat ja einiges erreicht.
01:04:51
Laura, was glaubst du, wo sind
01:04:53
wir in zwei Jahren?
01:04:54
Ohne Doktortitel und ohne
01:04:58
Mit 50 Podcastfolgen aber dafĂŒr
01:05:02
Das ist auch was.
01:05:04
Man darf sich auch ĂŒber die
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kleinen Dinge freuen.
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Wir haben das Interview ĂŒbrigens
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gekĂŒrzt und eine ausfĂŒhrlichere
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Version davon stellen wir euch
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dann auf unsere Instagram-Seite
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unter der Q&A-Bubble.
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Wie schon erwÀhnt, Richard
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Oetker sagt ja in seinem
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Vortrag, wenn er vorher gewusst
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hÀtte, was in den nÀchsten 47
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Stunden auf ihn zukommt, dann
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hĂ€tte er gesagt, er wĂŒrde das
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Aber Menschen halten halt eben
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viel mehr aus, als wir denken.
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Und es gibt eine tolle, aber auch
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wirklich heftige amerikanische
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Dokumentationsserie und die
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Ein paar Folgen davon kann man
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sich auf YouTube ansehen.
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Ganz minimalistisch umgesetzt,
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also es besteht quasi nur aus
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so einer Interview-Situation
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von Ăberlebenden.
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Und die erzÀhlen dann, wie es
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fĂŒr sie war, mit dem Tod
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konfrontiert zu sein und was
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ihnen Kraft gegeben hat, lebend aus
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dieser Situation rauszukommen und
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was danach passiert ist.
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Und dadurch, dass man so wenig mit
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Effekten auskommt, ist es unheimlich
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nah und man fĂŒhlt sich direkt in
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diese Situation reinversetzt.
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so erging es mir zumindest, als ich das
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Ein Fall, der bei I Survived auch
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behandelt wurde, der war so
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unfassbar, dass Laura und ich
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gefĂŒhlt eine Stunde lang schreiend
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im Kreis hÀtten laufen können, weil
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wir nicht fassen konnten, wie jemand
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aus so einer Situation lebend wieder
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herausgekommen ist.
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Das war auch ein Fall, den ich, glaube
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ich, jedem aus meinem Bekanntenkreis
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Ich weiĂ noch, als ich damals in der
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Bahn saĂ, als ich mir My Favorite
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Murder angehört habe, wo die den
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Fall auch behandelt haben.
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Und ich hatte dir sofort geschrieben,
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dass du den anhören musst, weil es
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das unfassbarste ist, was ich jemals
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Und ich saĂ die ganze Bahnfahrt mit
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weit aufgerissenen Augen, wie der
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Ăzil-Smiley, auf meinem Platz und bin
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So, und wir wollen euch nicht weiter auf
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die Folter spannen und erzÀhlen, jetzt
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auch, worum es geht.
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Und zwar ist es der Fall von Mary
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Im September 1978 will die 15-jÀhrige
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Mary per Anhalter nach Hause
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Sie ist schon den ganzen Tag auf den
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Beinen und sehr mĂŒde.
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Mit zwei anderen Teenagern steht sie am
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StraĂenrand in Berkeley,
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Da hÀlt ein Àlterer Mann in einem
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Van an und sagt zu Mary, dass er sie
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gerne mitnehmen kann, aber dass er nur
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einen Platz hÀtte.
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Die beiden anderen warnen Mary und
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sagen ihr, sie soll da nicht einsteigen,
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weil man ja auch sieht, dass da viel
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mehr Platz in dem Van ist als nur fĂŒr
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Die beiden anderen waren MĂ€nner, also
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mÀnnliche Teenies.
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Aber Mary will einfach nur heim.
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Es steigt also ein und schlÀft
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Als der Mann anhÀlt, um sich zu
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erleichtern, steigt auch Mary aus, um
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ihre Schuhe zu binden.
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Plötzlich wird ihr schwarz vor Augen.
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Der Mann hat ihr mit einem Hammer auf
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den Hinterkopf geschlagen.
