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#209 Spuren im schnee

Willkommen bei Mordlust, einem Podcast der Partner in Crime.
Hier geht's um wahre Verbrechen und ihre Hintergründe.
Mein Name ist Paulina Krazer und normalerweise sitzt hier mit mir meine Freundin und Kollegin
Laura Wohlers, mit der ich immer einen bedeutsamen, wahren Kriminalfall nacherzähle.
Gemeinsam ordnen wir den ein, erörtern oder diskutieren die juristischen, psychologischen
oder gesellschaftlichen Aspekte und sprechen mit Menschen mit Expertise.
Heute aber führe ich euch alleine durch diese Folge, wobei nicht ganz mein Hund Fussel sitzt
gerade neben mir.
Hier geht's um True Crime, also auch um die Schicksale von echten Menschen.
Bitte behaltet das immer im Hinterkopf.
Das machen wir auch, selbst dann, wenn wir zwischendurch mal etwas abschweifen.
Das ist für uns so eine Art Comic Relief, aber natürlich nicht despektierlich gemeint.
Und bevor ich mit der heutigen Erzählung starte, die ein echter Brocken ist und in
der es um einen Fall geht, der an einigen Stellen an einen James-Bond-Film erinnert, will
ich kurz auf eine neue und sehr wichtige Studie hinweisen.
Das Nordrhein-Westfälische Landeskriminalamt hat erstmals eine umfassende Studie zu Femiziden
veröffentlicht.
Und zwar hat das LKA unter anderem untersucht, welchen Anteil Femizide bei Tötungsdelikten
an Frauen haben.
Und das ist ein Thema, das mich eh umtreibt.
Erstens, weil wir im Podcast natürlich oft darüber sprechen.
Und zweitens, weil wir fast nach allen Tötungen bei den Frauen, die Opfer waren, Nachrichten bekommen,
dass wir die Tat klar als Femizid hätten benennen sollen.
Nun ist aber nicht jede Tötung an einer Frau ein Femizid.
Zumindest, und das ist so ein bisschen der Knackpunkt, wenn man sich an der Definition
des Europarats, der Istanbul-Konvention und der Vereinten Nationen orientiert.
Demnach liegt ein Femizid nämlich vor, wenn der Täter ein Mädchen oder eine Frau aufgrund
geschlechtsspezifischer Motive und oder geschlechtsspezifischer Erwartungen und Vorstellungen
getötet hat.
Und auf diese Definition bezieht sich auch die Studie und kommt zu dem Ergebnis, dass etwa
jede dritte Tötung an Frauen ein Femizid ist.
Jetzt sprachen aber manche in der Vergangenheit davon, dass es jeden Tag ein Femizid in Deutschland
gibt.
Und auch auf einigen Internet-Kacheln zu dem Thema steht diese Zahl.
Und die stammt aber aus dem Jahr 2023.
Da sprachen das BKA im Bundeslagebild und unsere damalige Innenministerin Nancy Faeser nämlich
davon, dass fast jeden Tag ein Femizid in Deutschland geschehe.
Allerdings hatte das BKA gar keine Infos zu den Motiven der Tötungsdelikte.
Also ja, es starb jeden Tag eine Frau, aber das BKA ist hier von Femiziden ausgegangen
allein, weil die Opfer weiblich waren.
Und klar, die Zahl zeigt, wie schlimm und weit verbreitet Frauentötungen sind.
Aber diese Zahl zu nehmen, erweist dieser Thematik eigentlich einen Bärendienst, weil man
so eben wieder nicht auf die Motive schaut oder die gesellschaftlichen Muster.
Aber ohne das und ohne richtige Daten hat man dann auch wieder keine Handlungsgrundlage,
weil es ohne Forschung keine Basis für Gesetzesänderungen gibt.
Und genau das war eben auch ein Ziel des Projekts, also eine differenzierte Betrachtung des Phänomens.
Viele Täter zeigten ein stark patriarchales Frauenbild, das mit Kontrolle, Besitzdenken und Eifersucht einherging, sagte NRW-Innenminister Herbert Reuel.
Femizide seien das Ergebnis von langjähriger Gewaltkontrolle und tief verwurzelten Machtfantasien.
Ein Menschenbild aus dem Mittelalter, das wir nicht tolerieren dürfen.
Es bleibt natürlich abzuwarten, wie das Nicht-Tolerieren genau aussehen soll.
Aber ich finde sehr gut, dass es endlich eine Studie gibt.
Da haben wir uns nämlich massiv drüber beschwert.
Und wenn ihr zu der Studie noch mehr Hintergründe lesen wollt, dann guckt in unsere Folgenbeschreibung.
Da haben wir die euch verlinkt.
Da gehen nämlich noch andere wichtige Erkenntnisse daraus hervor.
So, und jetzt geht es aber los mit einem Fall, der uns von den Schweizer Alpen bis nach Russland führt.
Und bei dem sich mehrfach die Frage stellt, jagen wir einem Phantom hinterher?
Oder kann diese Geschichte, so unglaublich wie sie ist, wirklich wahr sein?
Ein einziger Name ist zum Quellenschutz in dieser Geschichte geändert.
Die blasse Morgenstimmung liegt im April 2018 über Zermatt.
Der kleine Ort in der Schweiz schmiegt sich in ein schmales Tal in den Alpen.
Luxuriöse Chalets reihen sich hier aneinander, in den gut betuchte Wintersportfans nächtigen,
um tagsüber, die mehr als 200 Pistenkilometer unsicher zu machen, die Zermatt umgeben.
Denn direkt über dem Dorf ragen stille, schneebedeckte Felswände in die Höhe,
gekrönt vom Matterhorn, einem der bekanntesten Berge der Welt.
Scharf sticht seinen Gipfel in den Himmel, während das Dorf zu seinen Füßen an diesem Morgen des 7. April 2018 langsam erwacht.
Einer der Touristen, ein drahtiger Skitourengeher mit halbglatze und eisblauen Augen, ist heute früher unterwegs als viele andere.
Bereits um 7.30 Uhr verlässt der 58-Jährige sein Nobelhotel in Zermatt und macht sich auf den Weg zur Bergbahn.
Von dort fährt er mit der ersten Gondel zum Klein Matterhorn hinauf.
Schneebedeckte Tannen und Abhänge ziehen an ihm vorbei.
Er überwindet knapp 2300 Höhlenmeter.
Zwar eine Stunde später kommt der Wintersportler auf der Bergstation an.
Außer ihm steigen nur wenige andere Menschen aus der Gondel.
Gegen 9 Uhr wird er von einer der Überwachungskameras aufgezeichnet,
wie er sich mit eng anliegender schwarzer Funktionshose, dünnerblauer Winterjacke
und einen vollgepackten Tagesrucksack auf dem Rücken auf den Weg macht.
Mit seinen Skiern unter dem Arm geht er in Richtung Ausgang und tritt damit aus dem Sichtfeld der Kamera.
Es sind vermutlich die letzten Aufnahmen, die von dem 58-Jährigen gemacht werden.
Denn an diesem Morgen auf dem Klein Matterhorn verliert sich die Spur des Mannes im weißen Pulverschnee.
Am Mittag des selben Tages erscheint der Mann nicht zu einem Termin in Zermatt.
Er sagt auch nicht ab, was ihm nicht ähnlich sieht.
Und auch zu Hause in Deutschland meldet er sich nicht vom Berg zurück.
Weder bei seiner Frau, mit der er in Köln lebt, noch bei seinen erwachsenen Zwillingen,
die derzeit im Master Ökonomie studieren.
Keiner von ihnen hört an diesem 7. April von ihm.
Seine Familie weiß, dass der Mann den Tag über für ein anstehendes Skitourenrennen trainieren wollte.
Am Abend beginnt sie allerdings, sich Sorgen zu machen.
Normalerweise ist der Vater immer übers Handy erreichbar.
Doch diesmal scheint sein Handy ausgeschaltet zu sein.
Jedenfalls kann keine Verbindung hergestellt werden.
Was, wenn ihm etwas passiert ist?
Am nächsten Morgen, als die Familie seit mehr als 24 Stunden nichts von ihm gehört hat, informiert sie die Bergrettung.
Und was daraufhin folgt, ist eine Suchaktion, wie sie das Gebiet rund um das Matterhorn noch nie erlebt hat.
Denn bei dem Wintersportler, der vermisst wird, handelt es sich nicht um irgendeinen Touristen.
Sondern um einen von Europas einflussreichsten Unternehmern.
Den Chef eines Einzelhandelimperiums mit Vermögen in Milliardenhöhe.
Einen der reichsten Männer Deutschlands.
Karl Erivan Haub ist der Erbe der Tengelmann-Unternehmensgruppe, benannt nach dem ehemaligen Prokuristen Emil Tengelmann.
Und die Haubs, die Familie, die jetzt dahinter steckt, zählen seit Jahrzehnten zu den reichsten Familien im Land.
Das liegt an einem Firmenimperium, das Karl Erivans Vater aufgebaut hat.
Und der heißt Erivan Karl Haub, also der Vater von Karl Erivan Haub,
hat das einstige Lebensmittelgeschäft ausgebaut und diversifiziert.
Er hat konkurrierende Firmen aus derselben Branche aufgekauft und ist Beteiligungen eingegangen.
Und so wurde über die Jahre aus einem mittelständischen Familienunternehmen ein Milliardenimperium
zu den Supermarktketten wie Kaisers, Plus und Netto, aber auch der Baumarkt Obi oder der Textildiscounter Kick gehörten.
Und mit dem Wachstum des Firmenvermögens wuchs auch der Einfluss der Familie Haub.
Sie gehörte bald zu den mächtigsten Unternehmendynastien des Landes.
Mit besten Kontakten in die Politik und laut Medienberichten sogar bis ins Kanzleramt.
Soweit zum Geschäftlichen.
Aber auch privat lief es bei den Haubs lange ziemlich glatt.
Erivan Karl Haub und seine Frau Helga bekamen drei Söhne.
Eben Karl Erivan, Georg und Christian.
Und schon früh war klar, der Erstgeborene soll einmal in die Fußstapfen des Vaters treten.
Und so kam es dann auch im Jahr 2000.
Erivan Karl Haub zog sich aus dem Unternehmen zurück.
Seine Unternehmensanteile wurden zwar auf alle drei Brüder verteilt, aber die Leitung der Firma hat der damals 40-jährige Karl Erivan übernommen.
Entscheidungen musste er zwar mit seinen Brüdern abstimmen, aber das letzte Wort hatte er.
Die Zeiten waren allerdings alles andere als einfach.
Tengelmann hatte mit harter Konkurrenz zu kämpfen.
Aldi, Lidl, all die großen Discounter hatten dem Unternehmen zugesetzt.
Karl Erivan musste umbauen.
Und das tat er auch.
Er verkaufte fast die gesamte Lebensmittelsparte, also Netto, Plus und Kaisers Tengelmann, an Edeka und Rewe.
Gleichzeitig setzte er neue Schwerpunkte, vor allem mit Obi.
Die Baumarktkette expandierte unter seiner Führung erfolgreich nach Osteuropa, besonders nach Russland.
Und das war ein großer wirtschaftlicher Erfolg.
Außerdem baute Karl Erivan das Portfolio weiter aus.
Er investierte zum Beispiel erstmals in den Online-Handel und kaufte Anteile an babymarkt.de, Zalando, Westwing und Uber.
Man kann also sagen, Karl Erivan hat das Unternehmen modernisiert und ins digitale Zeitalter geführt.
Sein Vater, der Patriarch der Familie, erlebt das noch mit, bevor er im März 2018 im Alter von 85 Jahren verstirbt.
Sein Tod ist ein Schicksalsschlag für die Familie.
Und jetzt, nur einen Monat später, im April 2018, folgt der nächste Schock.
Von Karl Erivan, Haupt seinem Sohn, fehlt auch 24 Stunden nach seinem Verschwinden in den Schweizer Alpen jede Spur.
Seine Familie findet sich deshalb am Tag darauf, am 8. April 2018, in Zermatt ein.
Karl Erivans Mutter Helga, seine Frau Katrin und die beiden 25-jährigen Zwillinge.
Und sie machen sich große Sorgen.
Vom Beginn an stellen sie der Bergrettung unbegrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung.
Nichts soll unversucht bleiben, um Karl Erivan Haupt zu finden.
So startet die größte Rettungsaktion, die es in der Region je gab.
Mehrere Hubschrauber kreisen im Gebiet rund um das Klein-Matterhorn.
Die Suchtrupps konzentrieren sich dabei nicht nur auf die üblichen Pisten und markierten Skirouten,
sondern suchen auch abseits.
Karl Erivan Haupt war ein erfahrener Skitouren-Ger, der für die Patrouille de Glacier angemeldet war.
Ein herausforderndes Rennen, das von der Schweizer Armee organisiert wird und in 10 Tagen stattfinden sollte.
Es ist gut möglich, dass er dafür auch abseits der normalen Pisten trainiert hat, vermutet die Bergrettung.
Und genau das ist es, was die Suche so schwierig gestaltet.
In dem Gelände verbergen sich hunderttausende Gletscherspalten und Schneebrücken unter der weißen Oberfläche.
Ein falscher Schritt und Karl Erivan könnte hunderte Meter tief gefallen sein und sich schwer verletzt haben.
Womöglich ohne Handyempfang, bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad.
Die Einsatzkräfte wissen, die ersten 48 Stunden sind entscheidend.
Und so suchen sie unermüdlich mit allem, was ihnen zur Verfügung steht.
Aus der Luft tasten Hubschrauber mit Wärmebildkameras das hochalpine Gelände rund um das Klein-Matterhorn ab.
Am Boden kämpfen sich rund 60 erfahrene BergretterInnen, teils mit Hunden durch tiefen Schnee und türkische Gletscherfelder.
Zum Einsatz kommt modernste Technik.
Die Schweizer Armee stellt Spezialinstrumente bereit.
Satellitenbilder werden ausgewertet.
