#23 GEFÄHRLICHE ZIVILCOURAGE

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Mordlust, unserem True-Crime-Podcast,
in dem wir wahre Verbrechen nacherzÀhlen. Mein Name ist Paulina Kraser.
Und ich bin Laura Wohlers. Wir erzĂ€hlen uns hier gegenseitig einen Kriminalfall, von dem der andere in der Regel nichts weiß.
Und deswegen bekommt ihr auch unsere spontanen Reaktionen zu hören.
Wir kommentieren die FĂ€lle auch und hier wird halt auch manchmal gelacht, das ist aber nie despektierlich gemeint.
In der heutigen Folge geht es um das Thema Zivilcourage.
Hör zu jetzt!
Soll ich jetzt raten, welches Lied?
Warte.
Was ist das denn?
Erkennst du es nicht?
Nein.
Wasn't me.
Von Shaggy, ja klar.
Und weißt du, warum ich das jetzt hier gerade so stimmlich angesungen habe?
Nein, was hast du getan?
Es gibt den Ausdruck Shaggy Defense und der entstand nÀmlich aufgrund dieses Liedes, It Wasn't Me.
Und da geht es ja in dem Lied darum, dass ein Mann von seiner Frau beim Fremdgehen erwischt wurde und sie hat das die ganze Zeit mit angesehen.
Und er bekommt dann aber diesen gut gemeinten Rat, dass er sagen soll, It Wasn't Me.
Und deswegen beruht die Shaggy Defense, also die Shaggy Verteidigung quasi darauf, dass man, selbst wenn die Beweise, dass man ein Verbrechen begangen hat, meistens geht es da um Sexualdelikte, erdrĂŒckend sind, dass man dann trotzdem behauptet, dass man das nicht gewesen sei.
Und so richtig bekannt geworden ist der Begriff, als R. Kelly zum ersten Mal 2002 eingeklagt wurde, weil er Sex mit einer MinderjÀhrigen gehabt haben soll.
Und ein Beweismittel war ja das Video und da hat Kellys Anwalt dann halt stets behauptet, dass es nicht sein Mandant gewesen sei darauf.
Obwohl man gesehen hat, dass er das war.
Also sie haben im Endeffekt vor Gericht recht bekommen, deswegen scheint das nicht so eindeutig gewesen zu sein, das Material.
Also war die erfolgreich die Defense?
Ja.
Richtig.
Vor allen Dingen, er weiß ja ganz genau, also R. Kelly weiß ja ganz genau, dass er es war.
Und dann so zu lĂŒgen.
Wieso weiß er das ganz genau, dass er es war?
Ich dachte, das wÀre Common Knowledge, dass der Sex mit einer MinderjÀhrigen hatte.
Naja, er streitet das ja eigentlich immer ab.
Okay.
Bisher wurde er nicht verurteilt, deswegen ist er im rechtlichen Sinn ein Unschuldiger.
Aber Böse Zungen könnten behaupten, es wÀre Àhnlich wie mit O.J. Simpson.
Also wie du gesagt hast, ein offenes Geheimnis, dass er es doch war.
Weil es die VorwĂŒrfe ja auch schon seit Jahrzehnten gibt und seine Frau, die er damals geheiratet hat, ja auch 15 war zu der Zeit.
Aber da ging es nicht in dem, also in dem Prozess ging es nicht darum.
War eine andere dann?
Mhm.
Ja, okay, dann fange ich jetzt mal an.
Mein Fall zeigt, dass wir mehr mutige Menschen in Deutschland brauchen.
Einige Namen habe ich in dieser Geschichte geÀndert.
Es ist der 12. September 2009, ein Samstagnachmittag in MĂŒnchen.
Das Wetter ist sommerlich warm.
Katharina, Isabel, Lukas und Tobi sind auf dem Weg zum Bohlen.
Die SchĂŒler, alle zwischen 13 und 15 Jahre alt, sitzen in der S3 Richtung Donnersberger BrĂŒcke.
Plötzlich tauchen drei Àltere Jugendliche auf, die sie nicht kennen.
Es sind Markus, Christoph und Sebastian.
Zwei davon sind 17, einer 18 Jahre alt.
Sie wirken betrunken und aggressiv.
Dann fangen sie an, die SchĂŒler anzupöbeln und beschimpfen sie als Hurensöhne und Wichser.
Die Jugendlichen wollen Geld.
15 Euro sollen es sein, sonst gÀbe es SchlÀge, drohen sie.
Als Katharina, Isabel, Lukas und Tobi aber keine Anstalten machen, ihre Portemonnaies rauszuholen, wird Christoph handgreiflich.
Er schlÀgt Tobi mit der Faust ins Gesicht und Lukas gegen den Oberkörper.
Obwohl die S-Bahn voll besetzt ist, mischt sich nur eine Frau ein.
Die 56-jÀhrige Daniela versucht die Jugendlichen in ein GesprÀch zu verwickeln, damit sie aufhören, die Kinder zu belÀstigen.
Die Situation scheint fĂŒr den Moment geklĂ€rt.
Dann erreicht die S3 die Station Donnersberger BrĂŒcke.
Hier mĂŒssen die SchĂŒler raus, um in die S7 Richtung Wolfratshausen zu steigen.
Auch die Jugendlichen verlassen die Bahn.
Christoph, der in einen anderen Zug steigt, ruft seinen Freunden noch zu.
Besorgt's denen richtig?
Die anderen beiden folgen den vier SchĂŒlern.
In der S7 setzen sich Tobi, Lukas, Katharina und Isabel wieder in ein Viererabteil.
Neben ihnen sitzt ein erwachsener, seriös wirkender Mann.
An diesem Samstagnachmittag ist Dominik Brunner auf dem Weg in seine Wochenendwohnung im MĂŒnchner Vorort-Sollen.
Der 50-jÀhrige Manager kommt gerade vom Schwimmen.
Er sitzt in der S7, als neben ihm vier Kinder Platz nehmen.
Kurze Zeit spĂ€ter setzen sich ihm gegenĂŒber zwei Jugendliche, die anfangen, die Kinder zu belĂ€stigen.
Dabei sind sie aggressiv.
Dominik mischt sich ein, fragt, was los sei.
Das geht dich einen Scheißdreck an, kriegt er als Antwort von einem der Jugendlichen.
Guck nicht so doof, sagt der andere.
Ich guck, wie ich will, entgegnet Dominik.
Dann hört Dominik, wie die beiden darĂŒber sprechen, wie sie die Kinder am besten, in AnfĂŒhrungszeichen, abziehen könnten.
Das macht ihr nicht, sagt Dominik in entschiedenem Ton und droht die Polizei zu rufen.
Daraufhin wird er von Sebastian und Markus nur ausgelacht.
Dominik steht auf, geht in den TĂŒrbereich der S-Bahn und ruft die 110.
Er erzĂ€hlt den Beamten am Telefon von dem versuchten RaubĂŒberfall und zwar so laut, dass jeder im Waggon es hören kann.
Außerdem gibt er an, dass er an der S-Bahn-Station sollen mit den Kindern aussteigen wird.
Danach sagt Dominik zu den SchĂŒlern, also steigt gerne mit mir aus, dann passiert euch nichts.
Die vier willigen ein und sind erleichtert.
Dann hÀlt die Bahn in SÀulen.
Dominik steigt zusammen mit den SchĂŒlern aus.
Polizisten sind nicht in Sicht.
Doch auch die Jugendlichen verlassen die S-Bahn.
Sie gehen direkt mit erhobenen FĂ€usten auf Dominik zu.
Haltet euch da raus, ruft er noch den Kindern zu.
Dann kommt es zu einer SchlÀgerei auf dem Bahnsteig.
Die Jugendlichen greifen Dominik koordiniert an.
Einer von vorne und einer von hinten.
ZunÀchst kann sich Dominik noch wehren,
Doch dann geht er ins Straucheln und fÀllt mit dem Hinterkopf auf das EisengelÀnder, das die Bahnsteige trennt.
Benommen bleibt er liegen.
Er kann sich nicht mehr wehren und auch nicht fliehen.
Sebastian und Markus nutzen diesen Moment aus und fangen an, den am Boden liegenden zu treten.
Immer wieder mit voller Wucht, auch gegen den Kopf.
Markus scheint wie im Rausch.
Dann ruft Sebastian, das wird zu krass und zieht Markus von Dominik weg.
Die beiden fliehen.
Dominik schafft es noch einmal, sich aufzurichten.
Er murmelt, das war aber hart.
Dann sackt er zusammen und lÀuft blau an.
Die Kinder, die alles mit angesehen haben, alarmieren sofort den Rettungswagen.
Der trifft gemeinsam mit der Polizei ein.
Dominik wird ins Krankenhaus gebracht.
Dort stirbt er zwei Stunden spÀter.
Die beiden TĂ€ter werden kurze Zeit darauf festgenommen.
Sie hatten sich in einem GebĂŒsch am Bahndamm versteckt.
Also, so wie ich den Fall jetzt gerade erzÀhlt habe, so habe ich den damals, also 2009 auch, also habe ich auch so von dem gehört.
Und so berichten auch an den Tagen nach der Tat alle Zeitungen, Fernseh- und Radiosender.
Sie erzĂ€hlen die Geschichte von Dominik Brunner, dem Mann, der sich schĂŒtzend vor vier Kinder gestellt hat und deshalb sterben musste.
Dazu veröffentlichen sie das Foto von ihm, das in ganz Deutschland bekannt wird.
Darauf zu sehen, ein freundlich lÀchelnder Mann mit kurzen dunklen Haaren, randloser Brille, roter Krawatte und Nadelstreifenanzug.
Dominik wird zum Held von Sollen.
Die TÀter zu den S-Bahn-Mördern von Sollen.
Der Fall löst in Deutschland eine wochenlange Debatte ĂŒber Zivilcourage aus.
Es gibt Demonstrationen in Dominiks Namen, die öffentlichen Verkehrsmittel stehen in Gedenken an ihn still
und die vollbesetzte MĂŒnchner Allianz-Arena schweigt fĂŒr eine Minute.
Von MinisterprÀsident Seehofer erhÀlt Dominik Postum den Bayerischen Verdienstorden.
Vom BundesprÀsidenten das Bundesverdienstkreuz erster Klasse.
Bundesinnenminister Wolfgang SchÀuble und die Redaktion von Aktenzeichen XY zeichnen Dominik nachtrÀglich mit dem XY-Preis aus.
Und Angela Merkel und Uli Hoeneß fordern Deutschland zu mehr Zivilcourage auf.
Anfang Februar 2010 berichten einige Zeitungen dann anders ĂŒber den Fall.
Es wird geschrieben, dass der Fahrer der S7 gegenĂŒber der Polizei ausgesagt habe,
dass Dominik auf dem Bahnsteig als Erster zugeschlagen hÀtte.
Außerdem kommen noch mehr irritierende Details ans Licht.
Dominik soll zunÀchst Jacke und Rucksack abgelegt haben, in Kampfstellung gegangen sein
und dem Fahrer zugerufen haben, jetzt gibt's hier hinten Ärger.
GerĂŒchte werden laut, Dominik wĂ€re ein, in AnfĂŒhrungszeichen, erfahrener Boxer gewesen
und hÀtte gerne bei Kickbox-KÀmpfen zugeschaut.
Das sollen auch Fotos beweisen.
Also wer war Dominik eigentlich?
Dominik wÀchst in einem Dorf namens Ergolzbach in Niederbayern auf.
Eine Zugstunde nordöstlich von MĂŒnchen entfernt.
Das Einzelkind stammt aus einer wohlhabenden Familie.
Nach dem Abitur geht Dominik zum Jurastudium nach MĂŒnchen,
arbeitet danach als Anwalt unter anderem in San Francisco, Paris und Frankfurt.
Danach tritt er in die Fußstapfen seines Vaters und steigt bei der Erlus AG ein,
einem mittelstĂ€ndischen Unternehmen, das einer der Großen auf dem Markt fĂŒr Baustoffe und Dachziegel ist.
Dort ist er unter anderem fĂŒr die Finanzen zustĂ€ndig.
Der Manager leidet an Herzproblemen, kann damit aber gut leben.
Dominik hat eine LebensgefÀhrtin und viele Freunde, die nach der Tat betonen,
dass er, Zitat, nie aggressiv oder gewaltbereit gewesen sei.
In den 90er Jahren geht Dominik ein Jahr lang zum Boxtraining.
KickboxkÀmpfe schaut er sich an, weil ein Mitarbeiter seiner Firma den Sport professionell betreibt.
Wegen seines Jobs, aber auch weil es seinen Eltern gesundheitlich nicht mehr so gut geht,
zieht Dominik kurz vor der Tat wieder in seine Heimat.
Seine Zweitwohnung in MĂŒnchen will er aber nicht aufgeben.
Die LebenslÀufe der TÀter könnten nicht gegensÀtzlicher zu dem von Dominik sein.
Sebastian nimmt mit zwölf zum ersten Mal Heroin.
Danach schluckt er LSD und Ecstasy-Pillen, kukst und kifft jahrelang.
Irgendwann schmeißt er die Schule.
Seine Mutter ist psychisch krank, sein Vater stirbt frĂŒh.
2008 kommt er in die Obhut des Jugendamts und wird ab dato von einer Jugendeinrichtung in die nÀchste geschickt.
Im Mai 2009 landet er in der Wohngruppe, in der auch Christoph lebt.
Der Jugendliche, der am Tattag in die andere S-Palle gestiegen ist.
Der 18-jÀhrige Markus kommt erst kurz vor der Tat aus dem GefÀngnis.
Er saß ein, weil er einer Rentnerin eine Pistole an den Kopf gehalten und um Geld erpresst hat.
60 Euro.
Seine Akte ist voll von DiebstÀhlen, Körperverletzungen und Raub.
Auch er hat Alkohol- und Drogenprobleme.
Sein Àlterer Bruder Peter sitzt im GefÀngnis.
Er ist Markus' Vorbild.
Auf einem Profil im Internet prÀsentiert sich Markus cool.
Gibt an, Single zu sein, gerne einmal Snoop Dogg und Eminem treffen zu wollen.
Auf die Frage, wie er sein Geld verdient, hat er Sachen finden geschrieben.
Womit er höchstwahrscheinlich Raub meint.
Oder eben Abziehen, wie er es nennt.
Außerdem steht da, dass er sich wĂŒnscht, dass seine Familie einmal stolz auf ihn ist.
Am 13. Juli 2010 beginnt der Prozess gegen Markus und Sebastian vor der Jugendkammer am Landgericht MĂŒnchen 1.
Die Anklage lautet gemeinschaftlicher Mord aus niedrigen BeweggrĂŒnden.
Weil es ihnen einzig und allein darum gegangen sei, einem KrawattentrÀger, der ihnen die Tour vermasselte, die Grenzen aufzuzeigen.
So Laurent Lafleur, der die Ermittlungen der MĂŒnchner Staatsanwaltschaft leitet.
Mord aus Rache also.