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Als Mary wieder zu sich kommt, liegt sie
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auf der RĂŒckbank des Autos, nackt und
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gefesselt und ĂŒber ihr der Mann, der
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sie immer wieder vergewaltigt.
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Sie fleht, lass mich frei.
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Als er am nÀchsten Morgen von ihr
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ablÀsst, zieht er sie aus dem Van und
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sagt, du möchtest frei sein?
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Ich lass dich frei.
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Doch dann nimmt er einen Beil aus
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seinem Kofferraum und verletzt sie
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damit so stark, dass Mary reglos zu
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Boden fÀllt und unglaublich viel Blut
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Der Mann glaubt, dass Mary tot ist und
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wirft sie einen Abhang hinunter.
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In dem Graben wacht Mary irgendwann
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Sie ist tierisch mĂŒde, doch sie hört
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eine Stimme in sich, die sagt, du
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darfst jetzt nicht schlafen, du musst
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das ĂŒberleben, damit dieser Mann
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gefasst werden kann.
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In diesem Moment entwickelt Mary eine
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Kraft, die sie sich bis heute nicht
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Sie presst ihre offenen Wunden in die
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nasse Erde, um sich eine Art Bandage
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daraus zu machen, um das Blut zu
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Dann schleppt sie sich ganz langsam den
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DafĂŒr braucht sie einen ganzen Tag.
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Und sie hat dafĂŒr so lange gebraucht,
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muss man dazu sagen, weil sie sich da
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hochschleppen musste, ohne Arme.
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Die hatte sie nicht mehr.
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Und als sie oben angekommen ist, lÀuft
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sie immer noch nackt und schwer verletzt
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und blutend die dunkle LandstraĂe
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Irgendwann hÀlt ein Auto an und Mary kann
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gerettet werden.
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Als ich diese Geschichte das erste Mal
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gehört habe, habe ich gedacht, das kann
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Ich hatte mich da am Graben, an den Boden
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zum Sterben hingelegt und niemals, nie, nie,
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nie hÀtte ich das geschafft, ohne Arme
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da hochzuklettern.
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Nach dem, was mir da passiert ist auch
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Und deswegen hatten wir uns ĂŒberlegt, wie kann
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man sowas ĂŒberleben und wieso entwickelt
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man solche KrÀfte?
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Man hört da ja öfter mal von, dass man
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sowas entwickelt bei so lebensbedrohlichen
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Das Problem ist aber, dass diese KrÀfte
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kaum wissenschaftlich erforscht sind, denn
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das wĂŒrde bedeuten, dass man jemanden in dem
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glauben lassen mĂŒsste, dass er in
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Lebensgefahr ist.
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Wovon man gehört hat, sind von MĂŒttern, die,
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um ihr Kind zu retten, plötzlich ein
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Auto angehoben haben oder jemand, der
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irgendein wildes Tier gekÀmpft hat und
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Und dass man im Angesicht des Todes
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plötzlich ĂŒber sich hinauswĂ€chst.
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Und die Forscher gehen davon aus, dass
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in solchen Situationen die Menschen
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unter anderem ihre volle Muskelkraft
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Weil die benutzen wir nÀmlich sonst nie
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voll, weil es eben viel zu viel Energie
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abverlangen wĂŒrde und das Hirn uns quasi
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in die Schranken beiĂt und unseren
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Und in diesen Situationen, wo es dann
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wirklich um Leben oder Sterben geht,
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wird diese Schranke dann ĂŒberwunden.
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Klar, Mary hat totale physische
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KrÀfte entwickelt, aber dass sie
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auch psychisch in der Lage war,
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das durchzustehen, finde ich auch so
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ĂŒberwĂ€ltigend.
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Ja, dass sie diese Stimme im Kopf
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hatte, die ihr das quasi gesagt hat,
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dass sie, um den quasi zu
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zu fassen und um
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Gerechtigkeit wiederherzustellen
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diese, ja, diese mentale Kraft da
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Ja, das kann man sich nicht
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vorstellen, dass man auch so gehandelt
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hÀtte irgendwie.
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Man weiĂ es nicht.
