#55 DEUTSCHE MINDHUNTER

Diese Prozesse, von denen wir hier immer erzÀhlen, die sind ja relativ teuer.
Ja.
Also je nach KomplexitÀt des Delikts oder auch nach Aufwand der Verhandlungen jetzt beispielsweise.
Der höchste Prozess zum Beispiel soll fast eine halbe Million Euro gekostet haben.
Schön.
Ja, wobei im Falle einer Verurteilung sind die Kosten eigentlich grundsÀtzlich vom Angeklagten oder von der Angeklagten zu tragen.
Und diese halbe Million zahlt die höchste Frau dann aus der Portokasse oder was?
Aus dem Sparschwein ganz genau. Aber richtige Überlegung. Ich habe jetzt die Woche nĂ€mlich mit dem Strafverteidiger Dr. Alexander Stevens gesprochen.
Den haben wir ja auch schon mal als Experten gehabt. Und der hat mir von einem Fall erzÀhlt, den er gerade vertritt.
Einer seiner Mandanten sitzt wegen Mordes im GefĂ€ngnis. Ganz ĂŒbles Verbrechen mit besonderer Schwere der Schuld.
Und im GefÀngnis hat der Verurteilte dann die Rechnung des Prozesses halt zugeschickt bekommen.
Mit dem Vermerk, dass bei, ich breche das jetzt mal runter, also am Ende, dass bei Nichtzahlung oder ZahlungsunfÀhigkeit er das als Haftstrafe absetzen muss.
Daraufhin hat er ein Schreiben zurĂŒckgeschickt, in dem er die Herren und Damen als Vollidioten bezeichnet, die sich die Rechnung gerne bis zum Zitat Zwölffingerdarm in den Arsch schieben können, weil er ja eh nie wieder rauskommen wĂŒrde.
Wie bitte?
Okay, erstmal hat er ja auch irgendwie recht, oder? Also nicht, dass die sich das bis dahin schieben sollen, aber dass er ja jetzt eh in Haft ist und das jetzt nicht bezahlt.
Also ist das normal, dass man so einen Brief kriegt?
Genau, also es ist normal, dass du die Kosten dann tragen musst, wenn du verurteilt wirst. Eigentlich schon.
Genau, und also was jetzt passiert ist, dieser Herr, der hat jetzt einen Brief bekommen wegen Beleidigung und deswegen vertritt Stevens ihn jetzt.
Und die Entscheidung ist auch schon gefallen. Wegen dieser Beleidigung hat er jetzt 170 TagessÀtze a 5 Euro bekommen, die er auch nicht zahlen wird können, weshalb er wohl eine Ersatzfreiheitsstrafe bekommen wird.
Und du siehst, da beißt sich die Katze wieder in den Schwanz.
Also on top auf seiner Strafe hat er jetzt nochmal die Strafe bekommen, aber weil er sowieso die besondere Schwere der Schuld hat, wird das am Ende ja auch gar nichts Àndern und es war einfach nur jetzt ein bisschen Papierkram hin und her.
Aber gut, ich wĂŒrde mir sowas halt auch nicht bieten lassen, wenn mir jemand so ein Schreiben schicken wĂŒrde.
Ja, total. Das Problem ist nur, wenn die andere Person ja quasi schon alles verloren hat und du ihr ja im Grunde genommen mit nichts mehr drohen kannst, ist halt blöd.
Es wĂ€re natĂŒrlich anders, wenn er jetzt eine reelle Chance hĂ€tte, demnĂ€chst rauszukommen.
Aber da er selber davon ausgeht, dass das niemals passieren wird, ist es halt so.
Und damit herzlich willkommen zu Mordlust, unserem True Crime Podcast von Funk, von ARD und ZDF.
Hier reden wir ĂŒber wahre Verbrechen und ihre HintergrĂŒnde.
Mein Name ist Paulina Kraser.
Und ich bin Laura Wohlers.
In jeder Folge gibt es ein Oberthema, zu dem wir zwei wahre KriminalfĂ€lle nacherzĂ€hlen, darĂŒber diskutieren und mit ExpertInnen sprechen.
Und wir beide reden hier auch mal ein bisschen lockerer miteinander.
Das hat aber nichts damit zu tun, dass uns die Ernsthaftigkeit fĂŒr das Thema fehlt, sondern das ist fĂŒr uns einfach so eine Art Comic-Oleaf, damit wir zwischendurch auch mal durchatmen können.
Das ist aber natĂŒrlich nie despektierlich gemeint.
Heute geht es bei uns um die operative Fallanalyse.
Wenn wir PolizeibeamtInnen Ă€rgern wollen wĂŒrden, dann wĂŒrden wir die Fallanalytikerinnen und Fallanalytiker als Profiler bezeichnen.
Das ist vielleicht ein Begriff, den ihr eher kennt.
Und das ist, was wir in der Vorbereitung auf die Folge gelernt haben ĂŒber die OFA, so nennt man die operative Fallanalyse auch, dass das nicht dasselbe ist.
Im Amerikanischen nennt man das Profiling.
Und das heißt aber ĂŒbersetzt ja eher so viel wie ein Profil erstellen und so ein TĂ€terInnen-Profil zu erstellen.
Das gehört zwar auch hier manchmal mit dazu und darĂŒber reden wir ja heute auch noch, aber das wĂ€re viel zu kurz gegriffen fĂŒr das, was die FallanalytikerInnen hier in Deutschland machen.
Ja, und auch die Profiler zum Beispiel aus der Serie Mein Tanter, die wahrscheinlich die meisten von euch kennen, das sind keine FallanalytikerInnen wie wir, die jetzt in Deutschland haben.
Diese Serie beruht ja auf wahren Begebenheiten, aber so kann man sich das nicht vorstellen.
Also fĂŒr die, die es nicht kennen, da geht es um zwei FBI-Agenten, die in den 70er Jahren halt mit Serienmördern gesprochen haben, also die interviewt haben sozusagen, um deren Psyche zu verstehen, um dann eben MordfĂ€lle zu klĂ€ren oder auch zukĂŒnftige MordfĂ€lle zu verhindern.
Und in der Serie sieht das so aus, als wĂŒrde das alles super funktionieren und als wĂŒrden die Ermittler auch irgendwann meinen, sie könnten wie MörderInnen denken.
Aber nur, weil ein TĂ€ter oder eine TĂ€terin dir irgendetwas sagt, heißt das ja nicht, dass das auch stimmt.
Und weil wir ja aus den FĂ€llen auch wissen, dass bei schweren StraftĂ€terInnen auch Persönlichkeitsstörungen vorliegen können, die sie zum Beispiel extrem manipulativ machen oder die dazu fĂŒhren, dass die TĂ€terInnen selbst gar nicht den Zugang mehr zu ihren GefĂŒhlen haben.
Also das heißt, sie können vielleicht auch gar nicht die Wahrheit sagen, auch wenn sie es wollen wĂŒrden.
Ja, und dann gibt es aber ja auch noch die, die dann mehr Tötungsdelikte gestehen, als sie eigentlich begangen haben.
Also um sich dann halt auch nochmal besonders wichtig zu machen. War das auch bei einem Fall bei Mein TĂ€ter so?
Ich glaube ja.
Bin ich eigentlich die Einzige, die Mein TĂ€ter nicht so gut fand?
Ja, okay. Aber klar, damals war das ja noch der Anfang der Fallanalyse, aber halt wie das da dargestellt wird, also dass diese Ermittler anhand von diesen wenigen Befragungen dann irgendwie mit ihrem Instinkt hat man ja schon fast das GefĂŒhl und auch im Alleingang diese großen FĂ€lle lösen.
Und mein Fall zeigt, wie komplex die Arbeit von FallanalytikerInnen im echten Leben werden kann.
Triggerwarnung wie immer in der Beschreibung.
Mein Fall, diese Folge, erzÀhlt von einem Vater, der den Mörder seines Sohnes jagt und von der Besessenheit, die aus seiner Trauer erwachsen ist.
Die Namen einiger Beteiligter habe ich geÀndert.
Im Februar 2008 gibt Rainer Feld sein gefĂŒhlt hundertstes Interview zum Mord an seinem Sohn Andreas.
Dabei ist er nicht mehr traurig oder gar wĂŒtend.
Er ist sachlich, wirkt fast abgeklĂ€rt, doch als Zuschauerin spĂŒrt man die Verzweiflung in seinen Worten.
Damit ich eines Tages in Frieden sterben kann, muss ich wissen, wer das getan hat.
17 Jahre zuvor.
Es ist das Beste fĂŒr das Kind, denkt Rainer, als sein Sohn im August 1991 auf das Internat wechselt.
Es war seine Idee gewesen, denn Andreas Noten waren in letzter Zeit immer weiter abgerutscht.
Ein Internat, wo man sich auf den Unterrichtsstoff konzentriere, könne dem Einhalt gebieten und so könne der 13-JÀhrige noch die Kurve kriegen.
Mit diesen Argumenten konnte Rainer seine Frau Yvonne ĂŒberzeugen.
Ab jetzt wird Andreas nur noch die Wochenenden zu Hause verbringen, mit den Eltern und seinem kleinen Bruder Timo.
Jeden Sonntag wird er zukĂŒnftig von seinem Vater die eineinhalb Stunden von Bad Oldesloe nach Rothenburg ins Internat gefahren.
Und so auch am Sonntag, den 29. MĂ€rz 1992.
Auf der Fahrt herrscht große Vorfreude bei Vater und Sohn, denn am Mittwoch fangen die Osterferien an und da soll es in den Skiurlaub gehen.
TschĂŒss, Papa, bis Mittwoch, ruft ihm Andreas beim Abschied zu.
Zwei Tage spĂ€ter klingelt bei den Fels frĂŒhmorgens das Telefon.
Es ist der Heimleiter des Internats.
Andreas sei heute Morgen nicht in seinem Zimmer gewesen.
Man suche jetzt nach ihm und melde sich, wenn er bis zum FrĂŒhstĂŒck wieder da sei.
Eine Stunde spÀter klingelt es erneut.
Man habe nun Andreas Schlafanzug im Gemeinschaftsraum gefunden, in dem ein Fenster sperrangelweit offen stand.
Aber von Andreas fehle immer noch jede Spur.
Wir rufen jetzt die Polizei und es wÀre schön, wenn sie auch kommen könnten, tönt es aus dem Hörer.
Sofort machen sich die Eltern auf den Weg ins Internat.
Dort treffen sie auf Polizei und Lehrerschaft und auf deren Vermutung, was geschehen sein könnte.
Andreas sei wahrscheinlich abgehauen, habe sich nachts aus seinem Schrank Klamotten geholt,
diese mit in den Gemeinschaftsraum genommen, sich dort umgezogen und sei dann aus dem Fenster geklettert hat.
Vielleicht wegen der verhauenen Mathearbeit vom Vortag wird in den Raum gestellt.
Ausgeschlossen, denkt sich Rainer.
So streng, dass sein Sohn wegen einer schlechten Note weglaufen wĂŒrde, ist er jetzt auch wieder nicht.
Außerdem hatte sich Andreas doch so auf den Skiurlaub gefreut.
Und wieso sollte der Junge ohne Jacke verschwinden, wenn draußen nachts fast Minusgrade herrschen?
Die Eltern erfahren noch, dass ihr Sohn sich die NĂ€chte zuvor immer wieder in seinem Zimmer eingeschlossen hatte
und ihm deshalb gestern Abend der SchlĂŒssel abgenommen wurde,
als die Hausleiterin gegen 21.30 Uhr ihren letzten Rundgang machte.
Ein MitschĂŒler erzĂ€hlt, dass Andreas Angst gehabt habe.
Wovor, weiß er nicht.
Die Fels mĂŒssen ohne ihren Sohn wieder zurĂŒck nach Hause fahren.
FĂŒr sie beginnt jetzt die schlimmste Zeit ihres Lebens.
In den nÀchsten Tagen ruft Rainer jeden zweiten Tag bei der Polizei an.
Doch Andreas wird nicht gefunden.
FĂŒnf Wochen spĂ€ter gehen zwei SpaziergĂ€ngerinnen mit ihren Hunden durch die Ferdiner DĂŒnen sĂŒdöstlich von Bremen.
Die Hunde sind nicht angeleint und obwohl ihre Halterinnen schon viel weiter gelaufen sind,
folgen sie ihnen nicht, hören auch nicht auf ihre Rufe.
Sie haben etwas gefunden.
Es ist Andreas.
Nur mit Socken und einem T-Shirt bekleidet, seine HĂ€nde auf dem RĂŒcken gefesselt.
Der 13-JĂ€hrige wurde sexuell missbraucht, erstickt und 30 Kilometer vom Internat entfernt in den DĂŒnen verscharrt.
Jetzt ĂŒbernimmt Martin Erftenbeck von der Kripoferden den Fall.
Bei den Ermittlungen erfÀhrt er von einem Vorfall in einem Schullandheim ganz in der NÀhe des Internats,
der sich ein paar Tage vor Andreas' Verschwinden abgespielt hat.
Dort hat eine Lehrerin bei ihrem nÀchtlichen Rundgang einen fremden Mann auf dem Flur entdeckt,
der einen kleinen Jungen an der Hand hielt.
Der Junge war nur mit Schlafanzug bekleidet, barfuß,
und der Mann trug eine Art Verkleidung, die sie an die Actionfigur Batman erinnerte.
Die Lehrerin fing an zu schreien und der Mann floh.
Auch in Andreas' Internat war eine Beobachtung von einem fremden Mann gemacht worden.
In der Nacht, in der Andreas verschwand, hatte ein Lehrer um kurz nach 1 Uhr nachts
einen jungen Mann mit Lederjacke auf dem InternatsgelÀnde gesehen,
der weglief, als er merkte, beobachtet zu werden.
Weitere Ermittlungen zeigen, dass solche VorfĂ€lle in Schullandheim im Großraum Bremen
schon ein paar Mal vorgekommen waren.
Es hatte sich sogar eine kleine Ermittlungskommission gebildet,
mit der sich die Kripo Pferden jetzt in Verbindung setzt.
Die Polizei glaubt, dass Andreas' Mörder aus dem Internat kommen
und Verbindungen zu den Schullandheimen und Pferden haben mĂŒsse.
Deshalb werden alle Personen aus diesem Umfeld ĂŒberprĂŒft.
Doch es gibt keine heiße Spur.
Ende Juni 1992 wird die Mordkommission daher aufgelöst.
Als die Fels davon erfahren, sind sie wie vor den Kopf gestoßen.
Vor allem Rainer kann nicht glauben, dass die Ermittlungen jetzt schon eingestellt werden,
nicht mal zwei Monate nach dem Leichenfund.
Yvonne hingegen versucht mittlerweile, den Mord an ihrem Sohn zu verdrÀngen,
will nicht jeden Tag daran erinnert werden.
Schließlich haben sie noch einen zweiten Sohn, um den man sich kĂŒmmern muss,
den fĂŒnfjĂ€hrigen Timo.
Doch Rainer kann sich nicht damit zufriedengeben, dass die Sache ungeklÀrt bleibt.
Er glaubt, dass der TÀter noch einmal töten wird, wenn man ihn nicht stoppt.
Und so beginnt er mit seiner Jagd nach dem Mörder seines Sohnes.