Selbst hochpräzise Sensoren der Militärhubschrauber sollen kleinste Bewegungen oder Wärmequellen erfassen.
Doch all diese Maßnahmen bleiben ohne Erfolg.
Keine Spur.
Kein Signal.
Kein Lebenszeichen.
Und mit jeder Stunde schwindet die Hoffnung.
Denn lange kann ein Mensch in dieser Höhlenlage bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt kaum überleben.
Nach einer Woche dann das bittere Fazit.
Die Rettungssuche wird eingestellt.
Kai Erivan Haupt bleibt verschwunden, ohne dass seine Leiche oder auch nur ein Ski von ihm gefunden wird.
Das letzte, was auf seinen Verbleib hinweist, ist jene Aufnahme der Überwachungskamera in der Bergstation, wo seine Gondel angekommen ist.
So scheint es zumindest, bis der vermissten Fall des Mannes, den das Hochgebirge verschluckt zu haben scheint, Jahre später eine absurde Wendung nimmt.
Es ist ein eiskalter Tag im Januar 2021, drei Jahre später.
In einer Wohnung in Berlin sitzt eine Frau Mitte 30 mit blondem Haar und grünen Augen auf ihrem Sofa.
Ihr Name ist Liv von Bötticher.
Sie ist Reporterin bei RTL und NTV und ist gerade erst wegen ihres Jobs von Leipzig nach Berlin gezogen.
Weshalb war Liv nämlich als Korrespondentin für die News in Ostdeutschland verantwortlich.
Das bedeutet, wenn irgendwo zwischen der bayerischen Grenze und der Ostsee etwas passiert ist,
dann war Liv als Erste vor Ort und hat live im Fernsehen darüber berichtet.
Jetzt mit dem Jobwechsel hat sich ihr Aufgabengebiet aber verändert.
Denn innerhalb der Mediengruppe RTL, zu der auch NTV gehört, ist Liv in die RTL-Primetime gewechselt.
Die Journalistin soll jetzt längere Fernsehdokumentationen machen, die ab 20.15 Uhr im Privatfernsehen gezeigt werden.
Liv freut sich auf die neue Herausforderung.
Nur leider wird ihr Enthusiasmus durch die Corona-Pandemie aktuell gedämpft.
Denn statt im RTL-Hauptstadtstudio sitzt Liv die meiste Zeit zu Hause in ihrer Wohnung und hat noch kein Thema für ihre nächste Doku.
Doch dann kommt der Anruf, der alles verändert.
Ihre Chefin fragt am Telefon, ob sie schon einmal von dem verschwundenen Milliardär Karl Eriwan Haupt gehört hat.
Seine Leiche habe man bis heute nicht gefunden und er sei auch noch nicht offiziell für tot erklärt worden.
Liv erinnert sich dunkel daran, mal etwas darüber gelesen zu haben.
Aktuell gebe es Streitigkeiten in der Familie, erklärt die Chefin weiter.
Es gehe um viel Geld.
Liv soll recherchieren, vielleicht könnte das ja ein Thema für sie sein.
Liv beginnt sofort.
Mit einer Tasse Tee in der Hand sitzt die Journalistin am Computer und liest alles, was sie über den verschwundenen Tengelmann-Chef finden kann.
Im Zentrum des Streits, der aktuell medienwirksam vor Gericht ausgefochten wird, stehen zwei Personen.
Karl Eriwans vier Jahre jüngerer Bruder Christian Haub und Karl Eriwans Frau Katrin.
Seit dem Verschwinden ihres Mannes verwaltet sie dessen Unternehmensanteile und sein Vermögen.
Das heißt auch, dass sie Mitspracherecht bei allen wichtigen Entscheidungen hat.
Und das passt Christian Haub laut der Presse offenbar nicht.
Er fordert öffentlich, seinen Bruder für tot erklären zu lassen, um dessen Anteile selbst übernehmen zu können.
Dann würde die Unternehmensspitze nicht mehr aus drei Parteien bestehen, den beiden verbliebenen Brüdern und Katrin, sondern nur noch aus den beiden Brüdern.
Gleichzeitig wäre er damit Mehrheitsgesellschafter des Tengelmann-Imperiums.
Er hätte das Stimmrecht im Vorstand also auf seiner Seite.
Das würde in den Augen von Christian Haub die Firma stärken.
Denn leider gehe es seiner Schwägerin schon lange nicht mehr um das Unternehmen, sondern einzig und allein um finanzielle Vorteile.
So sagt es der Presse.
Was er damit meint, erfährt Liv, als sie weiterliest.
Das Privatvermögen von Karl Erivan Haub wird auf rund 400 Millionen Euro geschätzt.
Noch viel wertvoller sind aber seine Unternehmensanteile an Tengelmann.
Und genau hier liegt die Krux.
Denn sollte Karl Erivan Haub offiziell für tot erklärt werden, so wie sein Bruder es fordert,
Dann würden mit diesem riesigen Erbe auch massive Steuerlasten auf Katrin Haub und ihre Kinder zukommen.
Laut dem Manager-Magazin müsste die Familie rund um Katrin allein in Deutschland rund 450 Millionen Erbschaftssteuer zahlen.
Weil sowohl Karl Erivan als auch die Kinder auch amerikanische Staatsbürger sind,
also sie haben die doppelte Staatsbürgerschaft,
würde gegebenenfalls auch in den USA eine Steuer fällig werden.
Insgesamt könnten sich die steuerlichen Verpflichtungen auf bis zu 600 Millionen Euro summieren,
so das Manager-Magazin.
Und das dürfte das Vermögen, das sie flüssig haben, bei weitem übersteigen.
Das bedeutet, vorausgesetzt diese Angaben stimmen,
die Familie rund um Katrin Haub müsste ihre Unternehmensanteile verkaufen,
um die Erbschaftssteuer überhaupt zahlen zu können.
Katrin Haub wehrt sich mutmaßlich auch deswegen vehement gegen die Todeserklärung.
Immerhin wurde bis heute keine Leiche gefunden.
Außerdem wirft sie ihrem Schwager Christian Haub öffentlich vor,
dass er sie mit der Todeserklärung unter Druck setze,
sodass sie ihm die wertvollen Unternehmensanteile unter Wert verkaufen müsste.
Und somit bleibt, solange Karl Erivan offiziell als lebend gilt,
seine Frau Katrin stellvertretend für ihn stimmberechtigt.
Der öffentliche Streit zwischen Frau Katrin und Christian Haub
scheint allerdings nicht die einzige pikante Enthüllung der Familie zu sein.
Es gibt Berichte, die sein Verschwinden nochmal in ein ganz anderes Licht rücken.
Der Business Insider hat offenbar kürzlich Dokumente zugespielt bekommen,
die nahelegen, dass Karl Erivan Haupt, der jetzt 60 Jahre alt wäre, jahrelang eine Geliebte gehabt haben soll.
Eine knapp 20 Jahre jüngere russische Eventmanagerin, deren Agentur schon Feste im Auftrag der Firma Tengelmann organisiert hat.
Sogar von einem Doppelleben ist die Rede.
Außerdem sollen mehrere Millionen Euro in der Firmenkasse von Tengelmann fehlen.
Da seine Leiche trotz der umfangreichen Such- und Rettungsaktion nie gefunden wurde,
mutmaßen einige Quellen sogar, dass der Milliardär vielleicht gar nicht tot ist,
dass ihn gar nicht die eisigen Berge verschluckt haben,
sondern dass er sich selbst aus dem Staub gemacht haben könnte,
nämlich auf seinen Skiern, über die Grenze nach Italien und von dort aus nach Russland,
wo ihn das veruntreute Geld und die heimliche Geliebte erwartet haben könnten.
Das wäre eine irre Liebesgeschichte und ein waschechter Wirtschaftsskandal.
Was Liv von Bötticher damals dachte, als sie davon gelesen hat, hat sie uns im Interview erzählt.
Ich hatte ehrlich gesagt dem nicht viel Glauben geschenkt.
Also für mich war das so im Bereich der Spekulationen ein schönes Thema für die Boulevardpresse
und man kann sich da ja auch herrlich alles ausmalen,
wie der Milliardär ein neues Leben angefangen hat und eine neue Liebe gefunden hat und so weiter.
Aber für mich war das alles eher so im Bereich von Gerüchten
und irgendwie erzählt man sich so, wenn der Tag lang ist.
Trotzdem will die Journalistin dem auf den Grund gehen.
Immerhin braucht sie dringend ein Thema.
Deshalb schreibt sie an Katrin Haupts Anwalt und bittet um eine Stellungnahme zum Familienstreit.
Und auch auf Seiten von Christian Haupt wendet sie sich an einen Mann namens Wolfgang Meier,
der schon oft in der Öffentlichkeit im Namen des Unternehmens gesprochen hat
und für Christian Haupt arbeitet.
Ein Mann über 70 mit weißem Haar und gebräunter Haut, wie sie auf Bildern im Internet sehen kann.
Liv fragt ihn nach einem Hintergrundgespräch.
Dann heißt es abwarten.
Liv rechnet mit einer Standardantwort.
Sie bezweifelt, dass sich jemand ernsthaft zu den Schlagzeilen äußert.
Doch sie irrt sich.
Nur wenige Stunden später klingelt ihr Telefon.
Am anderen Ende der Leitung ist Wolfgang Meier persönlich.
Der Vertraute von Karl Eriwans Bruder, Christian Haupt.
Das überrascht Liv.
Ein Gespräch mit Christian Haupt selbst kann er nicht in die Wege leiten, sagt er.
Aber er bietet ihr quasi im Namen von Christian Haupt das von ihr verlangte Hintergrundgespräch an.
Und zwar jetzt sofort.
Liv zückt Stift und Block.
Und so soll das Gespräch laut Liv von Bötticher abgelaufen sein.
Auch er, Wolfgang Meier, vermutet, dass Karl Eriwan Haupt eine Affäre mit einer russischen Frau hatte
und bestätigt, dass bei Tengelmann Firmengelder verschwunden sind.
Es soll sich um Millionenbeträge handeln, die Karl Eriwan Haupt ab 2010 investierte,
um nach dem Erfolg von Obi in Russland auch die Supermarktkette Plus auf dem russischen Markt zu etablieren.
Doch trotz der Investitionen wurde keine einzige Filiale eröffnet.
Heute frage man sich bei Tengelmann, wo das Geld geblieben sei.
Deshalb und wegen der vermeintlichen Affäre habe das Unternehmen interne Ermittlungen angestoßen.
Denn tatsächlich, so Wolfgang Meier, vermute auch Christian Haupt,
dass sein Bruder eigentlich gar nicht tot ist, sondern sich abgesetzt hat.
Wenn sie also beweisen könnten, dass Karl Eriwan Haupt noch lebe und sich seinen unternehmerischen Pflichten entziehe,
dann könnte man ihn als Gesellschafter ausschließen, erklärt Wolfgang Meier.
Dann könnte Christian Haupt den Chefsessel im Unternehmen übernehmen.
Und wie Liv aus der Presse weiß, ist das das erklärte Ziel von Christian Haupt.
Bei den Ermittlungen sei bisher herausgekommen,
dass der älteste Hauptbruder in Russland offenbar mit dubiosen Geschäftspartnern zu tun hatte.
Personen, die nachweislich in den sogenannten russischen Waschsalon
einen groß angelegten Geldwäsche-Skandal verwickelt sind.
Nun stellt sich intern die Frage,
ob auch Karl Eriwan selbst in die undurchsichtigen Machenschaften verstrickt war,
eventuell sogar mit dem russischen Geheimdienst zu tun hatte
oder ob er tatsächlich nur mit seiner Geliebten untergetaucht ist.
Eine Affäre scheint Liv da naheliegender,
wenn überhaupt irgendetwas von dem stimmt, was Wolfgang Meier ihr da sagt.
Dass Karl Eriwan Haupt nicht verstorben, sondern abgetaucht ist,
sei äußerst wahrscheinlich, lässt Wolfgang am Telefon immer wieder anklingen.
Es gäbe nämlich Ungereimtheiten bei seinem Verschwinden in Zermatt.
Anzeichen dafür, dass das Verschwinden nur inszeniert war, sagt ihr Gesprächspartner.
Welche Anzeichen? fragt Liv.
Das könne er ihr in einem persönlichen Gespräch erzählen, entgegnet Wolfgang Meier.
Sie solle nach St. Moritz kommen, wo er sich aktuell aufhalte.
Dort könne er ihr Beweise liefern.
So, sagt Liv, sei das Telefonat verlaufen.
Eine Stunde habe es gedauert, danach sei ihr schwindelig gewesen.
Das, was der Fremde ihr da erzählt hat, könne auch aus einem James-Bond-Drehbuch stammen.
Die Gedanken in ihrem Kopf kreisen, wie sie uns erzählt hat.
Also, ich dachte, da will uns einen Bären aufbinden.
Also, vor allen Dingen dachte ich, es ist absolut bescheuert,
solche Informationen der Presse zu geben.
Das war eigentlich so die Verwunderung, weil das war alles so kritisch und angreifbar für die Familie.
Also, alle diese Informationen, da würde keiner von uns wollen, dass das über seine Familie in die Öffentlichkeit kommt.
Und umso verwunderter waren wir alle, also meine Kollegen und ich, warum jemand das freiwillig mit uns teilen würde.
Und auch in Aussicht stellt, da gibt es noch viel mehr und es ist alles belegbar.
Also, das hatte ja schon das Level von der Gerüchteküche irgendwie überschritten.
Alleine dadurch, dass das eben aus dem engen Umfeld der Familie kam.
Ja, und ich meine, hier liegt natürlich auch nahe, dass zumindest ein Teil des Tengelmann-Unternehmens Liv instrumentalisieren möchte.
Also damit auch die Presse.
Denn aus Charity-Gründen werden sie ihr die Informationen ja sicherlich nicht zur Verfügung gestellt haben.