Die Verteidigung hingegen ist der Meinung, Dominik habe die beiden TĂ€ter durch sein Verhalten zu einer, Zitat,
spontanen Affekthandlung veranlasst.
Die AnwÀlte wollen zeigen, dass Dominik nicht der lupenreine Held war, den die Staatsanwaltschaft und die meisten Medien prÀsentieren.
Wer am Ende Recht hat, soll der Prozess zeigen.
FĂŒr das Suchen nach der Wahrheit sind neun Verhandlungstage angesetzt.
Am ersten Prozestag bietet sich ein Bild des Jammers, so schreibt es die Zeit.
Auf der Anklagebank sitzen keine SchlÀgertypen oder gar Monster, sondern zwei blasse, schmÀchtige Jugendliche, die Reue zeigen.
Ob sie die auch empfinden, kann man natĂŒrlich nicht sagen.
Markus sagt, mir tut der Tod von Herrn Brunner so unendlich leid, ich kann es nicht beschreiben.
Und Sebastian gibt an, ich wollte nie, dass sowas passiert.
Ich weiß, dass es dafĂŒr keine Entschuldigung gibt, es ist ein Mensch gestorben.
Markus sitzt den ganzen Prozess ĂŒber fast regungslos auf seinem Stuhl, seine Arme hĂ€ngen fast bis zum Boden.
Sebastian stockt immer wieder, wÀhrend er aussagt.
An vieles können sich die Angeklagten nicht mehr erinnern, behaupten sie.
Beide waren betrunken gewesen.
FĂŒr die Wahrheitsfindung mĂŒssen also andere herhalten.
Dazu sind mehr als 50 Zeugen und vier Gutachter geladen.
Die Zeugen der Staatsanwaltschaft erzÀhlen, dass die Jugendlichen mit erhobenen FÀusten auf Dominik losgegangen seien
und dass der sich deshalb mit dem ersten Schlag gewehrt hatte, aus Notwehr sozusagen.
Einige Zeugen der Verteidigung geben aber an, dass sie gesehen hÀtten, dass Dominik von alleine auf die Jugendlichen losgegangen sei,
ohne dass diese Anstalten gemacht hÀtten, auf ihn zuzugehen.
Es gibt also ganz unterschiedliche Aussagen von Menschen, die allesamt direkte Tatzeugen waren.
Ja, wichtig wÀre vielleicht die Aussagen von den Vieren.
Die wurden auch gefragt.
Und fĂŒr wen haben die ausgesagt?
Ja, die beiden waren sich nÀmlich auch nicht einig.
Lukas hatte angegeben, dass Dominik auf die zwei zugegangen sei.
Tobi meinte aber, Dominik wÀre den Angeklagten nicht entgegengekommen.
Also sogar die, die am nÀchsten dran waren am Geschehen, widersprechen sich in ihren Aussagen.
Das zeigt ganz gut, wie unzuverlÀssig unsere Erinnerung ist.
Das Thema hatten wir auch schon mal in unserer vierten Folge besprochen.
Menschen interpretieren Erlebnisse erstens ganz unterschiedlich und zweitens verÀndert sich die Erinnerung mit der Zeit auch.
In dem Fall von Dominik kann auch die Berichterstattung dazu gefĂŒhrt haben, dass manche Zeugen sich vielleicht anders erinnern.
Dass sie sich im Nachhinein eine Rolle in der Geschichte gegeben haben, und zwar die, die ihnen besser gefÀllt.
Entweder auf der Seite von Dominik oder der von Sebastian und Markus.
Nach der HÀlfte der Verhandlungstage erklÀrt ein Gutachter dann, dass Dominik nicht an den Verletzungen durch die Angeklagten gestorben ist.
Sondern an Versagen seines bereits vorgeschÀdigten Herzen.
Trotzdem gibt der Experte an, dass der Herzstillstand durch den Kampf ausgelöst worden sei.
Dabei habe sowohl die körperliche Komponente als auch die psychische Stresssituation eine Rolle gespielt.
Einer der Verteidiger gibt nach diesem Prozesstag an, dass sich die Geschichte jetzt drehen wird.
Doch die Staatsanwaltschaft hÀlt weiter an dem Mordvorwurf fest.
FĂŒr sie habe sich die Absicht der TĂ€ter durch die Todesursachen nicht geĂ€ndert.
Auch die Tatsache, dass Dominik den ersten Schlag abgegeben habe, sei unerheblich.
Das Opfer sei nicht aggressiv gewesen, sondern habe sich mit einem Schlag nur schĂŒtzen wollen.
Hier noch eine kleine Info zur Notwehrsituation.
Es kann sich nĂ€mlich auch um Notwehr handeln, wenn das Opfer einen sogenannten PrĂ€ventivschlag ausfĂŒhrt, um einen Angriff abzuwehren.
Es kommt ja auch darauf an, also wenn wÀre Dominik jetzt auf die beiden zugerannt und hÀtte dann, also hÀtte die beiden quasi attackiert,
ist es ja was anderes, als wenn die beide auf ihn zugehen und er dann den ersten Schlag setzt.
Genau, das kann auch im rechtlichen Sinne Notwehr dann sein.
Am letzten Tag der Verhandlung, die nun doch zwölf statt neun Tage in Anspruch genommen hat,
fordert die Staatsanwaltschaft in ihrem AbschlussplĂ€doyer die höchstmögliche Jugendstrafe von zehn Jahren fĂŒr Markus und acht Jahren fĂŒr Sebastian.
Sebastian soll eine mildere Strafe bekommen, weil er Markus am Ende zurĂŒckgehalten und die SchlĂ€gerei so beendet hatte.
Die Verteidiger erklĂ€ren in ihrem PlĂ€doyer, dass Dominik ohne den Herzfehler heute noch leben wĂŒrde
und fordern daher eine Verurteilung wegen gefÀhrlicher Körperverletzung mit Todesfolge anstatt wegen Mordes.
Ja, er wĂŒrde aber auch noch leben, wenn die beiden nicht auf ihn eingedroschen hĂ€tten.
Ja.
FĂŒr Markus halten die Verteidiger eine Strafe von weit unter sieben Jahren fĂŒr angemessen,
fĂŒr Sebastian höchstens eine dreieinhalbjĂ€hrige Strafe.
Eine Strafmilderung wegen des Alkoholeinflusses soll es nicht geben.
Ein Gutachter hatte angefĂŒhrt, dass die Angeklagten zwar betrunken,
aber trotzdem noch, Zitat, situativ voll orientiert waren.
FĂŒr eine verminderte SchuldfĂ€higkeit hĂ€tten sich stĂ€rkere Auswirkungen der Alkoholisierung bemerkbar machen mĂŒssen.
Jetzt zu dir.
Was denkst du denn, zu welchem Urteil der Richter kommt?
Oder was hÀttest du als gerecht empfunden, jetzt nachdem du quasi alle Infos hast?
Also Jugendstrafrecht, verstehe ich schon, warum sie das anwenden wollten.
Ich weiß, damit gebe ich mich quasi dem hin, wozu unsere Gesellschaft eh neigt, was problematisch ist.
Aber trotzdem denke ich, dass eine hohe Haftstrafe schon angemessen wÀre.
Also dreieinhalb Jahre fĂŒr einen von den beiden halte ich auf jeden Fall fĂŒr zu gering.
Ob es nun zehn Jahre sein mĂŒssen, ich weiß es nicht.
Was wiegt ein Menschenleben?
Ich kann nur sagen, ich finde, dass das kein Argument ist, dass er den Herzfehler hatte.
Im Zweifel musst du davon ausgehen, dass ein Mensch irgendwie nicht so beschaffen ist wie du,
wenn du mit FĂŒĂŸen auf sein Gesicht eintrittst.
Ja, gegen den Kopf.
Und danach wurde auch eine Umfrage gemacht oder so eine Art Erhebung,
ob die Leute in Deutschland wissen, dass wenn sie jemandem mit den FĂŒĂŸen gegen den Kopf treten,
dass dieser Mensch davon sterben kann.
Und das wissen mehr als 80 Prozent der Deutschen.
Also das ist schon so.
Mal abgesehen von den Dritten.
Sie haben ihn ja auch so doll geschubst oder so, dass er auch gefallen ist.
Und wir kennen das von anderen FĂ€llen.
Ich war tatsÀchlich mal Zeugin, wo das passiert ist.
Es ging ganz schnell, wo zwei richtige SchrÀnke einen Bekannten von mir damals umgenietet haben.
Und der ist mit dem Kopf auf die Bordsteinkante aufgeschlagen und hat da halt total die Platzwunde.
Also es ist egal, nur weil du jetzt woanders hin zielst, heißt das nicht,
dass der Körper dann natĂŒrlich nicht irgendwo drauf fĂ€llt oder so.
Und das nimmst du in dem Moment natĂŒrlich in Kauf.
Du kannst doch nicht nur fĂŒr das verantwortlich sein, was du quasi direkt auslösen willst mit deinem Schlag,
Sondern du musst ja dann auch fĂŒr die Konsequenzen gerade stehen.
Ich erzÀhle dir, wie das Urteil ausgefallen ist.
Am 6. September 2010 wird das verkĂŒndet.
Dominiks Vater, der NebenklĂ€ger ist, kommt nicht zur UrteilsverkĂŒndung.
Seit dem Tod seines Sohnes geht es dem 80-JĂ€hrigen psychisch und physisch schlecht.
Dann verließ der Richter sein Urteil und erklĂ€rt, dass Markus aus Rache gehandelt hat.
Und damit folgt er der Argumentation der Staatsanwaltschaft.
Markus wird wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter rÀuberischer Erpressung zu neun Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.
Sebastian muss wegen gefÀhrlicher Körperverletzung sowie versuchter rÀuberischer Erpressung mit Todesfolge sieben Jahre hintergetan.
Markus Anwalt ist mit dem Urteil nicht zufrieden.
Er sieht den Mordvorwurf als nicht gerechtfertigt, legt daher Revision ein.
Die wird 2011 vom BGH abgelehnt.
Und in ihrer kurzen BegrĂŒndung dafĂŒr heißt es,
der Tod des Opfers sei nicht Folge einer Verkettung unglĂŒcklicher UmstĂ€nde
und habe auch nicht außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit gelegen.
Vielmehr hÀtten die Handlungen des Angeklagten den Tod des Opfers eingeschlossen.
Die Tat sei deshalb als Mord zu bewerten.
Der BGH sieht es also auch schon als erwiesen an, dass die Angeklagten Dominik umbringen wollten.
2011, das heißt, Sebastian mĂŒsste mittlerweile auch schon wieder raus sein.
Der wurde auch noch vor den sieben Jahren entlassen.
Ja, das meine ich nÀmlich eben auch.
Also wenn man jetzt hier nach einem höheren Strafmaß schreit,
dann muss man ja nĂ€mlich auch berĂŒcksichtigen, dass ein Teil der Strafe von TĂ€tern,
die nach Jugendstrafrecht verurteilt werden, ausgesetzt werden kann,
wenn das im Sicherheitsinteresse der Gesellschaft verantwortet werden kann.
Also eben besonders wegen der Entwicklung der Jugendlichen, weil die ja noch so viel vor sich haben.
Ja, als ich von dem Fall zum ersten Mal gehört habe, damals, also 2009,
und dann von dem Mordvorwurf gehört habe, habe ich mich nicht besonders gewundert.
Ja, wenn man erst mal hört, da ist jemand nach einer SchlÀgerei gestorben und so weiter
und man hat nicht so richtig...
Also man muss ja schon sagen, dass er diese ErzÀhlung publik gemacht wurde,
da hat jemand geholfen und der ist danach gestorben.
Und diese ganzen Feinheiten, das ist jetzt eigentlich nicht am Ende durch wirklich die Dritte waren,
sondern durch das Herz und so weiter, so ein paar Sachen, die das ein bisschen abschwÀchen.
Dann denkt man erst mal, ja, Mord ist gerechtfertigt und das Urteil auch.
Aber genau nach meiner ganzen Recherche jetzt, also hÀtte ich das Gerechte empfunden,
wenn es am Ende Körperverletzung mit Todesfolge gewesen wÀre.
Auch fĂŒr Markus, meinst du?
Mhm, schon.
Wir haben da ja schon öfters drĂŒber geredet, bei Mord braucht man die Mordmerkmale.
Und wenn sich keins finden lÀsst, das super gut reinpasst,
dienen sich die AnwĂ€lte dann gerne der niedrigen BeweggrĂŒnde,
weil die halt sehr unspezifisch sind.
Und in dem Fall war es eben Rache, sozusagen Rache als niedriger Beweggrund.
Und ich bin mir auch sicher, dass Sebastian und Markus sehr sauer waren,
dass sich halt irgend so ein, in AnfĂŒhrungszeichen, KrawattentrĂ€ger sich da einmischt in deren Angelegenheiten
und die sozusagen stoppen will und sich ĂŒber die stellt.
Aber ich wĂŒrde denen halt irgendwie nicht unterstellen, dass sie wollten, dass er stirbt, sozusagen.
Also, dass die nicht diesen Mordgedanken hatten.
Deswegen habe ich das GefĂŒhl, dass das eigentlich gerechtfertigter wĂ€re.
Ja, okay, weil wenn du jetzt gesagt hÀttest, es hapert hier nur an den Mordmerkmalen,
hÀtte man ja auch Totschlag in Betracht ziehen können.
Also, es wĂŒrde jetzt immer noch nicht mit deiner Theorie vom nicht vorhandenen Vorsatz passen,
weil sie dafĂŒr dann trotzdem willentlich den Tod von Dominik in Kauf genommen hĂ€tten haben mĂŒssen.
Du wĂŒrdest jetzt meinen, dass sie die Körperverletzung vorsĂ€tzlich begangen haben,
den Tod aber nur fahrlÀssig in Kauf genommen haben, richtig?
Ja, also, ich wĂŒrde einfach sagen, dass nicht zweifelsfrei bewiesen wurde, dass sie Dominik umbringen wollten.
Also, die Körperverletzung, da, die wollten sie auf jeden Fall, aber eben nicht den Tod meiner Meinung nach.
Oder es ist zumindest nicht bewiesen.
Und das ist ja auch typisch fĂŒr die Körperverletzung mit Todesfolge.
Dass das Opfer geschlagen wird und dann zum Beispiel so ungĂŒnstig auf den Kopf fĂ€llt,
dass es dann an den Verletzungen stirbt.
Stichwort wollten, aber nach deinen Recherchen sind sich doch die meisten Menschen eben bewusst,
dass ein Kopftritt zum Tod fĂŒhren kann.
Und ausschlaggebend bei der Abgrenzung zum Totschlag ist doch die Vorhersehbarkeit.
Und es heißt, dass eine Todesfolge vorhersehbar ist, wenn allgemein bekannt ist,
dass die Handlung sehr gefÀhrlich ist, wie wenn man halt jemanden in die Brust sticht
oder eben gegen den Kopftritt.