Dazu meldet er sich bei dem Hamburger Anwalt Gerhard Strate.
Er kundigt sich, ob es möglich sei, die Behörden zum Weiterermitteln zu zwingen.
Schwierig.
Aber was möglich ist, ist die Akten einzufordern.
Und das tut Strate fĂŒr seinen Mandanten.
Als die Unterlagen eintreffen, setzt sich Rainer unverzĂŒglich ran.
Der 48-JĂ€hrige arbeitet jede Seite akribisch durch,
schaut sich die Obduktionsfotos von seinem toten Kind immer wieder an.
Rainer, der als selbststÀndiger EDV-Berater arbeitet, ist Problemlöser.
Und sein Job ist es, Fehler in Programmen zu finden.
Jetzt hat er sich zum Ziel gesetzt, den Fehler in der Ermittlungsarbeit zu finden.
Dazu engagiert er zwei russische Privatdetektive, verteilt FlugblÀtter auf dem Schulhof und schreibt anonyme Briefe, in denen er den Schulleiter und andere LehrerInnen verdÀchtigt.
Die verdÀchtigt ist gewesen zu sein.
Oder etwas damit zu tun zu haben.
Er behauptet sogar, dass der Leiter der Mordkommission, Martin Erftenbeck, den wahren TĂ€ter decken wĂŒrde.
Oh nein, und damit macht man ja ganz viel, viel schlimmer, ja.
Ja, und tatsÀchlich kommt er auch deswegen vor Gericht.
Ich meine, das sind Verleumdungen, ne.
Doch, das ist Rainer recht, weil er nutzt halt diese Verhandlungen, um Öffentlichkeit zu bekommen und seine Sicht darzustellen.
Und er hofft, dass die Polizei durch diese Aktion dann seinen VorwĂŒrfen nachgeht und endlich wieder anfĂ€ngt zu ermitteln.
Okay, ich finde, das ist ein ziemlich gewagtes Vorgehen, weil erstmal kann man so natĂŒrlich den Zorn von der Ermittlungsbehörde auch auf sich ziehen.
HÀtte ich jetzt wahrscheinlich, also ich meine, ist ja auch verstÀndlich, wenn die Beschuldigten dann selbst kein Interesse mehr daran haben, dem Mann irgendwie zu helfen, Punkt eins.
Punkt zwei lenkt er damit natĂŒrlich auch, also ein Verdacht auf die ganz falsche Person.
Ja, sowas darf man natĂŒrlich nicht machen, aber Rainer denkt damals wirklich, dass jemand aus dem Internat etwas mit dem Tod seines Sohnes zu tun hat.
Und der hat sich halt dabei dann vor allem auf diesen Schulleiter eingeschossen und der ist dann auch derjenige, der ihn anzeigt.
Aber es kommt nicht zu neuen Ermittlungen.
Es ist Mitte Juli 1995 und damit drei Jahre nach Andreas Tod, als Lukas in das Ferienzeltlager Selkanor in Schleswig-Holstein kommt.
Auf diesen Ausflug hat sich der AchtjÀhrige schon wochenlang gefreut.
Zehn Tage macht er hier Urlaub mit einer Jugendgruppe und schlÀft nachts in einem Gruppenzelt.
In der elften Nacht verschwindet er spurlos.
Zwei Wochen spĂ€ter findet ein deutscher Urlauber seine Leiche in einer SanddĂŒne in DĂ€nemark.
Missbraucht, erstickt und halbnackt.
An diesem Tag schlÀgt Rainer Feld die Zeitung auf.
Als er Lukas' Bild sieht, wird ihm ganz anders.
Der sieht ja genauso aus wie Andreas.
Rainer glaubt, der Mörder seines Sohnes habe wieder zugeschlagen und wendet sich an den Anwalt der Familie von Lukas.
Mit seinen zwei Privatdetektiven fÀhrt er zu ihm nach Lippstadt, tauscht Erkenntnisse und Vermutungen aus.
Gemeinsam kommen sie zu dem Schluss, dass es sich um denselben TĂ€ter handeln muss.
Es gÀbe zu viele Gemeinsamkeiten.
Die Opfer, beides kleine Jungs, die aus Einrichtungen entfĂŒhrt wurden.
Beide wurden entkleidet, missbraucht, erstickt und im Sand vergraben.
Außerdem hatte man an beiden Leichen ansonsten keine Spuren von physischer Gewalt gefunden.
Also außer die, die letztendlich zum Tod gefĂŒhrt haben.
Auch Martin Erftenbeck, der Chef der Kripoferden, kommt auf die Idee, es könnte sich um denselben TÀter handeln.
Er meldet sich also bei der Kripo Flensburg, die den Fall Lukas ĂŒbernommen haben.
Die haben bisher herausfinden können, dass auch in diesem Zeltlager schon mal ein maskierter Mann nachts herumgeschlichen und kleine Jungs sexuell belÀstigt hat.
Und nach kurzer Zeit stecken die FlensburgerInnen auch schon einen TatverdÀchtigen in U-Haft.
Ein Betreuer aus dem Zeltlager.
Doch die Polizei muss ihn nach einiger Zeit wieder gehen lassen.
Der Verdacht hat sich nicht erhÀrten lassen.
Die Kripo Flensburg steht wieder am Anfang und eine Zusammenarbeit mit den Kolleginnen aus Andreas' Fall wird nicht angestrebt.
An einen SerientÀter, der kleine Jungs missbraucht und manchmal auch welche von ihnen tötet, glaubt bei der Polizei niemand so richtig.
Und so wird auch der Fall Lukas zu einem Cold Case.
Rainer fÀllt, lÀsst sich davon nicht beirren und ist zunehmend frustriert von der Arbeit der Behörden.
Immer ist jemand anderes zustÀndig, niemand spricht miteinander, keiner hÀlt den Kindsmörder auf.
Deshalb forscht Rainer weiter, irgendwo muss es eine Spur geben.
Dabei trifft er auf noch mehr FĂ€lle von Kindesmissbrauch in Schullandheimen, die nur in kleinen Artikeln in irgendwelchen Lokalzeitungen zu finden sind.
Alle Kinder sprechen von einem großen, schwarzen Mann mit Maske.
Bei seinen privaten Ermittlungen wird deutlich, dass den Jungs nicht geglaubt wurde.
Die Geschichten vom Maskenmann wurden von den Erwachsenen als böse TrÀume oder Fantasie abgetan.
Sie können sich nicht vorstellen, dass sich ein Mann nachts heimlich in Schullandheime schleicht und kleine Jungs unter der Decke unsittlich berĂŒhrt,
wÀhrend andere Kinder nebendran friedlich schlafen.
Und so geht er weiter um, der Maskenmann, ohne dass Eltern vor ihm gewarnt werden.
Aber klar, wer wĂŒrde schon mit einem Schullandheim werben, bei dem alle paar Monate ein SexualstraftĂ€ter vorbeischaut, denkt sich Rainer.
Im Zuge seiner Recherchen nimmt er sich auch noch einmal den Obduktionsbericht seines Sohnes vor.
Auf einem Foto entdeckt er dabei ein Haar an Andreas' Hand.
Er sucht in den Unterlagen nach Rainer Informationen dazu, aber kann nichts finden.
Rainer meldet sich bei der Polizei und bort nach.
Laut den Beamten sei das Haar erst nach der Obduktion dorthin gekommen.
Aber es könnte doch auch vom TÀter sein, entgegnet Rainer.
Er bittet daher, das Haar untersuchen zu lassen.
Als das nicht passiert, fÀhrt er selbst in die Rechtsmedizin und lÀsst sich eine Speichelprobe des Gerichtsmediziners geben.
Er will sicherstellen, dass es nicht dessen Haar war.
Rainer lĂ€sst eine DNA-Analyse machen, zahlt mehrere Tausend Mark dafĂŒr und weiß, als er das Ergebnis in den HĂ€nden hĂ€lt,
dass es nicht das Haar des Rechtsmediziners ist.
Trotzdem lÀsst die Polizei es mit keiner Datenbank abgleichen.
1997 ist Martin Erftenbeck, der Ermittler aus Andreas' Fall, zu einer Veranstaltung fĂŒr MordermittlerInnen des Landes Niedersachsen eingeladen.
Dort wird ein Pilotprojekt des PolizeiprĂ€sidiums MĂŒnchen vorgestellt.
Thema TĂ€terprofiling.
Die neue Ermittlungsmethode aus den USA, bei der es darum geht, aus der Tat RĂŒckschlĂŒsse auf den TĂ€ter oder die TĂ€terin zu finden,
könnte Ihnen im Fall von Andreas vielleicht helfen, denkt Erftenbeck.
Nach dem Vortrag geht er auf den Redner Alexander Horn zu, einem jungen Oberkommissar, der MitbegrĂŒnder des Projekts ist.
Er fragt ihn, ob man eine Einzelfallanalyse zum Mordfall Andreas anfertigen könnte und Horn sagt zu.
In den nÀchsten Wochen beschÀftigt sich ein Team von FallanalytikerInnen intensiv mit der Akte
und entwickelt ein erstes TÀterprofil von Andreas' Mörder.
Sie gehen von einem planvollen, intelligenten TĂ€ter aus, der zur Tat seit mindestens 30 Jahre alt war
und der einen Bezug sowohl zum Ort des Verschwindens als auch zum Ablageort hat.
Es handelte sich laut dem Team um einen SexualstraftÀter mit einer Vorbeziehung zu Andreas.
Daraufhin hört sich Erftenbeck noch einmal im Umfeld des Internats um.
Doch neue VerdÀchtige lassen sich nicht finden.
Es ist der 3. September 2001, als Niklas mit seiner Klasse im Schullandheim WulstbĂŒttel nördlich von Bremen ankommt.
Mit seinen besten Freunden teilt sich der NeunjÀhrige ein Mehrbettzimmer.
Sein Bett ist das erste, wenn man die TĂŒr hineinkommt und zwei Tage spĂ€ter ist es am Morgen leer.
Niklas ist unauffindbar und wieder hat kein anderes Kind etwas gemerkt.
Wieder war ein Junge nur mit Schlafanzug und ohne Schuhe bekleidet, mitten in der Nacht in der NĂ€he von Bremen verschwunden.
Sofort wird die Polizei eingeschaltet und eine der grĂ¶ĂŸten Suchaktionen Norddeutschlands beginnt.
Doch Niklas wird nicht gefunden.
Erst zwei Wochen spÀter entdeckt ein Pilzsammler in einem Wald rund 40 Kilometer von dem Schullandheim entfernt seine Leiche.
Missbraucht, halbnackt und erstickt.
Die Soko Niklas wird gegrĂŒndet.
Im Zuge der Ermittlungen werden Ă€hnliche FĂ€lle ĂŒberprĂŒft und diesmal richtig.
So erfahren die Beamtinnen von mehr als 20 Taten eines maskierten Mannes, der nachts in Zeltlager und Schullandheime einsteigt und kleine Jungs sexuell missbraucht.
Ein Vorfall spielte sich sogar in dem Schullandheim ab, aus dem jetzt Niklas verschwunden ist.
Und das war vorher nicht bekannt.
Der Polizei war das schon bekannt, aber die hatten das nicht dem Heim gesagt.
HĂ€?
Ja.
1999 kam der maskierte Mann, trug einen Jungen aus seinem Zimmer, ging mit ihm in den Keller und machte Fotos von ihm.
Das Kind vertraute sich vor Angst niemandem an.
Der Mann hatte ihm gedroht, ihn und seine Eltern zu töten, wenn er es doch tun wĂŒrde.
Erst ein Jahr spÀter, als er wieder in das Schullandheim sollte und lautstark dagegen protestierte, erzÀhlte er seinen Eltern davon.
Es stellt sich heraus, die Polizei hat in diesem Fall dann auch ermittelt, nachdem die Eltern sie informiert hatten.
Aber dem Leiter des Heims haben sie nichts davon gesagt.
Jetzt Àndert sich das.
Alle bekommen die Geschichte vom Maskenmann zu hören, auch die Öffentlichkeit.
Mithilfe des Jungen wird ein Phantombild erstellt.
Darauf zu sehen, ein großer Mann mit schwarzer Jacke, schwarzer Hose und einer schwarzen Maske die Öffnung an Augen, Nase und Mund hat.
Und plötzlich melden sich immer mehr Kinder.
Dadurch wird bekannt, dass der Mann mit Maske auch vor FamilienhĂ€usern nicht zurĂŒckschreckt.
Die Soko hĂ€lt es jetzt fĂŒr möglich, dass es sich bei all diesen FĂ€llen um denselben TĂ€ter und um den Mörder von Niklas, Lukas und Andreas handelt.
Um sicherzugehen, zieht die Soko auch hier die FallanalytikerInnen aus MĂŒnchen hinzu, die die drei Morde miteinander vergleichen und zu dem Schluss kommen, dass es sich um denselben TĂ€ter handelt.
Im MĂ€rz 2002 entsteht dann ein neues TĂ€terprofil.
Man geht jetzt davon aus, dass eine Vorbeziehung zu Andreas nicht mehr ausschlaggebend ist.
Und dass die Kinder eher zufÀllig ausgewÀhlt werden.
Dass der TÀter zwischen 1963 und 1974 geboren wurde, in Norddeutschland wohnt, berufliche Erfahrungen mit Kindern hat, sozial integriert ist, allein lebend und pÀdophil.
Die ErmittlerInnen suchen auch nach vor Gericht verwertbaren Spuren. Deshalb lassen sich alle Akten und Asservate zukommen. Aber viele der Akten von den MissbrauchsfÀllen sind vernichtet oder verschwunden. Und so verlaufen die Ermittlungen im Sand.
Die Soko Niklas wird verkleinert und die Leitung ĂŒbernimmt schließlich Martin Erftenbeck.
2006 werden dann alle sichergestellten Spuren und KleidungsstĂŒcke erneut untersucht.
Dabei findet man auf Andreas Unterhose ein DNA-Fragment.
Die Polizei ruft daraufhin 1000 MĂ€nner zum freiwilligen Speicheltest auf.
MĂ€nner, die in das TĂ€terprofil passen.
Ergebnis? Kein Ergebnis.
Zwei MÀnner, die von Rainer Feld verdÀchtigt werden, werden von der Polizei nicht zu dem Test geladen.
Das macht ihn wĂŒtend und deshalb stellt er Strafanzeige gegen die ErmittlerInnen wegen Verdachts der Strafvereidlung im Amt.
Ein weiterer verzweifelter Hilferuf auf der Jagd nach dem Mörder seines Sohnes.
In dieser Zeit gibt er auch das Interview, in dem er sagt, damit ich eines Tages in Frieden sterben kann, muss ich wissen, wer das getan hat.
Und auch in den Jahren danach sagt er das in Interviews, auch wenn es irgendwann niemand mehr hören will.
Im Februar 2011 ist dann die Polizei noch einmal im Fernsehen zu sehen.
In einer Pressekonferenz geben die ErmittlerInnen ihre Ergebnisse preis und auch das TĂ€terprofil.
Es ist ihre letzte Chance, den Maskenmann endlich zu finden, denken sie.
FĂŒr Hinweise, die zu seinem Ergreifen fĂŒhren, werden 20.000 Euro ausgelobt.