Und auch Liv von Bötticher hat da so ihre Bedenken mit den Informationen, vor allem, weil die Infos von Wolfgang Mayer ja völlig im Gegensatz dazu stehen, was Christian Haupt in der Öffentlichkeit sagt.
Er will seinen Bruder ja für tot erklären lassen.
Dass intern bei Tengelmann Informationen vorliegen, die darauf hinweisen, dass Karl Eriwan Haupt noch leben könnte, passt ja gar nicht zusammen.
Liv ist hin und her gerissen, ob sie überhaupt nach St. Moritz fahren soll.
Sie ist skeptisch, ob das was bringt.
Andererseits ist sie natürlich neugierig auf das, was Wolfgang Mayer ihr versprochen hat.
Beweise dafür, dass Karl Eriwan Haupt sich abgesetzt haben könnte.
Hinweise darauf, dass er noch lebt.
Also entscheidet sie sich für die Reise in die Schweiz.
Wenige Tage später steht Liv selbst zwischen schneebedeckten Bergen und Luxushotels in St. Moritz,
wo sie mit Wolfgang Mayer in einer Ferienwohnung verabredet ist.
Ihr Kamerateam für die Doku darf ihr bis vor die Tür folgen.
Das Gespräch wird Liv aber allein mit dem Informanten führen.
Er will nicht erkannt werden.
Und hier an der Stelle einmal, Wolfgang Mayer ist der einzige Name, den wir geändert haben,
weil Liv hier ihre Quelle schützen will, beziehungsweise muss.
Ihr werdet nachher noch erfahren, wo das alles hingeht.
Wir wissen aber, wer Wolfgang Mayer ist.
Und das ist keine Person, die man in der Boulevardpresse jetzt als angeblichen Insider bezeichnen würde,
sondern der ist, wie gesagt, auch schon öffentlich für Tengelmann in Erscheinung getreten.
Als der Mann Liv empfängt, sind die Ärmel seines Hemdes nach oben gekrempelt.
Der Kragen ist aufgeknüpft.
Eine Rolex baumelt um sein Handgelenk.
Er lächelt freundlich.
Liv hat das Gefühl, dass sie wachsam bleiben muss, denn sie hat hohe Erwartungen an was Treffen.
Zunächst habe ich mir erwartet, dass das, was jetzt in dem einstündigen Telefongespräch mir angetragen wurde an Informationen,
dass ich da einen genauen Überblick bekomme, aus welchen Ursprungsquellen stammen diese Informationen.
Welche Recherchen haben da im Vorfeld stattgefunden?
Über welche Quellen wurden diese Recherchen getätigt?
Gibt es dafür eine Quelle oder fünf Quellen?
Das ist ja alles wichtig, um eine Plausibilität zu bekommen und auch zu wissen, wie aussagekräftig sind diese Aussagen.
Und dafür war diese Reise nach St. Moritz elementar, weil ich hatte dem engen Vertrauten von Christian Haugt zur Bedingung gemacht,
dass ich, bevor wir irgendetwas berichten, möchte ich die Dinge in die Hand bekommen, über die er die ganze Zeit gesprochen hat.
Liv geht also hoffnungsvoll in das Hintergrundgespräch in St. Moritz.
Vier Stunden lang zitiert Wolfgang Meyer dort laut Liv aus streng vertraulichen Tengelmann-Untersuchungen,
die ihm zufolge von zwei internen Ermittlern geleitet wurden.
Laut Wolfgang Meyer wurden diese Ermittlungen aus folgendem Grund angeschoben.
Christian Haub hat ja ein Interesse daran, seinen Bruder für tot erklären zu lassen,
weil er die Hoffnung hat, dass dessen Frau Katrin wegen der Erbschaftssteuer die Unternehmensanteile an ihn verkauft.
Es gäbe aber noch eine weitere Möglichkeit, wie Christian Haub an die Anteile seines Bruders kommt.
Nämlich, wenn er auf andere Weise aus dem Unternehmen ausgeschlossen werden kann.
Letzteres wäre möglich, wenn man beweisen kann, dass er sich seinen Pflichten als Gesellschafter entzogen hat.
Das wäre etwa der Fall, wenn er sich wirklich heimlich nach Russland abgesetzt hätte.
Seine Unternehmensanteile würden dann unter Umständen direkt an seinen Bruder übergehen,
ohne dass Kai Erivan Haupt für tot erklärt werden müsste.
Gleichzeitig würde man gerichtlich aber auch erwirken wollen, dass Katrin Haupt der Todeserklärung zustimmt, sagt Wolfgang Meyer.
Man würde sozusagen zweigleisig fahren, um auf dem einen oder auf dem anderen Wege an die Firmenanteile des Verschollenen zu kommen.
Die Ermittlungsakten würde Liv gerne sehen, sagt sie Wolfgang Meyer.
Doch einen Blick gewährt er Liv nicht. Er vertröstet sie nur.
Noch vor Ostern, also in drei Monaten, soll der finale Beweis, dass Kai Erivan Haupt noch lebt, vorliegen, sagt Wolfgang Meyer.
Dann könnte Liv aus erster Hand darüber berichten, denkt sie.
Vielleicht gelingt es ihr bis dahin sogar zu verifizieren, dass sich der Tengelmann-Erbe nach Russland abgesetzt hat.
Eine Wahnsinnsgeschichte.
Nur hat Liv ja weiterhin keine Belege dafür.
Nur einen Mann, der ihr offenbar im Namen von Christian Haupt all diese Insider-Informationen zuspielt,
weil jemand von Unternehmensseite will, dass das öffentlich wird.
Aber fest steht weiterhin, ohne gesicherte Quellen hat sie keine Story.
Das macht sie Wolfgang Meyer vor ihrer Abreise aus St. Moritz unmissverständlich klar.
Sie will mit den Männern, die die Tengelmann-Untersuchungen geleitet haben, selbst sprechen.
Und sie muss deren Quellen prüfen.
Sonst kann sie nicht berichten, sagt sie ihm.
Sie weiß, dass Christian Haupt ein Interesse daran hat, dass die Story vom Bruder, der sich vermeintlich abgesetzt hat, veröffentlicht wird.
Aber sie will sich nicht instrumentalisieren lassen, wo sie doch gar nicht weiß, ob das, was Wolfgang Meyer ihr erzählt, auch nur im Ansatz stimmt.
Also kommt ihr der Mann wenigstens ein Stück weit entgegen.
In den kommenden Wochen fädelt er tatsächlich ein Treffen zwischen den Tengelmann-Ermittlern, Liv, und drei ihrer RTL-KollegInnen ein.
Sie bestätigen ihr im Wesentlichen das, was Wolfgang Meyer ihr in St. Moritz bereits gesagt hat.
Später lässt Wolfgang Meyer ihr außerdem einen USB-Stick zukommen, der Livs Recherche ein für allemal ins Rollen bringt.
Auf dem Stick findet sie endlich die vertrauliche Akte der Tengelmann-Untersuchung, aus der Wolfgang Meyer die ganze Zeit zitiert.
Darüber hinaus liegen der Akte Überwachungsvideos aus Zermatt, Telefonlisten und Bilder und Infos zur mutmaßlichen Geliebten bei.
Material, das sie im besten Sinne erschlägt, wie sie sagt.
Also als ich das erste Mal Zugriff wirklich auf die Dokumente hatte, da war ich komplett sprachlos.
Vor allen Dingen, weil dann auch klar wurde, wie hochprofessionell diese dreijährige interne Recherche vonstattengegangen war.
Auch da muss man sagen, dann habe ich ja auch gewusst, wer diese beiden internen Ermittler sind.
Und ich sage immer interne Ermittler, aber so ganz korrekt ist dieser Ausdruck nicht, weil es handelt sich dabei einfach um den konzerneigenen Sicherheitschef von Tengelmann.
Und einen für ihn arbeitenden Krisenmanager.
Und jetzt muss man wissen, dass alle Unternehmen in Deutschland und Großkonzerne wie Tengelmann erst recht verfügen über die Konzernsicherheit.
Das sind speziell ausgebildete Personen aus der Sicherheitsindustrie.
Also in dem Fall haben auch beide Männer Bundeswehrhintergrund.
Liv ist nach dem ersten Scan der Dokumente wirklich überrascht von der Professionalität der unternehmensinternen Untersuchung, sagt sie uns.
Sie dachte lange, dass es sich bei diesen internen Ermittlern um irgendwelche zwielichtigen Handlanger handelt, also dubiose Privatdetektive oder so.
Aber dadurch, dass sie die Männer A treffen konnte und B durch die Dokumente ihre Ermittlungsschritte nachvollziehen konnte, hat sie festgestellt, dass es sich um seriöse Sicherheitsexperten handelt, die Karl Eriwan Haupt persönlich kannten und schon am Tag nach seinem Verschwinden in Zermatt vor Ort waren, um die Suche der Polizei zu unterstützen.
Vor Ort sind den Männern dann aber Ungereimtheiten aufgefallen.
Hinweise darauf, dass sich Karl Eriwan Haupt kurz vor seinem Verschwinden anders verhalten hat als sonst, leichtsinniger.
Und Indizien dafür, dass es ein Leichtes für ihn gewesen wäre, vom Klein-Matterhorn aus ungesehen zu verschwinden.
Mit seinen Skiern und einem Flugzeug zum Beispiel.
Vielleicht, um mit seiner vermeintlichen Geliebten durchzubrennen.
Doch je mehr Liv über die Frau erfährt, desto mehr drängt sich ihr die Frage auf, war sie wirklich nur die Geliebte oder der Schlüssel zu etwas viel Größerem.
Nur wenige Wochen nach Beginn ihrer Recherche sitzt Reporterin Liv nun in ihrer Berliner Wohnung, umgeben von Aktenbergen, die ihr Wolfgang Mayer, der Vertraute von Christian Haub, zugespielt hat.
Zunächst muss sie all die Dokumente durchgehen.
Ihr Kollege Sergej aus dem RTL-Faktencheck-Team hilft ihr dabei.
Sie beginnen dort, wo Karl Eriwan Haupt verschwand, in Zermatt.
Laut den Unterlagen hatte der Unternehmer ursprünglich gar nicht vor dort hinzureisen.
Sein Ziel war das französische Skigebiet Le Dusalp.
Erst am Vortag änderte er plötzlich seinen Plan und flog in die Schweiz.
Als Grund nannte er den Piloten seines Privatjets besseres Wetter, obwohl das Wetter in der Schweiz gar nicht besser war, wie Liv schnell herausfindet.
Warum also der spontane Kurswechsel, fragt sie sich.
Noch merkwürdiger findet sie aber, dass Haubst Trainerin, mit der er für das anstehende Skitourenrennen zusammenarbeitete,
ihm laut Akten davon abgeraten hatte, kurz vor dem Wettkampf im Hochgebirge zu trainieren.
Er sollte sich schon und aus Sicherheitsgründen schon gar nicht allein in die Berge gehen.
Normalerweise folgte Haub ihren Empfehlungen strikt.
In seinem Umfeld galt er als Sicherheitsfanatiker.
Sogar im Alltag ließ er seinen Fahrer regelmäßig die Route wechseln, um das Risiko einer Entführung zu minimieren, entnimmt Liv den Akten.
Dass er am 7. April gegen den Rad seiner Trainerin ins hochalpine Gelände aufgebrochen ist, passt nicht zu ihm.
Ebenso wenig wie sein Umgang mit dem Handy am Tag seines Verschwindens.
Der Tengelmann-Chef war sonst stets erreichbar.
Nur am 7. April, als er in der Gondel zum Klein-Matterhorn hinauffuhr, schaltete sich sein Handy plötzlich ab.
Dass sein Akku leer war, halten die internen Ermittler für sehr unwahrscheinlich.
Anhand von technischen Daten konnten sie in Erfahrung bringen, dass es noch drei Stunden vorher über 80% Akku hatte und auf den Tengelmann-Servern eingeloggt war.
Danach wurde es nicht mehr benutzt.
Und der Empfang auf dem Berg ist gut, das haben die Tengelmann-Ermittler geprüft.
In ihrem Bericht gehen sie deshalb davon aus, dass Karl Erivan Haupt sein Telefon absichtlich abgeschaltet hat.
Dass er möglicherweise nicht gefunden werden wollte.
Liv überlegt.
Noch beweist das gar nichts, aber die Indizien kommen ihr verdächtig vor.
Als nächstes widmen sich Liv und ihr Kollege Sergej einer Excel-Tabelle, die Wolfgang Mayer ihr hat zukommen lassen.
Eine Liste aller ausgehender Anrufe, die Karl Erivan Haupt in den drei Monaten vor seinem Verschwinden getätigt hat.
Mehrere Gespräche mit seiner Frau und seinen Kindern sind darauf vermerkt.
Meist sind sie nicht länger als eine Minute.
Ab März hat Karl Erivan Haupt aber häufig mit russischen Nummern telefoniert.
Liv fängt an, die Verbindung nach Russland in der Liste rot zu markieren.
Und dabei fällt ihr etwas auf.
Es gibt ein auffälliges Verhalten rund um die Telefonate nach Russland.
Wenn man einmal sich diese Liste anguckt und sieht, wie krass sich das Verhalten innerhalb von vier Wochen ändert,
nämlich ab dem Tod vom Vater, der am 6. März gestorben ist, bis zum Verschwinden von Karl Erivan Haupt am 7. April,
da sind die Telefonate nach Russland quasi explodiert.
Die haben davor nur sehr vereinzelt stattgefunden und danach sind sie nahezu ausschließlich nach Russland.
Die Telefonliste ist im Monat vor Karl Erivans Verschwinden fast komplett rot eingefärbt.
Das heißt, nach dem Tod seines Vaters hat Karl Erivan Haupt weit mehr mit Russland telefoniert als mit Deutschland.
Warum dieser Wechsel in seinem Telefonverhalten stattgefunden hat
und ob das überhaupt etwas mit dem Tod seines Vaters zu tun hatte, das konnte Liv nicht herausfinden.