Aber in dem Fall hatte der Tod ja nichts mit dem Sturz zu tun,
sondern mit der Vorerkrankung, von der die Angeklagten nichts wussten.
Und der Gutachter hatte ja auch gesagt, dass die Dritte gegen den Kopf nicht tödlich waren.
Und es ist ja gut möglich, dass Dominik heute noch leben wĂŒrde,
hÀtte er diese Vorerkrankung nicht gehabt.
Aber ich verstehe auch, wieso die Staatsanwaltschaft an ihrem Vorwurf so festgehalten hat.
Aber ich kann mir vorstellen, dass es auch mit der Berichterstattung zusammengehangen hat,
weil man hatte halt das GefĂŒhl, dass es irgendwie auch um das Ansehen von Dominik geht.
Ja, ein Mann, der sich ja getraut hat, sich vor die Kinder zu stellen
und ja auch eigentlich mit dieser anderen Frau in der Bahn der Einzige war,
der sich dafĂŒr interessiert hat, dass da gerade Kinder belĂ€stigt werden und ausgeraubt werden sollen.
Die beiden sind an diesem Tag wahrscheinlich aufgestanden und haben sich gedacht,
wir wollen jetzt hier Leute abziehen und wir wollen Stress.
Und dazu suchen wir uns jetzt Kinder.
Also das musst du ja auch mal sehen, das ist ja keine Situation, die einfach eskaliert ist,
sondern so wie du das jetzt erzĂ€hlt hast und nach dem, was man weiß,
ist es ja so, dass die beiden zuerst diese Kinder belÀstigt haben,
dann hat sich jemand dazwischen gestellt, dann haben sie diesen Mann belÀstigt
und am Ende haben sie auf den eingedroschen.
Also es ging quasi, diese ganze Energie ging ja von den beiden aus oder von den dreien am Anfang noch.
Und ich glaube, jeder kennt diese Situation, wo man in der U-Bahn war oder in der Tram im Zug,
wo man einfach Menschen sieht oder Gruppen, wo du weißt, die sind darauf aus, Stress zu machen.
Und deswegen habe ich wirklich nicht das GefĂŒhl in diesem Fall,
dass irgendetwas sich wechselseitig dazu hochgepusht hat,
sondern dass es halt einzig und allein von denen ausging und deswegen auch voll in deren Verantwortung liegt.
Ja, ich fand das ehrlich gesagt unmöglich, dass da ein paar Medien dann Anfang Februar irgendwie versucht haben,
Dominik eine Mitschuld zu geben und da so Sachen publiziert haben.
Weil natĂŒrlich können wir am Ende nicht wissen, ob er den ersten Schlag ausgeteilt hat,
weil die auf ihn zugekommen sind oder weil er den Jugendlichen zeigen wollte,
dass man eben so nicht mit ihm und auch nicht mit anderen umspringen kann.
Und das wissen wir am Ende nicht.
Aber was wir wissen ist, dass die TĂ€ter, wie du sagst, schuld sind an Dominiks Tod.
Und dass Dominik ja mutiger war, als die meisten in dieser Situation gewesen wÀren.
Und dass er, wenn er UnterstĂŒtzung von anderen Passanten bekommen hĂ€tte,
er bestimmt auch heute noch leben wĂŒrde.
Ja, weil da ist ja keiner so beherzt dazugekommen oder hat eingegriffen.
Das finde ich auch, ich meine, das war ja tagsĂŒber, da muss doch irgendwer an dem Schauplatz quasi vorbeigegangen sein.
Ja, und wenn du hörst, da werden 50 Zeugen gehört, da waren ja dann 50 Leute am Start.
Ich frage mich, was die Leute denken, wenn sie dann da vor Gericht sitzen oder sonst wo.
Alle wollen es irgendwie gesehen haben und keiner ist eingeschritten.
Ja, aber da kommen wir ja nachher auch nochmal drauf zurĂŒck.
Ja.
Zu der Zeit gab es noch keine VideoĂŒberwachung an Bahnhofen.
Oder zumindest nicht an dem, in diesem.
Ja, ja.
Und was ist mit der Polizei?
Hat er sie vielleicht gar nicht gerufen oder nur so getan?
Weil die hĂ€tten ja da sein mĂŒssen eigentlich.
Genau, doch, doch.
Der hat die Polizei angerufen, das steht auch außer Frage.
Die sind ja auch dann wegen dieses Notrufs dann zu diesem Bahnhof gekommen.
Allerdings hatten die Beamten das alles nicht fĂŒr einen so großen Notfall gehalten,
weil Dominik wohl am Telefon nicht besonders besorgt klang.
Und deshalb haben die sich nicht so beeilt.
Ja, was im Nachhinein natĂŒrlich ein riesengroßer Fehler war.
Der Redakteur Albert SchÀfer von der FAZ hat in einem Artikel zu dem Fall einen Satz geschrieben,
den ich gerne als Fazit sozusagen unter meine Geschichte stellen wĂŒrde.
Zitat
Dominik steht dafĂŒr, wozu der Mensch mit seinen hellsten Eigenschaften in der Lage ist.
Zu selbstloser FĂŒrsorge und zu großem Mut.
Kommen wir zu meinem Aha.
Eine rĂ€uberische Erpressung von SchĂŒlern wie in meiner Geschichte ist kein Einzelfall,
du hast gerade schon gesagt.
Jeder hat das mal erlebt.
Man sieht solche Gruppen und man weiß, worauf die aus sind.
Und diese Art von BeutezĂŒgen in S-Bahn kommt immer wieder vor und zwar nach dem gleichen
Schema sozusagen.
Jugendliche, die auf der Suche nach Geld sind, das sie eben fĂŒr Drogen oder Alkohol brauchen,
versuchen das dann eben mit Androhung von Gewalt, sich das Geld zu beschaffen.
Und sie nennen das Abziehen.
Bei den TÀtern handelt es sich in der Regel um Drogen- oder zumindest alkoholabhÀngige Jugendliche
aus sozial schwÀcheren Familien.
Vor ihren StreifzĂŒgen haben sie oft schon Drogen oder Alkohol genommen.
Wegen des Drogen- oder Alkoholeinflusses ist es dann auch zu erklÀren, dass Situationen manchmal
eskalieren können, wie in dem Fall von Dominik.
Wenn die TĂ€ter eben nicht bekommen, was sie fĂŒr ihre Suchtbefriedigung brauchen, dann schlagen
sie auch mal zu.
Und in der ARD-Reportage Die Bluttat von SÀulen fragen die Journalisten, wie gefÀhrlich
solche Jugendliche sind.
Ein Polizeipsychologe erklÀrt dort, dass es zu solchen Gewaltorgien kommt, weil sich bei
den Jugendlichen große Wut angestaut hat.
Zum Beispiel, weil sie Gewalt in der Familie erlebt haben, keine Perspektiven fĂŒr sich sehen
und ja, die Drogen und damit ist auch Alkohol gemeint, die sie eben zur BetÀubung dieser
Probleme nehmen, ja, die halt nicht beschaffen können.
In ihrem GegenĂŒber, ihren Opfern, wie sie sie auch nennen, sehen sie, was ihnen verwehrt
geblieben ist.
Und auch Dominik war eine Art Paradebeispiel von, was sie nicht sind, was sie nicht geworden
sind, ja, der erfolgreiche Anwalt, der in San Francisco, Paris und was weiß ich, gelebt
hat und aus einer reichen Familie kommt, ja.
Genau, und diese Wut wird dann so groß oder kann so groß werden, dass die Jugendlichen
ausrasten, wenn sich so jemand ihnen in den Weg stellt.
Und dann kommen sie in so eine Art Gewaltrausch.
Das erklÀrt der Psychologe damit, dass Gewalt ein sehr intensives und unmittelbares
Erlebnis ist, welches die Jugendlichen sonst in ihrem Alltag nicht unbedingt mehr empfinden.
Und die Frage, die sich mir dann gestellt hat, ist, wie kann man dafĂŒr sorgen, dass solche
GewaltausbrĂŒche nicht mehr vorkommen?
Und eine Möglichkeit wÀre eben, an einer der Wurzeln des Problems anzusetzen sozusagen,
an der Sucht nach Alkohol und Drogen, die eben oft eine Rolle in solchen Taten spielt.
Und daher habe ich mich gefragt, wie viel PrÀventionsarbeit wir eigentlich in Deutschland leisten, um Jugendliche
von Drogen und Alkohol fernzuhalten. Drogen- und AlkoholprÀvention in Schulen gibt es bei uns
schon seit den 1990er Jahren flÀchendeckend. Bei meiner Recherche habe ich von verschiedenen
Projekten gelesen, von denen ich noch nie was gehört habe. Habt ihr in der Schule irgendwelche
PrÀventionsprojekte mitgemacht?
Nope. Aber ich weiß, dass mein Neffe das jetzt gerade macht.
Ah, okay.
Aber ich glaube auch, weil extrem viele Kiffer an seiner Schule sind.
Okay, bei uns waren auch Kiffer an der Schule. Aber wir haben, also ich habe nie von irgendeinem
PrĂ€ventionsprojekt gehört. Und das Einzige, was ich ĂŒberhaupt mal gehört habe, war, keine
macht den Drogen. Und zwar nur, weil beim Tennis, bei meinem Tennisverein halt die Werbung
hing. Aber mehr. Und meine Eltern haben mich dahingehend auch nicht wirklich aufgeklÀrt.
Auf jeden Fall setzen die PrÀventionsprogramme in Deutschland hauptsÀchlich auf Bildung und
Information, also auf die AufklĂ€rung ĂŒber die Gefahren von Drogen. Eine Studie der Michigan
State University zeigt aber, dass Abschreckung allein nicht besonders effektiv ist, um Menschen
von gesundheitsschĂ€dlichem Verhalten abzuhalten. Es kann sogar in manchen FĂ€llen dazu fĂŒhren,
dass Jugendliche eher dazu geneigt sind, das in AnfĂŒhrungszeichen Verbotene auszuprobieren.
Viel wirksamer seien Alternativen, wie Jugendlichen ihren Alltag positiv gestalten können, wie sie
quasi ihr High auf natĂŒrliche Weise bekommen können. Und da gibt es zum Beispiel ein sehr
erfolgreiches PrÀventionsprogramm aus Island. Nirgends in Europa konsumieren Jugendliche
nÀmlich weniger Suchtmittel als dort. Das war nicht immer so, denn vor 20 Jahren galt die
islÀndische Jugend als das Sorgenkind Europas. Und um eben dagegen zu steuern, wurde damals das
PrĂ€ventionsprogramm Youth in Iceland gegrĂŒndet. Und bei dem Programm geht es um strenge Regeln auf
der einen Seite, aber vor allem auch um Alternativen zu Drogen und Alkohol auf der anderen Seite.
Und was machen die denn da jetzt, um da fern zu bleiben?
Genau, Pornos konsumieren.
Nein, dazu komme ich jetzt. Meine Werbung fĂŒr dieses Programm kommt jetzt.
Lange am Lauf.
Also zu den Regeln erstmal. Sie mĂŒssen immer, also regelmĂ€ĂŸig so Fragebögen ausfĂŒllen zu ihrem eigenen
GefĂŒhlsleben und auch zu der Freizeitgestaltung, die abgegeben werden mĂŒssen.
Eine nĂ€chtliche Ausgangssperre fĂŒr Jugendliche unter 16, Alkoholverbot unter 20 und Tabakverbot
unter 18 Jahren. Das sind die Regeln. Um den Jugendlichen Alternativen zu bieten, werden
seit 20 Jahren jede Menge staatliche Gelder investiert, vor allem in Sportvereine und andere
Freizeitgestaltungen. Und so ist es jedem Jugendlichen heute möglich, dort sich ein Hobby
zu leisten, auch wenn die Eltern kein Geld haben. Außerdem wurde viel in die AufklĂ€rung
der Eltern gesetzt, die mittlerweile wissen, wie wichtig die BeschÀftigung mit dem eigenen
Kind ist. Also da wird die Familienzeit ganz groß geschrieben und speziell gefördert.
Und dank der Analyse durch diese Fragebögen, die immer ausgefĂŒhrt werden mĂŒssen, wissen
die Suchtexperten, welche BedĂŒrfnisse die Jugendlichen haben und aktualisieren daraufhin
auch immer wieder ihre PrĂ€ventionsmaßnahmen. Und der Plan ging auf, wĂ€hrend 1998 noch 42
Prozent der 15- bis 16-jÀhrigen Angaben im Vormonat betrunken gewesen zu sein, waren es
2016 nur noch 5 Prozent. Und vorher hatten 17 Prozent der Jugendlichen Cannabis geraucht.
2016 nur noch 7 Prozent.
Also das geben die Jugendlichen selbst an?
Ja, genau.
Das muss man dann aber vielleicht auch mit Vorsicht genießen.
Schon. Wobei das eine anonyme Umfrage ist. Deswegen wĂŒsste ich jetzt nicht, warum die da
lĂŒgen sollten. Und der Leiter der Sozialforschung an der Uni, Reikierbeck, erklĂ€rt in der ZDF-Doku
Leben ohne Sucht, warum das Programm funktioniert hat. Zitat, wir können die Kinder nicht fĂŒr ihr eigenes
Wohl verantwortlich machen. Verantwortlich sind wir Erwachsenen, die Gemeinschaft.
Ja, und heute gilt eben dieses islÀndische Modell international als Vorbild zur PrÀvention von
Suchterkrankungen bei Jugendlichen. Ein Blick zu unseren europĂ€ischen Nachbarn wĂŒrde also vielleicht
nicht schaden. Es wÀre zumindest eine Möglichkeit, potenzielle Gewalttaten vorzubeugen.
Aber was ich hier nicht unerwÀhnt lassen will, es ist ja nur ein Programm, das eingesetzt
werden könnte. Es gibt auch andere. Zum Beispiel in Portugal wurde alles entkriminalisiert. Das heißt
nicht, dass da nichts gemacht wird, wenn da jeder Drogen konsumiert, sondern wenn jemand mit Drogen zum
Eigenbedarf erwischt wird, dann muss er keine Strafe zahlen oder ins GefÀngnis oder so. Stattdessen muss er sich
dann mit einem Sozialarbeiter, einem Psychologen zusammensetzen und dann wird quasi gemeinsam daran
gearbeitet, dieses Drogenproblem anzugehen. Es gibt mehrere Modelle.
Und dann guckt man nachher auf die Kriminalstatistik und sieht, auch in Portugal, seitdem wir das
eingefĂŒhrt haben, haben wir gar keine KriminalitĂ€t mehr. Gutes Projekt.
Genau.
Bevor ich jetzt anfange, einmal ganz kurz ein Hinweis. FĂŒr mich war das dieses Mal wirklich ein hartes
Brett. Falls ihr gerade in medizinischer Behandlung wegen einer schweren Krankheit seid oder Freunde oder
Familie sich in einer befinden, dann kann es sein, dass euch dieser Fall aus der Bahn werfen
wird. Das Thema ist dennoch unfassbar wichtig und deswegen möchte ich es auch unbedingt behandeln.