Und zwei Monate spÀter klingelt das Telefon bei den Fels.
FrĂŒh um 8 Uhr, da sitzen Yvonne und Rainer gerade beim FrĂŒhstĂŒck.
Fast genau 19 Jahre, nachdem der Heimleiter ihnen die Nachricht ĂŒberbrachte, dass Andreas verschwunden sei.
Wir möchten sie davon unterrichten, dass wir einen Mann verhaftet haben.
Er hat gestanden, drei Kinder getötet zu haben.
Auch ihren Sohn.
Hören sie diesmal aus dem Hörer.
Als das Telefon aufgelegt ist, schauen sich die beiden stumm an.
Sie wissen nicht, was sie sagen sollen.
Schließlich entgegnet Yvonne, ich hatte nicht mehr dran geglaubt.
Dann schaut sie ihrem Mann tief in die Augen und sagt, ich wĂŒnsche mir sehr, dass du nun Ruhe findest.
Doch Rainer kann es nicht richtig glauben.
Soll die Jagd nach dem Mörder, die ihn nicht nur rund 40.000 Euro, sondern auch Jahre seines Lebens gekostet hat, jetzt wirklich vorbei sein?
Er will von der Polizei alles wissen.
Und er erfÀhrt, dass der entscheidende Hinweis am Abend der Pressekonferenz in Form einer E-Mail reinkam.
Von einem Opfer des Maskenmannes, das 1995 in seinem eigenen Kinderzimmer missbraucht wurde.
Der Mann konnte sich jetzt an ein GesprĂ€ch erinnern, das er mit einem Betreuer in einem Schullandheim gefĂŒhrt hatte.
Ein paar Monate vor der Tat.
Dieser Betreuer hatte ihn ausgefragt zu seinem Kinderzimmer, zu dem Haus, in dem er wohnt, und er musste sogar eine Skizze fĂŒr ihn malen.
In der E-Mail stand, ich bin mir nicht mehr hundertprozentig sicher, wie er hieß, aber ich glaube, er hieß Martin.
Die Soko Niklas findet einen Martin in ihrer Datenbank.
Ein Martin N., der bereits zwei Ermittlungsverfahren wegen sexuellem Missbrauchs an kleinen Jungen in seiner Akte vermerkt hat
und er wegen des Besitzes von Kinderpornografie mit der Polizei Hamburg zu tun hatte.
Einem Martin, den sie selber 2007 schon vor sich sitzen hatten, als es um die Speichelproben ging.
Der Mann hatte den Test damals verweigert.
Und er hatte erklÀrt, er wÀre noch nie an den Tatorten gewesen und hÀtte auch keine pÀdophile Neigung.
Obwohl der Mann perfekt ins TĂ€terprofil passt, gaben sich die ErmittlerInnen vor Ort mit diesen Angaben zufrieden.
Jetzt nimmt sich die Soko Niklas Martin N. ein zweites Mal vor.
Dazu wird die Festplatte besorgt, die in dem Zusammenhang mit den Kinderpornos in Hamburg konfisziert wurde.
Und als die ErmittlerInnen tausende Fotos durchgehen, treffen sie irgendwann auf das Foto des Kindes,
das 1999 im Schullandheim WulzbĂŒttel missbraucht und im Keller fotografiert wurde.
Sie haben ihn.
Zeitgleich kommt die Info rein, dass der Name Martin N. auf der Liste von MieterInnen auftaucht,
die 1995 ein Ferienhaus in DĂ€nemark gemietet hatten, nicht weit entfernt von dem Ablageort des zweiten Opfers.
Im April 2011 wird Martin N. festgenommen.
Nach stundenlangen Vernehmungen gesteht er gegenĂŒber dem Fallanalytiker Alexander Horn,
der Maskenmann zu sein und Andreas, Lukas und Niklas getötet und mehr als 40 Jungen sexuell missbraucht zu haben.
Ein halbes Jahr spÀter beginnt der Prozess im Landgericht Stade.
Rainer sitzt als NebenklÀger im Saal, als der vermeintliche Mörder seines Sohnes den Raum betritt,
sich hinter einem rosafahrenden Aktenordner versteckt.
Angeklagt ist der 41-JĂ€hrige wegen dreifachen Mordes und 20-fachen sexuellen Missbrauchs.
Viele der anderen gestandenen FÀlle sind bereits verjÀhrt.
15 Minuten braucht der Staatsanwalt, um die Liste der Verbrechen vorzutragen,
die ihm niemand aus seinem Umfeld je zugetraut hÀtte.
Martin N. habe ein Doppelleben gefĂŒhrt,
in dem er seine beiden Persönlichkeiten gut voneinander trennen konnte,
so der Gutachter Prof. Dr. Norbert Nedopiel.
Auf der öffentlichen BĂŒhne war er der freundliche, kinderliebe und vertrauenswĂŒrdige Betreuer
mit der Stimme eines MĂ€rchenonkels
und privat der SexualstraftÀter, dem seine Opfer egal waren.
FĂŒnf Monate nach Prozessbeginn soll das Urteil gesprochen werden.
FĂŒr Rainer Feld gibt es nur eine Strafe fĂŒr den Mörder seines Kindes.
Lebenslang bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld
mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Die höchste Strafe, die es in Deutschland gibt.
Nur dann kann er zur Ruhe kommen, glaubt er.
Am 27. Februar 2012 wird Martin N. verurteilt.
Zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.
Zudem stellt das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest.
Die Strafe, die sich Rainer gewĂŒnscht hat.
Seine Jagd hat ein Ende.
Neun Tage nach dem Urteilsspruch macht der 68-JĂ€hrige einen Fahrradausflug.
Dabei erleidet er einen Herzinfarkt und stirbt.
Das ist nicht dein Ernst.
Neun Tage hatte er Ruhe.
Nach seinem Tod spricht sein Sohn Timo in einem Interview
ĂŒber die Jagd seines Vaters nach dem Mörder seines Bruders.
Er glaubt, dass hinter der Besessenheit, den Fall aufzuklÀren,
eine posttraumatische Belastungsstörung steckte,
die nie diagnostiziert wurde und so auch nicht behandelt werden konnte.
Anfang der 90er gab es fĂŒr Angehörige von Mordopfern
eben noch keine psychologische Hilfe oder Betreuung.
Reiners Weg mit dem Schmerz umzugehen war seine Suche nach der Wahrheit.
Sein Sohn Timo glaubt, das Herz seines Vaters hatte nachgegeben,
nachdem dieses Ziel erreicht war.
Und so wurde Rainer Feld indirekt zum letzten Opfer des Maskenmannes.
Also da kann man ja jetzt natĂŒrlich spekulieren,
woher dieser Herzinfarkt kam.
Aber am Ende ist das einfach nur tragisch.
Gerade weil seine Frau ja vorher noch gesagt hat,
dass sie hofft, dass er jetzt endlich Ruhe findet.
So, wie muss das fĂŒr sie gewesen sein?
Ja.
Also dieser Fall hat mich auch so mitgenommen.
Ich muss dazu eine Geschichte erzÀhlen.
Laura und ich waren neulich zusammen in Bremen und ich kam in die Ferienwohnung,
die wir uns da gemietet hatten, betrat sie.
Laura war schon vor mir da und gucke ins Schlafzimmer und das Bett war verwĂŒhlt
und da lag eine KĂŒchenrolle drin und halt zerknĂŒllte KĂŒchenrollenteile.
Und das war ein skurriles Bild.
Und ich meinte, was hast du hier getan?
Und sie hatte halt vorher an dem Fall gearbeitet und dementsprechend sich Salzwasser entledigt.
Ja, ich muss dazu sagen, da hatte ich gerade den Film im Namen meines Sohnes geguckt,
der eben auf dieser Jagd von Rainer Feld beruht.
Und natĂŒrlich ist bei solchen nachgespielten FĂ€llen kann das dann sehr real rĂŒberkommen.
Und das hat mich dann total getroffen irgendwie, das so zu sehen.
Und der Hauptdarsteller ist Tobias Moretti und ich liebe diesen Schauspieler.
Und der spielt das ganz großartig.
Und er hat danach auch in Interviews gesagt, er wollte das erst nicht spielen.
Und dann hat der Regisseur ihn ĂŒberredet.
Und dann meinte er aber, nach manchen Szenen musste er weg und hat sich eingeschlossen und hat nur geheult.
Und der hat den Vater gespielt?
Ja.
Und er meinte halt auch so, er ist voll der emotionale Typ.
Aber Rainer Feld, so wie ich ihn genannt habe, der war halt gar nicht so emotional,
sondern er wirkte eher sachlich.
Und deshalb hatte man ihm so eine emotionale Jagd nach dem Mörder seines Sohnes auch gar nicht so richtig zugetraut.
Wir haben das schon ein paar Mal gesehen bei Eltern, die versuchen, das Verbrechen an ihrem Kind aufzuklÀren,
dass sich bei denen irgendwann eine Routine einstellt, was sie, glaube ich, auch selber schĂŒtzen kann.
Ja, sie können ja nicht 19 Jahre lang nach außen hin zerbrechen.
Sie haben ein Anliegen und das mĂŒssen sie durchkĂ€mpfen.
Und dann wirkt es vielleicht auf manche im ersten Moment gefĂŒhlskalt.
Ich glaube, die eignen sich eine Fassade an, so wie das auch andere Personen machen, die in der Öffentlichkeit stehen.
Und du hast gar keine Ahnung, was da innen drin natĂŒrlich alles kaputt ist.
Ja, wenn man jetzt so, wie ich den Fall erzÀhlt habe vom Maskenmann hört, dann könnte man vielleicht meinen,
war ja sehr offensichtlich, dass es sich um denselben TĂ€ter gehandelt hat.
Aber das ist der klassische RĂŒckschaufehler.
Denn lange hatten die ErmittlerInnen ja gar nicht alle Informationen.
Und außerdem war es auch so, dass sie sich so einen TĂ€ter auch nicht wirklich vorstellen konnten.
Und das gab es auch vorher noch nicht.
Erst 2001 Àndert sich das Jahr.
Und zwar, nachdem eine sogenannte vergleichende Fallanalyse erstellt wird.
Und was das ist, darum geht es jetzt in meinem Aha.
Eine vergleichende Fallanalyse wird immer dann eingesetzt, wenn der Verdacht besteht,
dass es sich eben bei zwei oder mehreren Delikten um eine Serie oder um Wiederholungstaten handeln könnte,
die einem TĂ€ter, einer TĂ€terin oder einer Gruppe zuzuordnen sind.
Der Fallanalytiker Alexander Horn schreibt in seinem Buch die Logik der Tat,
dass bei einer solchen Analyse besonders wichtig ist, ObjektivitÀt herzustellen,
damit man sich eben kein Ergebnis passend macht.
Und deshalb holt sich Horn im Fall des Maskenmannes 2001 nicht nur die AnalytikerInnen ins Boot,
die jetzt an den anderen FĂ€llen, also an den einzelnen FĂ€llen bereits gearbeitet haben,
sondern auch welche, die komplett unvoreingenommen sind und die Einzelheiten nicht kennen.
Bevor es an die Analyse geht, ist dann wichtig, dass bereits Einzelfallanalysen fĂŒr jeden Fall existieren,
damit die dann verglichen werden können.
Und dann arbeiten die ErmittlerInnen erstmal so eine Liste ab von Vergleichskriterien in Bezug auf das Verhalten,
die typisch sind fĂŒr die bestimmte Tat und welche darĂŒber irgendwie hinausgehen.
Und deutlich darĂŒber hinaus geht jetzt bei Maskenmann,
dass er nachts in geschĂŒtzte Bereiche eindringt, wo viele Erwachsene sind.
Und das ist sehr untypisch fĂŒr pĂ€dophile SexualstraftĂ€terInnen,
weil das einfach super riskant ist.
Und ich meine, er geht ja ins Zimmer, wo mehrere Kinder drin sind
und wo nebenan noch die BetreuerInnen warten oder wach sind.
Und was den FĂ€llen außerdem gemein ist, ist, dass alle drei Opfer vorpubertĂ€re Jungen waren,
dass sie sexuell missbraucht wurden.
Das hat man anhand der Auffindung der Leiche deutlich gesehen,
dass sie erwĂŒrgt und relativ weit weg von dem Ort gebracht wurden, an dem sie verschwunden sind.
Was Horn und seinen Kolleginnen außerdem auffĂ€llt, ist das geringe Ausmaß an Gewalt, bevor es zur Tötung kommt.
Aber es gibt auch Unterschiede, fĂŒr die die ErmittlerInnen dann ErklĂ€rungen suchen,
also nachvollziehbare ErklÀrungen, die es geben könnte.
So war das bei Andreas ja, dass er 13 Jahre alt war, also Àlter als die beiden anderen Jungs.
Und er war auch das einzige Opfer, was gefesselt war.
Und da denken die ErmittlerInnen jetzt, gut, wahrscheinlich war das genau der Grund.
Er war Àlter und deswegen konnte er sich zur Wehr setzen und deswegen wurde er gefesselt.
Und dann schlussfolgern sie, dass sich der TĂ€ter dann wahrscheinlich deshalb danach fĂŒr jĂŒngere Opfer entschied.
Und dann waren die Ablageorte nur bei zwei Opfern Àhnlich, also bei den ersten beiden.
Die waren ja beide in SanddĂŒnen vergraben.
Und hier glauben die ErmittlerInnen, dass der TĂ€ter durch die ersten beiden Male irgendwie gelernt hat,
dass die Kinder trotzdem gefunden werden.
Und deshalb hĂ€tte er sich bei Niklas dann keine MĂŒhe mehr gemacht, ihn wirklich zu verstecken.
Und bei Andreas hatte der TĂ€ter außerdem noch die Kleidung zurĂŒckgelassen.
Das hat er bei den anderen beiden nicht.
Und da meinen sie, möglich ist, dass er aus dem ersten Fall gelernt hat, ist es besser, so wenig zurĂŒckzulassen wie möglich, um so wenig Spuren wie möglich zurĂŒckzulassen.
Oder sie meinen, vielleicht hat er auch die Klamotten als sogenannte TrophÀen mitgenommen, um sich dann an seine Taten zu erinnern.
Generell sind die Taten aber als Ganzes sehr Àhnlich und unterscheiden sich von allen FÀllen, die die ErmittlerInnen bisher, also von denen sie irgendwie gehört haben oder selbst bearbeitet haben.
Also die Handschrift des TĂ€ters ist einzigartig.
Und ĂŒbrigens ist die Handschrift nicht dasselbe wie der Modus operandi, was ich fĂ€lschlicherweise in Folge 8 so gesagt habe.
Weil der Modus operandi ist die Art des Vorgehens, das notwendig ist fĂŒr die Tatbegehung.
Und unter Handschrift verstehen AnalytikerInnen dagegen ein Verhalten, das fĂŒr den eigentlichen Erfolg der Tat unnötig ist.
Also als Beispiel, ein Mörder, der, sagen wir mal, immer ins Haus einbricht, der muss, um ins Haus zu kommen, dann beispielsweise die Fenster aufhebeln.
Das ist dann der MO, also der Modus operandi, der hier dann immer gleich oder Àhnlich ist, weil er das ja halt machen muss.