Laut der Akte hat er jetzt aber auch mehrfach Kontakt mit einem russischen Bankguard,
der ebenfalls am Geldwäsche-Skandal, dem russischen Waschsalon, beteiligt war.
Noch häufiger sind in der Liste aber zwei andere Nummern markiert, die auf eine Person zurückzuführen sind.
Es sind die private und die geschäftliche Nummer von Veronika E., seiner vermeintlichen Geliebten.
Allein am Abend vor seinem Verschwinden spricht er laut der Dokumente erst 60 und dann noch einmal 48 Minuten mit ihr.
Sie ist offenbar eine der letzten Personen, mit der er telefoniert hat, bevor sein Handy für immer vom Netz ging.
Auch deshalb vermuten die internen Ermittler von Tengelmann, dass Veronika der Schlüssel zu Karl Erivan Haupt sein könnte.
Sie könnte wissen, ob er womöglich noch lebt.
Deshalb haben die Männer das Leben der Russin komplett durchleuchtet.
In ihren Berichten findet Liv Bilder aus Veronikas Social-Media-Profilen, die die brünette Frau beim Bergsteigen zeigen.
Ein Hobby, das sie mit Karl Erivan teilt.
Die Dokumente enthalten aber auch Bilder von einem Wohnblock in St. Petersburg, in dem Veronika gemeldet ist.
Hier soll die 41-Jährige auf 50 Quadratmetern mit ihren Eltern leben, steht in der internen Tengelmann-Ermittlungsakte.
Eigentlich, so die Akte weiter, lebe sie aber längst allein.
Denn Veronika ist laut der Ermittlungen die Eigentümerin von gleich zwei luxuriösen Apartments, in denen sie aber nicht gemeldet ist.
Eines im Stadtzentrum von St. Petersburg.
Der Kaufpreis liegt umgerechnet bei 260.000 Euro.
Und eines in bester Lage in Moskau.
Außerdem soll sie ein hochpreisiges Auto, einen Range Rover, besitzen.
Sie scheint also Geld zu haben, das lassen zumindest die Dokumente vermuten.
Nur passt ihr Job in der Event-Agentur überhaupt nicht zu ihrem hochpreisigen Lebensstil.
Laut der Akten verdient sie dort nur zwischen 10.000 und 12.000 Euro im Jahr.
Das hat die Tengelmann-Ermittler stutzig gemacht.
Deshalb haben sie offenbar zwei weitere externe Ermittler nach St. Petersburg geschickt, zum Büro der Firma namens Washington Event.
Und das Bild, das sich den Männern vor Ort geboten haben soll, passt nicht zum Image einer repräsentativen Event-Agentur.
Auf der Webseite richtet sich das Unternehmen an internationale Firmenkunden.
Man wirbt damit, Visa zu beschaffen, Individualreisen zu organisieren und Kontakte zu früheren KGB-Mitarbeitenden,
also dem Geheimdienst der damaligen Sowjetunion, zu vermitteln.
Ein schräger Mix aus Dienstleistungen, auf den vor Ort angeblich nichts hinweist.
Jedenfalls offenbart der Bericht der externen Ermittler, die sich dort unter einem Vorwand umgesehen haben sollen,
dass sie nicht mal ein Klingelschild fanden.
Erst nach einem Gespräch mit dem Portier soll man ihnen Zutritt zum Hinterhaus gewährt haben,
wo sie sich schließlich angeblich in einem kleinen Raum wiederfanden, der das Büro von Russian Event sein soll.
In der Akte sieht Liv Bilder davon.
Sie zeigen ein unordentliches Zimmer, in dem sich Akten und Plastikwasserflaschen stapeln.
Keine Spur von Repräsentativität, eher das Gegenteil.
Und auch Veronika sei dort nicht anzutreffen gewesen, heißt es.
Stattdessen seien die Ermittler zügig abgewimmelt worden.
Ihr Eindruck?
Das hier ist keine echte Firma, sondern ein Scheinunternehmen.
Laut der Dokumente lässt die Agentur jedenfalls viele Fragen offen.
Genauso wie Veronikas ganzes Leben.
Vieles haben die Tengelmann-Ermittler durchleuchtet, aber wer Veronika E. wirklich ist, wird aus den Akten nicht so recht klar.
Und vor allem, was Liv noch viel wichtiger ist, wie ihr Kontakt zu Karl Erivan Haupt ins Bild passt.
Die beiden haben sich vermutlich auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt,
die Veronikas Arbeitgeber-Russian-Event Anfang der 2000er für Karl Erivan Haupts Mutter Helga organisiert hat.
Seitdem sollen die beiden Kontakt haben, aber mehr als die gegenseitigen Anrufe konnten die Tengelmann-Ermittler nicht in Erfahrung bringen.
Es gibt keine gemeinsamen Bilder, keine Nachrichten.
Nichts.
Und vor allem nichts, was nahelegen würde, dass Veronika aktuell, also nach seinem Verschwinden, noch Kontakt zu Karl Erivan Haupt haben könnte.
Liv bleibt also weiter skeptisch.
Sowohl was die internen Ermittlungen betrifft, als auch die angebliche Affäre.
Noch fehlen ihr Beweise.
Trotzdem scheint Veronika eine zentrale Figur im Leben des verschwundenen Milliardärs zu sein.
Grund genug für Liv, selbst nachzuforschen.
Generell will sie alles, was in den Akten steht, journalistisch überprüfen.
Dafür holt sie sich Unterstützung von Sergej.
Der ist nicht nur Rechercheprofi, sondern spricht auch Russisch, was bald noch sehr wichtig werden könnte.
Knapp einen Monat lang tauchen die beiden tief in die Dokumente ein und entwickeln dabei verschiedene Herangehensweisen,
je nachdem, woher die Informationen stammen.
Einfacher sind die Quellen, die öffentlich zugänglich sind.
Zum Beispiel Veronikas Social-Media-Profile, über die sich erstaunlich viele Details finden lassen.
Schwieriger wird es bei Informationen, die die internen Ermittler nach eigenen Angaben über anonyme Kontakte beim russischen Geheimdienst in Erfahrung gebracht haben wollen.
Ortungsdaten von Veronikas Handy zum Beispiel.
Doch auch hier finden Liv und Sergej Wege.
Mit der Hilfe von russischen Telegram-Bots durchforsten die beiden Internetforen und Datenlecks und stoßen dort tatsächlich auf übereinstimmende Ergebnisse,
was laut Liv einmal mehr für die Belastbarkeit der Dokumente spricht.
Aber Liv und Sergej finden tatsächlich mehr Informationen, als aus den Pengelmann-Akten hervorgeht.
Sensible Informationen, E-Mail-Adressen und Passwörter.
Liv hat uns nämlich gesagt, dass der Datenschutz in Russland nicht sehr hoch gehalten wird.
Deswegen sollen diese Bots auch erstaunlich präzise sein.
Die durchsuchenden an Plattformen und Webseiten nach Datenlecks und im Fall von Veronika sind sie da schnell fündig geworden.
Liv und Sergej konnten herausfinden, welche E-Mail-Adressen und Passwörter sie zum Beispiel im Netzwerk VK, das ist das russische Facebook, hinterlegt hat.
Aber zum Beispiel auch bei Instagram und Dropbox.
Und sie konnten herausfinden, dass Veronika nicht nur eine, sondern mehr als 50 Mail-Adressen hat.
Und dass sie für alle 50 Mail-Adressen ähnliche Passwörter verwendet hat.
Jetzt fragt man sich, was will man mit 50 Mail-Adressen?
Laut Liv hat Veronika damit offenbar zwischen Februar und April 2012 Fake-Profile auf dem russischen Facebook angelegt.
Die Profilbilder zeigen durchweg junge, attraktive Frauen.
Es gibt immer nur ein bis zwei Posts und alle Profile sind laut des Status entweder auf aktiver Partnersuche oder verliebt.
Aktiv sind die Profile zu der Zeit, wo Liv und Sergej die entdecken, aber nicht mehr.
Besonders interessant finden Liv und Sergej die Passwörter, die die Bots ausspucken.
Veronika hat offenbar über mehrere Jahre Passwörter verwendet, die den Namen von Karl Erivan Haupt enthalten.
Also zum Beispiel einfach nur Karl Haupt oder Karl Hau oder Karl 46 Haupt.
Für Liv ist das ein Durchbruch in der Recherche, denn bislang gab es ja bis auf die Telefonate kaum nachweisbare Verbindungen zwischen Veronika und Karl Erivan Haupt.
Kein Foto der beiden, nichts.
Aber durch diese Belege kann sie jetzt nachvollziehen, dass sich die beiden irgendwie nahe standen oder Veronika zumindest irgendein Interesse an ihm hatte.
Liv baut in den nächsten Wochen selbst Kontakte nach Russland auf und versucht, mit Leuten im Umfeld von Karl Erivan Haupt zu sprechen.
Alles in Vorbereitung auf die Dokumentation, die bald möglichst erscheinen soll.
Im Zuge dessen fährt sie selbst nach Zermatt, wo der Milliardär verschwunden ist.
Sie interviewt die Bergrettung und seilt sich für die Kamera in eine Gletscherspalte ab.
Dort unten im Eis will sie testen, ob Karl Erivan Haupt theoretisch Empfang gehabt haben könnte, um den Notruf zu verständigen.
Tatsächlich hat ihr Handy dort unten Signal.
Kann es sein, dass Karl Erivan Haupt wirklich in so einer Gletscherspalte verschollen ist?
Oder ist er über eine der Pisten ins italienische Tal hinabgefahren und von dort aus verschwunden?
Die Infrastruktur für ein solches Szenario hätte es jedenfalls gegeben, stellt Liv vor Ort fest.
Am Fuße des Skigebiets auf der italienischen Seite liegt der kleine Ort Cervinia.
Und dort in der Nähe gibt es sogar einen Flugplatz.
Haupt hätte, wenn alles vorbereitet gewesen wäre, unbemerkt abfliegen können.
Das legen jedenfalls die internen Ermittlungsakten nahe.
Laut derer der nahegelegene italienische Flugplatz dafür bekannt ist,
es mit der Protokollierung von Flügen nicht ganz so genau zu nehmen, wenn genug Geld fließt.
Offiziell steht Karl Erivan Haupts Name jedenfalls nicht auf den Passagierlisten der Flugzeuge,
die am 7. April 2018 von dort abgeflogen sind.
Dafür gibt ein anderer entscheidender Punkt den Spekulationen zusätzlich Nahrung.
Die Überwachungskameras in Italien wurden nicht sofort nach seinem Verschwinden überprüft,
sondern erst Tage später.
Da waren die Aufnahmen dann bereits überschrieben.
Es existiert also keinerlei Videomaterial von der italienischen Seite.
Keine Bilder, keine Spur.
Aber eben theoretisch die Möglichkeit, dass genau dort seine Flucht begann und ihn schließlich nach Russland führte.
Warum sollte der milliardenschwere Unternehmer sein altes Leben zurücklassen und nach Russland fliehen?
Wenn er in seiner Ehe unglücklich war oder er sich neu verliebt hätte, hätte er sich ja auch scheiden lassen können.
Warum sollte er neben seiner Frau auch seine Kinder und seine Firma zurücklassen?
Und vor allem die, in dem Glauben lassen, er sei tot.
Die Fragen treiben Liv monatelang um.
Genau wie eine andere, die sie seit Anfang ihrer Recherche begleitet.
Wieso hat Christian Haub, beziehungsweise dessen Vertrauter Wolfgang Mayer,
ihr die Dokumente, die allesamt streng vertraulich sind, überlassen?
Was könnten die Männer für ein Interesse daran haben, dass sie oder RTL darüber berichtet?
Liv ist schon klar, dass sie ihr die heiklen Informationen nicht aus Nächstenliebe zugespielt haben.
Was wirklich dahinter steckt, kann sie sich aber erst zusammenreimen,
als sie eines Morgens zu einer überraschenden Schlagzeile aufwacht.
Wende im Fall Haub.
Familie will verschollenen Tengelmann-Chef für tot erklären lassen.
Heißt es im Februar 2021 nur einen Monat nach dem Liv mit der Recherche begonnen hat in der Presse.
Die Reporterin muss zweimal hinsehen, bis sie versteht, was sie da liest.
Die Rede ist nun nicht mehr nur von Christian Haub, sondern auch von Katrin Haub, also Karl Eriwans Ehefrau.
Die hatte sich bisher vehement dagegen gewehrt, ihren Ehemann für tot erklären zu lassen.
Unter anderem wohl, weil sein Tod für die Familie finanziell eine enorme Herausforderung darstellen würde.
Wolfgang Meier, so hat Liv es uns erzählt, hatte Liv ja bei dem Treffen in St. Moritz offenbart,
dass man versuche, Karl Eriwan Haupt entweder durch einen Nachweis, dass er noch lebt, aus dem Unternehmen ausschließen zu lassen,
oder indem man ihn für tot erklärt.
Und jetzt, als Liv die Schlagzeile liest, wird der Journalistin schlagartig klar, dass das geklappt zu haben scheint.
Katrin Haub hat der Todeserklärung jetzt, drei Jahre nach seinem Verschwinden, plötzlich zugestimmt.
Sie hat der Presse keinen Grund genannt und auch Livs Anfrage bleibt unbeantwortet.
Liv kann nur mutmaßen, woher der Simmeswandel jetzt kommt.
Möglicherweise ist der öffentliche Druck, der in dieser Zeit entstanden ist, auch durch die vielen Presseberichte,
dass Karl Eriwan Haupt eben möglicherweise ein neues Leben in Russland hat, so groß geworden,
dass Katrin Haub sich dann zusammen mit ihren Kindern dazu entschieden hat, eben doch der Todeserklärung zuzustimmen
und gemeinsam mit Christian Haub dann an einem Strang zu ziehen.
Seinem Ziel, die Unternehmensanteile von seinem verschollenen Bruder zu übernehmen, scheint Christian Haub so nah wie nee.