Mein Fall diese Woche zeigt, dass nicht wie bei dir Zivilcourage quasi sich immer aus einer
abrupten oder spontanen Situation heraus ergibt. Er handelt davon, was es kostet, die Wahrheit zu
erzĂ€hlen und bringt uns zu der bitteren Erkenntnis, dass der Preis fĂŒr die richtige
Sache trotzdem manchmal zu hoch erscheint. Einige Namen habe ich geÀndert.
Martin Porwoll fĂŒhlt sich schrecklich. Die letzten Monate seines Lebens sind durchzogen von
Panikattacken, Unsicherheit und Gewissensbissen. An diesem Novembertag im Jahr 2016 weiß er, dass sein
Doppelleben, das er viel zu lange gefĂŒhrt hat, bald vorbei sein wird. Ob das, was er tut, richtig
ist, weiß er jetzt noch nicht. Aber das ist eh egal, denn es gibt jetzt kein ZurĂŒck mehr.
Martin Porwoll ist 2016 45 Jahre alt und lebt mit seiner Frau und ihren zwei Kindern in Bottrop.
Martin ist jemand, von dem ich behaupten wĂŒrde, dass man sofort mit ihm sympathisiert. Er hat eine
Halbglatze, ein freundliches Gesicht, auf dem eine schwarz umrandete Brille sitzt und er trÀgt mit
Vorliebe bunte Hemden mit kleinen Karomustern. Er arbeitet in der alten Apotheke in Bottrop zusammen
mit mehreren Angestellten. Also die ist recht groß, hat irgendwie 90 Mitarbeiter. Martin ist dort als
kaufmĂ€nnischer Leiter beschĂ€ftigt. In der Innenstadt ist sie auf der Ecke direkt gegenĂŒber der Kirche und
fĂ€llt durch die rosane Fassade und dem tĂŒrkisen Dach auf. Und sie ist nicht nur wegen ihrer Tradition und
dem auffĂ€lligen Äußeren besonders. Sie ist nĂ€mlich zusĂ€tzlich auch noch eine sogenannte
Zytoapotheke. Das sind Apotheken, die Zytostatika herstellen, also die Substanzen, die man unter
anderem zur Krebstherapie einsetzt, weil sie die Körperzellen vernichten, die sich besonders schnell
vermehren, eben wie zum Beispiel Tumorzellen. Von solchen Spezialapotheken, die die Zulassung zur
Herstellung dieser Medikamente haben, gibt es in Deutschland circa 300 und die beliefern dann
verschiedene KrankenhÀuser und Onkologien. Die alte Apotheke ist schon seit mehreren
Generationen ein Familienbetrieb. Mit dem Inhaber der Apotheke, Peter Baumhauer, ist Martin schon zur
Schule gegangen. Peter Baumhauer ist groß, rundlich, hat einen runden, großen Kopf, kaum Haare und trĂ€gt
ebenfalls eine Brille. Seine Kunden sagen, er hat fĂŒr sie immer ein offenes Ohr. 2009 hat er die Apotheke von
seinen Eltern ĂŒbernommen. Die Baumhauers waren schon immer vermögend und neben der Apotheke gehören ihnen auch
noch andere GebÀude der Stadt, in denen sie Arztpraxen angesiedelt haben. Peter Baumhauer wohnt allein mit seinem
Labrador Grace in einer riesigen Villa, die er fĂŒr geschĂ€tzte zwölf Millionen Euro gekauft hat in einem
vor Ort von Bottrop. Darin hat er tatsĂ€chlich eine Rutsche einbauen lassen, die vom Badezimmer direkt in den Pool fĂŒhrt.
Es sieht einfach irre aus.
Warte, aber er wohnt da nur mit seinem Labrador.
Ja.
Also ist die Rutsche fĂŒr ihn, nicht fĂŒr seine Kinder.
Nein. Oder fĂŒr den Labrador.
Der Labrador hat Megaspaß, gerade wie er da so runter.
Stellst du dir auch vor, wie dieser dicke Mann und der Labrador zusammen morgens in den Pool zu rutschen?
So reich wie die Familie zu sein scheint, so großzĂŒgig ist sie auch. FĂŒr die ganze Stadt haben sie schon viel getan.
Zum Beispiel SpendenlĂ€ufe fĂŒr ein Hospiz organisiert. Da gibt es diese eine Szene, in der eine Dokumentation, wo
Baumhauer auf einem Hochstuhl sitzt und fĂŒr jeden SpendenlĂ€ufer, der an ihm vorbeikommt,
einen Euro in so einen großen BehĂ€lter wirft. An dem Tag sind ĂŒber 100.000 Euro zusammengekommen.
Alle gespendet von den Baumhauers.
Also von ihm und seinen Eltern.
Aber Peter Baumhauer ist auch herrisch. In seiner Apotheke gibt es strenge Hierarchien und Widerworte duldet er nicht.
Die Herstellung der hochpreisigen Medikamente macht er immer selbst und ohne, dass ihn jemand dabei stören soll.
Damit widersetzt er sich dem Vier-Augen-Prinzip. NatĂŒrlich wissen die Mitarbeiter, dass das nicht in Ordnung ist.
Aber wenn der cholerische Chef das mal wieder lauthals anordnet, dann stellt man sich nicht dagegen, sondern sieht zu, dass man ihn lÀsst.
Es ist Winter 2014, als zwei Herstellerinnen des Labors kĂŒndigen.
Ihre BegrĂŒndung dafĂŒr bringen Unruhe in die alte Apotheke.
Martin Porwoll erzÀhlen sie im GesprÀch, dass der Chef unsauber arbeitet.
Aber wie viel glaubt man schon Menschen, die gerade kĂŒndigen und eventuell sogar sauer auf den Vorgesetzten sind?
Deswegen bleiben die Anschuldigungen erst mal ein GerĂŒcht.
Bis im Sommer 2015 die Diskussionen darĂŒber unter den Angestellten der Apotheke wieder zunehmen.
Martin fĂ€ngt an, sich darĂŒber mit seiner Tischnachbarin Marie Klein im BĂŒro zu unterhalten.
Marie Klein ist eine zierliche Frau mit blondem Kurzhaarschnitt und arbeitet noch nicht so lange in der Apotheke.
Martin ĂŒbrigens auch noch nicht.
Und sie kennt Baumhauer genau wie Martin aus Kindertagen.
Martin und Marie verstehen sich gut, sie haben den gleichen Humor.
FĂŒr Marie ist die Herstellung der Krebsmedikamente immer mit Ehrfurcht verbunden.
Denn man muss vorsichtig sein.
Jeder Krebspatient bekommt eine individuelle Therapie, quasi zugeschnitten auf seine medizinischen BedĂŒrfnisse.
Und deswegen wird auch jedes Medikament neu angemischt.
Dazu mĂŒssen spezielle Schutzkleidungen getragen werden, weil die Wirkstoffe können fĂŒr einen gesunden Menschen schĂ€dlich sein.
Und fĂŒr einen kranken Menschen ist es aber elementar wichtig, dass die Medikamente nicht verunreinigt werden.
Durch eine Chemotherapie wird ja das Immunsystem quasi fast komplett runtergefahren.
Und deswegen könnte ein kleiner Keim an der falschen Stelle schon tödlich enden.
Und deswegen gibt es genaue Vorschriften.
Und Marie Klein weiß, dass sich ihr Chef nicht daran hĂ€lt.
Nicht nur, dass er die Schutzkleidung nicht trÀgt.
Auch sein Hund Grace darf immer mit ins Labor.
FĂŒr Maries VerstĂ€ndnis arbeitet er außerdem viel zu schnell.
Normalerweise schafft man ca. 20 Zubereitungen in einer Stunde, wenn man fix ist.
Baumhauer schafft 80.
Also der hat ein Labor und da macht er das alleine und der Hund ist dabei.
Also nein, es gibt verschiedene Angestellte in der Apotheke, die die Krebsmedikamente mischen.
Aber wenn er arbeitet, gerade an den hochpreisigen Medikamenten, will er halt niemanden dabei haben, zumindest oft.
Und der Hund darf mit und er trÀgt auch keine Schutzkleidung dabei.
Marie vertraut sich Martin an.
Die beide kennen diese GerĂŒchte.
Aber seit der KĂŒndigung der beiden Mitarbeiterinnen steht noch etwas anderes im Raum.
Eigentlich ist es zu ungeheuerlich, als dass man es ĂŒberhaupt in der alten Apotheke aussprechen wollen wĂŒrde.
Einige Krebsmedikamente sollen unterdosiert oder gar ohne Wirkstoff verkauft werden.
Glauben wollen die beiden das natĂŒrlich nicht.
Undenkbar, dass ein Apotheker, der eh schon reich ist, die Krankheit von Patienten ausnutzt, um sich noch mehr zu bereichern.
Bis Martin irgendwann auffĂ€llt, dass im wahren Wirtschaftssystem nachtrĂ€glich per Hand die BestĂ€nde eines Krebsmittels stark ĂŒberhöht wurden.
Und als kaufmÀnnischer Leiter hat er Zugriff auf alle Daten.
Wenn man also nachrechnen wĂŒrde, wie viel eingekauft und wie viel nach draußen gegangen ist, dann könnte Martin so die VorwĂŒrfe prĂŒfen und im besten Fall widerlegen.
Martin denkt nach.
Er weiß, dass er etwas tun muss.
Denn was, wenn an den VorwĂŒrfen etwas dran ist?
Dann haben womöglich etliche Patienten nicht die Therapie bekommen, die sie dringend brÀuchten.
Eine dieser Frauen, die auf Heilung hoffen, ist Christiane Piontek.
Sie ist Hausleiterin in einem Heim fĂŒr Schwerbehinderte.
Im Jahr 2014 wird sie wegen der Diagnose triple negativ behandelt.
Das ist ein sehr aggressiver Brustkrebs.
Gegen ihn hilft nur eine Chemotherapie.
Die soll sie bekommen im Marienhospital in Bottrop.
Im Chemozimmer stehen zehn StĂŒhle, auf denen man die Therapie bekommt.
Einer davon ist jetzt der von Christiane.
Die anderen Frauen auf den Sesseln sitzen jetzt jede Woche fĂŒr drei Stunden.
Sie haben auch Brustkrebs.
Eine von ihnen sogar den gleichen wie Christiane.
Keine hier hat Lust, sich mit den Gedanken ĂŒber Krebs zu beschĂ€ftigen und damit alleine zu sein.
Und deswegen freunden sich die Frauen an.
Und so wird Christiane Teil einer Gemeinschaft.
Und ihre Chemotherapiestunden werden weniger schrecklich.
Sie grĂŒnden eine WhatsApp-Gruppe und nennen sich die Onko-MĂ€dels.
Petra, die Älteste, ist 50.
Steffi, die JĂŒngste, 27.
Sie teilen sich mitgebrachte Snacks und lachen zeitweise so laut, dass sie von den Krankenschwestern ermahnt werden.
Das Lachen ist wichtig fĂŒr die Frauen.
Mit ihren MÀnnern können sie das nicht.
Sie verstehen ihren Geigenhumor nicht.
Und gesunde Menschen haben oft BerĂŒhrungsĂ€ngste.
Was uns wieder zu unserer ewigen Thematik fĂŒhrt, wie man mit schwierigen Situationen im Leben umgeht.
In der Zeit wird Christiane fĂŒr Steffi, also fĂŒr die JĂŒngste, die Chemomutti.
Manchmal kommt Peter Baumhauer vorbei, der Medikamente an die Praxis liefert und redet mit den Frauen und bringt sogar kleine PrÀsente mit.
Oh Gott, wieso weinst du?
Es tut mir voll leid.
Ja, ich weiß.
Das war einer der schlimmsten FĂ€lle fĂŒr mich jetzt, ja.
Im Jahr 2016 hat Martin Porwold die Chance, der Sache auf den Grund zu gehen.
Er muss da an diesem Abend eh lÀnger arbeiten und ist deswegen alleine in der Apotheke.
Er will zunÀchst die Ein- und AusgÀnge vom Medikament Opdivo kontrollieren.
Peter Baumhauer hat 52.000 Milligramm Opdivo abgerechnet, heißt, so viel hĂ€tte er auch einkaufen und in die Medikamente geben mĂŒssen.
Eingekauft wurden 16.000 Milligramm, also 52.000 zu 16.000.
Das macht fĂŒr den Apothekenbesitzer fast eine halbe Million Euro mehr Gewinn, als er eigentlich haben sollte.
Wochenlang geht er die gleiche Rechnung immer und immer wieder noch einmal durch.
Er will sicher sein, dass er sich nicht vertan hat.
Aber er kommt nicht nur bei Opdivo zu diesem Ergebnis.
Bei anderen Wirkstoffen fÀllt ihm das gleiche Muster auf.
Und er bemerkt außerdem, dass Baumhauer offenbar von Monat zu Monat immer dreister geworden ist mit seinem Betrug.
Jeden Monat fehlt also immer noch mehr von den Wirkstoffen.
Seitdem Martin davon weiß, geht es ihm richtig schlecht.
Wie ich schon eingangs erzÀhlt habe.
Zu Hause muss er sich abends in die heiße Wanne legen.
Er hat Panikattacken und kann nicht mehr Auto fahren.
Seine Frau kĂŒmmert sich in der Zeit mit gleicher IntensitĂ€t um ihr gemeinsames Kind und um Martin.
Im Juli 2016 hat er genĂŒgend Beweise gesammelt, um mit seinem Anwalt eine Strafanzeige gegen seinen Chef zu stellen.
Aber erst mal passiert nichts.
Also er stellt die Strafanzeige.
Aber er arbeitet noch weiterhin da?
Ja, er muss da weiterhin arbeiten, weil ihm quasi sonst der Zugang zu den Beweisen fehlt.
Also er muss halt, das ist halt dieses Doppelleben, was er fĂŒhrt.
Ja, er arbeitet auf der einen Seite gegen seinen Chef, aber auf der anderen Seite fĂŒr die Fassade quasi noch fĂŒr ihn.
Und der Chef, der wird benachrichtigt, dass er verklagt wird, aber nicht dann von ihm?
Nein, noch nicht.
Also er hat erst mal die Strafanzeige gestellt.
Und damit eben diese Beweise nicht verschwinden, der weiß davon quasi noch nichts, dass das gegen ihn lĂ€uft.
Also erst mal passiert dann auch nichts, bis er Wochen spÀter vernommen wird, Martin.
Die Ermittler wollen weitere Zeugen aus dem Labor und am besten auch noch noch mehr Beweise,
weil einfach auf Verdacht können sie so einen großen Familienbetrieb nicht einfach dicht machen.
Martin nennt ihn Maries Namen.
In der Zwischenzeit gehen weitere verunreinigte Beute an die Patienten.
Und zwar sehr viele.
Im Oktober 2016 fĂŒgt sich das Schicksal fĂŒr Martin Porwoll und Marie Klein.