Der MO verĂ€ndert sich aber ĂŒbrigens auch im Laufe der Verbrechen, so wie du gerade gesagt hast, naturgemĂ€ĂŸ, weil man auch lernt.
Also vielleicht hat man beim ersten Mal noch ein anderes Werkzeug zum Aufhebeln benutzt als bei den anderen Malen.
Wenn dieser Mörder aber jetzt beispielsweise nach der Tat seinem Opfer saubere Kleidung anzieht, das muss er halt nicht machen.
Das hat was eher mit seiner persönlichen Fantasie zu tun.
Und in dem Moment personifiziert er ja die Tat.
Und wenn er das hĂ€ufiger macht, also bei all seinen Taten oder bei den meisten, und immer dieses Muster anwendet, was ĂŒber die eigentliche Tat, also den Mord hinausgeht, dann spricht man von einer Handschrift.
Und der Mann, der nachts maskiert in irgendwelche Einrichtungen eindringt und dann kleine Jungs mit seinem Auftreten erschreckt, der weist eben fĂŒr diese AnalytikerIn eine ganz klare Handschrift auf.
Und deshalb kommen die 2001 dann eben zu diesem Schluss, dass es sich um einen SerientÀter handelt.
Also am Ende genau, was Rainer Feld vermutet hatte, als er halt damals die Zeitung aufschlug.
Meine Geschichte, die ich heute erzÀhle, handelt nicht von einer Serie, aber auch hier hat die Fallanalyse eine wichtige Rolle gespielt.
Mein Fall zeigt, dass man sich die Personen, die man in sein Leben und seine Wohnung lÀsst, lieber genauer anschauen sollte.
Einige Namen habe ich geÀndert und es gibt in diesem Fall sehr viele Namen.
Was war das fĂŒr ein GerĂ€usch?
Mareike ist im Wohnzimmer eingeschlafen.
Sie war so fertig von der Nacht davor und hat sich einfach auf die Couch gepackt und sich mit der blauen Kuscheldecke mit dem Sternmuster zugedeckt, die sie von ihrer Mutter bekommen hat.
Aber jetzt hört sie Schritte.
Sie ist nicht allein.
Also steht sie auf, um zu gucken, was hier gerade passiert.
Als sie ins Schlafzimmer tritt, steht jemand vor ihr.
Mareike erschreckt sich fĂŒrchterlich.
Sie kennt die Person, die vor ihr steht.
Aber sie sollte nicht hier sein.
Endlich ihre eigene Wohnung.
Kommen und gehen, wann sie will, einrichten, wie sie will und Partys machen, mit wem sie will.
Zwei Zimmer in der Hochparterre, nur fĂŒr Mareike und ihre Katze.
Und Mareikes gesamten Freundeskreis, der ziemlich oft zu ihr zum Feiern vorbeikommt.
Manchmal gehen sie danach noch in die Dartbar nebenan, ins Mikado.
Mareike hat gerne alle ihre Leute um sich herum.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Deswegen hĂ€ngen sie auch ĂŒberall bei ihr in der Wohnung an den weißen WĂ€nden.
400 Fotos sind es insgesamt.
Kreuz und quer hat Mareike ihre Bude damit tapeziert.
Viele der Fotos sind erst in der neuen Wohnung, in den gemeinsamen PartynÀchten, entstanden.
Mareike hat sie mit ihrer Kamera aufgenommen und dann die Fotos zum Entwickeln gebracht.
So macht man das im Jahr 2003 noch.
Die schönen Momente festhalten, das ist Mareike wichtig.
Und davon erlebt die 20-JĂ€hrige gerade eine Menge.
Abgesehen von der neuen Freiheit, die sie durch die Wohnung bekommen hat,
hat sie sich gerade noch dazu von ihrem Exfreund Christian getrennt.
FĂŒr den hatte sie zwar starke GefĂŒhle, aber in der Beziehung hat sie sich etwas eingeengt gefĂŒhlt.
Er wollte mehr Zeit mit ihr alleine verbringen und hat es gar nicht gern gesehen, wenn sie feiern gegangen ist.
Und das wollte und konnte Mareike nicht weiterhin nehmen.
Aber sie kommt mit der Trennung ganz gut zurecht.
Mareike ist eh kein Mensch, der viel TrĂŒbsal blĂ€st.
Sie lacht viel und hat ein LĂ€cheln, das ansteckt.
Und das kommt wahnsinnig gut bei MĂ€nnern an.
Mareike hat viele Verehrer, denen sie mit ihren langen, lockigen, blonden Haaren den Kopf verdreht.
Sie hat gerade einen neuen Job als Textilmechanikerin angefangen.
Das ist nicht ihr Traumjob, aber in der Gegend bei WaldmĂŒnchen, nahe der tschechischen Grenze,
gibt es auch nicht so viele gut bezahlte Jobs, die fĂŒr sie in Frage kamen.
Und auch wenn der Job wegen des Schichtdienst manchmal etwas mĂŒhselig ist, braucht sie ihn dringend.
Sie hat fĂŒr die neue Wohnung extra einen Kredit aufgenommen und muss jetzt etwas sparsamer leben.
Von dem Geld hat sie sich die Einrichtung bezahlt.
Beim Aussuchen der Möbel hat ihr Mutter Janett geholfen.
Ein bisschen schade findet Janett es ja, dass Mareike jetzt aus dem Haus ist,
aber sie versteht den Freiheitsdrang ihrer Tochter.
Bei Janett ist es jetzt ruhiger in der Wohnung geworden.
Sie war immer mittendrin, wenn Mareikes Freundeskreis zu Besuch war.
Also, sie war jetzt nicht selbst Teil des Freundeskreises,
aber sie hat sich schon immer gut mit den jungen Leuten verstanden.
Janett ist einfach eine coole Mutter.
Sie war selbst fast noch ein Kind, als Mareike kam.
Mit 14 Jahren hat sie ihre Tochter bekommen.
Und vielleicht ist der geringe Altersunterschied auch ein Grund dafĂŒr, warum sich die beiden so gut verstehen.
Und so ist Janett auch manchmal dabei, wenn aus Mareikes Wohnung wieder ein Club wird und man gemeinsam anstĂ¶ĂŸt.
Auch Christian, Mareikes Ex-Freund, kommt dann vorbei und natĂŒrlich Mareikes beste Freundin Anna.
Und dann ist da noch Ralf, eine coole Socke, wie Mutter Janett ihn beschreibt, der immer Flausen im Kopf hat.
Ihn kennt Mareike von der Schule.
Dann Markus, der immer Bock auf Party hat und auch gerne mal eintrinkt.
Deswegen nennen sie ihn die Partykanone.
TatsÀchlich wird in Mareikes Freundeskreis nicht nur getrunken, sondern auch mal Cannabis geraucht.
Und dann ist da noch Stefan.
Stefan passt auf den ersten Blick nicht so richtig zur Clique.
Er ist ein bisschen Àlter, Ende 20.
Mareike kennt ihn von der Arbeit und schleppt ihn jetzt manchmal mit.
Denn Stefan ist schĂŒchtern, kennt nicht so viele Leute und hatte auch noch nie eine Freundin.
Mareike hat sich vorgenommen, ihn zu verkuppeln.
DafĂŒr bĂŒgelt sie dann seine Hemden, damit er bei Dates ordentlicher aussieht
und schaltet eine Kontaktanzeige fĂŒr ihn fĂŒr die Zeitung.
Als Dank hilft er oft bei Sachen, fÀhrt sie manchmal wohin
und er schenkt ihr ein Aquarium fĂŒr die Wohnung.
Janett freut sich fĂŒr ihre Tochter.
Alles lÀuft gut.
Bis Mareike ihr im August 2003 erzÀhlt, dass ihr etwas seltsam vorkommt.
Sie vermisst stÀndig Dinge aus ihrer Wohnung.
BHs und Slips.
Mareike findet das seltsam.
Sie kann doch nicht alles verlegt haben.
Janett sagt ihr, dass sie doch zu Hause nochmal genauer gucken soll.
Danach kommt das Thema nicht mehr auf.
Mareike und Janett ahnen nicht,
dass sich da das große Unheil schon ankĂŒndigt.
Es ist der 11. Oktober, ein Samstag.
Mareike ist mit ihren Freundinnen mal wieder auf einer Party.
Aber diesmal nicht bei ihr, der Geburtstag eines Freundes.
Die Clique feiert ordentlich und Mareike und einige andere ĂŒbernachten dann gemeinsam bei dem Freund.
Am nÀchsten Morgen, am Sonntag um 12 Uhr macht sich Mareike dann auf den Heimweg.
Markus, a.k. die Partykanone, begleitet Mareike noch fast bis zur Wohnung.
Dann verabschieden sich die beiden.
Mareike ist total fertig vom Feiern.
Um 16 Uhr klingelt Mareikes Handy.
Es ist Anna, ihre beste Freundin.
Die war bei der Feier nicht dabei und Mareike erzÀhlt ihr alles vom Wochenende.
Anna will wissen, was sie an diesem Abend starten wollen.
Aber Mareike winkt ab.
Sie ist immer noch zu K.O. vom Vorabend und außerdem hat sie am nĂ€chsten Tag FrĂŒhschicht.
Und die beginnt schon um 6 Uhr morgens.
Anna versteht das und die beiden liegen auf.
Mareike macht sich noch etwas zu essen, stellt ihren Wecker auf 5.15 Uhr und schlÀft dann auf der Couch im Wohnzimmer ein.
Sie wird erst wieder wach, als sie von einem GerÀusch aus dem Schlafzimmer geweckt wird.
Am nĂ€chsten Tag erscheint Mareike nicht auf der Arbeit zur FrĂŒhschicht.
Das verwundert ihre KollegInnen, denn Mareike hat sich in letzter Zeit viel MĂŒhe gegeben, extra pĂŒnktlich dort zu sein.
Sie hatte nÀmlich schon eine Abmahnung, weil sie schon ein paar Mal zu spÀt gekommen war.
Auch bei ihrer Mutter meldet sie sich den ganzen Montag nicht.
Normalerweise ruft sie mindestens einmal am Tag durch.
Als Janett es bei Mareike auf dem Handy versucht, kommt sie gar nicht erst durch.
Das Telefon ist aus.
Also fĂ€hrt Janett bei ihrer Tochter vorbei, guckt durch das Fenster und sieht, dass niemand zu Hause ist, außer der Katze.
Irgendwie kommt ihr das alles seltsam vor.
Den Montag wartet Janett noch ab, aber als am Dienstag auch kein Zeichen von Mareike kommt, hÀlt sie es nicht mehr aus.
Vielleicht ist Mareike zu Hause umgefallen und liegt jetzt dort, ohne dass es jemand mitbekommt.
Sie fĂ€hrt zur Wohnung und ruft den SchlĂŒsseldienst.
Die TĂŒr ist abgeschlossen.
Seltsam.
Mareike schließt eigentlich nie ab.
Der Mann öffnet die Wohnung und Janett kann rein.
Ihr fĂ€llt eigentlich nichts Ungewöhnliches auf, nur dass im Wohnzimmer noch ein Holzbrett mit Essensresten von einer Brotzeit steht und Lebensmittel, die eigentlich in den KĂŒhlschrank gehören.
Außerdem ist das Aquarium eingeschaltet.
Das macht Mareike eigentlich immer aus, wenn sie die Wohnung verlÀsst.
Janett hat ein ungutes GefĂŒhl und meldet ihre Tochter bei der Polizei als vermisst.
Die Polizei bildet eine Arbeitsgruppe mit ErmittlerInnen, die sich den Fall mal genauer ansehen sollen.
Noch kann nicht ausgeschlossen werden, dass Mareike einfach abgehauen ist und irgendwo ein neues Leben angefangen hat.
Denn eigentlich deutet im ersten Moment wenig auf ein Gewaltverbrechen hin.
Mareikes Mantel fehlt, ihre Tasche, ihr Portemonnaie und ihre Schuhe auch.
Es sieht alles so aus, als wÀre sie einfach gerade aus der Wohnung gegangen.
Aufbruchsspuren an der TĂŒr gibt's auch keine.
Allerdings ergibt die Befragung der NachbarInnen, dass Mareike möglicherweise doch einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.
Die Nachbarin, die ĂŒber ihr wohnt, erzĂ€hlt nĂ€mlich, dass sie nachts um kurz nach zwölf dumpfe KlopfgerĂ€usche aus Mareikes Wohnung und Schreie gehört hat.
Sie hatte sich erst gesorgt, hat dann aber Mareikes WohnungstĂŒr zufallen hören und sich gedacht, dass Mareike dann wohl einfach auf dem Weg zur SpĂ€tschicht gewesen ist.
Sie und Mareike kennen sich zwar nur flĂŒchtig, aber sie wusste von Mareikes Arbeitszeiten.
Eine andere Zeugin macht eine Àhnliche Aussage.
Die Frau ist an dem Abend Gast im Hotel nebenan gewesen und sagt, sie sei nachts durch laute GerÀusche aufgewacht.
Bevor sie aber richtig ergrĂŒnden konnte, woher die kamen, waren sie auch schon wieder verschwunden.
Die BeamtInnen rufen die Spurensicherung.
Sollte es sich um ein Verbrechen handeln, mĂŒssen mögliche Hinweise darauf gesichert werden.
Den KollegInnen fallen ein paar Dinge auf.
Auf dem KĂŒchenfußboden in der NĂ€he des Esstischs finden sie kleine Glassplitter.
Ein passender Gegenstand, der Mareike beispielsweise runtergefallen sein könnte, sehen sie aber nicht.
Außerdem finden sie auf der Mikrowelle blonde lockige Haare, die zum Teil Wurzeln haben.
Und sie finden am Rahmen der EingangstĂŒr rotbraune Spritzer, die, wie sich herausstellt, Blut sind.
Jemand hat versucht, es wegzuwischen.
FĂŒr die BeamtInnen sind diese Hinweise ein RĂ€tsel, das sie Stand jetzt noch nicht lösen können.
Was hier warum passiert ist, darauf wissen sie keine Antwort.
Eine Sonderkommission wird gegrĂŒndet.
Janett legt alle Hoffnung in die Ermittlungen.
Sie kann sich ĂŒberhaupt nicht erklĂ€ren, warum ihre Tochter verschwunden sein soll.
FĂŒr sie beginnt eine Tortur.
Chef der Soko ist der 36-jÀhrige Stefan Halder.
Er lÀsst Mareikes Handydaten auswerten.
Offenbar hat sich ihr Telefon um 3.36 Uhr noch ins tschechische Netz eingeloggt.
Allerdings liegt WaldmĂŒnchen so nah an der Grenze, dass das öfter mal passiert.
Am 16. Oktober, vier Tage nach Mareikes Verschwinden, startet die Soko eine riesige Suchaktion.
Sie durchforsten ein 50 Quadratkilometer großes Gebiet mit Hundestaffeln, der Bergwach, der Feuerwehr und der Bereitschaftspolizei.
Nichts wird ausgelassen, nicht mal die Kanalisation und auch nicht der beliebte Badesee in WaldmĂŒnchen.
Überall, wo man eine Leiche verstecken könnte, wird gesucht.
Zeitgleich werden mögliche ZeugInnen befragt, was sich als echte Mammutaufgabe herausstellt.
Denn, wie schon erzÀhlt, Mareikes Freundeskreis ist riesig.