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Ich glaube, das wÀre tatsÀchlich das
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Einzige, was mich noch angetrieben
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mag mein Leben vorbei sein,
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aber du Schwein kommst damit nicht
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Noch im Krankenbett gibt Mary eine
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detaillierte Beschreibung ihres
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Peinigers ab und Lauren Singleton,
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so sein Name, wird gefasst.
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Weil er Mary aber nicht getötet hat,
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bekommt er nur 14 Jahre Haft.
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Bei seiner Verhandlung sitzt Mary mit
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zwei Armprothesen im Zeugenstand.
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Sie sagt gegen ihn aus und als er
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danach an ihr vorbeigeht,
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flĂŒstert er, ich werde den Job
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zu Ende bringen und wenn es das
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Letzte ist, was ich tue.
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Dass er sich das noch traut.
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Was ist mit dem los?
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Wenn ich den schon, wenn ich an den
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denken muss, der ist so ekelhaft,
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wie der aussieht, ne?
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Auf jeden Fall wird er schon nach
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acht Jahren entlassen.
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Das ist so ein Witz.
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Und wie sich jeder denken kann, ist
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Lauren Singleton danach kein
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vorbildlicher BĂŒrger geworden.
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Er hat eine Frau brutal umgebracht
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und wurde dann glĂŒcklicherweise
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wieder erwischt.
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Und wieder kommt Mary zu seiner
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Verhandlung und erzÀhlt von ihrem
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Leid und davon, wie die Tat ihr
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Leben verÀndert hat.
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Nach kurzer Verhandlung bekommt
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Singleton die Todesstrafe.
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Heute ist Mary eine verheiratete
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Frau und Mutter zweier Söhne.
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Sie hat die Mary Vincent Foundation
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gegrĂŒndet und hilft anderen Opfern
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wieder zurĂŒck ins Leben zu finden.
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Denn auch fĂŒr Mary war es ein steiniger
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Sie litt an Depressionen, an Magersucht
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und an posttraumatischer
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Belastungsstörung.
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Sie hatte auĂerdem immer wieder
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schreckliche AlbtrÀume.
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Aufgrund dieser Probleme konnte Mary
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lange Zeit nicht arbeiten und deshalb
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ihre medizinische Versorgung, die sie
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aufgrund ihrer zwei StĂŒmpfe braucht,
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nicht mehr selber zahlen.
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Erst nachdem Singleton erneut verhaftet
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und zur Todesstrafe verurteilt wurde,
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schafft es Mary, sich zurĂŒckzukĂ€mpfen.
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Ja, viele Opfer reagieren ja auf solche
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Erlebnisse mit einem Trauma.
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In meinem Fall war es nun nicht so.
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War es bei dir eigentlich so, Jan?
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Schengel hat irgendwann gemerkt,
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dass sie eine Therapie braucht
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und dann hat sie sich die auch geholt
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und es hat ihr auch sehr geholfen.
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Ein Trauma ist im Grunde genommen,
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wenn man aus einer Situation mit einer
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Verletzung da rauskommt,
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ob jetzt seelisch oder physisch.
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Und ob man von einer Situation
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traumatisiert wird, hÀngt eben von
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verschiedenen Faktoren ab,
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wie zum Beispiel, wie hat man die Situation
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selbst in dem Moment empfunden?
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Hatte man wÀhrenddessen Hoffnungen?
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Konnte man die Situation irgendwie kontrollieren?
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Oder auch war man alleine?
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Weil zu zweit kann man das besser verarbeiten,
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weil der andere den anderen dann auffangen kann.
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Und in welcher AusprÀgung das Trauma dann werden kann,
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hÀngt von einigen Dingen ab.
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Zum Beispiel von der sozialen UnterstĂŒtzung,
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von der ich ja eben in meinem Aha auch gesprochen habe,
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die man dann eben nach den Ereignissen bekommt.
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Oder von den LebensumstÀnden nach der Situation.
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Stress zum Beispiel wirklich ganz negativ
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auf die Verarbeitung aus.
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Wie traumatisch das Erlebnis an sich war,
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ist auch ein wichtiger Punkt.