An die alte Apotheke geht ein Infusionsbeutel zurĂŒck, der seinem Patienten nicht verabreicht werden konnte.
Sowas passiert zum Beispiel, wenn ein Patient zu schwach ist fĂŒr die Therapie.
Marie Klein fÀllt auf, dass der Inhalt des Beutels nicht schÀumt, was er normalerweise bei diesem Medikament tun sollte.
Sie lÀsst den Beutel verschwinden.
Und obwohl in der alten Apotheke auffĂ€llt, dass einer der RĂŒcklĂ€ufer fehlt, hĂ€lt sie an ihrem Plan fest.
Weiß Marie schon, dass Martin die Anzeige gestellt hat, die ist eingeweiht?
Genau, also er musste sich quasi ihr anvertrauen, auch obwohl das natĂŒrlich auch ein super krasses Risiko ist,
weil er hat ihr das anvertraut, aber theoretisch was wÀre gewesen, wenn sie das dann dem Chef mitgeteilt hÀtte oder jemand anderen.
Marie meint, dass dieser Beutel aufs Revier muss.
Und als sie am nÀchsten Morgen vor der Arbeit zur Polizei fÀhrt, fragt sie sich, bin ich eine VerrÀterin?
Und was ist, wenn doch Wirkstoffe drin sind?
Damit wĂŒrde sie sich ja lĂ€cherlich machen, meint sie.
Sie gibt den Beutel ab, denkt sich eine Ausrede aus, warum sie erst spÀter auf Arbeit anfangen kann und tut dann in der Apotheke so, als wÀre nichts gewesen.
Ein Monat spĂ€ter verabredet die Polizei mit Martin einen Termin fĂŒr eine Razzia.
Am 29. November versammeln sich Beamte vor Baumhauers Villa und vor der Apotheke.
Mehrere Stunden dauert die Beschlagnahmung.
Im Labor finden die Ermittler ein totales Chaos.
UngekĂŒhlte Medikamente, falsch beschriftete PrĂ€parate und unzĂ€hlige nicht sortierte Akten.
Als Baumhauer vorfÀhrt, gibt er den Beamten den Code zu seiner Privatvilla und lÀsst sich widerstandslos festnehmen.
Die Onko-MĂ€dels aus dem Marienhospital verbindet alle das gleiche Schicksal.
Die gleichen Hoffnungen, die gleichen Nebenwirkungen.
Eigentlich.
Denn Ariane, die den gleichen Tumor hat wie Christiane, bekommt die gleiche Chemo, hat aber eben nicht die gleichen Nebenwirkungen, die die anderen haben.
Ihr fallen nicht die Haare aus.
Christianes Krebs geht mit der Zeit, Arianes nicht.
Obwohl die Ärzte zwischenzeitlich sogar das Medikament gewechselt haben.
Allerdings nicht.
Die Apotheke.
Und das tun sie erst, als sie aus den Medien erfahren, dass der Besitzer der alten Apotheke festgenommen wurde.
Jetzt bekommt Ariane die Medikamente woanders her und plötzlich fallen ihr die Haare aus.
Christiane liest in der Zeitung davon, dass sie, ja, von dem Skandal quasi.
Und als sie sieht, dass auch ihre Medikamente auf der Liste stehen, die im Verdacht stehen, nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ hergestellt worden zu sein, ist es quasi fĂŒr sie wie eine neue Krebsdiagnose.
Bei den Ermittlungen kommt heraus, dass die HĂ€lfte der 117 sichergestellten Krebsinfusionen unterdosiert waren.
Die alte Apotheke hatte in 37 Arztpraxen in sechs BundeslÀnder geliefert.
Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass ĂŒber 60.000 Arzneimittel nicht vorschriftsmĂ€ĂŸig hergestellt wurden und der Krankenkasse damit ein Schaden von ĂŒber 56 Millionen Euro entstanden ist.
Ganz abgesehen von dem Schaden, der dem Patienten zugefĂŒgt worden ist, den man in Zahlen nicht messen kann.
Peter Baumhauer bleibt bis zur Verhandlung in Untersuchungshaft.
Seine Eltern kĂŒndigen drei Tage nach der Razzia Martin Povol und Marie Klein das ArbeitsverhĂ€ltnis fristlos.
Beim EntlassungsgesprĂ€ch heißt es, man hĂ€tte die Sache ja auch möglicherweise intern klĂ€ren können.
Einfach nur ein Witz.
Die Eltern, dass denen das nicht peinlich ist.
Also ich dachte jetzt irgendwie, vielleicht weil die nie so gehandelt haben, hÀtten die jetzt strikt keine Ahnung was gemacht.
Aber wahrscheinlich, ich will ja nichts unterstellen, aber vielleicht war das schon immer nicht so koscher.
Ja, ich will darauf jetzt nicht noch spezifisch eingehen, weil das ist einfach eine riesige Geschichte, aber gegen die wurde spÀter auch ermittelt.
Ja, das denkt man, wenn die so reagieren auch.
Denkt hier auch mal irgendjemand an die Patienten, fragt sich Martin.
Im November 2017 beginnt der Prozess gegen Peter Baumhauer vor dem Essener Landgericht.
Dort muss er sich hauptsÀchlich wegen Abrechnungsbetrugs verantworten.
Denn wer von den Patienten wirklich betroffen war, lÀsst sich so gut wie unmöglich nachweisen.
Ebenso, ob bereits Verstorbene mit richtigen Medikamenten ĂŒberlebt hĂ€tten.
Oder ob sie ĂŒberhaupt halt keine Medikamente bekommen haben.
Aber ist es, könnte man nicht trotzdem gefÀhrliche Körperverletzungen?
Aber gegen wen?
Ja, gegen Unbekannte.
Du kannst am Ende aber nicht nachweisen, wem Leid zugefĂŒgt wurde.
Peter Baumhauer ist dĂŒnner geworden.
Ihm und seinen vier AnwĂ€lten gegenĂŒber sitzen 54 NebenklĂ€ger plus Rechtsbeistand.
Vier AnwÀlte gleich?
Ja.
Manni?
Unter den NebenklÀgern ist auch Christiane.
FĂŒnf der zehn Onko-MĂ€dels gibt es heute nicht mehr.
Die WhatsApp-Gruppe haben die Überlebenden gelöscht, nachdem Ariane verstorben war.
Die neun Medikamente hatten bei ihr angeschlagen, aber offenbar war es da schon zu spÀt.
Oh, das ist so hart.
Das ist einfach so unfair.
Christiane Piontek beobachtet Baumhauer ganz genau.
Manchmal muss sie mit sich ringen, dass er ihr nicht leid tut.
Und dann muss sie sich daran erinnern, was er ihr und den anderen MĂ€dels vielleicht angetan hat.
Christiane macht sich nÀmlich Gedanken darum, dass ihr Krebs quasi nicht richtig behandelt wurde und vielleicht auch deswegen wiederkommen könnte.
Normalerweise liegt die Rezidivrate bei Brustkrebspatienten bei etwa 15 Prozent.
Und heute weiß man, dass sie höher liegt, wenn man seine Therapien aus der alten Apotheke bekommen hat.
Christiane und die anderen NebenklĂ€ger finden, dass sich Baumhauer auch wegen Tötungsabsichten bis hin zum Mordversuch verantworten mĂŒsste.
Das Gericht sieht das anders.
Eines der wichtigsten Beweismittel der Verhandlungen sind die Berechnungen von Martin Porwoll.
Pro Kochsalzlösung, die Baumhauer als Medikament deklariert hat, hat er sich mindestens 2000 Euro in die Tasche gewirtschaftet.
Aus welchem Motiv er das gemacht hat, bleibt auch wÀhrend der Verhandlungen schleierhaft.
Und zur AufklÀrung will Baumhauer selbst nicht beitragen.
Er schweigt wÀhrend des gesamten Prozesses.
So kann auch nicht abschließend geklĂ€rt werden, nach welchen Kriterien er die Patienten ausgesucht hat, in AnfĂŒhrungsstrichen.
FĂŒr das Gericht wird ziemlich schnell deutlich, dass unter anderem Habgier sein Antrieb gewesen sein muss.
Allerdings haben die Ermittlungen auch ergeben, dass Infusionsbeutel mit Medikamenten gestreckt wurden, waren, die im Einkauf kaum was kosten.
Also wollte Baumhauer Gott spielen.
Oder wie die Onko-MĂ€dels es ausdrĂŒcken, russisch Roulette.
Also Fragezeichen.
Man weiß es bis heute nicht.
Außerdem kam bei den Ermittlungen heraus, dass er oft die Infusionsbeutel so dosiert hatte, dass gerade genug drin war, dass in den meisten FĂ€llen die Nebenwirkungen aufgetreten sind.
Aber eben nicht genug, dass es irgendwie eine Wirkung auf den Krankheitsverlauf gehabt hÀtte.
Ja, damit das alles nicht rauskommt.
Ja.
Baumhauers Verteidigung argumentiert, dass man sich die gestreckten Medikamente auch andersweitig hÀtte erklÀren können.
Wie denn?
Ja.
Das können Sie mir mal sagen, wie.
Falscher Messbecher oder?
Naja, also das ist sowieso alles sehr widersprĂŒchlich.
Denn nach vier Monaten Prozess plötzlich haben sie eine BegrĂŒndung dafĂŒr, warum Baumhauer quasi bei der Zubereitung der Medikamente nicht zurechnungsfĂ€hig gewesen sein soll.
Und zwar wegen eines Unfalls hÀtte er massive HirnschÀden erlitten und sich angeblich kaum konzentrieren können.
So wollen sie einen Freispruch erwirken.
Und dieser Unfall, der ist auch tatsÀchlich passiert.
Aber der psychologische Gutachter lÀsst an dieser Theorie nichts dran.
Er bestÀtigt zwar einen Hirnschaden, meint aber, dass sich der quasi nicht auf seine Hirnleistung ausgewirkt hat.
Und die Ergebnisse des psychologischen Gutachtens waren so schlecht, dass er sich sicher ist, was Baumhauer simuliert hat.
Weil es war quasi wie von einem Demenzkranken so schlecht.
Also seine EinschÀtzung voll schuldfÀhig.
Was ein kleiner Sieg ist fĂŒr die Onko-MĂ€dels und alle anderen.
Im Juli 2018 wird nach ĂŒber 40 Verhandlungstagen das Urteil gefĂ€llt.
Das Gericht kommt der Forderung der NebenklÀger nicht nach, ihn auch wegen Körperverletzung zu verurteilen.
Die Richter gehen im Urteilsspruch aber auf das Schicksal von Steffi ein.
Christiane ist Chemo-Tochter.
Auch sie hat den Kampf nicht ĂŒberlebt und musste sterben.
Die 27-JĂ€hrige.
Genau, bevor sie 30 Jahre alt wurde.
Sie hatte 98 Chemotherapien von der alten Apotheke bezogen.
Christiane freut sich darĂŒber, dass das Gericht quasi das hervortut und Steffi benennt.
Und die Onko-MĂ€dels sind mit der HĂ€rte des Urteils quasi zufrieden.
Aber sie möchten, dass eigentlich festgestellt wird, dass er fĂŒr ihr Leid auch verantwortlich ist und dafĂŒr dann halt auch zahlen muss.
Und deswegen verklagen ihn auch viele zivilrechtlich.
Also diese 17 Millionen werden nicht als Schmerzensgeld ausgezahlt, sondern er muss das wem zurĂŒckzahlen?
Dieser Schaden ist eigentlich der Krankenkasse entstanden.
So zumindest nach Urteilsspruch.
Die ersten Zivilprozesse stehen jetzt tatsÀchlich in diesem Monat an.
An weiteren wird noch gearbeitet.
Aber das ist halt schwierig fĂŒr jeden einzelnen AnsprĂŒche zu definieren.
Die Staatsanwaltschaft ist ja von einem Schaden von 56 Millionen Euro ausgegangen.
Und er soll aber nur 17 Millionen Euro Strafe zahlen, die das Gericht gleichsetzt mit dem Schaden, von dem das Gericht ausgegangen ist.
Das Gericht kommt quasi der Theorie der Staatsanwaltschaft nicht ganz nach und sagt, wahrscheinlich ist ein Schaden von 17 Millionen Euro entstanden.
Und das ist auch gleichzeitig die Strafe, die er zahlen muss dafĂŒr.
Manchmal ist das ja nicht gleich.
Und gegen dieses Urteil gehen halt alle Parteien in Revisionen.
Baumhauers Verteidiger prangern die Besetzung des Gerichts an.
Die hatte unter anderem wegen einer Krankschreibung einer Schöffin quasi nicht in ursprĂŒnglicher Form stattfinden können.
Einige NebenklĂ€ger wollen, obwohl sie mit dem Strafmaß an sich ja zufrieden sind, dass im Urteilsbruch halt das festgehalten wird,
dass Baumhauer den Tod einiger Patienten billigend in Kauf genommen hat.
Und die Staatsanwaltschaft findet halt diese Differenz der geschÀtzten Schadenssumme viel zu hoch.
Sie ist ja von 60.000 gepanschten und verunreinigten Arzneimitteln ausgegangen.
Und das Gericht hatte ja nur 14.500 quasi bewilligt im Urteil.
Die Sache liegt noch beim BGH und er wird auch noch dieses Jahr darĂŒber entscheiden.
Marie Klein hatte schon wÀhrend der Ermittlungen in einem neuen Betrieb angefangen.
Paul Wohl aber findet erstmal keinen neuen Job.
Denn in der Apothekerbranche gilt sein Handeln als Vertrauensbruch.
Er ist derjenige, der das Nest der Branche beschmutzt hat.
Damit hat er quasi an seinem eigenen ökonomischen Ast der Familie gesĂ€gt und einen ziemlich hohen Preis dafĂŒr bezahlt.
Martin meint, dass man sich Moral leisten können muss.
FĂŒr sein Umfeld ist er ein Held.
Er hört diese Beschreibung nicht gern.
Das hat in meinen Augen nichts mit Heldentum zu tun, sondern mit PflichterfĂŒllung, sagt er.
Seine Abfindung von 75.000 Euro haben die Baumhauers bis Stand Ende 2018 nicht bezahlt.
Die so viel Geld haben.
Er musste das auch einklagen.
Also in erster Instanz hatten sie sogar recht bekommen.
Paul Wohl hat seit Ende letzten Jahres aber endlich einen neuen Job bekommen als Projektleiter bei der Versorgungssteuerung einer Krankenkasse.
Und Marie Klein und Martin Pauwer erhalten 2017 den Whistleblower-Preis.
Was ich halt an diesem Fall so fies finde, ist, dass jeder weiß, wie schwer das ist, um jemanden zu bangen, der krank ist.
Und dass das Leben uns oft genug Leute entreißt, die wir lieb haben und ohne die das Leben nicht mehr so schön ist wie vorher.
Und eben, diese Menschen hÀtten eine Chance auf Leben gehabt.
Und die hÀtte ihnen auch zugestanden.