Insgesamt werden 250 Befragungen mit 150 Zeuginnen und Zeugen durchgefĂŒhrt.
Darunter alle, die bei Mareike ein- und ausgingen.
Anna, die beste Freundin, ihr Ex Christian, Ralf, der auf einigen Fotos, die in der Wohnung hÀngen, mit Mareikes UnterwÀsche posiert,
Markus, die Partykanone, Arbeitskollege Stefan und, und, und.
Große Erkenntnisse können sie dabei nicht gewinnen.
Allerdings fÀllt den ErmittlerInnen auf, dass sich die Aussagen der Freunde teilweise widersprechen,
was die Geburtstagsfeier angeht, auf der Mareike am Samstag war.
Und zwar zu den Angaben, wer dort gewesen sein soll.
Außerdem kommt bei der Befragung heraus, dass Anna, die nachmittags mit Mareike telefoniert hat,
wohl nicht die letzte Person war, die Kontakt zu ihr gesucht hat.
Markus, die Partykanone, gibt an, dass er abends noch im Mikado war und auf dem RĂŒckweg noch bei Mareike vorbeischauen wollte.
Von außen sah er aber, dass alles dunkel in der Wohnung gewesen ist.
Dann schaute er durch die Fenster, sah eine Person, von der er davon ausging, dass es sich dabei um Mareike handelte,
in die blaue Sterndecke eingemummelt auf der Couch schlafen.
Dann, so sagt er, sei er wieder gegangen, weil er sie nicht wecken wollte.
Die Spurensicherung ergab, dass sich Markus FingerabdrĂŒcke auch auf der Klinke der WohnungstĂŒr befanden.
Allerdings nicht nur seine, sondern auch noch von einem Dutzend anderer Freunde.
Und die Fotos an den WĂ€nden belegen ja, dass er oft zum Feiern bei Mareike war.
Insgesamt findet die Spurensicherung 86 unterschiedliche DNA-Spuren in der Wohnung.
Wow!
Über 1800 Spuren muss die Polizei insgesamt untersuchen.
Kaum zu bewÀltigen und bei weitem nicht die einzige Schwierigkeit in dem Fall.
19 Tage nach Mareikes Verschwinden suizidiert sich eine 15-JĂ€hrige aus Mareikes Freundeskreis.
Kurze Zeit spÀter wird Ralf, Mareikes Freund, aus der Schule tot aufgefunden.
Oh Gott!
Auch er hatte sich das Leben genommen.
Kurze Zeit darauf scheitert eine 17-JÀhrige Bekannte von Mareike bei einem Suizidversuch und eine weitere Bekannte wird auch wegen eines Suizidversuchs und wegen SelbstgefÀhrdung in die Psychiatrie eingeliefert.
Plötzlich ist WaldmĂŒnchen das Dorf der todessĂŒchtigen Kinder, wie eine Zeitung titelt.
Der Fall von Mareike sorgt jetzt bundesweit fĂŒr Aufmerksamkeit.
Die ErmittlerInnen stehen unter besonders hohem Druck, denn zu den unzĂ€hligen Spuren und Hinweisen, denen sie nachgehen mĂŒssen, kommen ja jetzt auch noch die Suizide dazu, in denen sie auch ermitteln mĂŒssen.
Also da waren zwei, die gestorben sind jetzt und nochmal zwei, die es versucht hatten?
Richtig, ja. Und natĂŒrlich gibt es jetzt auch die Überlegung von einigen Menschen, ob Mareike sich eventuell auch suizidiert hat und einfach nicht auffindbar ist.
Oder ob diese Personen was mit ihrem Tod zu tun haben.
Ja, zumindest, ob das irgendwie im Zusammenhang steht.
Also wenn gleich diese vier nicht denselben Freundeskreis hatten, aber sie kannten halt alle Mareike.
Aber natĂŒrlich war gerade so eine Spekulation sehr interessant fĂŒr die Medien.
Und deswegen muss Stefan Halder und sein Team dem auch nachgehen.
Was die Polizei aber mittlerweile weiß, ist, dass der Grund fĂŒr die Ungereimtheiten bezĂŒglich der Geburtstagsfeier etwas mit dem Drogenkonsum im Freundeskreis zu tun hat.
Offenbar wollten nĂ€mlich einige GĂ€ste der Party andere Personen schĂŒtzen.
Daraufhin ermittelt die Polizei vier Monate in der Drogenszene.
Als das bekannt wird, kommen GerĂŒchte auf, dass ein Drogendealer hinter Mareikes Verschwinden und den Suiziden stecken könnte.
Andere spekulieren, dass Mareike von osteuropĂ€ischen MenschenhĂ€ndlern ĂŒber die tschechische Grenze verschleppt worden sein könnte.
Das ganze Dorf verfÀllt in eine Art Schockstarre.
Als dann auch noch eine Zeugin Mareike in einer schwarzen Kutte gehĂŒllt auf einem Friedhof gesehen haben will,
werden die ErmittlerInnen erdrĂŒckt von Hinweisen und weiteren Theorien zu satanischen Sekten in WaldmĂŒnchen.
Stefan Halder tritt daraufhin in der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst auf und richtet den Appell an das Publikum,
dass Spekulationen dieser Art ĂŒberhaupt nicht bei der Suche nach Mareike helfen.
Janett fĂŒhlt sich machtlos.
Sie kann sich einfach nicht erklÀren, was passiert sein soll.
Weil sie nicht einfach nur wartend rumsitzen kann, entscheidet sie sich dazu,
vermissten Plakate mit Mareikes Foto auszudrucken und in der ganzen Stadt aufzuhÀngen.
Und zum GlĂŒck ist sie nicht alleine.
Stefan, Mareikes Arbeitskollege, ist ebenfalls unermĂŒdlich und will seine Freundin unbedingt finden.
Er fÀhrt Janett mit dem Auto durch die Gegend, hilft ihr beim Aufkleben der Plakate und steht ihr bei, wenn sie mal wieder verzweifelt.
Fast tĂ€glich kommt er zu ihr und bespricht mit ihr die nĂ€chsten Schritte, redet mit ihr ĂŒber die bisherigen Ermittlungen.
Und wenn Janett mal wieder weinen muss, dann tröstet er sie und streichelt ihr ĂŒber die Wange.
Janett ist sehr dankbar fĂŒr diese UnterstĂŒtzung.
Er entwickelt sich zu einem richtigen Freund fĂŒr sie, den sie jetzt dringend braucht.
Denn besonders eines kann Janett nicht verarbeiten.
Janett sagt, im FrĂŒhjahr hĂ€tte einer der ermittelnden Beamten sie aufgefordert, sie solle endlich den Mord an ihrer Tochter gestehen.
Was?
So erzÀhlt sie das, ja.
Und die haben wohl auch die Wohnung durchsucht, sagt Janett.
Und danach hÀtte halt das Wohnzimmer ausgesehen wie ein Schlachtfeld.
Und fĂŒr Janett, die mit dem Verschwinden ihrer Tochter halt ĂŒberhaupt nicht zurechtkommt, war das wie ein Schlag im Bauch.
Weil sie sich halt wie eine VerdĂ€chtige fĂŒhlt.
WĂ€hrend Stefan und Janett ihre eigene Suche fortfĂŒhren, hat die Soke mittlerweile die Auswertung der Spuren bekommen.
Die ausgerissenen Haare aus der KĂŒche stammen von Mareike.
Das Blut am TĂŒrrahm ist von Stefan.
Das könnte ein erster, konkreter Anhaltspunkt sein.
Die BeamtInnen bestellen ihn nochmal auf die Wache und befragen ihn dazu.
Allerdings hat er eine plausible ErklĂ€rung dafĂŒr.
Stefan sagt, er wĂŒrde oft plötzliches Nasenbluten bekommen.
Das sei auch das ein oder andere mal bei Mareike passiert.
Auch auf Arbeit hat er damit zu kÀmpfen.
Die Reinigungsfrau mĂŒsse das dann immer wegmachen, sagt er.
Noch wÀhrend der Befragung kontaktieren die BeamtInnen deswegen die Reinigungsfrau der Fixstilfabrik.
Und sie bestÀtigt Stefans Aussage.
Damit sind auch die Blutspritzer kein Hinweis auf eine TĂ€terschaft.
Mittlerweile geht man davon aus, dass die Suizide weder miteinander in Verbindung stehen, noch irgendwas mit Mareike zu tun haben.
Sowohl bei der 15-JÀhrigen als auch bei Ralf lassen sich ErklÀrungen im privaten Bereich finden.
Viele Spekulationen wie um den Satanismus lösen sich im Nichts auf.
Alle Spuren fĂŒhren ins Leere.
Die Polizei hat inzwischen keine Hoffnung mehr, dass Mareike noch lebt.
Im Februar 2004 kontaktiert der bayerische Innenminister Disoko.
Er bewilligt die Belohnungen, die fĂŒr Hinweise ausgesetzt sind, die zur AufklĂ€rung des Falls fĂŒhren, von 5000 auf 50.000 Euro anzuheben.
Ihm ist dringend daran gelegen, den Fall endlich zu klĂ€ren, der schon seit Monaten weit MĂŒnchen in ein schlechtes Licht rĂŒckt.
Aber Disoko muss sich mittlerweile eines eingestehen.
Sie ist an dem Punkt angekommen, wo sie den Wald vor lauter BĂ€umen nicht mehr sieht.
Wie Stefan Halder spÀter selbst im Interview des Podcasts Spuren des Todes der Mittelbayerischen Zeitung sagt.
Sie brauchen dringend Hilfe, am besten von außerhalb.
Also bittet Halder vier Monate nach dem Verschwinden von Mareike den Fallanalytiker Alexander Horn vom LKA Bayern um Rat.
Der auch in deinem Fall ja schon zur AufklÀrung beigetragen hat.
Er soll eine operative Fallanalyse machen.
Als Halder sich bei Horn meldet und ihm von dem Fall erzĂ€hlt, ist Horn ĂŒberrascht.
Halder sagt ihm, dass sie keine Leiche und einen fraglichen Tatort haben.
Beides Dinge, die man neben den Opferinformationen braucht.
Wie soll ich dir ohne Tatort und ohne Leiche helfen, fragt Horn.
Unter diesen UmstÀnden eine Fallanalyse zu machen, ist schwer, aber Horn will es dennoch versuchen.
Er und sein Team gehen davon aus, dass Mareike die Wohnung nicht mehr verlassen hatte.
Sie hatte Anna ja gesagt, dass sie nicht mehr los wollte.
Und Markus hatte sie vermutlich abends gegen 20 Uhr ja auch noch auf der Couch liegen sehen, als er durch das Fenster schaute.
Da es keine Aufbruchsspuren an der Wohnung gibt, gehen sie davon aus, dass Mareike den TĂ€ter oder die TĂ€terin reingelassen hat und es dann in der KĂŒche zu einer Auseinandersetzung gekommen ist.
Deswegen die Haare auf der Mikrowelle.
Die Aussagen der beiden Zeuginnen, die LĂ€rm gehört haben, lassen darauf schließen, dass der Tat kein langer Streit vorausgegangen war,
sondern dass die Situation sofort eskaliert ist und Mareike dann versucht hat, dem TĂ€ter zu entkommen.
Wahrscheinlich ist, dass die Person ein Mann war, dafĂŒr spricht, dass es jemand gewesen sein muss, der stark genug war, um Mareikes Körper alleine aus der Wohnung zu schaffen.
Horn und sein Team gehen davon aus, dass die Tat einen sexuellen Hintergrund gehabt haben muss.
Ein Verehrer von Mareike vielleicht, der sich ihr nÀhern wollte, woraufhin sie sich dagegen wehrte, woraufhin er sie tötete.
Das Team schaut sich in Mareikes Wohnung um.
Die Fotos.
Vielleicht sind dort Hinweise zu finden.
Akribisch gehen sie alle Aufnahmen durch und suchen nach einem Gegenstand, der auf die Scherben in der KĂŒche schließen lassen könnte.
TatsĂ€chlich finden sie auf den Bildern eine Vase, die jetzt nicht mehr in der Wohnung ist und die farblich zu den Scherben passen wĂŒrde.
Die Deckenleuchte in der KĂŒche wirft bei Dunkelheit nur ein schwaches Licht auf den Tisch und den Boden.
Die Scherben wurden ĂŒbersehen.
Jemand hat versucht, Ordnung zu machen.
Der MĂŒll ist geleert.
Und noch etwas fÀllt auf.
Auf einigen Fotos ist eine blaue Decke mit Sternmuster zu sehen.
Die Decke, mit der sich Mareike laut Markus offenbar abends zugedeckt hatte.
Auch diese Decke fehlt.
Der TÀter könnte Mareike also in die Decke gewickelt und so ihren Leichnam rausgetragen haben.
Wahrscheinlich in einem Auto, denn weit kommt auch ein krÀftiger Mann, nicht ungesehen mit einer Leiche.
Wenn man all das zugrunde legt, dann könnte man anhand dieser Annahme ein TÀterprofil erstellen.
Der nÀchste Schritt, den Horn und sein Team machen.
Der TĂ€ter muss strukturiert vorgegangen sein.
Wenn eine Situation plötzlich eskaliert, geraten viele TÀter in Panik und begehen viele Fehler.
Dieser nicht.
Offenbar hatte er alles daran gesetzt, seine Tat verbergen zu wollen.
Er beseitigte die Leiche, beseitigte die Spuren, die er im Dunkeln noch sehen konnte und ließ es dann auch noch so aussehen, als hĂ€tte Mareike freiwillig ihre Wohnung verlassen.
Er hatte also absichtlich falsche Spuren gelegt, um die ErmittlerInnen in die Irre zu fĂŒhren.
Dabei beging er aber ein paar Fehler, mit denen er seine falschen Spuren verriet.
Wie beispielsweise, dass er die TĂŒr abschloss, obwohl es Mareikes Angewohnheit war, genau das nicht zu tun.
All das deutet auf eine Sache hin.
Mareike kannte den TĂ€ter.
Und deswegen will er von sich ablenken.
Horn und seine KollegInnen erstellen ein TĂ€terprofil mit 25 Merkmalen, die ihrer Meinung nach am wahrscheinlichsten auf den Mann zutreffen.
Darunter mÀnnlich.
Etwas Àlter.
Auf den Mann zutreffen.
Etwas Àlter.
Das nehmen sie an, weil er so gut ĂŒberlegt gehandelt hatte, was man bei jungen TĂ€tern eher selten sieht.
Eine handlungsorientierte Persönlichkeit.
Eine problembehaftete SexualitÀt, die er nur schwer ausleben konnte.
Sexuelles Interesse an Mareike.
EinzelgÀnger.
Alleinlebend, weil es ihm möglich gewesen sein muss, nachts lange wegzubleiben, ohne dass es jemandem auffiel.
AuffÀlliges Verhalten in Bezug auf Mareikes Verschwinden.
Heißt, dass er entweder sehr großes Engagement und Interesse an der Ermittlung zeigt oder eben genau das Gegenteil und sich gar nicht einbringt.
Weder bei der Suche, noch bei GesprĂ€chen ĂŒber sie.