Mit der Todeserklärung, die jetzt beim Amtsgericht in Köln veranlasst wird, ist der Kauf für ihn absehbar und der Gerichtsschreit beigelegt.
Dementsprechend geht Liv nun davon aus, dass er auch kein weiteres Interesse mehr an einer Presseberichterstattung hat
und dass die Offenheit ihr Gegenüber jetzt abebbt. Und damit soll sie Recht behalten.
Ab dem Moment, wo Katrin Haupt der Todeserklärung zugestimmt hat, wollten, also da war gar kein Interesse mehr da, uns weiter zu unterstützen.
Das war schon sehr deutlich. Also man wollte eigentlich das jetzt schnell abmoderieren und nur noch diese Unfalltheorie promoten.
Und das war natürlich völlig bescheuert, weil drei Wochen vorher hatte man uns Dokumente überlassen und einen ganzen Termin gemacht, wo man genau erklärt hat,
wir kriegen jetzt an Ostern dann den finalen Beweis, dass er noch lebt. Und es wurde alles dann nicht so runtergespielt.
Auch die Redebereitschaft Liv gegenüber verändert sich jetzt. Wolfgang Mayer, der vorher immer so offen geplaudert hatte,
beantwortet Liv nun keine Fragen mehr und verlangt schließlich sogar die internen Akten, die er ihr erst vor wenigen Wochen hat zukommen lassen, zurück.
Aber Liv und ihre RTL-Redaktion weigern sich, sie zurückzugeben. Denn Ungereimtheiten bestehen ja noch immer.
Warum hat man Karl Eriwans Leiche nie gefunden? Und vor allem sollte er doch untergetaucht sein? Was könnte der Grund dafür sein?
Ich finde das hier einen ganz interessanten Twist in der Geschichte. Denn erst spricht sie jemand an, der genau diese Geschichte beweisen will, dass Karl Eriwan Haupt nicht tot ist.
Sie beginnt zu recherchieren und als sie dann selbst große Zweifel hat, will der, der sie ja erst dazu, ja, angestiftet hat quasi,
plötzlich nicht mehr, dass diese Geschichte erzählt wird und ihre Quelle versiegt.
Das ist für Liv und ihr Team natürlich ein Rückschlag.
Sie und Faktenchecker Sergei sind bei der Suche nach Antworten jetzt völlig auf sich allein gestellt.
Und der Druck wächst, denn ihnen läuft die Zeit davon.
Sollte Karl Eriwan Haupt tatsächlich noch am Leben sein, dann will Liv das herausfinden.
Und zwar, bevor er offiziell für tot erklärt wird.
Doch genau das droht jetzt schneller zu passieren als gedacht.
Mit der Einwilligung von Katrin Haupt hat das Amtsgericht Köln das Verfahren zur Todeserklärung in die Wege geleitet
und ein sogenanntes Aufgebotsverfahren gestartet.
Das bedeutet, das Amtsgericht wartet jetzt nur noch acht Wochen, ob sich jemand meldet, der etwas über den Verbleib von Karl Eriwan Haupt weiß.
Wenn sich keiner meldet, darf das Gericht den Unternehmer offiziell für tot erklären.
Doch genau das sieht Liv kritisch, solange nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen.
Denn je weiter sie und Sergei in ihren Recherchen vorankommen, desto größer werden ihre Zweifel daran, dass Karl Eriwan Haupt wirklich tot ist.
Da sind zunächst die Auffälligkeiten rund um seine Reise nach Zermatt.
Die plötzliche Routenänderung, obwohl er eigentlich nach Frankreich wollte.
Die Tatsache, dass er sich anders als üblich über die Warnung seiner Trainerin hinweggesetzt hat und allein ins Hochgebirge gegangen ist.
Und dann sein Handy, das am Tag seines Verschwindens plötzlich vom Netz geht, obwohl der Akku noch voll war.
Außerdem finden Liv und Sergei weitere Unstimmigkeiten.
Hinweise, die ein ganz neues Licht auf die Beziehung von Karl Eriwan und der mysteriösen Veronika, seiner vermeintlichen Geliebten, werfen.
Liv und Sergei liegen deren Passnummern vor.
Und mithilfe von Datenlecks aus verschiedenen Online-Reisebuchungsportalen können sie das Reiseverhalten der beiden abgleichen und stellen fest,
die beiden waren offenbar mehrfach zur selben Zeit an denselben Orten, aber nicht etwa in romantischen Städten wie Paris oder Venedig,
sondern vor allem in Osteuropa, insbesondere Russland.
Mutmaßliche gemeinsame Reisen führten sie nach Minsk, Moskau und Omsk.
Jetzt nicht gerade die Orte, die einen Liebesurlaub nahelegen.
Besonders stutzig macht Liv eine Nachtzugreise im Jahr 2009.
Karl Eriwan Haupt und Veronika buchen sich beide in denselben Zug von Moskau nach St. Petersburg ein,
aber in unterschiedliche Abteile.
Für Liv passt das nicht ins Bild einer heimlichen Affäre.
Was also, wenn Veronika in seinem Leben eine ganz andere Rolle gespielt hat?
Was, wenn sie gar kein Liebespaar sind, sondern sie eine andere Beziehung verbindet?
Ein Verdacht, der Liv schon seit Anfang ihrer Recherche begleitet und durch viele kleine Hinweise gestützt wird.
Das versteckte Büro von Russian Event, die fehlenden Informationen auf der Webseite
und vor allem Veronikas luxuriöser Lebensstil, der in keinem Verhältnis zu ihrem offiziellen Einkommen steht.
Liv und Sergej können bestätigen, dass Veronika teure Autos fährt und Eigentumswohnungen in Moskau und St. Petersburg besitzt.
Trotz eines angeblichen Monatsgehalts von 900 Euro.
Ihr tatsächliches Leben wirkt eher wie das einer Topverdienerin oder eben jemandem, der Zugang zu ganz anderen Mitteln hat.
Die internen Tengelmann-Ermittler hatten dafür in ihren Akten eine Vermutung.
Veronika könnte für den russischen Geheimdienst arbeiten.
Dass der Geheimdienst in irgendeiner Weise involviert sein könnte, hatte ich ja vorhin schon mal kurz angerissen.
Liv kam das am Anfang ihrer Recherche aber völlig absurd vor.
Deswegen hat sie sich erst mal mit einer potenziellen Affäre der beiden beschäftigt.
Aber jetzt, je länger sie recherchiert, wirkt diese Vermutung immer plausibler.
Liv spricht jetzt also mit mehreren ExpertInnen, darunter auch russische Geheimdienstkenner.
Und alle bestätigen ihren Eindruck.
Die digitalen Spulen, die Veronika im Netz hinterlassen hat, könnten darauf hindeuten, dass sie für einen Geheimdienst arbeitet.
Die internen Ermittler von Tengelmann gehen in ihren Akten aber sogar noch einen Schritt weiter.
Sie vermuten, dass Karl Erivan Haupt selbst Kontakte zum russischen Geheimdienst gehabt haben könnte, in welcher Form auch immer.
Ein Hinweis darauf sind laut der Akten unter anderem seine undurchsichtigen Geschäftspartner in Russland.
Seit er die Baumarktkette Obi Anfang der 2000er so erfolgreich in Russland etablierte, ist Karl Erivan Haupt dort gut vernetzt.
Mittlerweile auch mit hochrangigen Leuten, die sogar Putin nahestehen sollen.
Liv kann das im Laufe ihrer Recherche mit der Hilfe von InformantInnen in Russland bestätigen.
Karl Erivan Haupt hätte die nötige Infrastruktur gehabt, um sich dort ein neues Leben aufzubauen.
So viel steht für die Journalistin fest.
Und diese neue Entwicklung, die Vermutung, dass Karl Erivan Haupt selbst mit dem Geheimdienst in Verbindung stehen könnte,
stellt die Beziehung von Veronika und ihm für Liv in ein ganz neues Licht.
Der Verdacht der internen Ermittler war, dass sie in irgendeiner Form für einen der russischen Nachrichtendienste arbeitet
und Karl Erivan Haupt eher so als eine Art Agentenführerin geführt hat.
Und ich persönlich teile auch diese Meinung, weil gerade bei den Reisen, die die beiden gemeinsam unternommen haben,
für mich schon einige Fragezeichen da sind.
Das liegt vor allen Dingen in der Natur der Sache, was die Orte angeht.
Also beispielsweise, dass man für 24 Stunden nach Omsk reist oder so.
Aber generell haben eben die Reiseziele, die sie gemeinsam oder aber auch alleine gemacht hat,
immer einen eher geschäftlichen Charakter gehabt.
Eben, dass man irgendwo anreist, dann wenige Stunden, maximal zwei Tage dort verbringt und dann eben auch wieder schon abreist.
Also ich hatte das Gefühl, dass sie mit einem Ziel sozusagen die Orte ausgesucht hat.
Dann wurde dort möglicherweise eben etwas vollbracht und dann ist man auch wieder abgereist.
Selbst dafür, dass Karl Erivan Haupts Verschwinden etwas mit dem russischen Geheimdienst zu tun haben könnte,
haben die Tengelmann-Ermittler in ihren Akten Indizien gefunden.
Zwei Tage nach Karl Erivans Verschwinden haben offenbar zwei Personen in seinem Hotel in Zermatt eingecheckt,
die sich hauptsächlich in der Lobby aufgehalten haben.
Von dort aus hatten sie eine gute Sicht auf den Raum,
in dem sich die Familie Haupt zur Koordinierung der Rettungsmaßnahmen traf.
Die internen Tengelmann-Ermittler vermuten in den vertraulichen Akten,
dass sie damals beobachtet wurden,
und sie konnten diese Personen bei einem Hintergrundcheck
offenbar mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung bringen.
Liv und Sergej gelingt es wiederum, diese Personen, die da im Hotel waren, ausfindig zu machen.
Einen der beiden können sie sogar zu einem Treffen bewegen
und im persönlichen Gespräch bestätigt er,
dass er damals zur selben Zeit, als Karl Erivan Haupt verschwunden ist, in Zermatt war.
Er leugnet aber, zum Geheimdienst zu gehören.
Also wir auch sollten das Personen sein, die wirklich für den Geheimdienst arbeiten,
dann wird das ja niemand oft sehr bestätigen.
Also was bleibt, ist die Frage,
Warum sollte Karl Erivan Haupt für den Geheimdienst interessant sein?
Da zitiere ich jetzt die internen Ermittler,
weil diese Frage habe ich natürlich denen auch als erstes gestellt.
Ich habe gesagt, ja, was soll denn da groß passiert sein?
Und die Antwort war, dass Karl Erivan Haupt möglicherweise als eine Art Einflussagent für die russische Seite aktiv war.
Das bedeutet, dass russische Interessen über eine Person wie Karl Erivan Haupt,
die so engen Draht zur Politik hat, die in die Wirtschaft enge Kontakte hat,
russische Interessen beeinflussen kann auf deutschem Boden.
Liv hat uns im Interview erzählt, dass sie es zumindest für möglich hält,
dass Karl Erivan Haupt für die Interessen des russischen Geheimdienst gehandelt haben könnte.
Entweder freiwillig oder weil er unter Druck gesetzt wurde.
Denkbar sei zum Beispiel, dass er seine Kontakte zu deutschen PolitikerInnen genutzt hat,
um Entscheidungen im Sinne seiner russischen Geschäftspartner zu beeinflussen.
Etwa beim Thema Sanktionen, also Maßnahmen wie Handelsbeschränkungen oder eingefrorene Konten.
Beweise dafür gibt es auch hier nicht.
Das sind lediglich Vermutungen von Liv und offenbar von den internen Tengelmann-Ermittlern.
Aber wenn sie stimmen würden, könnte das juristisch tatsächlich als geheimdienstliche Agententätigkeit gewertet werden.
Also als eine Form Spionage.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum er plötzlich verschwand.
Vielleicht hatte er Angst aufzufliegen.
Durch eine interne Revision bei Tengelmann zum Beispiel, die es nachweislich gegeben hat.
Diese Revision wurde intern angestoßen, weil Karl Erivan Haupt massiv Geld investiert hatte,
um die Supermarktkette Plus nach Russland zu bringen,
die ja aber dort nie einen einzigen Laden eröffnet hatte.
Noch während seiner Zeit als Chef wurde deshalb eine interne Untersuchung angeleitet.
Ein interner Revisionsbericht listete damals zahlreiche Ungereimtheiten auf,
darunter auch Hinweise auf Bestechung.
Doch Karl Erivan Haupt selbst soll die Ermittlungen behindert und weitere Nachforschungen untersagt haben.
Erst nach seinem Verschwinden wurde eine unabhängige, renommierte Unternehmensberatung
mit einer umfassenden Prüfung beauftragt.
Ihr Fazit?
Zwischen 2010 und 2015 hat Tengelmann mehr als 42 Millionen Euro ins Plus-Russland-Geschäft investiert.
Und trotzdem hat nie ein einziger Laden aufgemacht.
Diese riesige Geldsumme ist deshalb nicht nachvollziehbar.
Es gebe Anzeichen für Korruption, sagt Liv, und wichtige E-Mails zum Projekt seien gelöscht worden.
Was da in Russland gelaufen ist, weiß Liv nicht.
Sie vermutet aber, dass ihm bereits Ermittlungsbehörden deswegen auf den Fersen waren.
Das FBI oder die CIA zum Beispiel.
Vertreter beider US-Behörden waren nach Karl Erivan Haupts Verschwinden in Zermatt, um eigene Ermittlungen anzustellen.
Liv konnte bisher nicht herausfinden, wieso.
Aber egal in welche Richtung sie recherchiert, egal welches lose Ende sie anfasst, sie lässt der Verdacht nicht los, dass Karl Erivans letzte Reise nach Zermatt gar keine sportliche Auszeit war, sondern ein geplanter Abgang.
Ein Abschied von seinem alten Leben.
Und diesen Verdacht will sie nun im Rahmen des Aufgebots mit dem Amtsgericht in Köln teilen.