Und ein Mann entscheidet darĂŒber, ob du leben darfst oder nicht.
Wie bitte?
Ich kann das ĂŒberhaupt nicht verstehen, wie jemand, also wenn man so geldgeil ist, ja, es gibt ja Leute, die so sind, aber dann auf Kosten von wem halt, ja.
Also wenn man das in anderen Branchen hat, wo man keine so krasse Verantwortung hat oder wo man zumindest nicht direkt die Konsequenzen sehen wĂŒrde.
Und vielleicht Leute, okay, Leute gehen pleite und dann verlieren Familien ihre HĂ€user.
Das ist auch schon ganz schrecklich.
Aber, also dass man quasi dann ĂŒber Leichen geht, um noch reicher zu werden, um sich noch eine Rutsche in sein Haus zu bauen oder was weiß ich.
Und das ist, das verstehe ich ĂŒberhaupt nicht.
Und vor allen Dingen, er hat ja auch sich eingesetzt, da mit diesem Spendenlauf, ja, und so.
Also er wollte ja anscheinend auch Geld zurĂŒckgeben.
Aber dann verstehe ich das ĂŒberhaupt nicht.
Und dann sieht er ja auch noch diese Frauen da und gibt denen Geschenken.
Also was ist denn das?
Wie, wie perfide ist das?
Da sitzen zehn Frauen, denen das Schicksal gesagt hat, ihr geht jetzt durch eine harte Zeit und eventuell werdet ihr hier nicht lebend rauskommen.
Und es gibt eine Möglichkeit, zumindest eine Chance auf Heilung, ja.
Und das kommt aus seiner Apotheke und er steht da und redet mit denen und gibt noch PrĂ€sente und weiß ganz genau, dass wahrscheinlich in 50 Prozent der Beutel scheiß fucking Kochsalzlösung drin ist.
Und es ist so fies.
Es ist so ekelhaft, dann noch dahin zu gehen und die halt zu sehen und also das, und was ich aber halt dann so gut finde, ist halt, dass diese, dass Marie und Martin das sich halt getraut haben.
Weil wir haben ja schon mal besprochen, bei den Todesengeln im Krankenhaus zum Beispiel, dass da auch oft geredet wird und Anzeichen da sind, ganz viele und sich aber keiner traut.
Und außerdem muss man sich auch mal klar machen, so, wenn wir in unserer Arbeit Fehler machen, dann hĂ€ngt da halt nicht sowas dran, ja.
Und in der Apotheke zu arbeiten oder als Arzt oder als Krankenschwester, die sind so, so wichtig, diese Jobs.
Und deswegen finde ich auch, dass die richtig bezahlt werden mĂŒssen, weil da mĂŒssen gute Leute sitzen, denen auch bewusst ist, wenn die einen Fehler machen, was dann passiert.
Ja, hast du total recht.
Das Ding ist nur, dieser Mann hÀtte es nicht nötig gehabt, sich zu bereichern.
Also der war ja schon MillionÀr.
Weißt du, was zum Teufel?
Was bringt ihm das gar nichts?
Also deswegen muss man ja eigentlich schon fast davon ausgehen, dass es da halt auch noch andere HintergrĂŒnde gab.
Weil das Geld hat er, weiß Gott, nicht nötig gehabt.
Und das war, das hat ihn irgendwie anscheinend den Kick gegeben, ja.
Und das Ding ist, uns sind natĂŒrlich sofort die Leute im Kopf, die quasi behandelt werden und dann wĂ€hrenddessen schlĂ€gt die Therapie nicht an und so, ja.
Aber was mir spÀter aufgefallen ist, ein Arbeitskollege von mir, der nicht in der gleichen Firma arbeitet.
Ich habe gesehen, dass er ein Interview dazu gegeben hat, weil sein Vater quasi vor Jahren seine Krebsmedikamente aus dieser Bottropper Apotheke gezogen hat.
Das heißt, es geht nicht nur um die Leute, die behandelt wurden und wo dann rauskam, ja, ihr Medikament ist vielleicht betroffen, sondern wie lange hat das stattgefunden?
Alleine diese Zeitspanne zwischen den ersten GerĂŒchten waren ja schon zwei Jahre.
Und wann hat er damit angefangen?
Und mein Reporterkollege, sein Vater ist halt verstorben und er steht da.
Und weißt du, normalerweise, das braucht ewig Zeit, bis du einen Tod aus dem nĂ€heren Umfeld und aus der Familie verarbeitet hast, gerade wenn es halt eben nicht an AltersschwĂ€che war, ja.
Und dann hast du das verarbeitet und du fÀngst an quasi dein Leben ohne diese Person zu leben.
Und dann wirst du komplett wieder zurĂŒckgerissen, weil du nicht weißt, ob diese Person nicht doch noch hĂ€tte leben können.
Und du wirst es nie herausfinden.
Es war fĂŒr mich so furchtbar, das mit anzusehen.
In dieser einen Doku, da spricht ein Witwer, ein Ă€lterer Herr, der mich, wie so oft bei diesem Fall, zu TrĂ€nen gerĂŒhrt hat, weil er sagt, meine Frau, die hat das Leben so sehr geliebt.
Und so eine Frau, die gibt es nicht nochmal.
FĂŒr mich war das mein Leben.
Diese Frau war mein Leben.
Und die Ärzte haben immer wieder gesagt, mit den richtigen Medikamenten wĂŒrde sie noch fĂŒnf bis zwanzig Jahre leben können.
Und sie hat genau die Medikamente erhalten, die halt unter Verdacht stehen.
Ich hoffe nur, dass in der Revision, falls es einen neuen Prozess gibt, das Urteil nicht abgeschwÀcht wird.
Muss man einfach so sagen, ja.
Ich bin ja froh, dass sie zwölf Jahre bei Arzneimittelbetrug rausgekriegt haben.
Die ĂŒberlebenden Onkomedels, die dazu noch die Kraft haben, haben nach einer politischen Antwort gesucht.
Und deswegen haben sie sich einmal im Monat vor der alten Apotheke zusammengefunden und protestiert.
Und haben eine Schriftrolle mit ĂŒber 4000 Namen derer angefertigt, die die Medikamente aus der Apotheke bezogen haben.
Und das fĂŒhrt mich direkt zu meinem Aha.
Krebsmittel werden in der Branche auch Pharmagold genannt.
Das schreibt zumindest die Zeit.
Und umso erstaunlicher ist es, dass es bis zu dem Urteil kaum Kontrollen der Apotheken gegeben hat.
Und wenn ja, dann waren die meist angekĂŒndigt.
Und es hat sich eher um Hygienevorschriften gedreht.
Nicht um das, was in den Infusionen drin war.
Im Oktober 2018 hatten die Onkomedels und UnterstĂŒtzer einen Termin beim Gesundheitsminister von NRW, Karl-Josef Laumann,
der ihnen dann verstĂ€rkte Kontrollen der Zyto-Apotheken versprach und auch unangekĂŒndigt durchgefĂŒhrt wurden tatsĂ€chlich.
Und siehe da, ĂŒber 900 VerstĂ¶ĂŸe kamen bei den Kontrollen heraus.
Aber es waren halt manchmal nur so Etikettierfehler oder so.
Aber 100 davon waren tatsÀchlich schwerwiegend.
Aber das war NRW und die Kontrollen waren ja erstmal eine einmalige Sache,
wobei weitere quasi schon beschlossen sind.
Ob und wie kontrolliert wird, das ist aber LĂ€ndersache.
Der Apothekerverband sagt dazu, schÀrfere Kontrollen schaffen auch keine Sicherheit.
Und tatsÀchlich hat er damit irgendwie recht.
Denn das Vertrauen in die Pharmaindustrie ist damit erstmal nachhaltig beschÀdigt.
Weil in der Branche zu bescheißen sich lohnt.
Und heute weiß es jeder, so bitter das klingen mag.
Fast jeder zweite Deutsche erkrankt wÀhrend seines Lebens an Krebs.
Bei Frauen liegt die Wahrscheinlichkeit daran zu erkranken bei 42 Prozent, bei MÀnnern ist sie mit 51 Prozent noch höher.
Jedes Jahr bekommen fast eine halbe Million Menschen in Deutschland die Diagnose und die Behandlungen sind teuer.
Ich will jetzt hier niemanden Angst machen, das liegt natĂŒrlich daran, dass wir auch immer Ă€lter werden.
Über 40 Milliarden Euro gingen 2015 fĂŒr Krebsmedikamente ĂŒber den Tisch.
Fast drei Milliarden Euro sollen die Krankenkassen allein fĂŒr jene Art von Medikamenten ausgeben, wie sie im Bottrop hergestellt wurden.
Also fĂŒr die Medikamente, die individuell zusammengestellt werden mĂŒssen.
Heißt, fast drei Milliarden Euro Umsatz verteilen sich auf 300 Apotheken in Deutschland.
Und ein Patient kann sich in Deutschland nicht mal aussuchen, aus welcher Apotheke er seine Zytomedikamente bezieht.
Sonst geht das ja, aber da halt nicht. Das ordnet der Arzt an.
Leute, die in NRW ankrebs erkrankt sind, nur die können da aus dieser Bottrop?
Oder wÀre es jetzt möglicherweise auch jemand in Berlin?
Nein, diese Apotheke hat ja in sechs BundeslÀnder geliefert.
Ah, boah.
Wie gesagt, der Arzt ordnet das an. Und wie man sich schon denken kann, birgt das eben auch eine große Falle.
Peter Baumhauer zum Beispiel hat teure Handys an Arztpraxen verschenkt.
Und auch schon vorher gab es FĂ€lle, wo Apotheker mit Ärzten sogenannte wissenschaftliche Kooperationsvereinbarung abgeschlossen hatten.
Also heißt, die Ärzte haben einen Betrag X bekommen und dafĂŒr dann den Apotheken quasi diese lukrativen AuftrĂ€ge von Zytostatika zugeschoben.
Und die Eltern von dem Apotheker haben wahrscheinlich nicht ohne Grund ihre HĂ€user an Ärzte vermietet, weil die Ärzte werden ja sicherlich dann in dieser Apotheke ĂŒbertragen.
Die haben sich da ihr schön eigenes Reich aufgebaut, was immer nur noch mehr Geld reingeschleust hat.
Oliver Schrömen ist EnthĂŒllungsjournalist und Chefredakteur vom Korrektiv.
Das ist ein gemeinnĂŒtziges Recherchenetzwerk.
Und falls ihr noch mehr ĂŒber den Fall wissen wollt, ich empfehle euch sehr die Arbeiten vom Korrektiv.
Die waren immer vor Ort, waren auch vor Gericht, haben jeden Prozestag begleitet und dazu ein Tagebuch erstellt.
Also da könnt ihr quasi jeden Tag vor Gericht verfolgen.
Ich packe euch den Link dazu nochmal in die Shownotes.
Und Oliver Schrömen sagt eben, dass auch mit den Haltbarkeitsdaten aus KostengrĂŒnden nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ umgegangen wird.
Und auch das war Teil der Anklage meinesfalls.
Er sagt, dass sich Ärzte und Apotheker kaum an die Haltbarkeitsvorschriften halten, weil die Pharmaunternehmen extra geringe Spannen der Haltbarkeit draufschreiben, damit sie eher ablaufen und sie mehr Geld verdienen.
Das ist zumindest der Vorwurf an die Pharmaindustrie.
Und weil die Therapien eben viel Geld kosten und im wahrsten Sinne des Wortes wĂ€re es rausgeschmissenes Geld quasi, sie wegzuschmeißen, setzen manche Apotheker sie halt trotzdem ein und sich damit dann eben ĂŒber die Vorschriften hinweg.
Viele Krebsmedikamente sind aber Proteinprodukte und dementsprechend verÀndern sie tatsÀchlich schon nach kurzer Zeit ihre Haltbarkeit.
Deswegen ist es auch kein Wunder, dass keine der Krankenkassen außer einer sich irgendwie an dieser AufklĂ€rung des Skandals aus Bottrop beteiligen wollte.
Weil eigentlich waren sie ja die Leidtragenden.
Schrömen sagt, dass die Branche das Problem kenne, aber zu wenig dagegen vorgegangen wird, weil Krebspatienten keine Lobby haben.
Die Politik mĂŒsste eigentlich etwas tun, damit die Beteiligten endlich zur Verantwortung gezogen werden.
Mit hÀrteren, bindenden, gesetzlichen Vorgaben zum Beispiel.
Wir wollen in unserer Folge aber ja eigentlich ĂŒber die Personen reden, die entschieden haben, diesen Schritt zu gehen und damit eben in einen Unheil einzugreifen.
Und ich wĂŒrde ganz gerne mal mit dir darĂŒber reden, wie wir mit diesen Menschen umgehen, die ihr Leben dafĂŒr riskieren, anderen zu helfen.
Auch wenn es jetzt vielleicht erstmal nach außen nicht um Martin Porwolls Leben im Sinne von Überleben ging.
Wobei ökonomisch gesehen grenzte das ja schon fast daran, wenn seine Frau jetzt keinen Job gehabt hÀtte oder so.
Weil als ich das erste Mal von dem Fall gehört habe, war Martin Porwoll noch arbeitslos und das war 2017.
Und ich hatte so eine Wut im Bauch, dass mir der Fall halt so in Erinnerung geblieben ist.
Und er selbst sagt dazu, im Fall der Hinweisgeber haben wir einen ganz kuriosen Fall, wo die Gesellschaft durch den Hinweisgeber sozusagen den Gesamtvorteil einfÀhrt.
Und deswegen fragt man sich natĂŒrlich, wie kann man das Ă€ndern, weil das ist natĂŒrlich ein Skandal, ja, dass so jemand da noch quasi noch Probleme hat, auf die Beine zu kommen.
Ja, dass er nicht aufgefangen wird, wenigstens vom Staat, also es sollte ja einen Anreiz geben, Zivilcourage zu zeigen.
Und gibt es ja, wenn man das als Vorbild jetzt nimmt, erstmal ĂŒberhaupt gar nicht.
Und ich verstehe nicht, wieso da keiner eingesprungen ist.
Also, dass man da nicht irgendwie so einen Topf hat oder so oder danach wenigstens sich mal ĂŒberlegt hĂ€tte, fĂŒr Menschen, die so sind, die Whistleblower sind, die uns helfen, unsere Gesellschaft zu schĂŒtzen.
Vor allem bei so einem Thema, das so wichtig ist, dass man denen dann hilft oder auch mit monetaren Mitteln, weil er jetzt keinen Job mehr hat.
Richtig. Und in den USA gibt es tatsĂ€chlich ein Belohnungssystem fĂŒr Whistleblower.
Ich will natĂŒrlich nicht sagen, dass die da jetzt Vorbild sind, weil wir wissen alle, dass die USA bei Whistleblower auch ziemlich viel falsch macht.
Aber sie haben zumindest in der Theorie ein gutes System.
Da heißt es jetzt, da gibt es natĂŒrlich die Gefahr, dass Leute dann falsch Aussagen tĂ€tigen, um Geld zu bekommen.