120 MĂ€nner hat die Soko im Bekannten-, Freundes- und Kollegenkreis von Mareike festgemacht.
Auf das Raster, was sie erstellt haben, passen aber nur sieben Personen.
Und auf eine von diesen sieben Personen passen 24 der 25 Merkmale.
Es ist Stefan, Mareikes Arbeitskollege.
Die ErmittlerInnen setzen alles auf diese Karte, konzentrieren sich jetzt nur noch auf ihn.
Sie besorgen sich einen richterlichen Beschluss, um seine Wohnung zu durchsuchen.
Dabei offenbart sich ein absurdes Bild.
Als sie die Wohnung von Stefan betreten, sehen sie, dass er etliche Zeitungsausschnitte zum Verschwinden von Mareike an die Wand gehÀngt hat.
Daneben hÀngen Fotos von ihr im goldenen Bilderrahmen.
Das allein heißt noch nichts, denn immerhin hat er sich ja auch aktiv an der Suche beteiligt und auch Jeanette unterstĂŒtzt.
Im Schlafzimmer machen die ErmittlerInnen dann aber einen weiteren Fund.
Als sie die Matratze anheben, entdecken sie, dass Stefan dort etwas versteckt hat.
Etliche Dessous.
60 bis 70 Teile DamenunterwÀsche.
Das macht ihn zum VerdÀchtigen.
Alles passt.
Doch reichen wird das nicht.
Das weiß Soko Leiterhalder.
Sie brauchen unbedingt ein GestÀndnis.
Und das wird schwer.
Denn wenn es Stefan war, dann hat er die Leiche offenbar gut versteckt.
NatĂŒrlich wird er weiterhin leugnen.
Trotzdem soll er ein drittes Mal vernommen werden.
Wichtig ist jetzt die richtige Vernehmungsstrategie.
Die sieht so aus, dass zwei neue Kollegen Stefan befragen sollen.
Es sollen explizit zwei MÀnner sein, da sie ja vermuten, dass Stefan besondere sexuelle PrÀferenzen und ein Problem mit Frauen hat.
Die beiden sollen VerstĂ€ndnis fĂŒr seine Situation zeigen.
Also dafĂŒr, dass er eher der Typ EinzelgĂ€nger ist, der nie eine Frau abbekommt und sich daraufhin in Mareike verliebt,
die ihn dann aber zurĂŒckweist und er ausrastet.
Der leitende GesprÀchspartner in der Vernehmung ist Rainer Gröger.
Er hat jahrelang Erfahrung in der Befragung von VerdÀchtigen.
WĂ€hrend er Stefan befragen soll, wollen einige ErmittlerInnen der Soko und Fallanalytiker Alexander Horn in einem Nebenraum warten.
Und dann geht es los.
Stefan ist auch bei dieser Vernehmung kooperativ und freundlich, lÀsst sich von den beiden Beamten nicht aus der Fassung bringen.
Auf alle Fragen hat er eine ErklÀrung.
Auch als das GesprÀch auf die gefundene UnterwÀsche kommt, bleibt er ganz ruhig.
Er hat sie halt, sagt er.
So ein Fetisch ist ja wohl nicht verboten.
Und damit hat er recht.
Mehrere Stunden dauert die Vernehmung.
Und obwohl Gröger und sein Kollege alle möglichen Taktiken dabei anwenden, bröckelt Stefan kein bisschen.
Das ist schlecht.
Das GestÀndnis ist wichtig.
Ohne können sie Stefan nicht festhalten.
Nach elf Stunden beschließt das Team dann die Vernehmung abzubrechen.
Sie haben nichts.
Und Stefan macht keine Anstalten, davon abzuweichen, dass er mit der Tat nichts zu tun hat.
Grögers Kollege verlÀsst den Vernehmungsraum.
In dem Moment kann man förmlich sehen, wie die Anspannung aus Stefan weicht.
Gröger fragt Stefan freundschaftlich, ob er noch etwas zu essen haben möchte.
Sie mĂŒssen noch auf das Vernehmungsprotokoll warten.
Und er hat nach dem Vernehmungsmarathon sicherlich Hunger.
Stefan bejaht.
Dann hÀlt Gröger kurz inne und sagt, nur so am Rande, weil es mich aus kriminalistischer Sicht interessiert.
Sind sie eigentlich durch das Fenster oder durch die TĂŒr in die Wohnung gekommen?
Und Stefan antwortet, durchs Fenster.
Quatsch.
Was fĂŒr ein Geniestreich von dem Typen.
Wie kommt man darauf, wie kommt man darauf, dass man jetzt einfach diese Frage stellen könnte und er dann antwortet?
Das ist ja voll krass.
Ich habe mehrere Reportagen dazu gesehen.
Ich habe bei der ersten, dass mir so alles aus dem Mund gefallen ist, als ich mir da gerade an Essen reingestopft habe.
Es dauert eine Weile, bis Stefan realisiert, was er da gerade gesagt hat.
Gröger spĂŒrt, dass er Stefans Mauer eingerissen hat.
Stefan hatte fĂŒr einen kurzen Moment seine Abwehr außer Acht gelassen und Gröger hat genau dann zugeschlagen.
Gröger setzt die Vernehmung fort.
Stefan besteht alles.
ErzÀhlt dem Beamten, dass er dachte, Mareike sei an dem Abend nicht zu Hause gewesen.
Er sei wie so oft durch das Fenster ins Schlafzimmer eingestiegen und sie habe ihn dann ĂŒberrascht, als er gerade wieder einmal UnterwĂ€sche stehlen wollte.
Danach sei sie ausgeflippt, habe angefangen zu schreien.
Weil er nicht wollte, dass die Nachbarn etwas mitbekommen, habe er das Fenster in der KĂŒche geschlossen und dabei die Vase heruntergestoßen.
Mareike konnte Stefan dann noch mit einer Glasflasche verletzen, daher auch die Blutspritzer.
Sie habe dann fliehen wollen, ist gerade noch so, in den Hausflur geschafft.
Aber Stefan habe sie zurĂŒckziehen können und sie dann gewirkt, bis sie sich nicht mehr rĂŒhrte.
Ihre Leiche habe er dann in die Sterndecke eingewickelt, sie zu seinem Auto getragen und danach den Tatort gesÀubert.
Im Wesentlichen bestÀtigt er also den Ablauf der Tat, wie Fallanalytiker Horn und sein Team es vermuteten.
Nur das mit der UnterwÀsche wich vom eigentlichen Motiv ab.
Also gab es keinen sexuellen Missbrauch?
Nein.
Nach der Tat hatte Stefan die Leiche 24 Stunden in seiner Wohnung versteckt und ist dann erst in der Nacht von Montag zu Dienstag mit ihr in ein Waldgebiet außerhalb von WaldmĂŒnchen gefahren.
Dort hatte er sie abgelegt und mit Ästen und Laub bedeckt.
Als er durch Janett dann immer auf dem aktuellen Stand der Ermittlungen war und erfuhr, dass diese örtlich weiter ausgedehnt werden sollten,
fuhr er sechs Wochen spĂ€ter zum Ablageort und lagerte die Leiche dann noch einmal in ein anderes Waldgebiet, 100 Kilometer von WaldmĂŒnchen entfernt, um.
Dort vergrub er sie dann.
Er hatte spÀter sogar den Plan, sie noch einmal woanders hinzubringen, hat sie dann aber nicht mehr gefunden.
Noch in derselben Nacht der Vernehmung fĂŒhrt Stefan die Soko zum selbst geschaufelten Grab von Mareike.
Die ErmittlerInnen haben Suchhunde dabei, die helfen, den genauen Ort zu finden.
Als Janett erfÀhrt, dass die Soko die Leiche von Mareike gefunden hat, ist ihre erste Frage.
Wer?
Wer hat meine Tochter getötet?
Die Polizei sagt ihr, dass es Stefan war.
Also der Mann, der Janett die letzten sechs Monate zur Seite gestanden hatte.
Der ihr die TrÀnen trocknete.
Der vorgab, gemeinsam mit ihr nach Mareike zu suchen.
Dabei hatte er sie selbst erwĂŒrgt und im Wald verscharrt.
In Janett bricht alles zusammen.
Sie hat ihn reingelassen.
In ihr Leben, in ihre Wohnung.
Und sie hat nichts mitbekommen.
Wie konnte ich nur so dÀmlich sein?
Fragt sie sich.
Im Sommer 2005 wird Stefan der Prozess gemacht.
Janett tritt als NebenklÀgerin auf.
Auf den Tisch, an dem sie mit ihrem Anwalt sitzt, stellt sie ein Foto von Mareike.
Sie beobachtet Stefan wÀhrend des Prozesses sehr genau.
Das psychiatrische Gutachten zeichnet einen Sonderling, der kein Selbstbewusstsein hat, keine Freunde und regelrecht scheu ist.
Der noch mit 31 Jahren nachts ins Bett nÀst.
Im Prozess stellt sich heraus, dass er sich unsterblich in Mareike verliebte, die seine AnnÀherungsversuche aber immer ablehnte.
Ein Grund fĂŒr eine verminderte SchuldfĂ€higkeit sehen die GutachterInnen nicht.
Das Landgericht Regensburg verurteilt Stefan wegen Mordes zur Verdeckung einer anderen Straftat zur lebenslanger Haft.
Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Stefan UnterwÀsche klauen wollte.
Mareike ihn dabei erwischte und er sie deswegen tötete.
Ein sexuelles Motiv der Tat konnte die Kammer im Prozess nicht herausstellen.
Als Stefan das Urteil hört, schießen ihm TrĂ€nen in die Augen.
Janett fixiert ihn dabei.
Auch wenn es ihre Tochter nicht zurĂŒckbringen wird.
FĂŒr sie ist das Urteil eine Genugtuung.
Also fĂŒr die Mutter, das tut mir so leid, weil es hat sich so angehört, als wĂ€re er so die direkte Bezugsperson fĂŒr sie dann gewesen nach dem Tod.
Zumindest eine, ja.
Also man denkt sich erstmal, er bringt sie um, weil sie ihn dabei erwischt, dass er, wenn es so war, dass er ihre UnterwÀsche klaut.
Wenn man jetzt kein vorbestrafter SexualstraftÀter ist, wie kommt man auf die Idee, dann jemanden umzubringen?
Naja, also so wie Sie Stefan beschrieben haben, zeichnen sie den als sehr introvertierten, super schĂŒchternen Typ ohne Selbstbewusstsein.
Und wie ich das verstanden habe, war seine Scham so groß in dem Moment, weil er Angst hatte, dass sie ihn halt verrĂ€t, dass er sie umgebracht hat.
Deswegen ist ja auch das Mordmerkmal zur Verdeckung einer anderen Straftat, weil im Grunde hat er ja mit dem Mord den Diebstahl verdecken wollen.
Ja, aber dann sich sozusagen bei der Mutter so ein Schleim, das ist fĂŒr mich so ein ganz gruseliger Zug, den er dann da gemacht hat, weil er sich auch einfach zurĂŒckziehen hĂ€tte können, ja.
Dann hĂ€tte er aber ĂŒber die Ermittlungsschritte ja nicht Bescheid gewusst, die fĂŒr ihn ja von Bedeutung waren.
Übrigens hat die Polizei daraus auch eine Lehre gezogen, in dem Sinne, welche Informationen man an die Angehörigen gibt.
Also gar nicht, weil sie jetzt dann selber unter Verdacht stehen, aber einfach, weil sich in deren Dunstkreis vielleicht der TĂ€ter oder die TĂ€terin aufhĂ€lt und die deren Vertrauen genießen.
Was ja interessant ist, ist, dass bei beiden FÀllen eine Verurteilung schwierig gewesen wÀre, wenn es keine GestÀndnisse gegeben hÀtte.
Denn bei meinem Fall hatte es ja ansonsten auch keine Spuren gegeben.
Und da haben die auch dann versucht, dem VerdĂ€chtigen gegenĂŒber VerstĂ€ndnis zu zeigen, also von wegen, seine sexuelle PrĂ€ferenz könne man sich ja nicht aussuchen, was ja auch stimmt.
Und nach mehr als elf Stunden hatte der Alexander Horn, der hatte die Vernehmung gefĂŒhrt, der hatte dann so einen richtigen Draht zu dem Martin N., sodass er dann am Ende tatsĂ€chlich ihm gegenĂŒber gestand.
Also was fĂŒr eine Leistung von diesen Ermittlern.
Und auch bei deinem Fall, dass dieser eine Ermittler dann auf die Idee gekommen ist, dem Stefan dann noch diese eine Frage zu stellen.
Und das GestÀndnis war deswegen auch so wichtig, weil man zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, dass die UnterwÀsche Mareike gehörte.
Das hat sich dann halt erst im Prozess rausgestellt.
Ja, und dein Fall war ja von den beiden jetzt so das Paradebeispiel fĂŒr ein gutes TĂ€terprofil, das dann auch zum Ziel gefĂŒhrt hat.
Ich meine, beim Maskenmann hatte das Profil ja auch gestimmt und man hatte sich ja auch genau solche MĂ€nner angeschaut.
Aber am Ende hatte der TĂ€ter ja schon vier Jahre vor seiner Verhaftung vor den ermittelnden BeamtInnen gesessen und war laufen gelassen worden.
Also so ein TĂ€terInnenprofil erstellt man immer dann, wenn der TĂ€ter oder die TĂ€terin noch nicht identifiziert ist.
Deswegen ist nachher das Ziel, dass man durch die Erstellung dieses Profils Angaben darĂŒber bekommt, ob es ein TĂ€ter oder eine TĂ€terin ist, in welchem Alter sich die Person befindet.
Und dass man halt Hinweise auf Familienstand, Wohnort, Bildung, Beruf, Vorstrafen, Persönlichkeitsstruktur, Erscheinungsbild, TÀterInnenopferbeziehung, all sowas bekommt.
Also im Grunde möchten sie dadurch wissen, welche Art von Person das Verbrechen begangen hat und wie sie sich von anderen Menschen unterscheidet.
Aber im Grunde, und ich glaube deswegen können die ErmittlerInnen da auch gar nicht so viel drauf bauen, ist so ein Profil eine TÀterInnen-Typ-Hypothese.
Also Annahmen, die getroffen werden.
Übrigens braucht man fĂŒr das TĂ€terInnenprofil die Fallanalyse, aber nicht jede Fallanalyse muss ein TĂ€terInnenprofil enthalten.
Nicht schon gesagt braucht man dafĂŒr eigentlich die Tathandlung, die sich beispielsweise an den Opferverletzungen ableiten lĂ€sst, den Tatort und Informationen zum Opfer.
Wenn es um eine Verbrechensserie geht, dann kann man durch die verschiedenen FĂ€lle auch RĂŒckschlĂŒsse auf die Entwicklung des TĂ€ters oder der TĂ€terin ziehen.
Wie sich ja dann zum Beispiel der Modus operandi verÀndert hat.
Eine wichtige Frage, die man sich bei dieser Arbeit stellen kann, ist, ist der TĂ€ter oder die TĂ€terin organisiert bzw. plant oder unorganisiert bzw. nicht plant vorgegangen?
Denn allein anhand dieser Antwort kann man wahrscheinliche Persönlichkeitsmerkmale ableiten.