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Also je jĂŒnger das Opfer zum Beispiel ist
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oder je lÀnger die Situation angedauert hat
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oder je öfter etwas passiert ist,
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wie zum Beispiel beim Mobbing,
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wirkt sich dann eben auch auf die Verarbeitung aus.
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Also als Beispiel habe ich gelesen,
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wird man einmal gemobbt,
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wird man einmal irgendwie blöd an den Pranger gestellt,
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ist man in der Lage,
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meistens das relativ gut zu verarbeiten,
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aber passiert das immer wieder,
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wird es halt eben problematisch.
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Traumatisierung von Naturkatastrophen oder UnfÀllen
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sind in der Regel ĂŒbrigens besser zu verarbeiten,
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als welche, die von Menschenhand zugefĂŒgt werden.
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War das Opfer schon mal traumatisiert,
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wirkt sich das schlecht auf den Heilungsprozess aus.
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Und je intelligenter ein Opfer ist
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oder ein Betroffener,
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desto wahrscheinlicher ist es,
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dass er oder sie das Trauma besser verarbeiten kann.
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Je niedriger der soziale Status hingegen,
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desto ungĂŒnstiger die Chance auf BewĂ€ltigung.
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Das Thema der Folge war ja Ăberleben und wir haben heute ĂŒber eine Frau gesprochen,
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die ihren eigenen Ehrenmord ĂŒberlebt hat,
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ĂŒber einen jungen Mann, der lebend aus einer EntfĂŒhrung rausgekommen ist
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und wir haben darĂŒber gesprochen,
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welche KrÀfte wir im Todeskampf entwickeln und wie wir solche Erfahrungen verarbeiten können.
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Kommen wir zur nÀchsten Zuhörerpost.
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Vielleicht machen wir da sogar eine Rubrik draus.
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Uns hat eine Zuhörerin geschrieben, dass der Berliner Rundfunk 91.4 eine Aktion gemacht hat.
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Und zwar ist das da so, man hört einen bestimmten Titel und dann ruft man an und wenn man durchkommt,
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dann bekommt man 1000 Euro zur VerfĂŒgung fĂŒr eine gemeinnĂŒtzige Organisation seiner Wahl.
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Die man dann spendet.
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Diesmal hatte Christina gewonnen und sie ist Seelsorgerin in der JVA Tegel
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und wollte Geld fĂŒr neue LehrbĂŒcher fĂŒr die HĂ€ftlinge.
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Die wollen sich ja auch weiterbilden und sich auf ein Leben nach der Haft vorbereiten.
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Und eigentlich sind die Regeln ganz klar und einfach,
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aber weil Christina eben auch sich um Schwerkriminelle kĂŒmmert und das auch so gesagt hat,
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gab es danach eine Riesenaufruhe.
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Und das hat es vorher bei dieser Spendenaktion noch nie gegeben.
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Und dann hatte uns nÀmlich die Zuhörerin, ich habe ihren Namen vergessen,
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geschickt, dass der Sender darĂŒber abstimmen lĂ€sst auf Facebook,
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ob die Spende an die HĂ€ftlinge gehen soll oder nicht.
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Weil so ein Heiko zum Beispiel geschrieben hat,
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1000 Euro Spende fĂŒr Knackis geht gar nicht.
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Ja, und wie ist jetzt diese Abstimmung ausgegangen? WeiĂt du das?
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Erstmal, wie findest du das?
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Ich finde das ĂŒberhaupt nicht gut.
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Warum sollte man da Unterschiede machen?
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Ich glaube, unsere Zuhörer wissen auch, dass wir fĂŒr die Resozialisierung sind und dass wir das gut finden,
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dass das das Ziel bei uns ist.
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Und da ist auch eine Freizeitgestaltung fĂŒr die HĂ€ftlinge gut.
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Und wenn es da LehrbĂŒcher, hast du gesagt?
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Wenn die sich weiterbilden können, dann sollten sie das machen und da sollte man auch spenden dĂŒrfen.
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Und ich finde das irgendwie extrem, dass der Sender, Radiosender, da jetzt drĂŒber abstimmen lĂ€sst und sich sozusagen,
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das hÀtten die nicht machen sollen, finde ich.