Aber das lÀsst sich ja relativ leicht feststellen.
Also wÀre das jetzt eine falsche Behauptung gewesen, hÀtte man ja relativ schnell feststellen können, dass es nicht so ist.
Und diese Falschbehauptungen sind natĂŒrlich auch strafbar.
Das heißt, das Risiko ist relativ hoch, was jemand denn da eingeht, wenn da nichts hinter ist.
Und du darfst ja nicht vergessen, es ist ja trotzdem immer noch total die HĂŒrde da, ĂŒberhaupt irgendetwas zu sagen.
Ja, da gibt es doch auch in Amerika dieses Programm, das heißt Crime Stoppers.
Da gibt es halt eben eine Telefonnummer, auf der man anonymen Hinweise zu Verbrechen geben kann.
Die funktioniert dann quasi wie eine zweite Notrufnummer, nur dass man, wenn man dort anruft, nicht irgendwie in die Ermittlungen reingezogen werden kann.
Und das Programm, das wird von Non-Profit-Unternehmen gemanagt.
Und wenn man dann da einen Hinweis abgibt, der ja dann zur AufklĂ€rung eines Falles fĂŒhrt, dann bekommt man da auch ein Honorar dafĂŒr.
In den USA gibt es eben diesen Ansatz, einen Fonds einzurichten, in den immer Geld fließt, wenn jemand einen Missstand aufdeckt.
Der ja eben halt auch viele Kosten spart.
Gerade wurde neu geregelt, wie man eben mit Whistleblowern umgeht.
Die EU will Whistleblower jetzt nĂ€mlich rechtlich vor Strafverfolgung schĂŒtzen, wenn die Veröffentlichung der Informationen der Gesellschaft nĂŒtzt.
Ein weiterer Grund fĂŒr die EU.
Und das gilt in der EU halt eben aber nur fĂŒr Fragen, die das EU-Recht betreffen.
Aber auch der Bundestag hat den Schutz von Whistleblowern jetzt quasi neu geregelt, weil hier sind seit April Journalisten und ihre Quellen geschĂŒtzt, wenn sie MissstĂ€nde in die Öffentlichkeit bringen.
Bislang mussten die Kritiker sich immer erst intern melden.
Also hĂ€tte Martin Powell quasi zuerst zu seinem Chef gehen mĂŒssen und sagen mĂŒssen, mir fĂ€llt auf das.
Damit riskiert er nicht nur seinen Job, sondern auch gleichzeitig damit, dass die Beweise verschwinden.
Trotzdem soll der Weg ĂŒber die Presse quasi der letzte Weg sein.
Die Politik will sich da offenbar selbst vorbehalten, wie sie mit MissstÀnden umgeht und wie sie darauf reagiert, weil ja auch oft eine Lobbyarbeit dahinter steckt.
Und die natĂŒrlich nicht wollen, dass bestimmte Branchen dann so in Verruf geraten haben.
Okay, dann lass uns mal ĂŒber Zivilcourage an sich diskutieren.
Zivilcourage ist der Mut, den jemand beweist, indem er humane und demokratische Werte ohne RĂŒcksicht auf eventuelle Folgen in der Öffentlichkeit gegenĂŒber Obrigkeiten, Vorgesetzten und anderen vertritt.
So steht es im Duden.
Wenn man hier in Deutschland an Zivilcourage denkt, da fÀllt einem ja in der Regel direkt mal ein Name ein, und zwar Tutsche.
Und sie wurde da zu einer Art Synonym fĂŒr Zivilcourage bei uns, noch mehr eigentlich als Dominik Brunner aus meinem Fall.
Tutsche war 2014 auf einem McDonalds-Parkplatz von einem jungen Mann so hart geschlagen worden, dass ihr Aufprall am Boden tödlich war.
Zuvor hatte sie zwei MÀdchen geholfen, die von diesem 18-JÀhrigen auf der McDonalds-Toilette belÀstigt wurden.
Also auch hier hatte sich das spĂ€tere Opfer fĂŒr andere eingesetzt und am Ende mit dem Leben bezahlt.
Nach dem Fall haben alle deutschen Medien und auch teilweise auslĂ€ndische Medien ĂŒber den Fall berichtet.
Und Politiker forderten auch Tutsche das Bundesverdienstkreuz, Postum zu verleihen.
Was sie nicht bekommen hat.
Nee.
Aber auch wie im Fall von Dominik Brunner wurde der TÀter schnell stigmatisiert und zum KomaschlÀger gemacht.
Die Bild hatte denen sogar unverpixelt gezeigt.
Und laut dem Verteidiger, also von dem TĂ€ter, wurde er damit zu Freiwild.
Und das wurde halt stark kritisiert im Nachhinein, da es halt einer Vorverurteilung gleichkommt.
Und scheinbar hatte man nicht wirklich aus Dominiks Fall gelernt.
Da war das ja quasi genau dasselbe gewesen.
Und ein Kritiker schrieb dazu, die Bild habe ein falsches Bild von TĂ€ter und Opfer gezeichnet, Zeugen beeinflusst und die Ermittlung damit massiv erschwert.
Die hatte nĂ€mlich auch dieses Überwachungsvideo gezeigt.
Das hĂ€tte nĂ€mlich eigentlich ĂŒberhaupt nicht veröffentlicht werden können.
Aber die Bild hat ja da oft seine Quellen, ihre Quellen.
Und das Problem mit diesem Video war halt eben, dass sich dadurch die Erinnerungen von Zeugen scheinbar verÀndert haben, weil nÀmlich im Prozess andere Angaben zu denen gemacht wurden, die direkt nach der Tat gemacht wurden.
Und da kam nĂ€mlich dann auch raus, dass sich die Zeuginnen das Video zusammen angeschaut und darĂŒber gesprochen hatten.
Vorher hatten nÀmlich einige von Tutsches Freundinnen angegeben, Tutsche habe den TÀter vor dem Schlag beleidigt und so provoziert.
Und wÀhrend des Prozesses konnten sich dann daran aber nicht mehr so viele erinnern.
Und das ist eben fĂŒr die Wahrheitsfindung ganz schwierig, wenn das so viel in den Medien ist und darĂŒber geredet wird vor der Verhandlung sozusagen.
Und in dem Fall von Tutsche hat das den Verteidigern in die HĂ€nde gespielt.
Da war nĂ€mlich in meinem Fall die Strafe fĂŒr den TĂ€ter ja auch viel milder ausgefallen.
Und zwar auch mit der BegrĂŒndung...
Drei Jahre oder so, ne?
Ja, der hat irgendwie nur drei Jahre bekommen und wurde dann aber am Ende abgeschoben.
Wahrscheinlich ist die Abstiebung die grĂ¶ĂŸere Strafe jetzt fĂŒr ihn, aber trotzdem eben drei Jahre.
Die BegrĂŒndung war halt auch wegen der Berichterstattung, weil die denen halt schon so eine hohe Strafe war, den da so als Killer zu benennen.
Und der Richter hatte eben auch explizit gesagt, dass Zeitungen und Politiker auf den Zug dieser Bild-Zeitung aufgesprungen sind.
Was ich an dem Fall aber toll fand, ist, dass man gesehen hat, dass der Fall Dominik Brunner nicht abgeschreckt hat.
Weißt du, vorher stand das quasi im Raum, dass eventuell, wenn man sieht, wie schlimm sowas enden kann, dass es dann nicht mehr gemacht wird.
Spannend an der Debatte fand ich die Frage, erst mal, inwiefern Àndert es was, dass Tutsche ihn beleidigt hat?
FĂŒr den Verteidiger Ă€ndert das natĂŒrlich was dann.
Vor Gericht Àndert das eine Menge tatsÀchlich.
Ja, weil sie ihn damit quasi provoziert hat.
Und genau wie bei Dominik Brunner kamen ja am Ende ganz viele Artikel darĂŒber, dass sie eben nicht diese reine Weste hat und so.
WorĂŒber ich mich wirklich unfassbar geĂ€rgert habe, ich verstehe die Debatte, wie theorisieren wir Leute, die die Zivilcourage zeigen.
Und mich hat es so geĂ€rgert, dass das nachher zu so einem großen Ding gemacht wurde.
Denn ob sie ihn beleidigt hat oder nicht, das rechtfertigt doch nicht das, was am Ende dabei rausgekommen ist.
Klar, provozierst du jemanden dann vielleicht, ja.
Und ich weiß, dass es vor Gericht leider sehr wohl einen Unterschied macht.
Oder vielleicht in manchen Situationen auch aus gutem Grund.
Übrigens ist das Gericht hier, glaube ich, davon ausgegangen, dass er ĂŒberhaupt nicht wissen konnte in dem Moment, was ihr quasi passieren kann.
Weil sie auch noch so unglĂŒcklich auf dem Ohrring oder so aufgeschlagen ist mit dem Kopf.
Aber trotzdem fand ich das medial schon wirklich bedenklich, dass du jemanden, den du klar vorher als Helden sterilisierst, plötzlich so bröckeln lÀsst.
Und das finde ich völlig ungerechtfertigt, weil sie hat trotzdem das getan, was sie getan hat.
Da wurden zwei MÀdchen belÀstigt oder bedrÀngt und sie hat einfach eingegriffen.
Ja, ich finde halt bei der Heroisierung ist es halt so, dass sich das bedingt.
Nur, es ist so, nur durch diese Heroisierung, durch diese Stilisierung von diesen beiden Menschen, auch in dem Fall Tutsche und Dominik, die ja als Übermenschen dargestellt werden, als Helden.
Die sind auch Helden, es sind trotzdem immer noch normale Menschen, die auch Fehler haben.
Aber nur durch diese Stilisierung kommt dann diese andere Berichterstattung im Nachhinein fĂŒr die Menschen, die dann sagen, ja, aber so toll war der jetzt doch nicht.
Und die hat auch Mitschuld oder der hat auch Mitschuld.
Nein, die haben nicht Mitschuld, aber genau, auch diese Heroisierung, die finde ich auch so problematisch, weil, ja, wenn man so tut, als wÀre Zivilcourage etwas fast Heiliges, Unerreichbares, wie sollen andere Leute sich trauen, das auch zu leisten?
Und dann sollte er, und das hat der damalige OberbĂŒrgermeister von MĂŒnchen, Christian Ude, halt nach dem Fall von Dominik gesagt, dass man den Begriff Zivilcourage von seinem heroischen Anspruch befreien muss, um mehr Menschen zu ermutigen, eben diese zu zeigen.
Also ich habe zum Beispiel ein Problem mit dieser Begrifflichkeit Übermensch, ja.
Ich finde einfach, hier wird etwas, was zu wenig Leute tun, wird positiv dargestellt, ja.
Es wird gezeigt, sie hat das getan oder er hat das getan, was, wie in deinem Fall, 50 andere nicht getan haben.
Und das ist sehr gut.
Ich finde, dass unserer Gesellschaft ein paar mehr Helden guttun wĂŒrden und dass wir das auch anerkennen.
Nee, das ist klar, man soll, man soll darĂŒber berichten, man soll ihnen Anerkennung zuteil werden lassen.
Aber es geht ja eben darum, durch diese Heroisierung passieren diese andere Sachen, weil es immer so ist, wenn jemand, wenn die halt ĂŒbertreiben, ja.
Ja, wenn manche Zeitungen und Medien ĂŒbertreiben und weil jeder Mensch ist ja, hat Fehler und so und dann gab es auch von der Zeit.
Aber die schließt es ja nicht aus.
Also natĂŒrlich hat jeder Mensch Fehler, aber was haben die in diesem öffentlichen Diskurs zu suchen, frage ich mich.
Also weißt du?
Ja, natĂŒrlich muss man das nicht herausstellen, aber wenn man so tut, also wenn man jemanden als Held betitelt, der was Heldenhaftes gemacht hat, was ja auch beide gemacht haben, das ist ja auch in Ordnung.
Das ist ja auch nicht nur, aber es kommt dann, es kam so ein bisschen zu viel.
Also moderne MĂ€rtyrerin haben sie Tutsche genannt.
Ja, ja.
Das ist halt das Problem und deswegen passieren diese anderen Berichterstattungen, das verstehe ich auch.
Aber fĂŒr mich habe ich durch diese Berichterstattung, dieses Heroisiering, habe ich das GefĂŒhl, dass Zivilcourage fast nie stattfindet.
Und dann hat man das GefĂŒhl, wenn einmal jemand traut oder sich traut, was zu machen, dann passiert am Ende was Schreckliches dahinter.
Ja, aber das liegt, glaube ich, eher am Ausgang dieser Geschichten, weil ich glaube, in den wenigsten FĂ€llen oder leider höchstens vielleicht irgendwie im Lokaljournalismus wird darĂŒber geredet, wenn jemand sich positiv fĂŒr etwas eingesetzt hat, was gut ausgegangen ist.
Das ist ja das Problem, dass es super schade ist.
Ich glaube, dass es hier halt eher vielleicht gar nicht an der Herausstellung der Helden liegt, sondern viel eher an diesem Schwarz und Weiß, dass du halt gut und böse, es gibt hier quasi keine Graustufung dazwischen.
Und das ist natĂŒrlich schlecht, ja, und es ist vor allem schlecht, wenn es in diesen FĂ€llen oder im Fall von Tutsche halt eben sich dann auch noch positiv fĂŒr den TĂ€ter auswirkt, ja.
Ja.
Wovon manche der Meinung sind, wovon Tutsche vielleicht zu viel bekommen hat. Ich bin ja nicht der Meinung. Finde ich, hat Martin Porwoll halt viel zu wenig bekommen.
Ja.
Es ist halt so absurd. Ich finde, dass dieser Mann viel zu sehr unter dem Radar gelaufen ist. Ich kenne Tutsche und ich habe sogar mal von dieser Apotheke gehört, bevor ich halt vor zwei Jahren auf den Fall aufmerksam geworden bin.
Ich habe noch nie von Martin gehört.
Ja, und das finde ich, das ist, also, das finde ich ist wirklich ein Unding. Und dieser Mann hat das sowas von verdient.
Er war genauso mutig.
Genau, und der will gar nicht als Hater stehen. Das meinte ich am Anfang. Er ist einfach so sympathisch, ja.
Und daran sieht man auch, wie wichtig die Medien in dieser Debatte sind. Und wie unfair und auch fatal das ist, dass sie den Fall so unter den Tisch haben fallen lassen.
Möchte mich hier nochmal darauf beziehen, dass die Personen, die eingreifen, etwas tun, was viele Leute nicht tun, wie es offenbar ja in deinem Fall der Fall war.
Auch wenn Zeugen natĂŒrlich nicht immer heißt, dass die Personen dann auch hĂ€tten eingreifen können, ja.
Aber es ist so, dass je mehr Menschen etwas mit ansehen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit fĂŒr Einzelne unter ihnen, dass sie nicht eingreifen.