Das FBI hatte, als diese TĂ€terInnenprofilarbeit noch in den Kinderschuhen steckte, mal eine Übersicht ĂŒber HĂ€ufigkeiten von Charaktereigenschaften der TĂ€terInnen aufgelistet.
Und dazu guckt man sich zuerst mal die Verhaltensweisen an.
Beispiel, Waffe am Tatort gelassen.
Nur 19% der organisierten TĂ€terInnen hatten das getan, aber 69% der unorganisierten TĂ€terInnen.
Jetzt denkt man sich ja, gut, ist ja wenig ĂŒberraschend, aber Ă€hnlich aussagekrĂ€ftig ist das bei der VerstĂŒmmelung der Leiche.
Nur 27% der organisierten TĂ€terInnen taten das, aber 76% der unorganisierten TĂ€terInnen.
64% der organisierten TĂ€terInnen hatten sexuelle Handlungen am lebenden Opfer vorgenommen, wohingegen das nur 24% der nicht organisierten taten.
Die waren aber in der Mehrzahl, mit 74%, als es darum ging, sexuelle Handlungen am Leichnam vorzunehmen.
Das taten aber wieder nur 34% der Organisierten.
Dann schaut man anhand der Verhaltensweisen, zu welcher Gruppe der TÀter oder die TÀterin eher gehört.
Und jeder dieser beiden Gruppen werden bestimmte Merkmale zugeschrieben.
Organisierte TĂ€terInnen gelten beim FBI beispielsweise als intelligenter, sozial integrierter und angekommener,
wohingegen unorganisierte TĂ€terInnen eher unqualifizierte Aufgaben beruflich zugeschrieben werden.
Und angeblich sollen sie hÀufiger in der Umgebung des Opfers leben.
Aber wie gesagt, das sind alles Àltere Erkenntnisse des FBI.
Ja, und heute weiß man auch, dass die Psyche von TĂ€terInnen ja viel komplexer ist
und man sie halt nicht in so starre Kategorien einordnen kann.
Aber diese Forschungsarbeiten des FBI haben trotzdem irgendwie ja den Grundstein dafĂŒr gelegt,
was heute hier in Deutschland bei der operativen Fallanalyse gemacht wird.
Mit der Arbeit vom FBI war aber auch der Psychologe David Cantor nicht so richtig zufrieden,
weil ihm die wissenschaftliche Grundlage dafĂŒr fehlte.
Und der hat aber den Nutzen dieser TĂ€terInnenprofile erkannt und auch selbst daran gearbeitet.
Und der hat dann in einer Studie mit 27 ĂŒberfĂŒhrten Serienvergewaltigern herausgefunden,
dass sich bei Sexualdelikten vor allem zwei Handlungsschemata herauskristallisieren lassen.
Und zwar ging es da um TĂ€ter, die im Freien und TĂ€ter, die drinnen angriffen.
Die, die draußen Frauen attackierten, waren hĂ€ufiger vorbestraft wegen Sexualverbrechen
und gehörten eher zu der unorganisierten TÀtersorte.
Die, die die Vergewaltigung in GebÀuden begangen, gingen eher geplanter und kontrollierter vor.
Die waren zwar auch oft vorbestraft, aber eher wegen EinbrĂŒchen oder so.
TĂ€terInnenprofile sind aber nicht nur hilfreich, um diese Person zu identifizieren,
sondern die helfen auch im Umgang mit ihnen.
Bei einer Geiselnahme zum Beispiel kann man durch so ein Profil herausfinden,
wie gewaltbereit der TĂ€ter oder die TĂ€terin ist.
Und damit dann auch Aussagen ĂŒber das Risiko treffen, dem das Opfer ausgesetzt ist.
Und es hilft auch beim Einsatz von sogenannten proaktiven Strategien.
Das sind Maßnahmen, die man trifft, um ein bestimmtes Verhalten beim TĂ€ter oder bei der TĂ€terin hervorzurufen.
Oder ihn oder sie davon abzuhalten, etwas Bestimmtes zu tun.
Was ich damit meine ist, also nehmen wir mal an,
und das ist jetzt wirklich nur ein ausgedachtes Beispiel von mir,
aber wir haben laut TĂ€terInnenprofilen eine sehr eitle TĂ€terin,
die viel Wert auf ihr Äußeres legt und ganz besessen von ihrer schlanken Körperstatur ist.
Also sie findet das ganz toll, dass sie KleidergrĂ¶ĂŸe 32 hat.
Und dann könnte die Polizei, weil sie das vermutet,
um eine Reaktion zu provozieren, an die Öffentlichkeit rausgeben,
dass die TĂ€terin eher untersetzt ist.
Wo sie natĂŒrlich genau wissen, dass sie sehr schlank ist.
Und vielleicht fĂŒhlt sich die TĂ€terin dann animiert,
ein KleidungsstĂŒck von sich zurĂŒckzulassen, auf dem ihre KleidergrĂ¶ĂŸe steht.
Das ist nur ausgedacht.
Das ist nur ausgedacht.
Und dann hĂ€tten wir natĂŒrlich laut TĂ€terInnenprofil
hoffentlich auch eine sehr dumme TĂ€terin,
Aber man sucht sich seine Schurken ja nicht aus.
Nee, man sucht sich die nicht aus, aber man stellt sie sich vor.
Und das hat man auch schon vor 100 Jahren so gemacht,
als noch kein Mensch das Wort Fallanalyse kannte.
Ein Fall aus den 20er Jahren, bei dem solche Überlegungen auch festgehalten wurden,
ist der von Peter Köthen, den du in Folge 20 erzÀhlt hast.
Ja, das war mein Mordlustfall.
Genau, der Vampir von DĂŒsseldorf.
Und schon damals wurden halt Hypothesen zum TĂ€ter aufgestellt.
Und so schrieben die ErmittlerInnen damals, Zitat,
Es ist möglich, dass der TĂ€ter schon frĂŒher durch seine Neigung aufgefallen ist,
andere Lebewesen grausam zu quÀlen und dass er sich vielleicht schon auf dem Gebiet des Sittlichkeitsverbrechen betÀtigt hat.
Mit großer Wahrscheinlichkeit kann angenommen werden,
dass der TĂ€ter in seinem Vorleben mit Behörden einschlĂ€giger Art in BerĂŒhrung gekommen ist,
sei es Gericht oder Polizei, Erziehungsanstalt oder GefÀngnis, Nervenklinik oder Irrenanstalt.
Ich finde es irgendwie deren Ausdrucksweise ziemlich witzig.
Naja, das ist ja schon ewig her.
Ich weiß, aber so mit Behörden einschlĂ€giger Art in BerĂŒhrung gekommen ist alles klar.
Naja, auf jeden Fall war so ein Profil eben damals sehr ungewöhnlich.
Aber es stellte sich raus, es passte ziemlich gut auf den KĂŒrten.
Aber bis es zu so einer echten Disziplin in Deutschland wurde, dauerte das noch circa 60 Jahre.
Und dabei war auch diese Erstellung von einem Profil nur der Anfang.
Heute werden polizeiliche FallanalytikerInnen hÀufig dann hinzugezogen,
wenn Sonderkommissionen nicht mehr weiter wissen, wie zum Beispiel in deinem Fall.
Oder wenn sie unter massivem Druck stehen und sich irgendwie entscheiden mĂŒssen,
welchen Ermittlungsweg sie eingehen sollen, zum Beispiel bei einer Erpressung oder so.
Das betrifft in der Regel FÀlle von Tötungs- und sexuellen Gewaltdelikten,
aber auch andere FĂ€lle von besonderer Bedeutung.
Und da kann es dann auch sein, dass sie schon direkt von Anfang an beteiligt werden.
Und die AnalytikerInnen, die sind dann dafĂŒr da, die Ermittlung zu unterstĂŒtzen.
Also die nehmen nicht selber fest oder so und die fangen auch nicht einfach an, sich einen Fall auszusuchen,
sondern sie sollen den Ermittlern und Ermittlerinnen helfen, ein tieferes VerstĂ€ndnis fĂŒr den Fall zu bekommen,
damit dann dadurch SchlĂŒsse fĂŒr die AufklĂ€rung gezogen werden können.
Denn bei FallanalytikerInnen handelt es sich um PolizistInnen, die mehrere Jahre im Bereich Sexual- oder Tötungsdelikte gearbeitet haben
und dann noch eine bis zu achtjÀhrige Spezialfortbildung gemacht haben,
wo sie dann zum Beispiel auch so eine Art Praktika in der forensischen Psychiatrie machen mĂŒssen oder in der Gerichtsmedizin.
Also es handelt sich da nicht irgendwie um PsychologInnen oder so.
Also die können natĂŒrlich auch als externe ExpertInnen hinzugezogen werden.
Also das machen die ganz oft, diese OFA-Teams, dass sie dann mal einen Rechtsmediziner dazu holen oder eine Psychologin
oder vielleicht einen Polizisten, der schon jahrelang eine bestimmte Art von Verbrechen oder da irgendwie ein Experte ist.
Und Fallanalyse ist hier nur der Oberbegriff fĂŒr verschiedene Analysemethoden.
Und die sind dann genau definiert und durch QualitÀtsstandards auch bundesweit festgelegt,
dass das alle gleich machen sozusagen.
Und wenn die dann zu einem Fall hinzugezogen werden, dann arbeiten die auch eine Art Katalog ab.
Und dazu gehört dann erstmal das Sammeln der Informationen, das liegt nahe.
Also die wÀlzen die Akten, damit sie auf dem gleichen Stand sind, wie die aktiven ErmittlerInnen auch.
Und dann gehen sie auch nochmal zum Tatort und machen da eine sogenannte Tathergangsanalyse.
Dabei gehen die dann halt gedanklich sozusagen das Verbrechen durch
und teilen dann einzelne Abschnitte dieses Verbrechen in so Sequenzen auf
und schÀtzen dann das Verhalten des TÀters oder der TÀterin ein.
Also nach dem Motto, warum hat der in dem Moment das gemacht
und warum hat er dann im nÀchsten so gehandelt oder eben sie.
Ja, und dazu stellen sie die Tat ĂŒbrigens auch oft nach.
Also das haben sie zum Beispiel bei Mareike auch gemacht mit so Darstellern,
weil das fĂŒr die Ermittlungen auch von Bedeutung sein kann, wann was stattgefunden hat.
Und indem man das nachstellt, kann man dann eben besser nachvollziehen,
Ah nein, er muss zuerst das getan haben, bevor er diesen Schritt machen konnte.
Ja, und das machen sie dann auch zur Tatzeit.
Also wenn ein Mord jetzt nachts um halb drei passiert ist, dann geschieht diese Analyse auch um halb drei.
Nach dieser Tathergangsanalyse geht es dann um die Frage, warum kam es ĂŒberhaupt zur Tat?
Also da geht es dann um das Motiv.
Und das spielt ja eine elementare Rolle.
Bei Mareike waren sich die ErmittlerInnen ja klar, dass die Tat einen sexuellen Hintergrund hatte.
Das hatte man aufgrund der Fallanalyse angenommen.
In Deutschland unterscheidet das BKA zwischen sieben Motivgruppen.
Sexuell motivierte Delikte, Bereicherung, Verdeckung, das TÀterimmanente Zerstörungsmotiv.
Das ist sowas wie ein aggressiver Zerstörungsbille.
Persönliche Taten, also wenn TĂ€terInnen und Opfer eine Beziehung zueinander hatten und die einen Grund fĂŒr die Tat darstellt.
Und dann gibt es noch die Kategorie der unklaren Motivlage.
Aber es gibt immer ein Motiv.
Manchmal ist es halt nur nicht klar.
Und es ist aber nicht so, dass man davon ausgeht, dass es immer nur ein Motiv ist und so starr unterteilt werden muss.
Also es ist schon möglich und auch oft so, dass der TÀter oder die TÀterin zunÀchst erstmal mit einem bestimmten Ziel die Tat begangen hat.
Seinen Opfer jetzt beispielsweise sexuell zu missbrauchen.
Und dann aber auch noch Geld entwendet hat, weil es sich gerade angeboten hat oder so.
Also dass es da auch so eine Art MotivbĂŒndel gibt, wie im juristischen Sinn.
Und nach der Bewertung des Motivs wird die Tat dann als Ganzes betrachtet und bewertet.
Also zum Beispiel, was fĂŒr eine Art Tat war das und was verrĂ€t die ĂŒber die IndividualitĂ€t des TĂ€ters oder der TĂ€terin.
Danach kann noch ein TĂ€terprofil folgen.
Wie du das in deinem Aha erklÀrt hast, muss es aber nicht.
Und dann werden alle Ergebnisse der ermittelnden Polizeistelle prÀsentiert und die arbeiten dann damit.
Die machen dann einfach weiter mit der Ermittlung.
Und wie gesagt, kann man natĂŒrlich auch Serien bearbeiten.
Also mit der vergleichenden Fallanalyse kann man gucken, ist das vielleicht der gleiche TĂ€ter oder die gleiche TĂ€terin.
Aber es gibt auch noch andere Methoden der Analyse.
Und eine davon sehen wir oft bei Serien oder Filmen, weil man es da so schön verbildlichen kann.
Ihr seht es vor euch.
Ermittler und Ermittlerinnen stehen vor der StÀdtekarte.
Und ĂŒberall dort, wo die gesuchte Person zugeschlagen hat, da sind so kleine Pinnadeln drin.
Und die sind dann alle mit einem roten Faden miteinander verbunden.
Und es ist tatsĂ€chlich so, man kann auch durch das geografische Verhalten RĂŒckschlĂŒsse auf den TĂ€ter oder die TĂ€terin ziehen.
1986 gab es in London eine Serie von Vergewaltigungen, weil der TĂ€ter, beziehungsweise die TĂ€ter, aber darauf komme ich noch,
meist in der NÀhe von Bahnhöfen zuschlug, bekam er von der Presse den Namen Railway Rapist.
Weil der Mann nach 24 Vergewaltigungen auch noch zwei Frauen tötete, schnoss die Polizei zu einer bisher nicht sonderlich erprobten Methode.
Und zwar fragten sie den Psychologie-Professor David Cantor, ob er nicht auf Grundlage der Taten eine TÀteranalyse erstellen könne.
Die Polizei hatte 2000 VerdÀchtige und das waren alles MÀnner, die wegen sexueller Gewaltdelikte auffÀllig geworden waren.
Und Kenta willigte dann ein und schaute sich die Tatorte genauer an.
Und die lagen alle nicht weit voneinander entfernt und halt die meisten auch nah am Bahnhof.
Und weil Kenta annahm, dass Menschen eher an Orten Verbrechen begehen, an denen sie sich auskennen, grenzte er dann den Wohnort des Gesuchten auf den Bezirk Kilburn ein.
Und die Polizei hatte von den 2000 VerdÀchtigen nur einen, der dort lebte.
Das war jetzt nicht das einzige Merkmal, was Kenta in diesem Profil dann herausstellte, aber eben eines davon.
SpĂ€ter wurde John Duffy ĂŒberfĂŒhrt und verurteilt.
Er war dieser Mann, der als einziger in dem Bezirk lebte.
Er beging zusammen mit einem anderen Mann etliche Vergewaltigungen, halt teilweise auch gemeinsam.
Und dieser Vorgehensweise liegt auch die Kreishypothese zugrunde.