Jeder, der Auskunft über den Verschollenen geben könnte, ist aufgefordert, sich zu melden, heißt es sinngemäß im Verschollenheitsgesetz.
Und Liv fühlt sich angesprochen.
Es ist der 3. Mai 2021, ein sonniger Montag, als Liv gegen halb zwölf einen Raum im Amtsgericht Köln betritt.
Vor ihr sitzt ein freundlicher Sachbearbeiter mit Pferdeschwanz und Liv beginnt, ihre Zweifel am Tod von Karl Erivan Haupt kundzutun.
Der Beamte ihr Gegenüber hört ihr aufmerksam zu, während sie ihre Recherchen ausbreitet.
Ausdrucke, Aktennotizen, markierte Dokumente, allen voran die internen Ermittlungsunterlagen von Tengelmann.
Für Liv steht fest, allein diese Papiere liefern ausreichend Hinweise darauf, dass Karl Erivan Haupt womöglich noch leben könnte.
Liv redet sich den Mund fusselig und appelliert schließlich einbringlich an das Gericht.
Die Staatsanwaltschaft müsse polizeiliche Ermittlungen einleiten, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Und Christian Haupt müsse unter Eid zum Verbleib von Karl Erivan Haupt befragt werden.
Liv vermutet, dass er mehr weiß, als er preisgibt.
Gegen Ende des Termins hat Liv das Gefühl, dass der Sachbearbeiter des Amtsgerichts zwar ihre Zweifel am Tod von Karl Erivan Haupt nachvollziehen kann,
aber sie glaubt nicht, dass die Behörde wirklich tätig wird.
Also setzt sie sich kurz darauf an ihren Laptop und verfasst eine E-Mail mit all ihren Bedenken und Nachforschungen, die sie dem Amtsgericht hinterher schickt.
Sie hofft, dass ihre Worte schwarz auf weiß mehr Überzeugungskraft haben.
Tatsächlich wird kurze Zeit nach Livs Aussage Christian Haupt vom Amtsgericht offiziell zu Stellungnahmen aufgefordert.
Aber er streitet ab, Kenntnis über das Fortleben seines Bruders zu haben.
Und damit nicht genug.
Seine Anwaltskanzlei schickt zwei Tage vor Ablauf der Frist des Aufgebots noch einen Brief hinterher,
den nicht nur das Amtsgericht Köln erhält, sondern auch einige PressevertreterInnen.
Und so gelangt der Brief schließlich zu Liv, die beim Lesen aus allen Wolken fällt.
In dem Schreiben diffamiert man Liv persönlich.
Sie handle aus eigensüchtigen Motiven, nämlich um eine bessere Einschaltquote für ihre RTL-Doku zu provozieren.
Weiter heißt es im Brief, dass durch die Übereinkunft von Katrin Haupt und Christian Haupt, was die Todeserklärung angeht,
ein neu gewonnener Familienfrieden entstanden sei, der sich schließlich auch positiv auf das Unternehmen auswirken würde.
90.000 Arbeitsplätze seien so gesichert, schreibt er.
Liv hat das Gefühl, man will dem Amtsgericht damit nahelegen,
dass potenzielle Ermittlungen zu Entlassungen bei Tengelmann führen könnten.
Was die Journalistin aber noch mehr verblüfft, ist der Anhang des Briefes.
Beigefügt ist eine Erklärung von Eides statt, die Christian Haupt persönlich unterzeichnet hat.
Liv kann nicht fassen, was sie da liest.
Christian Haupt versichert nämlich, dass keine belastbaren Hinweise, geschweige denn billweise,
vorliegen, dass sein Bruder noch lebt.
Er gibt an, von Anfang an davon überzeugt gewesen zu sein, dass sein Bruder tödlich verunglückt sei.
Außerdem versicherte er, dass er erstmals im November 2020 einen Sicherheitsdienst beauftragt habe,
den Gerüchten um das Verschwinden seines Bruders auf den Grund zu gehen.
Und im letzten Punkt wirft Christian Haupt Liv persönlich vor, dass kein einziges Wort ihrer Unterstellung ihm gegenüber,
also alles, was sie dem Amtsgericht über ihre bisherigen Recherchen vorgelegt hat,
davon hat der Haupt ja erfahren, als er um die Stellungnahme gebeten wurde, wahr sei.
Liv ist einerseits schockiert darüber, wie offensichtlich sie persönlich angegangen wird,
und andererseits fragte sie sich, wie konnte Christian Haupts Rechtsbeistand dieser Versicherung an Eidestadt zustimmen,
wo doch mindestens ein Punkt nach Liv widerlegt werden kann.
Diese eidestadtliche Versicherung umfasst vier Punkte, unter anderem auch,
dass er erstmals im November 2020 mit Ermittlungen rund um das Verschwinden angefangen hat.
Da dachte ich so, hä?
Also kurz nochmal nachblättern in unseren internen Akten,
die uns von der Seite von Christian Haupt zur Verfügung gestellt worden waren.
Da stand halt drinnen, Datum Juni, Juli 2018.
Und das nächste Dokument war aus August 2020.
Also zu sagen, erst im November 2020 wurden mit Ermittlungen begonnen,
das war ja also aus meiner Sicht komplett falsch.
Und ich habe nicht verstanden, wie man darauf eine eidestadtliche Versicherung aufbauen kann.
Uns liegen diese internen Ermittlungsakten von Tengelmann auch vor.
Auf den Dokumenten steht, dass die Untersuchungen im Jahr 2018 eingeleitet wurden
und nicht erst im Jahr 2020.
Also wenn diese Dokumente echt sind, wovon wir jetzt mal ausgehen,
denn wieso sollte das Unternehmen Tengelmann falsche Ermittlungsakten rausgeben?
Dann könnte man zumindest diesen Punkt in der eidestadtlichen Versicherung wirklich einfach widerlegen.
Auch das Amtsgericht Köln, dem LIV die Dokumente ebenfalls vorgelegt hat,
könnte das nachprüfen.
Aber offenbar tut das niemand.
Oder wenn doch, dann führt das zu keinem Ergebnis.
Denn noch im Mai 2021, im selben Monat, in dem LIV ihre Bedenken geäußert hat
und Christian Haupt die eidestadtliche Versicherung abgegeben hat,
passiert das, was LIV sehr kritisch sieht.
Karl Erivan Haupt wird mit Ablauf der Aufgebotsfrist offiziell für tot erklärt.
Weitere Ermittlungen werden nicht unternommen.
Schließlich verkaufen Karl Erivans Frau Katrin und deren Kinder
ihre geerbten Unternehmensanteile für über eine Milliarde Euro an Christian Haupt.
Die genaue Summe ist nicht bekannt.
Nur, dass Christian Haupt im Juni 2021
zwei Drittel des milliardenschweren Familienunternehmens hält
und damit zum Mehrheitsgesellschafter der Tengelmann-Unternehmensgruppe aufsteigt.
LIVs Recherche ist dadurch eine andere.
Monatelang wollte sie die mysteriösen Umstände seines Verschwindens aufklären
und beweisen, dass er sich möglicherweise nach Russland abgesetzt hat.
Doch jetzt ist der Verschollene, auf dessen Spuren sie so lange unterwegs war,
kein Verschollener mehr, sondern ein Verstorbener.
Ein Toter, ohne Leiche, zumindest auf dem Papier.
Aber selbst wenn das, woran das zweifelt, stimmt,
dann hat sie noch immer Fragen.
Fragen, die sie seit ihrer Recherche begleiten, wie sie uns erzählt hat.
Was wäre, wenn morgen Karl-Erivan Haupt in der Gletscherspalte gefunden werden würde?
Würde dann diese ganze Geschichte in sich zusammenfallen?
Und da muss ich halt sagen,
alles, was rund um diese Russland-Geschäfte von uns recherchiert wurde,
das würde immer noch Bestand haben.
Dieser absolut dubiosen Geschäftspartner,
die Anrufe nach Russland einen Monat vor dem Verschwinden,
dieses Konstrukt Russian Event plus Veronika,
wo für jeden, der vom Fach ist und darüber guckt,
klar ist, dass ein Eventagentur ist das nicht.
Und was Veronikas wahrer Job ist, werden wir wahrscheinlich nie erfahren.
Aber alles deutet darauf hin,
dass sie einem der russischen Geheimdienste zuzuordnen ist.
Das würde alles Bestand haben,
selbst wenn er morgen in der Gletscherspalte gefunden wird.
Was Liv damit sagen will, ist, dass selbst wenn Karl-Erivan Haupt am 7. April tödlich verunglückt ist,
dann ändert das ja nichts an dem Fakt, dass sein Verhalten vor seinem Verschwinden
auf zwielichtige Machenschaften oder zumindest auf Kontakte zu fragwürdigen Personen hindeutet.
Und es gab ja auch diese internen Ermittlungen, dass Firmengelder verschwunden sind.
Liv ist überzeugt, selbst wenn der Milliardär tot ist, kennt die Öffentlichkeit nicht die ganze Wahrheit über ihn.
Deshalb entscheiden sie und ihr Team, sich nach langen Abwägungen dazu, weiter zu recherchieren
und vor allem ihre Recherchen bald zu veröffentlichen,
nämlich in Form der Dokumentation, die von Anfang an fürs Fernsehen geplant war.
Und dafür muss Liv nach Russland.
Sie muss da drehen, wo alle Spuren zusammenlaufen.
Und sie hofft, dass sie vielleicht sogar Veronika vor die Kamera bekommt.
Einige Tage später steht Liv zum ersten Mal in Moskau,
vor einem Gebäude, das auf sie wirkt wie eine Festung.
Es steht auf steinernen Säulen und ist von hohen Mauern umgeben.
Hier soll Veronika eine ihrer luxuriösen Eigentumswohnungen haben
und nach Livs Recherchen aktuell alleine leben.
Am Eingang sitzt ein Förtner, der Liv und ihrem Kollegen,
einem russischsprachigen Auslandskorrespondenten, schroff den Zutritt verweigert.
Während das Kamerateam beginnt, das Gebäude von außen zu filmen,
beobachtet Liv, wie ausschließlich Luxusautos in die Tiefgarage ein- und ausfahren.
Porsche, Bentley und Range Rover.
Auch Veronika fährt einen Range Rover.
Liv hat sich monatelang mit Veronikas Leben befasst.
Und doch war sie ihr nie so nah wie jetzt.
Vielleicht hat Veronika die Antworten, nach denen Liv seit nun knapp fünf Monaten so vehement sucht.
Vielleicht weiß sie, ob Karl-Erivan Haupt noch am Leben ist.
Vielleicht war auch er nach seinem Verschwinden schon einmal in diesem Haus, vor dem Liv jetzt steht.
Das ist natürlich nur ein Gedanke.
Die Journalistin beschließt, diese Nähe zu nutzen.
Sie sucht Veronikas Nummer aus ihren Unterlagen heraus und ruft sie an.
Liv rechnet nicht damit, dass jemand abnimmt.
Doch zu ihrer Überraschung knackt die Leitung und Veronika nimmt ab.
Liv stellt sich kurz vor, aber noch bevor sie die erste Frage stellen kann, unterbricht die Russin sie.
Höflich, aber entschieden fragt sie, woher Liv ihre Nummer hat und macht klar, dass sie nicht noch einmal kontaktiert werden will.
Dass sie sich belästigt fühlt.
Dann legt sie auf und Liv bleibt zurück.
Enttäuscht.
Wieder ohne Antworten.
Nur mit dem Gefühl, dass Veronika mehr weiß, aber dass sie ihr Wissen niemals preisgeben wird.
Livs Hoffnung, die vermeintliche Geliebte und oder Geschäftspartnerin von Karl Erivan Haupt vor die Kamera zu bekommen, platzt damit endgültig.
Der Trip nach Russland bringt nur wenige neue Erkenntnisse und in einigen Tagen wird sie schon wieder abreisen.
Die Reporterin ist frustriert.
Doch dann erhält sie einen Tag vor ihrem Abflug eine vielversprechende Nachricht.
Die Nachricht kommt von einem Mann, mit dem Liv im Laufe ihrer Recherche immer wieder Kontakt hatte und den sie ein paar Tage vorher hier in Russland schon einmal getroffen hat.
Es ist ein Informant, der lieber anonym bleiben will und Kontakte zum FSB, einem von mehreren russischen Geheimdiensten, pflegt.
Seit Monaten hofft Liv, dass ihr der Mann Informationen beschaffen kann, aber das Treffen vor wenigen Tagen in Moskau war ernüchternd.
Der Informant hat nur vage Aussagen gemacht und wusste nichts, was Liv auf der Suche nach Karl Erivan Haupt weiterhelfen könnte.
Doch das scheint sich jetzt geändert zu haben.
Es gäbe etwas zu besprechen, schreibt er.
Kurze Zeit später sitzt Liv dem Mitteende 30-jährigen Deutschrussen mit dunkelblondem Haar im Hinterhof eines georgischen Restaurants gegenüber.
Er kommt direkt zur Sache.
Er hat nochmal seine Kontakte spielen lassen und herausgefunden, dass ein ausländischer Auftraggeber im Februar in Moskau nach Karl Erivan Haupt suchen ließ.
Mithilfe eines biometrischen Überwachungssystems.
Mehr als 170.000 Kameras in der Stadt sind mit Gesichtserkennung ausgestattet.
Es gibt also Aufnahmen von nahezu allen, die sich dort aufhalten.
Der Auftraggeber habe für eine Suche im System Referenzbilder des Tengelmann-Erben zur Verfügung gestellt und laut Livs Informant habe es im biometrischen Überwachungssystem mehrere Treffer gegeben.
Bilder eines Mannes, der Haupt sehr ähnlich sehe.
Aufgenommen im Februar 2021 an einer Straße im Süden Moskaus.
Wie ähnlich will Liv wissen.
Der Informant spricht von einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent.
Er habe die Fotos selbst gesehen.