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Ich fand es auch nicht gut.
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Also ich habe mich super darĂŒber aufgeregt.
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Ich wollte auch am liebsten 100 Mal fĂŒr Ja abstimmen.
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Weil alle, die sagen, die haben das nicht verdient.
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Was glauben die denn, was die machen, wenn sie wieder drauĂen sind und keine Chancen auf eine Resozialisierung haben?
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Also das finde ich einfach auch viel zu kurz gedacht immer.
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Es gab natĂŒrlich Leute, die gesagt haben, wir haben auch ganz viele andere Baustellen.
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Ja, ist ja auch so.
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Aber das ist eben auch eine Baustelle.
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Auf jeden Fall habe ich mich dann mit dem Programmchef in Verbindung gesetzt.
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Und der hatte dann gesagt, dass sie einfach die Stimmung der Hörer abbilden wollten,
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weil sowas halt wirklich vorher noch gar nicht passiert ist.
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Und jetzt ist es zum GlĂŒck fĂŒr die HĂ€ftlinge gut aufgegangen.
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Bei 66 Prozent wollten, dass die BĂŒcher an die JVA gespendet werden.
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Was ich ehrlich gesagt ein bisschen ĂŒberraschend fand, dass doch so viele dagegen gestimmt haben.
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Aber ja, ich fand das auf jeden Fall gut.
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Ich verstehe auch so ein bisschen den Gedanken dahinter.
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Ich hÀtte es trotzdem nicht zur Abstimmung gegeben.
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Nee, vor allem, er sagt, er möchte das Stimmungsbild wiedergeben.
01:17:58
Aber das hĂ€tten die ja machen können, indem die darĂŒber, haben die ja auch darĂŒber berichtet,
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dass es so einen Tumult gab und dass Leute geschrieben haben.
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Und das ist auch richtig, das als Radiosender dann zu kommunizieren, dass es so ist.
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Aber sie abstimmen zu lassen, ist ja was ganz anderes.
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Denen das in die Hand zu geben, das finde ich halt nicht in Ordnung.
01:18:18
Ich hĂ€tte es halt fĂŒr Christina auch blöd gefunden.
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Weil sie wollte das halt eben diesem Zwecke zugutekommen lassen.
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Und sie hÀtte gewonnen.
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Ich habe dann auch gefragt, was sie gemacht hÀtten, wenn das Abstimmungsergebnis jetzt anders ausgefallen wÀre.
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Dann meinte er ja, dann hÀtten sie es wahrscheinlich auch durchgezogen, je nachdem, wie man das dann rechtlich hÀtte machen können.
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Aber die Abstimmung war jetzt nicht einfach nur so.
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Sie hÀtten dann auch danach gehandelt.
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Aber sie haben sich die ganze Zeit immer mit Christina in Verbindung gesetzt.
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Das heiĂt, sie wusste das.
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Und sie hat das auch an ihre HĂ€ftlinge weitergetragen.
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Und er meinte, die haben das auch verstanden und hatte von Christina gehört, dass die jetzt wiederum im Gegenzug Kekse backen und Marmelade einkochen oder so.
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Weil sowas machen die manchmal und die verkaufen das dann irgendwo.
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Und das wollen sie dann wohl einer gemeinnĂŒtzigen Organisation zufĂŒhren, damit es quasi so ein Austausch ist.
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Also das ist ja jetzt nett, dass sie das machen, aber mĂŒssten die ja eigentlich theoretisch nicht.
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Also warum mĂŒssten die jetzt als Gegenzug die HĂ€ftlinge jetzt Geld sammeln?
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Nee, ja, das mĂŒssen sie nicht.
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Aber ich finde es schon gut.
01:19:23
Also ich finde es generell gut, wenn HĂ€ftlinge was fĂŒr beispielsweise OpferschutzverbĂ€nde tun oder so.
01:19:28
Das finde ich generell eine gute Sache.
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Egal, ich finde es gut, dass der Sender uns gegenĂŒber so offen war.