Das heißt, du hast mehrere Tatorte, die einer Person zuzuordnen sind und nimmst die Tatorte, die am weitesten voneinander entfernt liegen und nimmst dann einen Zirkel.
Wie stelle ich mir das vor?
Und ziehst den Kreis dann durch diese beiden Orte und alles, was innerhalb dessen liegt, kommt als Wohnort infrage, wenn man davon ausgeht, dass der TĂ€ter oder die TĂ€terin nahe des Wohnorts agiert.
Kenta fand heraus, dass bei 45 Serienvergewaltigern die Kreishypothese auf 87 Prozent zutraf.
In Hamburg fand man bei Àhnlichen Untersuchungen in den 90ern heraus, dass es in 73 Prozent der FÀlle stimmte.
Aber das ist ein relativ simples Modell und so einfach ist es eben halt oft nicht.
Dieser Kreis kann auf einen Angelpunkt des TĂ€ters oder der TĂ€terin hinweisen.
Das muss jetzt aber nicht unbedingt der Wohnort sein.
Also das könnte auch die Arbeitsstelle sein.
Wir hatten aber ja gerade einen Fall, bei dem diese Hypothese auf jeden Fall gegriffen hÀtte und das war der Fall von Georgine in der letzten Folge.
Ihr Mörder kam ja aus der Nachbarschaft und ist da ja auch öfter in Erscheinung getreten.
Stimmt.
Und je nachdem, um was fĂŒr ein Verbrechen es sich handelt, wird dann auch ein bisschen anders gearbeitet in der operativen Fallanalyse.
Also zum Beispiel jetzt bei Erpressung oder erpresserischem Menschenraub, da wendet man in der Regel die sogenannte Kommunikationsanalyse an.
Da geht es dann zum Beispiel um die Analyse von Erpresserschreiben und in solchen FÀllen ist es halt besonders, dass es ja immer irgendwie um Zeit geht, weil Opfer möglicherweise in Gefahr sind, weil die Tat ja sozusagen gerade noch lÀuft.
Und fĂŒr die AnalytikerInnen heißt das dann Druck und trotzdem mĂŒssen sie flexibel bleiben und deswegen werden in solchen FĂ€llen von Erpressungen manchmal sogar mehrere Fallanalysen erstellt, die dann auch immer wieder aktualisiert werden.
Also mit so verschiedenen Hypothesen.
Und dann geht es jetzt, wenn wir uns mal das Erpresserschreiben anschauen, dann geht es nicht nur um den Inhalt der Nachricht, sondern auch um die Wahl des Kommunikationsmittels, worĂŒber ist es gekommen oder worauf wurde es geschrieben, dann wie der Text aufbereitet ist und auch um die Wortwahl und die Grammatik.
Zum Beispiel kann jemand Genitiv und Dativ richtig einsetzen und darĂŒber könnte man dann RĂŒckschlĂŒsse auf den Bildungsgrad des Absenders oder der Absenderin schließen.
Ja, wobei heute auch erschreckend viele mit Studium sehr komisch sprechen oder schreiben.
Wir sind da ja auch manchmal ganz flexibel.
Ich erinnere mich an eine Folge Medical Detectives, da gab es auch Erpresserschreiben und von dem VerdÀchtigen haben die dann Briefe.
gefunden auf dem Laptop unter anderem.
Und denen ist aufgefallen, dass er eine Formulierung immer benutzte, die der TĂ€ter auch benutzte.
Und das war dann sowas wie, dass er zum Beispiel nicht isn't geschrieben hat, sondern is not.
Und das war dann auch ein Indiz dafĂŒr, warum sie ihn dann ĂŒberfĂŒhren konnten oder sich zumindest der Verdacht erhĂ€rtete.
Okay, ja, ich meine, wir haben ja auch unsere Wörter, die wir öfters benutzen, ne?
Also es wĂ€re jetzt blöd, wenn du in einen Erpresserbrief schreiben wĂŒrdest oder ich, ja, nach jedem Satz schreiben wĂŒrde.
Ja, okay.
Wie wĂŒrdest du denn dann einen Erpresserbrief schreiben, damit man nicht auf dich kommt?
Ja, wahrscheinlich mit links dann.
Ja.
Und dann wĂŒrdest du natĂŒrlich so wenig Infos wie möglich?
Also wenn ich den mit der Hand schreibe, dann mit links und ansonsten natĂŒrlich mit dem Computer.
Mhm.
Und dann wĂŒrde ich zusehen, dass ich den woanders ausdrucke.
Weil ich wĂŒrde auch denken, dass man durch die Druckerpatronen eventuell RĂŒckschlĂŒsse auf meinen furchtbaren Drucker hier zu Hause ziehen könnte.
Ja, das kann man auf jeden Fall bei manchen Druckern.
Das ist nicht unbedingt die Patrone, sondern der Drucker an sich, das Modell sozusagen.
Ach so, na, und ich wĂŒrde natĂŒrlich eine ganz andere Sprache wĂ€hlen.
Genau.
Ich wĂŒrde anstĂ€ndig die Leute ansprechen.
Und natĂŒrlich nicht das Blatt Papier anfassen mit deinen HĂ€nden.
Ja.
Ich bin ja keine AnfÀngerin.
Was bei der OFA in erster Linie wichtig ist, wenn die sich ein Erpressungsschreiben anschauen, ist herauszufinden, wie ernst es den AbsenderInnen ist.
Also man stellt sich die Frage, haben die jetzt wirklich gerade ein Kind oder ist das alles nur ein Bluff?
Und dann geht es auch um den Professionalisierungsgrad des TĂ€ters oder der TĂ€terin.
Also sind das ProfiverbrecherInnen, die irgendwie schon öfter Erpressung durchgezogen haben oder nicht?
Und man versucht natĂŒrlich auch so viel wie möglich ĂŒber die GefĂ€hrdung des Opfers herauszufinden, um dann dementsprechend reagieren zu können.
Einer der ersten Fallanalytiker ĂŒberhaupt in Deutschland war der ehemalige Chef der Mordkommission in Bremen, Axel Petermann.
Und der hat mir von seinen Erfahrungen erzĂ€hlt und davon, wie fĂŒr ihn alles begann.
Es war 1998, 99, als ich das erste Mal von der operativen Fallanalyse hörte.
Und fĂŒr mich war das eine Herausforderung, weil ich nĂ€mlich Antworten auf Fragen bekam, die ich mir immer gestellt hatte.
NĂ€mlich, warum verhalten sich TĂ€ter in bestimmten Situationen so, wie ich es am Tatort dann an den SpĂŒren sehe?
Und das fand ich spannend.
Allerdings bin ich so ein wenig belacht worden von meinen Kollegen, denn zu diesem Zeitpunkt war ich rund 20 Jahre in der Mordkommission.
Und da dachte man eigentlich, wir wĂŒssten eigentlich alles ĂŒber die AblĂ€ufe, ĂŒber die Motive der TĂ€ter.
Aber ich finde, das war ein Trugschluss oder ist ein Trugschluss.
Laut Petermann hatte dieses BelÀcheln aber auch mit der AufklÀrungsrate von MordfÀllen zu tun.
Die war nÀmlich damals schon Àhnlich hoch wie heute.
Und deswegen haben viele einfach die Notwendigkeit fĂŒr solche neue Ermittlungsmethoden nicht gesehen und sich teilweise auch erst mal dagegen gewehrt.
Weil Axel Petermann hat dann am Anfang öfters erlebt, dass ErmittlerInnen sich von seiner Arbeit gestört gefĂŒhlt haben.
Oder dass sie das GefĂŒhl hatten, er wĂŒrde ihre Arbeit schlecht reden und irgendwie ihnen in den RĂŒcken fallen.
Trotzdem glaubte Petermann an die Methoden und baute dann im Jahr 2000 die Abteilung Operative Fallanalyse bei der Polizei Bremen auf.
Und fĂŒr ihn gab es dann ab dato keinen anderen Weg mehr.
FĂŒr mich kann es gar keine andere Herangehensweise geben als das Lesen der Spuren.
Weil da bin ich ja dem TÀter am nÀchsten.
Denn an einem Tatort hat er agiert.
Er hat seine BedĂŒrfnisse gezeigt.
Da hat er letztendlich ja die Wahrheit gesprochen.
Er kann mir im Nachhinein viel erzÀhlen, was denn ihn bewogen hat, sich so zu verhalten, wie er es getan hat.
Aber das muss ja nicht stimmen.
Aber bei dem, was er getan hat, da wird er in seltensten FÀllen so manipulativ vorgehen, dass er dann tÀuscht.
Und ich muss versuchen, diese Spuren seiner Entscheidung zu lesen und in eine logische Verbindung zu bringen.
Und bei dem Lesen der Spuren muss der Fallanalytiker oder die Analytikerin nicht so denken können wie der TÀter, sagt Petermann.
Also das könnten ErmittlerInnen in der Regel auch nicht.
Es geht eher darum, das Verhalten versuchen zu verstehen.
Petermann arbeitete insgesamt 14 Jahre als polizeilicher Fallanalytiker in Bremen.
Aber sein erster Fall, der ist ihm noch heute sehr gut in Erinnerung.
Es ging darum, dass eine junge Frau spÀtabends nach Hause gekommen war, dass sie ihren Wagen in der Tiefgarage parkte und dass im Treppenhaus der spÀtere Mörder von ihr wartete.
Er hatte offensichtlich eine ganz andere Intention.
Er wollte sie in einem NebengebÀude doch gefangen halten.
So haben wir das dann rekonstruieren können.
Aber dazu ist es nicht gekommen, weil die Frau sich wehrte und dem TĂ€ter eigentlich das ganze Tatgeschehen entlitt.
Und er gezwungen war, aus seiner Sicht dann die Frau doch zu töten.
Und dann flĂŒchtete er.
Bei der Sichtung der Spuren zeigte sich, dass im NebengebÀude in einer Tasche eine Gasmaske lag und eben halt noch Tape und noch einige andere Accessoires.
Und da war es der Ansatz, doch diesen Fund mit der Tat in Verbindung zu bringen.
NĂ€mlich sich zu fragen, was wĂŒrde es bedeuten, wenn der TĂ€ter eine Gasmaske benutzt hĂ€tte.
Und so kam es dann dazu, dass der sadistische Ansatz des TÀters doch dann immer stÀrker in den Vordergrund trat.
Und tatsÀchlich ist es dann auch so gewesen, dass der TÀter ein sexueller Sadist war, der seine Fantasien ausleben wollte, aber nicht dazu kam,
weil das Opfer sich eben halt wehrte und er es tötete.
Die Spurensicherung hatte in diesem Fall auf der Gasmaske DNA-Spuren gefunden.
Und Petermann hatte sich darauf fĂŒr eine proaktive Strategie, hier haben wir es wieder, entschieden und in einer Pressekonferenz erklĂ€rt,
dass man eben die DNA von dem TĂ€ter habe.
Und damit wollte man ihn eben zum Gestehen bringen sozusagen.
Und tatsÀchlich stellte sich der TÀter auch darauf hin.
Allerdings gab er an, dass er an dem Tatabend sehr betrunken war und auch Drogen genommen hatte und deswegen sich an nichts erinnern könnte.
Und am nÀchsten Tag sei er dann halt in Klamotten aufgewacht, die voller Blut gewesen sind und deshalb könnte es gut sein, dass er es gewesen ist.
Aber Petermann und sein Team glaubten dem Mann nicht und das hatte mit der erstellten Fallanalyse zu tun.
Da heißt das Profil des TĂ€ters, dass es sich um einen Menschen handeln mĂŒsste, der sich im Vorfeld der Tat mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben mĂŒsste.
Denn das kommt ja nicht von heute auf morgen, sondern das ist ja eine Entwicklung, die ja so nach und nach sich eben halt in den Fantasien dann niederschlÀgt, manifestiert.
Und so konnte ich dann den PC-Spezialisten dann eine Vielzahl von Keywords geben, Wörter, die eben halt auf diese sexuelle PrÀferenz dann hindeuteten.
Und tatsÀchlich fanden wir dann auf dem Rechner auch eine Vielzahl von ihm benutzter Internetseiten, beziehungsweise, dass er sich mit dieser Thematik dann auseinandergesetzt hatte.
Heute ist Axel Petermann in Rente und schreibt BĂŒcher, unter anderem dem Bestseller Profiler, ein Spezialist fĂŒr ungeklĂ€rte Morde berichtet.
Und manchmal ermittelt er auch noch, dann zum Beispiel, wenn Angehörige ihn darum bitten und er glaubt, dass eine AufklÀrung auch noch möglich ist.
So, und ich habe noch herausgefunden, welche Art von Tests man machen muss, um bei der Polizei Fallanalytiker oder Fallanalytikerin zu werden.
Und ich wĂŒrde dir mal ein RĂ€tel aufgeben und dann sehen wir ja, ob du geeignet bist oder nicht.
Toll.
Herr Schmidt legt einen 10-Euro-Schein auf seinen Schreibtisch, bevor er das Haus verlÀsst.
Warte, ich will es mitschreiben.
Schreibtisch, Haus.
Als er zurĂŒckkommt, ist das Geld weg.
Sein Koch, also Herr Schmidt ist sehr wohlhabend, erzÀhlt, dass er das Geld unter das eine Buch, was da auf dem Tisch liegt, gelegt hat, damit den Euroschein keiner sieht.
Herr Schmidt schaut daraufhin nach, doch unter dem Buch liegt kein 10-Euro-Schein.
Seine HaushÀlterin sagt, sie hÀtte das Geld in das Buch gelegt, und zwar zwischen die Seiten 1 und 2.
Herr Schmidt schaut dann danach, aber auch da ist der Schein nicht.
Sein Butler sagt, er hÀtte den Schein aus dem Buchragen sehen und ihn dann vorsichtshalber zwischen die Seiten 2 und 3 gelegt.
Wer ist der Dieb oder die Diebin?
Sie haben 10 Sekunden Zeit.
Na, hallo!
Das mag ich ja gar nicht.
Na, jetzt hör mal, hallo, lass mich jetzt mal kurz.
Also, der Koch hat's unter das Buch gelegt.
Die HaushÀlterin sagt, sie hat den Schein in das Buch gelegt, zwischen Seiten 1 und 3.
Aber sie hat ja...
1 und 2.
1 und 2.
Aber sie hat ja gar nicht gesagt, wo sie das vorher, wo sie den Schein gesehen hatte.
Ja, die hatte den unter dem Buch gesehen.
Ach, das hat sie gesagt.
Ja, und die wollte das lieber da verstecken.
Und in den Seiten 1 bis 2.
Und der Butler hat gesagt, der hat's aus dem Buchragen sehen und dann in die Seiten 1 bis 2 gelegt.
Nee, in die Seiten 2, zwischen Seite 2 und 3.
Das geht nicht.
Dann war's der Butler.
Wow!
Du hast das Zeug zur Fall, Analytikerin.
Jetzt nur noch 8 Jahre Ausbildung.
Das ist natĂŒrlich kein Test, der da gemacht wird.
Schade.
Sonst hĂ€tte ich meinen Job jetzt gekĂŒndigt und Fussel hĂ€tte ĂŒbernommen.
Du bleibst schön hier und schließt jetzt ab.
Das war ein Podcast von Funk.
Das war ein Podcast von Funk.