Sie zeigen einen Mann mit dicker blauer Winterjacke, mit weißem Pelzkragen und Mütze von vorn und von der Seite fotografiert.
Doch Liv bekommt die Bilder nicht zu Gesicht.
Diejenigen, die sie besitzen, offenbar Geheimdienstkontakte, verlangen dafür Geld und zwar eine hohe Summe.
Viel zu viel für eine Journalistin.
Als sich Liv in Moskau von dem Informanten verabschiedet, betont er noch einmal, wie erschlagend die Ähnlichkeit sei.
Aber sein Wort reicht ihr nicht.
Nicht für ihren inneren Frieden und nicht, um die Informationen in der geplanten Dokumentation wiederzugeben.
Frustriert und mit offenen Fragen reist Liv zurück nach Deutschland.
Ihre Dokumentation über den Fall Tengelmann läuft knapp zwei Wochen später, am 11. Juni 2021, um 20.15 Uhr bei RTL.
Liv ist da gerade beruflich in Köln.
Weil sie in den letzten Wochen fast ununterbrochen gearbeitet hat, hat sie die Doku selbst noch nicht am Stück gesehen.
Deshalb sitzt sie jetzt mit zwei Kolleginnen vor dem Fernseher ihres Hotelzimmers und startgebannt auf den Bildschirm.
Sie sieht die Aufnahmen aus St. Moritz, wo sie sich ganz am Anfang ihrer Recherche mit Wolfgang Mayer getroffen hat.
Die Bilder aus Zermatt, wo sie mit der hiesigen Bergrettung sprach.
Und sie sieht das Material aus Russland, das erst vor kurzem entstanden ist.
Sie ist stolz auf das, was sie erreicht haben.
Aber die Doku kratzt nur an der Oberfläche.
All ihre Vermutungen, dass Karl Erivan Haupt mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung stehen könnte,
dass es vielleicht sogar Bilder von ihm in Moskau gibt und dass sein Bruder Christian Haupt womöglich sogar davon wusste,
all das kann sie zu diesem Zeitpunkt nicht belegen und deshalb auch nicht veröffentlichen.
Und das macht Liv zu schaffen.
Jetzt, während sie die Doku sieht, aber auch noch Wochen später, als sie längst wieder in Berlin ist.
Obwohl ihr erster Film für RTL jetzt erschienen ist, lassen sie Tengelmann und Russland seit über einem halben Jahr nicht los.
Für mich war die Geschichte an dieser Stelle ja nicht auserzählt, weil wir waren zwar ein Stückchen weitergekommen,
aber das große Bild war ja noch nicht vollständig.
Also das letzte Puzzlestück, was eigentlich passiert ist, das hat ja gefehlt.
Und deshalb habe ich beschlossen, damals weiterzumachen.
Sporadisch hält sie den Kontakt zu verschiedenen Informanten in Russland.
Aber sie haben zunächst keine Neuigkeiten für sie.
Erst Mitte September 2022, Livs Dreh in Moskau liegt da schon weit über ein Jahr zurück,
meldet sich einer der Informanten bei ihr.
Der Mann ist gerade von Russland nach München gezogen, sagt er, und möchte Liv treffen.
Sie sagt zu.
Es ist ein sonniger Herbsttag in der ersten Oktoberwoche, als sie mit ihm durch den englischen Garten schlendert.
Der Deutsch-Russe trägt einen Kapuzenpulli, weiße Sneaker und eine Stofftasche.
Er erinnert sie an einen Studenten.
Als sie in einem gutbürgerlichen Restaurant in einer Nische Platz genommen haben,
holt er ein iPad aus seiner Stofftasche und schiebt das Display zu Liv über den Tisch.
Liv erstarrt.
Das iPad zeigt das Bild eines Mannes, der Karl-Erivan Haupt verdächtig ähnlich sieht.
Die dünnen Lippen, die schlanke Nase und die buschigen Augenbrauen.
Der Mann schaut konzentriert, im Hintergrund kann man Kräne erkennen.
Wortlos starrt Liv auf das Display, dann slidet sie mit einem Finger nach links und ein zweites Foto taucht auf.
Es zeigt denselben Mann mit derselben Bekleidung, diesmal von der Seite.
Liv ist sprachlos und denkt in dem Moment, dass sich die jahrelange Arbeit jetzt endlich auszahlt.
In dem Moment, wo ich die Bilder das erste Mal so richtig gesehen habe, da muss ich ehrlich zugeben, war ich ein bisschen im Schock.
Weil vor mir war möglicherweise das erste Mal wirklich der Beweis dafür, dass Karl-Erivan Haupt im Februar 2021,
also knapp drei Jahre nach dem Verschwinden, noch am Leben gewesen sein könnte.
Und also ich muss wirklich sagen, das war ein Moment, da ist die Zeit kurz stehen geblieben sozusagen.
Laut Livs Informanten sind die Fotos an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, am 19. und am 20. Februar 2021,
jeweils am Nachmittag von Überwachungskameras im südlichen Bezirk von Moskau aufgenommen worden.
Und er zeigt sie Liv nun, weil die, von denen die Fotos kommen, wollen, dass Liv einen Kontakt zu Katrin Haupt herstellt.
Man wolle die Fotos, die vermeintlich Karl-Erivan Haupt zeigen, an sie verkaufen.
Liv ist perplex.
Sie macht klar, dass sie keinen Kontakt zu Katrin Haupt habe.
Die Milliardärsgattin hat nie auf ihre Anfragen reagiert.
Sie, Liv selbst, will die Fotos haben und veröffentlichen, sagt sie.
Aber ihr gegenüber rudert wie schon der Mann in Moskau zurück.
Seine Hintermänner wollen Millionen dafür und sie seien nicht an einer Veröffentlichung interessiert.
Damit steht fest, Liv und der Informant kommen an diesem Herbsttag im Oktober 2022 nicht zusammen.
Aber Liv weiß jetzt, dass es diese Bilder wirklich gibt.
Sie hat sie mit eigenen Augen gesehen.
Und das bringt sie schließlich auf einen anderen Ansatz für ihre Recherche.
Ein Ansatz, dem sie bisher noch nicht nachgegangen ist.
Liv erinnert sich.
Die internen Ermittler von Tengelmann haben ihr damals erzählt,
dass sie eine großzügige Erfolgsprämie erhalten, wenn sie beweisen können, dass Karl Erivan Haupt noch lebt.
Und zwar mit einem Beweis, der auch vor Gericht standhält.
Man hatte ihr gesagt, dass der finale Beweis kurz bevor stünde.
Aber dann hat sie nie wieder was von den Ermittlern oder von Wolfgang Mayer gehört.
Liv fragt sich jetzt, ob sie anderweitig prüfen kann, ob diese Erfolgsprämie gezahlt wurde.
Wolfgang Mayer hatte damals in St. Moritz von einer Bonuszahlung in Millionenhöhe gesprochen.
Darüber muss es doch Aufzeichnungen geben.
Nach dem Treffen in München nimmt Liv ihre Recherchen zur Causa Tegelmann wieder auf.
Und schon knapp drei Monate später ist sie schon etwas weiter.
Zum einen bestätigt ihr eine Quelle aus dem Tengelmann-Umfeld,
dass mindestens einer der Ermittler das in Aussicht gestellte Geld, Zitat,
zweifelsfrei erhalten habe.
Zum anderen deutet ein Eintrag in einem Unternehmensregister auf eine hohe Zahlung hin.
Einer der Ermittler betreibt eine Firma für Sicherheitsberatung,
deren Jahresabschlüsse öffentlich einsehbar sind.
Liv wirft einen Blick auf die Zahlen und stellt fest,
im Jahr 2021 hat sich die Bilanzsumme der Firma mehr als versiebenfacht,
von rund 140.000 Euro auf über eine Million.
Auch das Eigenkapital ist stark gestiegen.
Liv kann nicht in Erfahrung bringen, ob die Zahlung von Tegelmann kommt.
Aber es kommt ihr zumindest verdächtig vor, dass sie im Jahr 2021 getätigt wurde,
also im selben Jahr, als die Fotos, die Karl Eriwanhaupt zeigen sollen, gemacht wurden.
Wäre es möglich, dass die Fotos der finale Beweis sind,
den die Tengelmann-Ermittler erbracht haben?
Möglich ist es, aber wir wissen das tatsächlich nicht.
Also mehr als diesen Informanten, der das bestätigen soll, hat Liv da nicht.
Und dieser Geldeingang, der könnte selbstverständlich auch
von einem anderen erfolgreich abgeschlossenen Projekt stammen.
Liv juckt es trotzdem langsam in den Fingern.
Obwohl sie noch immer keinen Beweis dafür hat,
dass Karl Eriwanhaupt sich nach Russland abgesetzt haben könnte,
hat sie inzwischen so viele Indizien zusammengetragen,
dass sie mit einer weiteren Veröffentlichung nicht länger warten will.
Die Fotos, die sie gesehen hat,
die Hinweise auf Verbindungen zum russischen Geheimdienst.
Liv will nicht länger an der Oberfläche kratzen,
sondern sie will alle Informationen, die sie hat, festhalten.
Gebündelt. Und zwar in Form eines Buchs.
Investigativ-Recherchen füllen mehr als 300 Seiten
und werden im Mai 2023 unter dem Namen
Die Akte Tengelmann veröffentlicht.
Das Buch gibt einen Überblick über den Fall
mitsamt seiner losen Enden.
Das haben wir natürlich auch gelesen zur Vorbereitung.
Liv hofft damals,
dass es auch in die Hände von Ermittlungsbehörden gelangt,
um den Fragen, die sie aufwirft,
auf den Grund zu gehen.
Kennt Christian Haupt die Fotos aus Russland,
die vermeintlich seinen Bruder zeigen.
Und wenn ja, seit wann?
Wer ist Veronika E.,
Kai-Erivan Haupts Geliebte?
Oder stehen die beiden in einem anderen Verhältnis zueinander?
Und wo ist der verschwundene Milliardär?
Lebt er noch?
Aber nichts dergleichen passiert.
Keine Ermittlungen, kein Aufschrei der Medien.
Also ergreift Liv selbst die Initiative
und geht einen gewagten Schritt.
Mein großes Ziel und auch mein großer Wunsch war es ja,
die Fotos zu veröffentlichen,
ohne dabei die Quellen zu gefährden.
Und journalistisch hatten wir zu diesem Zeitpunkt
einfach alles probiert,
alles ausgereizt
und diese Möglichkeit einfach nicht gehabt.
Und die einzige Chance bestand
zum damaligen Zeitpunkt tatsächlich jetzt,
die Behörden einzuschalten
und Ermittlungen zu veranlassen,
die dann hoffentlich dazu führen,
dass ja die Fotos ans Licht der Öffentlichkeit kommen.
Und deshalb habe ich damals in Absprache
mit der Redaktion mich entschieden,
Strafanzeige gegen Christian Haupt zu stellen.
Liv wird jetzt also zum zweiten Mal aktiv Teil der Geschichte,
was als Journalistin normalerweise natürlich nicht üblich ist.
Warum Liv das trotzdem gemacht hat?
Sie hatte den Eindruck,
dass vor ihren Augen eine Straftat begangen wird,
hat sie uns erzählt,
nämlich dass Christian Haupt
eine falsche eidesstattliche Versicherung abgegeben hat.
Und daraufhin ein Mann für tot erklärt wurde,
der es, so nimmt sie an,
vielleicht gar nicht ist.
Und da wollte sie nach eigener Aussage nicht wegsehen.
Doch auch die Strafanzeige bleibt vorerst ohne Konsequenzen.
Die Staatsanwaltschaft Köln sieht von Ermittlungen ab.
Liv und ihre Anwältin lassen jedoch nicht locker.
Sie reichen eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein,
die schließlich Bewegung in den Fall bringt.
Die Staatsanwaltschaft ordnet daraufhin Hausdurchsuchungen
bei den internen Ermittlern von Tengelmann an
und beschlagnahmt einen Laptop.
Man sucht nach Hinweisen auf die internen Recherchen
rund um Karl Eriwan Haupts Verschwinden.
Doch auf dem Laptop werde man nichts finden,
gibt Christian Haupts Anwalt kurz darauf in einem Interview bekannt.
Sämtliche relevanten Daten
seien auf Wunsch der Familie Haupt bereits gelöscht worden,
um einen Schlussstrich unter das Kapitel zu ziehen.
Das finde ich ja sehr interessant.
Darüber hinaus dementiert er,
dass sein Mandant Christian Haupt Fotos aus Moskau,
die seinen verschollenen Bruder zeigen könnten, kenne.
Und Christian Haupt geht jetzt auch selbst in die Offensive.
Er erstattet Strafanzeige und zwar gegen Liv persönlich.
Der Vorwurf lautet,
sie verbreite vorsätzlich falsche Anschuldigungen,
um das Interesse an ihrem Buch zu schüren.
Also Leute, und hier muss ich auch mal sagen,
das ist schon krass,
dass man da so tief in einer Recherche drin ist,
dass man sich da auf einmal gegenseitig mit Strafanzeigen kommt.
Ich kann das sogar verstehen.
Ich kann total nachvollziehen, was sie damit bewirken will.
Aber ich will an der Stelle einmal sagen,
Liv ist ab jetzt,
wo sie selbst in einem Rechtsstreit
mit einem Beteiligten der Geschichte steht,
als Journalistin
nicht mehr nur Beobachterin
und kann auch nicht mehr aus einer neutralen Position heraus berichten.
Im Gespräch hat Liv uns erzählt,
dass sie ab dem Moment,
wo sie Strafanzeige gegen Christian Haupt gestellt hat,
aber auch nicht mehr für RTL über ihn berichtet hat.
Denn die Anzeige gegen Liv,
die läuft auch bis zum heutigen Tage.
Die Staatsanwaltschaft Köln hat uns auf Nachfrage mitgeteilt,
dass man hier aktuell die Voraussetzungen
eines Anfangsverdachts prüft,
also ob tatsächliche Anhaltspunkte
für das Vorliegen einer Straftat bestehen.