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Meinetwegen hĂ€tten sie es nicht zur Abstimmung geben mĂŒssen.
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Aber die Aktion generell ist eine total gute Sache.
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Und im Endeffekt kommt es jetzt ja sogar auch bei den HĂ€ftlingen an.
01:19:43
Und damit ist er jetzt nun wirklich jedem geholfen.
01:19:45
Was Kleines fĂŒr den Schluss habe ich aber noch zu erzĂ€hlen.
01:19:49
Und zwar hatte Paulina uns ja in Folge 16 den Witz vom schielenden Richter erzÀhlt.
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Ihr erinnert euch bestimmt.
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Und da hat sie ja auch erzÀhlt, dass sie eigentlich keine Witze erzÀhlt,
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weil sie sich die nicht richtig merken kann oder die Pointe an der falschen Stelle erzÀhlt.
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TatsÀchlich habe ich vorher auch noch nie einen Witz von ihr gehört.
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Aber jetzt weiĂ ich auch, dass das gut so ist.
01:20:11
Was kommt jetzt?
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Denn als Paulina und ich letztens ein Shooting hatten, ging es darum, dass wir besonders laut lachen sollten.
01:20:20
Und da meinte unser Fotograf zu uns, erzÀhl doch mal einen Witz.
01:20:24
Und Paulina fing dann an mit dem Witz vom Richter.
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Drei Angeklagte...
01:20:28
Es ist so unmöglich, dass du das hier erzÀhlst.
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Sie sagt, drei Angeklagte sitzen vor einem Richter.
01:20:37
Fragt der Richter den ersten Angeklagten.
01:20:39
Wie heiĂen Sie?
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Sagt der zweite, Hans MĂŒller.
01:20:42
Sagt der Richter, sie habe ich doch gar nicht gefragt.
01:20:45
Sagt der dritte, ich habe doch auch gar nichts gesagt.
01:20:48
Unser Fotograf lacht erst mal aus Höflichkeit, obwohl dieser Witz ja so gar keinen Sinn macht.
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Und dann ist Paulina aufgefallen, dass sie das wichtigste Detail, nÀmlich, dass der Richter schielte, vergessen hatte.
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Aber dann mussten wir richtig lachen und dann war ja quasi das Ziel auch erreicht.
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Möchte da noch anmerken, dass du ein ganz grĂŒbelndes Gesicht gemacht hast, weil du, glaube ich, erst der Auffassung warst, dass du den Witz nicht verstanden hast.
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Das fand ich irgendwie witzig.
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Was glaubst du eigentlich, was ein Krankenwagentransport kostet?
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Wie kommen sie denn jetzt da drauf?
01:21:33
Ich habe gestern die Rechnung fĂŒr meinen Abtransport von meinem kochenden Wasserunfall bekommen.
01:21:39
Okay, soll ich raten?
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So ein Abtransport ist bestimmt sauteuer.
01:21:43
Aber warte mal ganz kurz, das zahlt doch die Krankenversicherung, oder?
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Ja, habe ich jetzt so geregelt.
01:21:48
Ich weiĂ auch nicht, warum diese Rechnung zu mir kam.
01:21:50
Aber ich habe erst mal einen Herzinfarkt bekommen, als ich das gesehen habe.
01:21:59
Nur fĂŒr so eine blöde Autofahrt.
01:22:01
Ja, mit dem Taxi 20 Euro.
01:22:02
Jetzt hÀtte ich auch ein Taxi sitzen können.
01:22:07
Zum Schluss sagen wir jetzt nochmal Danke fĂŒr alle euren lieben Nachrichten und den FallvorschlĂ€gen.
01:22:13
Und dass ihr uns auf Sachen aufmerksam macht.
01:22:15
DarĂŒber freuen wir uns immer sehr.
01:22:17
Ihr werdet ĂŒbrigens bald noch mehr Möglichkeit haben, euch einzubringen.
01:22:20
Da freuen wir uns schon sehr drauf.
01:22:22
SpÀtestens in der nÀchsten Folge wissen wir dann mehr.
01:22:27
Das war ein Podcast von Funk.