Das nennt man Zuschauereffekt oder Bystandereffekt und lÀsst sich halt ganz einfach damit erklÀren, dass wenn jemandem etwas passiert und ich bin die einzige Person dabei, die das mit ansieht, dann liegt die Verantwortung zu 100 Prozent bei mir.
Und sehen den Vorfall aber noch neun andere, dann schmĂ€lert sich die gefĂŒhlte Verantwortung quasi auf 10 Prozent.
GrĂŒnde fĂŒr diese AbwĂ€gung, dass man halt eben nicht einschreitet, sind zum Beispiel, dass man sich vor anderen Menschen blamiert, weil man die Situation falsch einschĂ€tzt.
Oder die sogenannte pluralistische Ignoranz, also dass man fÀlschlicherweise der Annahme ist, die anderen die Situation nicht als brenzlig einschÀtzen, weil sonst hÀtte ja schon jemand eingegriffen.
Aber alle anderen sehen das auch so und im Grunde genommen schÀtzen alle die Situation richtig ein, gehen aber davon aus, dass sie sie falsch einschÀtzen, weil eben alle anderen auch nichts machen.
Das PhĂ€nomen nennt man ĂŒbrigens auch Genovese-Syndrom.
Kennst du das?
Sag dir aber gleich was, wenn ich es dir erzÀhle.
Benannt ist das nÀmlich nach Kitty Genovese.
Kitty war New Yorkerin und wurde in ihrer Nachbarschaft, als sie gerade auf dem Weg zu ihrer Wohnung war, in den frĂŒhen Morgenstunden erstochen.
Der TĂ€ter stach zweimal auf sie ein, woraufhin sie nach Hilfe schrie.
Ein Nachbar rief noch, lass das MĂ€dchen in Ruhe und der TĂ€ter verschwand.
Daraufhin schleppte Kitty sich zu einer Ecke des GebÀudekomplexes, die quasi nicht gut einsehbar war.
Also da konnte sie dann kein Nachbar mehr sehen.
Das war vorher eben anders.
Der TĂ€ter wartete aber in seinem Auto, um zu beobachten, ob die Polizei anrĂŒckte.
Und das tat sie nicht, weil keiner der Nachbarn Hilfe rief.
Also kehrte der TĂ€ter zurĂŒck, suchte alles nach Kitty ab, vergewaltigte sie und stach erneut auf sie ein.
Erst daraufhin rief dann jemand die Polizei.
Kitty starb aber noch auf der Fahrt ins Krankenhaus.
Und spÀter veröffentlichte die New York Times, dass 38 Nachbarn Teile der Tat gesehen haben sollen.
Wobei es auch Kritik an dieser Berichterstattung gegeben hat, dass sie eben nicht alles gesehen haben und halt vieles nicht richtig einschÀtzen konnten vielleicht.
Und am Ende ist auch nicht klar, ob wirklich niemand die Polizei gerufen hat, weil spÀte Ermittlungen das nicht mehr genau feststellen konnten.
Ja, aber das ist eben ein Fall gewesen, der auch Psychologen dazu veranlasst hat, dahingehend mal zu erforschen, warum, wenn es 38 Leute gibt, die zumindest etwas teilweise gesehen haben,
warum niemand einschreitet und am Ende eben wieder ein Mensch sein Leben lassen muss.
Zumal die Leute ja auch noch in ihrer Wohnung saßen.
Also sie hĂ€tten ja nur die Polizei rufen mĂŒssen, ja.
Und beim Zuschauer-Effekt geht man eben davon aus, dass wenn einer den Schritt macht, die anderen nach sich ziehen.
Also wenn man zu zehnt in einer Gruppe steht, wenn einer den Schritt macht, mobilisiert er quasi alleine damit schon die anderen.
Ja, obwohl bei Dominik Brunner das auch nicht der Fall war und da hat keiner, obwohl er geholfen hat, da hat dann keiner geholfen.
Aber natĂŒrlich, ja, einer muss halt anfangen.
Ja.
Aber wie man quasi helfen kann, dafĂŒr gibt es so eine Art Leitfaden.
Und zwar hat den die Dominik Brunner Stiftung auf ihrer Homepage.
Die Stiftung wurde nÀmlich dann nach seinem Tod von Dominiks Vater und dem Vater seiner LebensgefÀhrtin ins Leben gerufen.
Und mit dieser Stiftung wollen sie Dominiks Einsatz fĂŒr Menschen in Not weiterfĂŒhren und gesellschaftliche Verantwortung ĂŒbernehmen.
Und sie haben sich zum Ziel gesetzt, Menschen zu mehr Zivilcourage zu ermutigen, aber auch Menschen zu ehren, die Zivilcourage gezeigt haben.
Und die Stiftung hat fĂŒnf GrundsĂ€tze aufgestellt, an die sich Menschen in Situationen halten sollten, in denen Zivilcourage gefordert ist.
Der erste Grundsatz ist das gefahrlose Handeln.
Also erstmal ist es ja so, jeder kann helfen, dass eine Straftat vereitelt oder zumindest gebremst wird.
Manchmal hilft schon ein lautes Wort oder eine kleine Geste, um den TĂ€ter einzuschĂŒchtern und von der Tat abzubringen.
Es muss also nicht Gewalt angewendet werden, um jemanden zu stoppen.
Schon gar nicht sollten das Menschen machen, die dem TÀter körperlich unterlegen sind.
Da ist es im Gegenteil besser, sich dem Opfer zu widmen.
Auf dieses zuzugehen und Hilfe anzubieten, also nicht den TĂ€ter direkt anzusprechen.
Wichtig ist auch, dass man den TÀter nicht duzt, weil andere Passanten dann denken könnten, es handelt sich irgendwie um einen persönlichen Konflikt.
Und oft hÀlt es sie dann ab, davon zu helfen.
Das ist ein guter Tipp.
Und ganz wichtig beim Helfen ist natĂŒrlich, die Polizei zu rufen, so schnell es geht.
Der zweite Grundsatz ist, Mithilfe fordern.
Oft passieren Taten ja am helligsten Tag und unter den Augen von vielen Zeugen.
Und wenn das passiert, da darf man nicht darauf warten, dass von irgendjemand irgendwas unternehmen wird, wie das, was du gerade erzÀhlt hast.
Man sollte eben als Erster reagieren und andere gezielt auf die Tat aufmerksam machen und sie auffordern, mitzuhelfen.
Also so eine direkte Ansprache ist dabei sehr wichtig, weil sich die Menschen dann eben verantwortlich fĂŒhlen.
Du hast ja auch eben schon gesagt, wenn man alleine in einer Situation ist, dann fĂŒhlt man sich viel mehr verantwortlich.
Wenn viele da sind, nicht.
Aber wenn du dann gezielt angesprochen wirst, dann trotzdem sozusagen.
Der dritte Grundsatz ist das genaue Hinsehen.
Weil jedes Detail ist nĂ€mlich super wichtig bei der Identifizierung des TĂ€ters und auch fĂŒr die polizeilichen Ermittlungen danach.
Fragt euch also, wie groß ist der TĂ€ter, welche Haarfarbe hat er, was hat er an und versucht euch das alles einzuprĂ€gen.
Grundsatz Nummer vier ist es, das Opfer zu versorgen.
Es ist natĂŒrlich wichtig, sich um das Opfer zu kĂŒmmern, einen Krankenwagen zu rufen,
die Person, wenn möglich, irgendwie in die stabile Seitenlage zu legen und vielleicht unter UmstÀnden auch erste Hilfe zu leisten.
Und der letzte Grundsatz ist, als Zeuge mitzuhelfen.
Viele TÀter kommen nÀmlich davon, weil sich Zeugen nicht bei der Polizei melden.
Und das darf man eben auf keinen Fall machen, weil die TĂ€ter sonst, ja, getrost weitermachen.
Und falls ihr die Tipps noch einmal nachlesen wollt, stelle ich euch sowieso die Homepage der Stiftung in die Shownotes.
Man muss halt sich auch immer fragen, was ist, wenn das mir passieren wĂŒrde.
Weil viele in so einer Situation trauen sich halt eben auch nicht, um Hilfe zu bitten, wenn man bedrÀngt wird.
Und mir ist da eine Situation eingefallen, die ich letztes Jahr im Urlaub in einem Zug erlebt habe.
Erst habe ich diese Situation gar nicht so in dieses Thema geworfen, aber es ist eigentlich genau das.
Ich saß in einem Vierer sozusagen, also das war jetzt kein geschlossenes Abteil, sondern...
Wie so ein Bus.
Genau, ja.
Und das war in Frankreich und da wurde ich von einem Mann belÀstigt.
Erst nicht körperlich, aber der hat sich neben mich gesetzt, der hat sich mir gegenĂŒber gesetzt,
hat die ganze Zeit mein Buch quasi mir weggenommen, weil er mit mir reden wollte.
Und das war fĂŒr mich schlimm.
Also im ersten Moment gar nicht, weil ich die Situation erstmal nicht als so bedrohlich eingestellt habe.
Und dann dachte ich auch immer noch, das ist ein Typ und ich kann dem schon was entgegensetzen,
weil der war jetzt nicht irgendwie jetzt massiv oder so.
Und im Nebenvierer saßen quasi vier EnglĂ€nder, vier Ă€ltere Menschen.
Und als der Mann dann angefangen hat, mich anzufassen, wo ich dann natĂŒrlich wild um mich gewirbelt habe,
hat dann der eine Mann ihn angesprochen und hat gesagt, er soll mich gefÀlligst in Ruhe lassen.
Und ich fand die Situation, also da, wo sie so anfingen, so ein bisschen zu eskalieren,
halt total furchtbar unangenehm.
Aber in dem Moment, wo dieser Mann einfach nur was gesagt hat, war die Situation fĂŒr mich sehr viel ertrĂ€glicher,
weil ich wusste, wenn er jetzt körperlich richtig ĂŒbergriffig wird und da ein Handgemenge entsteht,
dann weiß ich, die gucken nicht weg, weil sie vorher nicht weggeguckt haben, weil sie was gesagt haben.
Und alleine, dass die mir das GefĂŒhl gegeben haben, wir sagen jetzt hier was, wir sind da.
Also obwohl er nicht wirklich viel gemacht hat.
Das fand ich ganz toll, weil es halt eben auch Àltere Menschen waren.
Das waren jetzt keine, die denen jetzt, es war ja ein junger Typ gewesen.
Und da war ich sehr dankbar und deswegen habe ich dadurch auch gelernt, einfach etwas zu sagen hilft auch schon und hilft auch schon den Leuten, denen das passiert.
Ich hÀtte garantiert nicht um Hilfe gebeten in dieser Situation, obwohl ich sie gebraucht hÀtte.
Aber ich habe ja gerade gesagt, dass ich das GefĂŒhl habe, durch diese teilweise Berichterstattung, das ist ja, das macht ja auch nicht jeder mit der Heroisierung, ja, ĂŒberhaupt nicht.
Aber manche und die sind dann besonders laut sozusagen, dass man da das GefĂŒhl hat, dass das nicht so oft vorkommt mit der Zivilcourage.
Aber es ist eben schon so, dass Zivilcourage in Deutschland stattfindet und zwar jeden Tag.
Nur, wie du schon gesagt hast, die FĂ€lle gehen glĂŒcklicherweise fast immer gut aus.
Und deswegen ist wahrscheinlich nicht der Zweck gesehen, darĂŒber zu berichten, ja.
Aber ich habe ganz viele FĂ€lle gefunden und zwar auf der Seite der Dominik Brunner Stiftung fĂŒr Zivilcourage.
Und da gibt es dann eine Unterrubrik auf dieser Homepage mit dem Titel Vorbilder.
Und da sind dann wirklich etliche Seiten mit Menschen, die Zivilcourage bewiesen haben und die Geschichten dazu.
Und ein Beispiel habe ich jetzt mal mitgebracht, damit ihr da eine Idee bekommt.
Und zwar die Geschichte von Mario und Noam.
Am 16. April 2011 sitzt der 16-jÀhrige Noam mit ein paar Freunden an einer Bushaltestelle in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt.
Plötzlich kommt ein junger Mann vorbei und schlĂ€gt Noam unvermittelt ins Gesicht und brĂŒllt ihm antisemitische Beschimpfungen entgegen.
Noam versucht dann zu fliehen, rennt die Straße hinunter.
Der TÀter verfolgt ihn, zerrt an der Jacke des Jungen, wirft ihn zu Boden, schlÀgt und tritt ihn.
Oh Gott.
Sechs Zeugen sehen dabei zu, trauen sich aber nicht einzugreifen.
Da fÀhrt Mario trebert in seinem Auto an der Szene vorbei.
Er fackelt nicht lange, steckt aus, schreit den TĂ€ter lauthals an.
Und der ist dann so erstaunt, dass er fĂŒr einen Augenblick von Noam ablĂ€sst.
So kann Mario Noam mit in sein Auto nehmen und fliehen.
Nach der Rettungsaktion wird Mario gefragt, wieso er eingegriffen hat.
Mario schaut auf seinen Körper, grinst und sagt, ich bin ein bisschen besser bepackt als andere.
Im Rathaus wird der Retter ein paar Tage nach der Tat geehrt.
Dabei steht er neben dem InnenstaatssekretÀr von Sachsen-Anhalt und kommt sich komisch vor.
Ich habe mich schon gefreut, aber ich habe etwas getan, was fĂŒr mich normal ist.
Niemand aus Marios Umfeld hat ihn bis dato auf seinen Einsatz angesprochen.
Es gab weder Zuspruch noch Ablehnung.
Und zwar, weil die Menschen in seinem Umfeld das Helfen in dieser Situation als völlig normal betrachtet haben.
Und alle Geschichten, die ich da gelesen habe, oder die meisten Retter in AnfĂŒhrungsstrichen, haben gesagt,
sie haben das einfach gemacht, weil das fĂŒr sie als normal war, dass es normal war und dass sie es jederzeit wieder machen wĂŒrden.
Zivilcourage ist ja nicht immer nur, was man in wirklich brenzlichen Situationen macht,
sondern das fÀngt ja im ganz Kleinen an.
Also zum Beispiel, dass man auch nicht mitlacht, wenn jemand anders gemobbt wird oder ĂŒber jemanden schlecht geredet wird.
Genau. Und deshalb wĂŒrden wir gerne mal von euch wissen, wie und wann ihr schon einmal Zivilcourage bewiesen habt,
egal in welchem kleinen Rahmen.
Und dazu posten wir euch dann einen Thread in unsere Facebook-Gruppe Mordlust-Stammtisch.
Falls ihr aber mal in einer Situation wart, in der ihr hÀttet helfen können und dann aber keine Zivilcourage bewiesen habt
und das wurde auf Video festgehalten, dann wÀre eine gute Verteidigung zu sagen
It wasn't me.
Und hier nochmal eine kleine Erinnerung, am 29. Juni sind wir ja bei dem Podcast-Picknick von PULS in Erlangen
und da freuen wir uns super, wenn ihr kommt. Alle Infos dazu findet ihr in unseren Shownotes.
Das war ein Podcast von FUNK.