Ermittlungen wurden also bisher noch nicht eingeleitet.
Tatsächlich ziehen noch mal knapp zwei Jahre ins Land,
bis sich im Fall auch in der Öffentlichkeit wieder etwas tut.
Im März 2025, also vor wenigen Monaten,
wacht Liv zu einer Schlagzeile auf,
die von ihr hätte sein können.
Geheime Fotos aus Moskau
lebt der verschollene Milliardär Karl Eriwan Haupt noch,
titelt das Manager-Magazin.
Und darunter prangen die zwei Fotos,
die Liv vor zwei Jahren in München gesehen hat.
Das Manager-Magazin hat sie veröffentlicht.
Den JournalistInnen liegen offenbar auch zwei Gutachten vor,
die untermauern sollen,
dass es sich bei dem Mann auf den Bildern
um den verschollenen Ex-Tengelmann-Chef handeln könnte.
Eines der Gutachten
bescheinigt eine Trefferwahrscheinlichkeit von über 85 Prozent.
Das zweite von einer kanadischen Professorin
geht von einer nahezu sicheren Identifikation aus,
mit einem Wert von 99 Prozent.
Und hier ist aber ganz wichtig zu betonen,
dass die Gutachten nicht vom Manager-Magazin
in Auftrag gegeben worden sind,
sondern sie sollen,
so viel konnte Liv offenbar herausfinden,
von einem israelisch-amerikanischen Unternehmen stammen,
das zuvor von den internen Ermittlern von Tengelmann
beauftragt worden war,
den finalen Beweis zu beschaffen.
Und das macht diese Gutachten,
wenn ihr mich fragt,
nicht sonderlich seriös.
Außerdem, und das fragt ihr euch ja bestimmt auch,
könnte es natürlich sein,
dass es sich bei den Bildern um Deepfakes handeln könnte.
Also selbst wenn die Fotos wirklich Karl-Erivan Haupt zeigen,
wäre es ja möglich, dass sie manipuliert wurden
und dass er zwar der Mann da drauf ist,
aber sie gar nicht im Februar 2021 in Moskau,
sondern irgendwann anders entstanden sind.
Auch Liv hat sich das immer wieder gefragt,
hat sie uns im Interview erzählt.
Und ganz ausschließend konnte sie das nie.
Also es gibt die Möglichkeit,
dass die Fotos nicht echt sind, ganz klar.
Aber es gibt eben auch die Chance,
dass sie echt sind
und dass Karl-Erivan Haupt noch lebt.
Und deshalb fällt Liv ein Stein vom Herzen,
als das Manager-Magazin die Bilder veröffentlicht.
Denn lange Zeit war Liv die Einzige,
die Aufmerksamkeit auf den Fall lenken wollte.
Und jetzt, durch den Bericht im Manager-Magazin,
passiert endlich das, was sie sich erhofft hat.
Das mysteriöse Verschwinden von Karl-Erivan Haupt
bekommt wieder mehr Öffentlichkeit.
Auch andere Medien berichten jetzt über die Bilder.
Und Christian Haupt, seinem Bruder,
wird in dem Zusammenhang um eine Stellungnahme gebeten.
Noch vor einem Jahr hatte sein Anwalt ja erklärt,
dass sein Mandant die Bilder nicht kenne.
Aber nun räumt der Firmenchef öffentlich ein,
die Fotos sehr wohl schon gesehen zu haben,
betont aber, er sei sich absolut sicher,
dass es sich nicht um seinen Bruder handelt.
Sein Anwalt wirft derweil,
das in den Raum, was wir auch gerade besprochen haben,
nämlich, dass die Bilder manipuliert sein könnten.
Auf dieser Basis könne, so seine Einschätzung,
niemals eine Verurteilung wegen falscher,
eidesstattlicher Versicherung erfolgen.
Dabei tut es in dem Zusammenhang
eigentlich erst mal gar nicht so viel zur Sache.
Christian Haupt hatte ja im Mai 2021
eidesstattlich versichert,
dass ihm keine belastbaren Hinweise darüber vorliegen,
dass sein Bruder Kai Erivan noch leben könnte.
Nur deshalb wurde der Milliardär dann für tot erklärt.
Hätte Christian Haupt die Fotos damals aber schon gekannt,
dann wären sie ja, ob echt oder nicht,
zumindest ein Indiz für das Fortleben seines Bruders gewesen.
Dann wäre dieser Punkt in der eidesstattlichen Versicherung falsch
und Christian Haupt hätte sich unter Umständen strafbar gemacht.
Die Staatsanwaltschaft Köln muss jetzt also erst mal prüfen,
wann und wie Christian Haupt Kenntnis über die Fotos erlangt hat
und warum er sich nach eigener Aussage so sicher war,
dass sie nicht seinen Bruder zeigen.
Und anschließend wäre es natürlich sinnvoll,
zu überprüfen, ob die Fotos echt sind
und wenn ja, ob sie wirklich den verschollenen Milliardär zeigen.
Denn nur dann käme in Betracht, die Todeserklärung aufzuheben.
Aktuell, so teilte die Behörde gegenüber dem Manager-Magazin mit,
gebe es dafür kein Anlass.
Und auch uns gegenüber hat die Staatsanwaltschaft nur bestätigt,
dass die Ermittlungen gegen Christian Haupt noch andauern.
Darum, ob Karl Erivan Haupt noch lebt, geht es jetzt erst mal noch gar nicht.
Außerdem hat ein Sprecher in der Sache von Christian Haupt
auf die Unschuldsvermutung verwiesen
und die, das würde ich hier auch nochmal ganz klar betonen, gilt,
solange nicht das Gegenteil erwiesen ist.
Also alles, was wir hier heute zusammengetragen haben
und was Liv herausgefunden hat,
beziehungsweise vermutet herausgefunden zu haben,
beruht auf Indizien.
In dem Fall ist wirklich nichts sicher,
außer, dass Karl Erivan Haupt vor seinem Verschwinden
in dubiose Geschäfte verwickelt war.
Möglicherweise wollte die Tengelmann-Seite Liv
und damit die Medien für ihren Erfolg instrumentalisieren.
Aber sie haben es nicht geschafft, die Erzählung zu kontrollieren.
Was dieser Fall aber zeigt, ist,
wie schmal der Grad bei Investigativ-Reportagen
zwischen ich berichte und ich bin plötzlich
selbst Teil dieser Geschichte manchmal sein kann.
Und ich habe es vorhin gesagt,
wenn man so tief drin ist wie Liv in diesem Fall,
dann ist das schwierig, die Neutralität zu wahren.
Und deswegen wollte ich von Liv wissen,
ob sie nicht manchmal selbst dachte,
dass sie sich da total in was verrannt hat.
Die Frage, ob wir uns möglicherweise in dieser Recherche verrennen,
war eine Frage, die ich mir immer und immer und immer wieder gestellt habe.
Gleichzeitig war ja die Aktenlage von Beginn an einfach extrem gut.
Also wir hatten ja innerhalb von kürzester Zeit Zugang zu internen Dokumenten,
konnten diese internen Dokumente in großen Teilen verifizieren
und einfach eine eigene Faktenlage zusätzlich schaffen.
Und die Richtung ging halt immer in die gleiche Richtung.
Also es war immer die Spur Richtung Russland
und die Frage, warum hat sich Karl-Erevan Haupt
mit diesen wirklich dubiosen Geschäftsleuten eingelassen.
Und immer wenn ich ins Zweifeln kam,
und das passiert natürlich in so einer Recherche wirklich oft,
habe ich mir nochmal diese Faktenlage vor Augen geführt,
habe jeden einzelnen Punkt nochmal überdacht
und dann aber jedes Mal den Schluss gehabt,
dass daran einfach nicht zu rütteln ist.
Und ich denke, was man hier auch nochmal betonen kann,
ist, dass Liv sich als Journalistin
mit einem Milliardenkonzern angelegt hat
und eben nicht das getan hat, was man von ihr verlangt hat,
nämlich das zu veröffentlichen, was sie wollten,
ohne dass Liv die Akten hatte.
Und dann sollte sie später ja auch noch die Akten
wieder herausrücken und still sein,
als man die Presse für seine Zwecke dann nicht mehr brauchte.
Und bei diesen Machtmissverhältnissen,
da ist David gegen Goliath ja gar kein Ausdruck für.
Wir sind jedenfalls froh darüber,
dass Liv die Akten nicht zurückgegeben hat,
sondern dass sie sie für diese Folge an uns weitergegeben hat.
Ich würde nochmal kurz gerne auf die Familie eingehen,
denn normalerweise bei vermissten Fällen,
da hört ihr hier von einer trauernden Familie
und dann auch private Einblicke,
soweit wir davon was wissen.
Und als ich das erste Mal von dem Fall gehört habe,
habe ich mir gedacht,
naja, der Mann wird ja wohl nicht seine Familie,
ich meine, der ist verheiratet,
der hat zwei Kinder,
die wird er wohl nicht einfach so zurücklassen
und dann auch noch in dem Glauben,
dass der ums Leben gekommen ist.
Aber nach allem, was man weiß,
war zumindest die Ehe nicht sehr intakt.
Und sowohl seine Frau Katrin,
als auch er, wie wir wissen,
sollen Affären gehabt haben.
Von daher ist zumindest der Punkt,
dass man sich als liebender Ehemann
sich nicht einfach so aus dem Staub machen würde,
so ein bisschen hinten übergefallen,
nachdem ich mehr über diese Familie erfahren habe.
Also was bei mir einfach ein ganz großes Fragezeichen auslöst,
ist, dass dieser Wolfgang Mayer,
wie so Dokumente zur Verfügung stellt,
eine bestimmte Geschichte pushen möchte
und dann später, als ich geeinigt wurde,
gesagt wird, sämtliche relevanten Daten seien
auf Wunsch der Familie Haupt bereits gelöscht worden.
Warum sollte man das tun?
Frage ich mich.
Wenn man da über Jahre ermittelt hat,
warum sollte man diese Daten löschen?
Ich möchte da nochmal eingehen
auf diese beiden Optionen,
die es damals gab.
Also entweder, dass Karl Eriwan für tot erklärt wird
oder, dass er eben anderweitig aus dem Unternehmen ausscheidet,
wenn man ihm nachweisen kann,
dass er seine Gesellschafterpflichten nicht erfüllt.
Diese zweite Option,
die wäre, das wissen wir ja,
sowohl für seine Frau schlimm gewesen,
denn dann hätte sie möglicherweise
die Firmenanteile nicht bekommen,
aber es wäre wohl auch für den Bruderrecht umständlich gewesen,
weil es wäre die weniger sichere Variante gewesen,
dass er vor allem zügig an diese Anteile kommt.
Der Verkauf hat am Ende zumindest dafür gesorgt,
dass beide das Gesicht wahren konnten,
weil die Familie um Katrin Haub
eben diese Milliarden bekommen hat
und dadurch dann auch die Erbschaftssteuer zahlen konnte.
Und der Bruder Christian Haub
hat das bekommen,
was er eh die ganze Zeit wollte.
Was sagst du?
Dass man bei einem Deal das so machen würde,
also dass man sich einigt
und dafür gibt der andere dann irgendwas her,
was er hat, ja?
Ach so.
Ja, aber du meinst es ja nicht auf den Fall bezogen, ne?
Ne.
Weil das können wir hier ja nicht sagen,
weil das wissen wir ja gar nicht.
Ne, meinst du auch nicht auf den Fall bezogen?
Wolltest du nur generell mal sagen.
Das kann ich verstehen.
Ja.
Ich kann euch jetzt am Ende des Falls auch gar nicht sagen,
was ich glaube.
Denn ich glaube erst mal gar nichts,
bevor ich keine Beweise habe.
Und wir haben hier keine Beweise.
Natürlich könnten die Fotos deepfake sein.
Es könnte sein, dass jemand, der wusste,
dass es Gerüchte gibt,
dass sich Karl Erivan Haupt nach Russland abgesetzt hat,
auf den Zug aufspringen wollte
und sich die Taschen damit vollmachen wollte.
Das wäre ja auch naheliegend.
Und ich würde natürlich gerne wissen,
ob Karl Erivan Haupt sich mit den falschen russischen Geschäftsleuten angelegt hat
oder er Spionage betrieben hat
und ob das bei Tengelmann dann aufgefallen ist
oder dem FBI und ob er eventuell bald aufgeflogen wäre
und deshalb vom Geheimdienst einkassiert wurde,
freiwillig oder gegen seinen Willen
und jetzt an einem geheimen Ort lebt.
Das klingt alles sehr abenteuerlich
und bis die Wahrheit ans Licht kommt,
wird das sicherlich noch sehr lange dauern.
Und vielleicht handelt es sich auch einfach nur
um einen gewöhnlichen, tragischen, vermissten Fall
eines sehr einflussreichen Geschäftsmannes,
der dubiose Geschäfte eingegangen ist
und um dessen Verschwinden sich jetzt viele Spekulationen ranken.
Also wenn es Bewegungen in dem Fall gibt,
dann halten wir euch hier auf jeden Fall auf dem Laufenden.
Ein kleiner Nachtrag noch an der Stelle.
Liv wird in diesem Fall eigentlich Liv ausgesprochen.
Ich hatte da an den englischen Namen gedacht.
Das kam dann erst nach der ersten Aufnahmeversion raus.
Nun hat Liv gesagt, dass ihr Liv auch gefällt.
Deswegen haben wir es jetzt in diesem Fall am Ende so gelassen.
Nächste Woche ist Laura wieder mit dabei
und da besprechen wir einen sehr bekannten Kriminalfall,
der uns zu einer Hütte in einem Wald führt,
in der Grausamstes geschieht.
Bis dahin.
Das war ein Podcast der Partner in Crime.
Hosts und Produktion Paulina Graser und Laura Wohlers.
Redaktion Isabel Mayer und wir.
Schnitt Pauline Korb.
Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.